Schwalben auf einer Stromleitung
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Deutsche Eliten: Die wahre Parallelgesellschaft?


1.4.2014
Kurz vor Weihnachten 2013 gab Uli Hoeneß, damaliger Präsident des FC Bayern München, dem Bayerischen Rundfunk ein Interview. In diesem beklagte er sich, wie schon in zahlreichen Interviews zuvor, über die unfaire Behandlung im gegen ihn wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe laufenden Strafverfahren. Er sprach von einem "riesigen Prominentenmalus", weil er der Einzige sei von über 70.000 Selbstanzeigen, "der in epischer Breite in der Öffentlichkeit dargestellt" würde. Und er fuhr dann fort: "Von einem Steuergeheimnis kann ja schon lange nicht die Rede sein." Dabei vergaß er allerdings zu erwähnen, dass sich das Steuergeheimnis naturgemäß nicht auf Gelder beziehen kann, die wie seine in der Schweiz angelegten Millionen dem Finanzamt überhaupt nicht zur Kenntnis gebracht werden.

Seine Einstellung ist typisch für die meisten prominenten Steuerhinterzieher, die in den vergangenen Jahren und Monaten aufgeflogen sind. Vom ehemaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel über den Schraubenkönig und Milliardär Reinhold Würth bis hin zur Journalistin Alice Schwarzer – alle beklagen sich über ihre Behandlung, obwohl sie eindeutig eine Straftat begangen haben, bei der es nicht um Kleinigkeiten geht, sondern zumeist um Beträge in Millionenhöhe. Offensichtlich fehlt ihnen ein Unrechtsbewusstsein, ein Gefühl dafür, was sie tatsächlich getan haben.

Ähnliches lässt sich auch bei weiteren Skandalen der letzten Zeit feststellen. Einer davon, der ebenfalls gegen Jahresende 2013 bekannt wurde, betrifft den Deutschland-Chef von Goldman Sachs, Alexander Dibelius. Er, der nach der Bankenkrise öffentlich immer wieder vehement einen Kulturwandel in den Banken gefordert hat, hat gleichzeitig, um Steuern zu sparen, eine über vier Millionen Euro teure Luxusimmobilie in London über Briefkastenfirmen in der Karibik erworben. Den von ihm öffentlich angemahnten Kulturwandel hat er offensichtlich nicht auf sich selbst bezogen. Ein zweiter, Mitte Januar 2014 bekannt gewordener Fall ist noch bemerkenswerter. Einer der angesehensten Journalisten des Landes, der langjährige Chefredakteur und Mitherausgeber der "Zeit", Theo Sommer, ist von einem Hamburger Gericht wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 649.000 Euro zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten verurteilt worden. Zu seiner Entschuldigung führte Sommer an, er habe die korrekte Angabe seiner Einnahmen "aus Schusseligkeit oder Schlamperei" versäumt und die Summe inzwischen "unter Inkaufnahme großer Opfer" für seine Altersversorgung und die seiner Frau an das Finanzamt überwiesen. Diese Aussage ist fast noch skandalöser als die Hinterziehung selbst. Wer soll denn ernsthaft glauben, dass man Nebeneinkünfte in der Höhe von schätzungsweise knapp eineinhalb Millionen Euro binnen nur fünf Jahren aus "Schusseligkeit" bei der Steuererklärung vergisst? Und der Hinweis auf sein "Opfer" wirkt angesichts der Altersversorgung der Normalbevölkerung genauso larmoyant wie die Klagen von Hoeneß oder Schwarzer über ihre Behandlung in den Medien.

Ein derartiges Verhalten wird von der breiten Öffentlichkeit überwiegend als Doppelmoral wahrgenommen. Es erklärt zusammen mit den vielen anderen Skandalen und der zeitgleich seit der Jahrtausendwende massiv gewachsenen Kluft zwischen Arm und Reich das immer stärker werdende Misstrauen den Eliten gegenüber; denn bei den angesprochenen Personen handelt es sich ja nicht einfach nur um Prominente. Anders als etwa Boris Becker oder der Vater von Steffi Graf, die sich ebenfalls wegen Steuerhinterziehung verantworten mussten, zählen Dibelius, Sommer, Würth, Zumwinkel, aber auch Hoeneß als Präsident des FC Bayern München, der aus dem Amt geschiedene CDU-Schatzmeister und frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Helmut Linssen, der ehemalige Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz und (mit Einschränkungen) die "Emma"-Herausgeberin Schwarzer aufgrund ihrer Machtpositionen zu den deutschen Eliten.[1] All das wirft die Frage auf, ob diese Eliten vielleicht in einer Parallelwelt leben, die nach anderen Maßstäben funktioniert und deren Mitglieder dementsprechend auch in anderen Kategorien denken als die normalen Bundesbürger.

