Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Georgina Murray

We are the 1%: Über globale Finanzeliten

Finanzvermögen

Der Sektor des Finanzkapitals (Kapital, mit dem Versicherungsgesellschaften, Banken und Investitionsmaklergeschäfte umgehen) war in den 1980er Jahren weltweit im Vergleich zu anderen Wirtschaftssektoren wie Einzelhandel und Produktion geringfügig. Nur schätzungsweise 20 Prozent der Aktienanteile in den USA wurden mittels Finanzkapital gehalten, weshalb man davon ausgehen muss, dass das Finanzkapital nur einen kleineren Teil der Gesamtkapitalsumme darstellte.[31] Nach 1973 setzte eine Phase der Finanzialisierung des Kapitals ein,[32] mit Auswirkungen bis ins alltägliche Leben hinein.[33] Dabei gewannen die Finanzmärkte, -institutionen und -eliten größeren Einfluss auf die Wirtschaftspolitik und die Gesellschaftsformation und transformierten "die Funktionsweise der Wirtschaftssysteme auf Makro- wie auf Mikroebene". Und zwar so, dass "die Bedeutung des Finanzsektors in Bezug auf den Realsektor verändert oder verstärkt (und) das Einkommen aus dem Realsektor in den Finanzsektor verschoben wurde".[34]

In Studien zum weltweit verteilten Eigentum fällt dessen zunehmende Konzentration – "wenn nicht Konzentration von Besitz an Banken, dann zumindest von Besitz in den Händen des Finanzkapitals" – bei BlackRock ins Auge, einem in den USA gegründeten Vermögensverwaltungsunternehmen. Es war 2009 und 2010 die Nummer eins der Großaktionäre in den USA, in Kanada und Australien und die Nummer drei in Deutschland.[35] Die Firma kontrolliert ferner sechs Prozent aller Anteile der 300 größten Aktiengesellschaften der Welt.[36]

Richten wir den Blick darauf, wie Vermögenswerte in Finanzinstrumente verpackt werden, indem wir beispielsweise die Verteilung der Beteiligungen an Finanzkapital in den USA untersuchen, so zeigt sich, dass 2009 und 2010 der Aktienbesitz an diesen Firmen in Form von Finanzkapital auf 66 Prozent gestiegen ist.[37] Der mittlere Aktienanteil betrug in beiden Jahren 49 Prozent, zweieinhalb Mal mehr als 1974. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass seit 1974 immer mehr Vermögenswerte in Finanzinstrumente verwandelt wurden, und es zeigt klar die Umkehr des von dem US-amerikanischen Ökonomen Edward S. Herman festgestellten Trends zurückgehender finanzieller Macht, der sich durch das gesamte 20. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre abgezeichnet hatte.[38]

Investmentfondsvermögen ballt sich in den Händen jener obersten Gesellschaftsschicht, die ein Prozent der Gesellschaft ausmacht, wie Tabelle 4 (vgl. PDF-Version) veranschaulicht. 2010 hielten in den USA die oberen zehn Prozent (das eine Spitzenprozent sowie neun gleich danach einzustufende Prozent) aller Investoren 91,9 Prozent des Eigenkapitals, 81 Prozent der Trusts, 93,9 Prozent der finanziellen Sicherheiten und 80,8 Prozent der Aktien und Investmentfonds. George William Domhoff behauptet folglich zu Recht: "Da man das Finanzvermögen als Steuerungsinstrument für Einkommen schaffende Vermögenswerte betrachtet, kann man sagen, dass nur zehn Prozent der Bevölkerung die USA besitzen."[39]

Wenn wir auf die Vermögensverteilung der oberen Gesellschaftsschicht schauen, sehen wir diese Art Konzentration von "Kapital in wenigen Händen".[40] Das hat ernsthafte Auswirkungen auf die unteren Schichten: "Das Finanzsystem kassiert unsere Kautionen und leiht uns Geld für ein Haus oder ein Kleinunternehmen, es legt fest, ob wir wohlhabender oder ärmer werden – und es bestimmt darüber, ob wir uns die Erfüllung unseres Lebenstraums, Grundeigentum zu kaufen und uns sorglos aufs Altenteil zurückzuziehen, leisten können."[41]

Einkommen

Einkommen konzentriert sich nicht so stark wie das Vermögen.[42] Dennoch nahm das obere ein Prozent 2009 in den USA 17 Prozent des Gesamteinkommens ein (vgl. Abbildung 2 in der PDF-Version). Mit anderen Worten: Diese Spitzenverdiener des oberen einen Prozents "haben zusammen mehr vorsteuerliches Einkommen als die 120 Millionen ärmsten Menschen" in den USA.[43] Der Einkommenszuwachs bei den oberen zehn Prozent in den USA geht größtenteils auf das Konto dieses einen Prozents.

Die globalen Kapitalflüsse haben bislang ungekannte Ausmaße erreicht, die Handel und Dienstleistungen der vergangenen drei Jahrzehnte in den Schatten stellen. Das hat den Finanzkapitalisten einen neuen Vorteil verschafft.[44] Dieser Prozess läuft nicht in allen Ländern gleich ab, da Pfadabhängigkeiten (geografisch, historisch, ökonomisch, infrastrukturell) bestehen.

