Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Wolfgang Lauterbach
Miriam Ströing

Vermögensforschung: Reichtum und seine philanthropische Verwendung

Unterscheidung von Wohlhabenden und Reichen

Im Unterschied zur herkömmlichen Bestimmung der gesellschaftlichen Position durch Einkommen wird darauf Bezug genommen, dass Reichtum erst durch den Besitz von materiellem Vermögen möglich wird. In der amtlichen Berichterstattung hat hingegen die Definition von Reichtum basierend auf Einkommen, vorwiegend Erwerbseinkommen, eine lange Tradition.[11] Die Grenzziehung wird in der Regel entsprechend der Bestimmung der Armutsgrenze vollzogen: Wer weniger als die Hälfte beziehungsweise 60 Prozent des Medianeinkommens erzielt, gilt als arm. Wer analog dazu mehr als das Doppelte (200 Prozent) erwirtschaftet, gilt als vermeintlich reich. Ein strengeres Konzept sieht die Grenze beim Dreifachen (300 Prozent).[12] Diese Schwellenwerte folgen statistischen Überlegungen, deren Ausgangspunkt immer das durchschnittliche oder mediangewichtete individuelle Einkommen im Verhältnis zum Durchschnitt des Bevölkerungseinkommens ist. Die statistische Logik der Schwellenwertbestimmung folgt einer seit Jahrzehnten bestehenden Sichtweise hinsichtlich der gesellschaftlichen Bedeutsamkeit des Erwerbs- oder Haushaltseinkommens im Unterschied zur Wichtigkeit des Vermögensbesitzes.

Die Sichtweise geht zurück auf die Bedeutung der Vermögenden, wie sie bereits Max Weber beschrieben hat. In seinem Werk "Wirtschaft und Gesellschaft" hat er auf den Wandel der Klassenstruktur und die damit verknüpften Beschäftigungs- und Einkommensverhältnisse verwiesen. "Marktklassen" schafften spezifische Lebenschancen, die Verfügung über Besitz und Einkommen sei die "allerelementarste ökonomische Tatsache".[13] Jedoch verfügen über Besitz nur sehr wenige, über Einkommen hingegen sehr viele. In den 1960er und 1970er Jahren wurde die Aufmerksamkeit unter dem Eindruck einer ständig wachsenden Erwerbsbeteiligung vor allem der Männer in der Industriegesellschaft verstärkt auf den Arbeitsmarkt gelegt. Der Soziologe Frank Parkin formulierte in Anlehnung an Weber: "Property ownership is so heavily concentrated in the hands of so few, it does not figure as the primary source of reward for the mass of the population".[14] Die Bedeutung des Arbeitsmarktes für den erreichten Lebensstandard wurde als essenziell angesehen: "Life chances are determined by class position."[15] Transfereinkommen, Erbschaften oder Ressourceneinsparungen durch einen gemeinsam bewohnten Haushalt standen hingegen kaum im Zentrum der Aufmerksamkeit: "Asset income are of less means in the next future."[16]

Die Vermögensforschung betont hingegen die Bedeutsamkeit von Vermögensbesitz. Erst der Besitz von Vermögen lässt eine "Distanz zum Notwendigen"[17] entstehen. Sie schafft die Freiheit, unabhängig von Erwerbseinkommen zu sein. Die Wahlfreiheit der Verwendung in einem marktwirtschaftlichen System und die Unabhängigkeit der Investition definiert die herausgehobene Position materiell Vermögender. Sie können entscheiden, ob und vor allem wann sie investieren oder sich engagieren. Das macht den Vermögensbesitzer zu demjenigen, der von anderen umworben wird. Vermögen ist ein "absolutes Mittel",[18] auf das sich soziales Handeln ausrichtet.[19]