Soziale Ungleichheit in der Wahrnehmung der Eliten



Wie stark sich die Einstellungen der deutschen Eliten von denen der übrigen Bevölkerung unterscheiden, zeigen die Ergebnisse einer zwischen Ende 2011 und Ende 2012 vorgenommenen Untersuchung über die Inhaber der 1.000 wichtigsten Elitepositionen in Deutschland.[2] Besonders deutlich wird das bei der Frage, ob die sozialen Unterschiede in Deutschland gerechtfertigt sind oder nicht. Während sowohl in soliden sozialwissenschaftlichen Umfragen (wie etwa dem Sozio-oekonomischen Panel) als auch in den regelmäßig veröffentlichten Medienumfragen stets ungefähr drei Viertel der Bevölkerung antworten, dass die Unterschiede nicht gerechtfertigt seien, sieht das Bild bei den Eliten anders aus. Nur 43 Prozent der Eliteangehörigen teilen in dieser Frage die Einschätzung der breiten Bevölkerung.

Noch interessanter und politisch wichtiger ist, dass es innerhalb der Eliten große Differenzen je nach sozialer Herkunft gibt. Jene Eliteangehörigen, die selbst schon in Reichtum oder zumindest Wohlstand aufgewachsen sind, stehen den sozialen Unterschieden weit weniger kritisch gegenüber als jene, die aus den Mittelschichten oder (noch stärker) aus der Arbeiterschaft stammen. Besonders deutlich wird das an den beiden Polen des Herkunftsspektrums. Während die Großbürgerkinder, also jene, deren Familien zu den oberen fünf Promille der Gesellschaft zählen, mit einer eindeutigen Mehrheit von gut zwei zu eins die Unterschiede für gerecht halten, ist es bei den Arbeiterkindern genau umgekehrt. Sie, deren Eltern in der Herkunftsgeneration noch die Hälfte der Bevölkerung stellten, empfinden die Unterschiede mit einer noch klareren Mehrheit von fast zweieinhalb zu eins als ungerecht (vgl. Abbildung in der PDF-Version).

Jene Eliteangehörigen, die schon ihre Kindheit und Jugend unter privilegierten Bedingungen verbracht haben, die Bürger- und vor allem die Großbürgerkinder, sind mit großer Mehrheit fest davon überzeugt, dass die sozialen Unterschiede hierzulande gerechtfertigt sind; ihrer Meinung nach beruhen diese Unterschiede im Wesentlichen auf unterschiedlichen Leistungen. Schon als Kinder haben sie erlebt, dass ihre Väter hart gearbeitet haben und die Zeit für die Familie bei vielen eher knapp bemessen war. Diese Erfahrung hat sich dann in ihrer eigenen Berufskarriere bruchlos fortgesetzt. Auch sie arbeiten viel und ziehen aus all dem den Schluss, dass ihre harte Arbeit den entscheidenden Grund für den eigenen Erfolg und Wohlstand darstellt, wie schon für den ihrer Väter und teilweise auch Großväter.

Diese Einstellung führt manchmal zu etwas kuriosen Aussagen. So stilisierte sich der Erbe, langjährige Vorstands- und jetzige Aufsichtsratsvorsitzende des Otto-Konzerns, Michael Otto, in einem vom "Manager Magazin" im November 2011 geführten Gespräch mit dem Schauspieler Kevin Costner zum Selfmademan, der "ein mittelständisches Unternehmen zu einer großen Unternehmensgruppe weiterentwickelt" habe. Das "mittelständische Unternehmen", dessen Leitung er 1981 als Vorstandschef übernahm, hatte aber schon Ende der 1970er Jahre einen Umsatz von deutlich über drei Milliarden Euro und mehr als 11.000 Beschäftigte. Damit zählte es zu den 100 größten Konzernen Deutschlands. Diese Aussage zeigt, wie tief verwurzelt der Glaube an die eigene Leistung als Grundlage des verfügbaren familiären Reichtums ist. Selbst Milliardenvermögen werden als Resultat eigener Leistung begriffen.