In geografischer Hinsicht gab es ungleichmäßige Veränderungen bei der Einkommensverteilung. In anderen Studien[45] hat sich gezeigt, dass der Einkommensanteil des oberen einen Prozents in allen englischsprachigen Ländern bis in die 1970er Jahre hinein, also während der Zeit, da die Volkswirtschaften staatlich reguliert wurden, abgenommen hat. In jeder Region wuchs dann in den 1980er, 1990er und frühen 2000er Jahren der Einkommensanteil dieser kleinen Oberschicht sehr schnell, mitunter verdoppelte er sich sogar fast. Die nordeuropäischen Länder, in denen es Anfang des 20. Jahrhunderts einen erheblicheren Anteil an Spitzeneinkommen als in den englischsprachigen Ländern gab, verzeichneten bis Ende der 1970er Jahre einen steileren Abwärtstrend bei der Ungleichheit. Ab den 1980er Jahren gab es dort einen allerdings eher moderaten Zuwachs bei den Spitzeneinkommen. Anderswo, wie in einigen südeuropäischen und in den entwickelten asiatischen Ländern, gab es geringfügige Zuwächse beim Einkommensanteil des oberen einen Prozents der Gesellschaft zwischen den 1970er Jahren und 2007.

Schlussfolgerungen

Theoretiker des globalen Kapitalismus[46] vertreten die Auffassung, dass ein qualitativ neuer Kapitalismus des 21. Jahrhunderts im Entstehen begriffen ist.[47] Dieser Prozess hat – entweder durch ihr Vermögen oder durch ihr Einkommen oder beides – die Ein-Prozent-Spitzengruppe hervorgebracht.

Der einst von Karl Marx beschriebene Produktionskreislauf ist inzwischen transnationalisiert worden, wodurch der Produktionsprozess sich zunehmend dezentralisiert und die produzierten Güter und erstellten Dienstleistungen weltweit in zunehmend transnationalen Staaten vermarktet werden, die aus "einem locker geknüpften transnationalen Netzwerk aus übernationalen politischen und wirtschaftlichen Institutionen mit Nationalstaatsapparaten bestehen, die von transnationalen Kräften durchdrungen und geformt worden sind".[48] Das unterscheidet sich qualitativ von den transnationalen Geldströmen, wie sie früher zu beobachten waren. Die internationale Finanzelite tummelt sich im Herzen der globalen Wirtschaftskreisläufe, die sich immer stärker in Richtung Finanzmarktkapitalismus entwickeln.

Die Kehrseite zeigt wieder deutlichere Gegensätze zwischen den Klassen und zwischen Ausbeutung und Dominanz, wobei man ein Nord-Süd-Gefälle erkennen kann.[49] Die Ein-Prozent-Spitzengruppe, die Vermögenden, die mit den Top-Einkommen und die transnationale Finanzelite – mit diesen unterschiedlichen, doch sich überlappenden Begriffen kann man die Männer und die (wenigen) Frauen beschreiben, die durch ihren Kapitalbesitz und/oder die Verfügungsgewalt über Kapital an den Hebeln der Macht sitzen und direkt oder indirekt Kontrolle über uns ausüben.

Fußnoten

31.
Vgl. Edward S. Herman, Corporate Control, Corporate Power, Cambridge 1981.
32.
Vgl. Richard Peet, Inequality, Crisis and Austerity in Finance Capitalism, in: Cambridge Journal of Regions, Economy and Society, 4 (2011) 3, S. 383–399, hier: S. 384.
33.
Vgl. Randy Martin, Financialization of Daily Life, Philadelphia 2002.
34.
Thomas I. Palley, Financialization: What It Is and Why It Matters, Levy Economics Institute Working Paper No. 525, Washington, D.C. 2007.
35.
Vgl. David Peetz/Georgina Murray/Werner Nienhueser, The New Structuring of Corporate Ownership, in: Globalizations, 10 (2013) 5, S. 711–730.
36.
Vgl. D. Peetz/G. Murray (Anm. 6), S. 141.
37.
Vgl. D. Peetz/G. Murray/W. Nienhueser (Anm. 35), S. 718.
38.
Vgl. E. S. Herman (Anm. 31).
39.
G.W. Domhoff (Anm. 25).
40.
Vgl. K. Marx (Anm. 4), Kapitel 25.
41.
Mark Bouris, Five Steps to a Fairer Financial World, in: The Sydney Morning Herald vom 8.12.2013.
42.
Vgl. G.W. Domhoff (Anm. 29).
43.
Ebd.
44.
Vgl. P. Dicken (Anm. 8), S. 438.
45.
Vgl. D. Peetz/G. Murray (Anm. 6).
46.
Vgl. J. Harris (Anm. 14); Georgina Murray/David Peetz, The Financialisation of Global Corporate Ownership, in: G. Murray/J. Scott (Anm. 14), S. 26–53; W.I. Robinson (Anm. 7), S. 4; Leslie Sklair, The Transnational Capitalist Class and Contemporary Architecture in Globalizing Cities, in: International Journal of Urban and Regional Research, 29 (2005) 3, S. 485–500; Jeb Sprague, Transnational Capital Class in the Global Financial Crisis, in: Globalizations, 6 (2009) 4, S. 499–507; L. Sklair/J. Struna (Anm. 23).
47.
Vgl. William I. Robinson, Global Capitalism Theory and the Emergence of Transnational Elites, in: Critical Sociology, 38 (2012) 3, S. 349–363.
48.
William I. Robinson, Theories of Globalization, in: George Ritzer (Hrsg.), The Blackwell Companion to Globalization, Oxford 2008, S. 125–143, hier: S. 131.
49.
Vgl. Raewyn Connell/Nour Dados, Where in the World Does Neoliberalism Come From?, in: Theory and Society, 43 (2014), S. 117–138.
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