Dabei ist es durchaus nicht so, dass diese Eliteangehörigen die Vorteile, die das Aufwachsen in privilegierten Verhältnissen mit sich bringt, nicht erkennen oder wahrhaben wollen. Auf die Frage, ob die Lebenschancen im Wesentlichen vom Elternhaus abhängig seien, antworten fast genauso viele von ihnen mit Ja wie mit Nein. Unter den besonders reichen und privilegierten Mitgliedern der Wirtschaftselite, teilweise Mitglieder von alteingesessenen Unternehmerfamilien mit mehrstelligen Millionen- oder sogar mit Milliardenvermögen, stimmt sogar eine knappe Mehrheit dieser Aussage zu. Gleichzeitig ist aber auch eine eindeutige Mehrheit von mehr als zwei zu eins der Meinung, dass persönliche Fähigkeiten und Bildung bestimmen, was man im Leben erreicht. Beide Ansichten stehen nebeneinander. Man erkennt zwar an, dass die familiäre Herkunft einem spürbare Vorteile verschafft, sieht das Leistungsprinzip dadurch aber nicht ernsthaft infrage gestellt. Man arbeite ja selbst hart und der ererbte familiäre Reichtum beruhe auch auf harter Arbeit, der früherer Generationen eben, so die vorherrschende Meinung. Insofern haben die sozialen Unterschiede dann auch ihre Berechtigung.

Höhere Steuern für hohe Einkommen und Vermögen – wichtig oder unwichtig?



Die Haltung gegenüber Maßnahmen, die die sozialen Unterschiede anzugehen versuchen, ist daher auch eindeutig (vgl. Tabelle in der PDF-Version). Forderungen, die eine höhere Besteuerung von hohen Einkommen, Vermögen und Erbschaften vorsehen, werden von den Großbürgerkindern mit einer überwältigenden Mehrheit von neun zu zwei als unwichtig erachtet. Unter den aus diesen Kreisen stammenden reichen Spitzenmanagern und Unternehmern fällt das Urteil sogar noch unmissverständlicher aus. Sie, die von solchen steuerlichen Maßnahmen besonders betroffen wären, sprechen sich im Verhältnis von elf zu zwei dagegen aus. Bei den Arbeiterkindern in den Eliten sieht das Bild demgegenüber anders aus. Sie halten nicht nur insgesamt mit einer Mehrheit von fünf zu zwei derartige Steuererhöhungen für wichtig, sondern selbst jene unter ihnen, die es in der Wirtschaft in Spitzenpositionen gebracht haben, teilen diese Ansicht mehrheitlich. Am schärfsten fällt der Unterschied zwischen den Eliteangehörigen, die in privilegierten Verhältnissen groß geworden sind, und jenen, die in Arbeiterfamilien aufgewachsen sind, allerdings in der politischen Elite aus. Dort bietet sich ein Bild wie schwarz und weiß – ungeachtet der jeweiligen Parteizugehörigkeit. Kein einziger der Spitzenpolitiker, die aus bürgerlichen oder großbürgerlichen Familien stammen, kann sich für derartige Steuererhöhungen erwärmen. Neun von zehn sind vielmehr explizit dagegen. Genau entgegengesetzt sieht es bei den Spitzenpolitikern aus, die aus der Arbeiterschaft kommen. Für neun von zehn Arbeiterkindern sind Steuererhöhungen ein wichtiges Anliegen und kein einziges von ihnen spricht sich gegen sie aus.

Offensichtlich beurteilen jene Eliteangehörigen, die aus der unteren Hälfte der Gesellschaft stammen, die Notwendigkeit von steuerlichen Maßnahmen zur Angleichung der sozialen Unterschiede mehrheitlich vollkommen anders als jene, die aus den oberen drei bis vier Prozent der Bevölkerung stammen. Während Letztere die Unterschiede im Wesentlichen als Ausdruck unterschiedlicher individueller Leistungen betrachten und deshalb als gerechtfertigt ansehen, wissen Erstere aufgrund ihrer Erfahrungen beim Weg nach oben noch um die vielfältigen Grenzen des Leistungsprinzips, die in der Realität greifen und die eigenen Lebenschancen beeinflussen. Sie erinnern sich noch an die Benachteiligungen, denen sie aufgrund ihrer Herkunft im Bildungssystem ausgesetzt waren, an die zahlreichen Schwierigkeiten, denen sie als soziale Aufsteiger in den oberen Rängen der Gesellschaft gegenüberstanden, und an die große Bedeutung einer intakten staatlichen Infrastruktur für ihren Aufstieg. Das bestimmt ihr Urteil, wenn es um staatlichen Einfluss und steuerliche Belastungen geht. Ihre Einstellung gegenüber sozialen Unterschieden und deren Reduzierung mittels steuerlicher Maßnahmen entspricht daher im Großen und Ganzen der Haltung, die auch in der breiten Bevölkerung vorherrscht.

Es ist also weniger der Elitestatus als solcher, der für die Differenzen in der Wahrnehmung der sozialen Realität sorgt, als vielmehr die eigene familiäre Herkunft. Wer schon immer zu den Privilegierten zählte, der hat die Wirklichkeit der normalen Bevölkerung, geschweige denn die der ärmeren Bevölkerungskreise, nie wirklich kennengelernt. Wer sich dagegen mühsam nach oben arbeiten musste, der erinnert sich mehrheitlich noch daran. Das gilt zwar nicht für jeden einzelnen, wie viele Beispiele zeigen – man denke nur an den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder –, aber im statistischen Sinne doch für eine klare Mehrheit. Von einer Parallelgesellschaft der Eliten kann man dementsprechend in erster Linie nur in Bezug auf jene Eliteangehörigen sprechen, die in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen sind.

Soziale Rekrutierung der Eliten



Der Umfang dieser Parallelgesellschaft hängt demnach davon ab, wie sich die Eliten in ihrer Gesamtheit sozial rekrutieren, ob sie mehrheitlich aus sozialen Aufsteigern bestehen, die in ihren Einstellungen zu sozialen Fragen, vor allem wenn es sich um Arbeiterkinder handelt, der breiten Bevölkerung noch relativ ähnlich sind, oder aus Bürger- und Großbürgerkindern. Die Antwort auf diese Frage ist eindeutig. Die Mitglieder der deutschen Eliten kommen mit einer Mehrheit von fast zwei Dritteln aus bürgerlichen oder großbürgerlichen Familien. Die größte Gruppe mit fast 40 Prozent stammt aus dem Bürgertum, ein weiteres knappes Viertel aus dem Großbürgertum. Der Nachwuchs der oberen fünf Promille der Gesellschaft ist damit genauso stark repräsentiert wie der aus Mittelschichtfamilien, obwohl diese in der Vätergeneration einen mehr als 70-mal so großen Anteil an der Bevölkerung ausmachten. Am schlechtesten vertreten sind Arbeiterkinder. Sie, deren Väter noch die Hälfte der Erwerbstätigen stellten, besetzen nicht einmal jede achte Eliteposition. Von einer halbwegs repräsentativen Rekrutierung der verschiedenen Bevölkerungsteile kann also keine Rede sein.

Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Sektoren. Am exklusivsten präsentiert sich die Wirtschaftselite. Nicht einmal jeder Vierte ist ein sozialer Aufsteiger. Arbeiterkinder bekleiden sogar weniger als sechs Prozent der Spitzenpositionen. Lässt man die öffentlichen Unternehmen, die knapp ein Fünftel der Elitepositionen ausmachen, außen vor, wird das Bild noch homogener. Während in den öffentlichen Unternehmen aufgrund politischer Einflüsse nur 46 Prozent der Spitzenpositionen von Bürger- oder Großbürgerkindern besetzt werden, sind es in den großen Privatunternehmen über 83 Prozent. An ihrer großen Dominanz hat sich hier seit Jahrzehnten nichts geändert.[3]

Die Eliten aus Justiz und Verwaltung sowie den Medien rekrutieren sich immerhin auch noch zu ungefähr zwei Dritteln aus Bürger- oder Großbürgertum. Bei den Spitzen der Justiz und der Medien sind es ziemlich genau zwei Drittel, bei denen der hohen Verwaltung mit gut 62 Prozent etwas weniger. Interessant ist dabei, dass im Mediensektor ein ähnlicher Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Institutionen zu verzeichnen ist wie in der Wirtschaft. Während in den Anstalten von ARD und ZDF Intendanten und Programmdirektoren "nur" zu gut der Hälfte aus privilegierten Verhältnissen stammen, gilt das bei den Herausgebern und Chefredakteuren der privaten Fernsehsender und Printmedien für über drei Viertel.

Da auch die Wissenschaftselite zu knapp 60 Prozent aus diesem Milieu kommt, bleiben nur die Eliten aus Politik, Militär, Kirchen, Gewerkschaften und gesellschaftlichen Organisationen (etwa Sport-, Umwelt-, Wohlfahrtsverbände), die sich überwiegend aus der breiten Bevölkerung rekrutieren. In der politischen Elite und in den Spitzen der Verbände liegen sie mit einem Anteil von gut 56 Prozent allerdings nur vergleichsweise knapp vorn. Wirklich stark vertreten sind sie nur in den obersten Gremien der Kirchen und der Gewerkschaften. Das gilt besonders für die Arbeiterkinder. Sie stellen immerhin jeden zweiten Spitzenrepräsentanten der beiden großen Kirchen und sogar drei von vier Spitzenvertretern der Gewerkschaften.

Als Faustregel für die soziale Rekrutierung der einzelnen Elitesektoren kann man folgendes festhalten: Je größer der Einfluss der Bevölkerung in einem Sektor ist, desto repräsentativer sind auch seine Eliten zusammengesetzt. Das gilt für die Politik, wo selbst die Spitzenvertreter letztlich immer noch von der Bevölkerung gewählt werden müssen, auch wenn ihre Macht unter einer sinkenden Wahlbeteiligung leidet. Vor allem aber trifft es auf die Kirchen und Gewerkschaften zu, die auf die aktive Unterstützung ihrer Mitglieder, und sei es nur in Form von Mitgliedsbeiträgen, angewiesen sind, um überhaupt etwas durchsetzen zu können. Genau umgekehrt verhält es sich in den Bereichen, wo das Prinzip der Kooptation dominiert, wo also die in den Spitzenpositionen sitzenden Eliteangehörigen weitgehend oder ganz allein entscheiden, wen sie in ihre Reihen aufnehmen. Das trifft vor allem in der Privatwirtschaft zu, wo nur wenige Personen, manchmal sogar nur ein einziger Eigentümer, entscheiden, wer in den Vorstand oder die Geschäftsführung eines Unternehmens aufrückt und wer nicht.

Die soziale Zusammensetzung der einzelnen Sektoreliten schlägt sich gleich in doppelter Hinsicht in deren Einstellungen nieder. Zum einen sorgt das jeweilige Gewicht von sozialen Aufsteigern auf der einen und bereits in privilegierten Verhältnissen aufgewachsenen Personen auf der anderen Seite für eine vorherrschende Grundhaltung in der gesamten Teilelite. Zum anderen beeinflusst diese Grundhaltung auch die Einstellung jener Elitemitglieder, die nicht der dominanten Herkunftsgruppe entstammen. Arbeiter- oder Mittelschichtskinder, die es in die Top-Positionen der Wirtschaft geschafft haben, stehen den sozialen Unterschieden zwar kritischer gegenüber als ihre Kollegen, die aus bürgerlichen oder großbürgerlichen Familien kommen, aber doch deutlich unkritischer als die Arbeiterkinder, die in der Politik oder gar in Kirchen und Gewerkschaften Spitzenstellungen bekleiden. Soziale Herkunft wirkt insofern immer zweifach.

Von einer wirklichen Parallelgesellschaft kann man daher vor allem in Bezug auf die Wirtschaftselite sprechen, wo sich diese beiden Wirkungsfaktoren besonders spürbar gegenseitig verstärken. Deshalb ist dort die Einstellung gegenüber steuerlichen Delikten auch so anders als in der übrigen Bevölkerung. Man hat dort zumeist schon in seiner Kindheit und Jugend, quasi mit der Muttermilch, eine Grundhaltung gegenüber Steuern aufgesogen, die sich später dann noch weiter verfestigt. Sie lässt sich kurz und knapp so charakterisieren: Der Fiskus kassiert vom durch eigene Leistung erwirtschafteten Geld stets einen zu großen Anteil, und er kann mit diesem Geld auch nicht richtig umgehen, schlechter jedenfalls, als man es in der Wirtschaft selbst vermag. Deshalb sollte man dem Staat auch nicht mehr Geld zukommen lassen als unbedingt nötig. Das bedeutet in der Realität, dass eine starke Neigung besteht, steuerliche Regelungen durch Ausnutzen legaler Schlupflöcher zu unterlaufen oder die Grauzonen des Steuerrechts ausgiebig zu nutzen. Zu einem nicht unerheblichen Teil ist man sogar bereit, wie in den genannten Fällen, auch illegale Wege zu beschreiten. Das Verständnis für solche Handlungen scheint in diesen Kreisen traditionell jedenfalls relativ weit verbreitet zu sein.

Parallelgesellschaft oben – Resignation unten



Das Verständnis, das Steuerhinterziehern dort vielfach entgegengebracht wird, zeigt noch ein weiteres Charakteristikum der Parallelgesellschaft oben. Die Gewöhnung an Macht hat zur Konsequenz, dass man für sich oft andere Regeln reklamiert als die, die für den Rest der Bevölkerung gültig sind. Das gilt wieder ganz besonders für jene Elitemitglieder, denen die Verfügung über gesellschaftliche Macht schon aus der Familie vertraut ist. Wer einen Großunternehmer, ein Vorstandsmitglied, einen Gerichtspräsidenten oder einen Klinikchef zum Vater hatte, der hat meist schon in seiner Kindheit und Jugend erfahren, dass für ihn andere Regeln galten als für die Normalbevölkerung. Das prägt schon sehr früh eine generelle Haltung, die später im Verlauf der eigenen Berufskarriere noch weiter bekräftigt und vertieft wird.

Die Kehrseite der Parallelgesellschaft oben ist die Parallelgesellschaft unten. Sie ist hier aber nicht in dem Sinne zu verstehen, wie es im Rahmen von Debatten über Migration vielfach in den deutschen Medien zu hören und zu lesen war. Es geht vielmehr um den Rückzug eines erheblichen Teils der deutschen Bevölkerung, vorwiegend aus deren unterem Drittel, aus den politischen Willensbildungsprozessen. Besonders deutlich wird das bei der Wahlbeteiligung. Der Unterschied zwischen dem Zehntel der Wahlkreise mit der höchsten und dem mit der niedrigsten Beteiligung hat sich bei Bundestagswahlen seit 1972 von 5,4 auf über 15 Prozent fast verdreifacht. Bei den kleineren Stimmbezirken liegt die Differenz inzwischen sogar bei fast 30 Prozentpunkten. Besonders häufig zur Wahl geht man in den gutbürgerlichen Wohnvierteln mit geringer Arbeitslosenquote, hohen Einkommen und Bildungsabschlüssen, besonders selten in den Wohnvierteln mit hoher Arbeitslosigkeit und niedrigem Bildungsstand. Arbeitslosigkeit ist dabei der die Wahlbeteiligung mit Abstand am stärksten beeinflussende Faktor.[4] Wenn "die da unten" nicht mehr wählen gehen, so liegt der wesentliche Grund darin, dass sie sich von "denen da oben" nicht mehr vertreten und zunehmend auch aus der Gesellschaft ausgegrenzt fühlen. Sie ziehen sich daher immer häufiger einfach resigniert zurück. Für die Zukunft der parlamentarischen Demokratie und der Gesellschaft insgesamt ist das eine dramatische Entwicklung.

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Fußnoten

1.
Als Mitglieder der Eliten gelten in der Eliteforschung jene Personen, die qua Amt oder Eigentum in der Lage sind, gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich zu beeinflussen. Vgl. Michael Hartmann, Soziale Ungleichheit – Kein Thema für die Eliten?, Frankfurt/M. 2013, S. 21ff. Bei Schwarzer handelt es sich allerdings um einen Sonderfall, da die von ihr herausgegebene Zeitschrift zu klein ist, um Schwarzer zur Medienelite zu zählen. Aufgrund ihres enormen öffentlichen Einflusses vor allem in Geschlechterfragen kann man sie aber zur deutschen Elite im weiteren Sinne rechnen.
2.
Die Untersuchung, die insgesamt 958 Personen umfasst (einige dieser Personen bekleiden mehr als eine Eliteposition), ist vom Verfasser gemeinsam mit dem Wissenschaftszentrum Berlin realisiert worden. Die Ergebnisse, die sich auf die Zusammensetzung der Eliten (Geschlecht, soziale Herkunft, Bildungs- und Karrierewege) und ihre Einstellung zu den sozialen Unterschieden im Land sowie zur Finanzkrise beziehen, sind im Mai 2013 erschienen. Siehe M. Hartmann (Anm. 1).
3.
Vgl. dazu Michael Hartmann, Eliten und Macht in Europa, Frankfurt/M. 2007, S. 144.
4.
Vgl. Armin Schäfer/Robert Vehrkamp/Jérémie Felix Gagné, Prekäre Wahlen, Gütersloh 2013, S. 8f., S. 22ff.
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Autor: Michael Hartmann für bpb.de
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