Reichtum wird daher als allgemein erstrebenswert angesehen. Überlegungen zur Akkumulation von Vermögen finden sich bei den Wirtschaftswissenschaftlern Franco Modigliani und Richard Brumberg,[20] die entlang der Lebenszyklus-Hypothese formulieren, dass Menschen durch ihre Einkommenserzielungspräferenz und ihr individuelles Sparverhalten darauf abzielen, Vermögen zu akkumulieren. Sieben Funktionen tragen dazu bei, Vermögen als erstrebenswert zu kennzeichnen. (1) Erzielen Individuen ein gewisses Einkommen aus Vermögen, müssen sie nicht mehr zwischen "Arbeit und Freizeit" abwägen. Damit sind sie unabhängig von der Notwendigkeit, einer Beschäftigung nachzugehen (Unabhängigkeitsfunktion). (2) Im Unterschied zum Erwerbseinkommen, das in der Regel für den Konsum verwendet wird, können durch Vermögen weitere Zins- oder Rentenerträge erzielt werden (Einkommensfunktion). (3) Der Besitz von Vermögen schafft eine Sicherheit gegenüber auftretenden Lebensrisiken und ökonomischen Krisen, die zu einer Minderung des Einkommens beitragen können (Sicherungsfunktion). (4) Durch Vermögen kann der Status der Familie oder des Haushaltes lange erhalten werden, und mögliche Schwankungen im Einkommen haben keine Auswirkungen auf die Stellung in der Gesellschaft (Statuserhaltungsfunktion). (5) Der durch das Vermögen bestimmte gesellschaftliche Status der Familie kann auf die nächste Generation vererbt werden (Vererbungsfunktion). (6) Ökonomisch gesehen kann durch Vermögen weiteres Vermögen geschaffen werden, da etwa Vermögenswerte niedriger besteuert werden als Einkommen (Zinsvorteilsfunktion). (7) Schließlich verleiht materielles Vermögen die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen und Entscheidungen zu treffen (Machtfunktion).

Diese Sichtweise wird herangezogen, um Wohlhabende von Reichen zu unterscheiden. Reichtum existiert nur da, wo Vermögen ab einer bestimmten Höhe vorhanden ist, wo Erwerbstätigkeit und das Erzielen von Erwerbseinkommen für den Lebensunterhalt nicht mehr notwendig sind. Die durch Einkommen bestimmte gesellschaftliche Position kann hingegen nur als Wohlstand bezeichnet werden. Denn auch die Wohlhabenden "bleiben von den Interessen und den Nöten des Alltags beherrscht".[21] Personen, die mehr als das Doppelte oder Dreifache des Durchschnittseinkommens verdienen, unterscheiden sich zwar bezüglich der sozialen Lage von der Mittelschicht, die Abhängigkeit vom Erwerbseinkommen bleibt jedoch bestehen. Selbstverständlich steigt mit dem Einkommen auch das verfügbare Vermögen. Jedoch kann nicht der Schluss gezogen werden, dass mit steigendem Einkommen auch das Vermögen in entsprechender Relation steigt, denn die Korrelation von Einkommen und Vermögen ist begrenzt. So ist das mittlere Vermögen in den Jahren 2002 bis 2007 gesunken, wenngleich das Einkommen gestiegen ist. Die dennoch starke Konzentration der Vermögen zeigt sich vor allem am oberen Rand: So besitzen etwa zehn Prozent der Bevölkerung rund zwei Drittel des Vermögens.[22] Neben der derzeit verwendeten unteren Vermögensgrenze von 500.000 US-Dollar verfügbarem Kapitalvermögen lassen sich weitere Schwellenwerte bestimmen: "High Net Worth Individuals" (HNWIs), "Ultra-High Net Worth Individuals" (U-HNWIs), Superreiche und Milliardäre. HNWIs weisen ein Netto-Finanzvermögen von mindestens einer Million US-Dollar auf, U-HNWIs von mindestens 30 Millionen US-Dollar und Superreiche verfügen über mindestens 300 Millionen US-Dollar.[23]

Fußnoten

11.
Dem ist hinzuzufügen, dass seit dem dritten Armuts- und Reichtumsbericht 2008 auch eine integrierte Betrachtung von Einkommen und Vermögen zur Differenzierung verschiedener Positionen erfolgt.
12.
Vgl. Joachim Merz/Dierk Hirschel/Markus Zwick, Struktur und Verteilung hoher Einkommen – Mikroanalysen auf der Basis der Einkommensteuerstatistik. Beitrag zum zweiten Armuts- und Reichtumsbericht 2004 der Bundesregierung, o.O. 2005, S. 39; vgl. auch Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.), Lebenslagen in Deutschland. Der vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bonn 2013. Die Schwellenwerte 200 und 300 Prozent sind die bei empirischen Vergleichen meistgenutzten Grenzen. Zur Abgrenzung der Mittelschicht gegenüber den vermeintlich reichen Gruppen werden auch 150 oder 175 Prozent des durchschnittlichen, nach Haushaltsgröße gewichteten Nettoeinkommens verwendet. Wer zwischen 50 und 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdient, wird als nahe der Armutsgrenze lebend bezeichnet. In manchen Publikationen findet sich auch der Begriff prekär, womit das bestehende Abstiegsrisiko gemeint ist.
13.
Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1964 (1922), S. 177.
14.
Frank Parkin, Class Inequality and Political Order, New York 1971, S. 24.
15.
Ebd., S. 87.
16.
Ebd., S. 24.
17.
Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede, Frankfurt/M. 1979, S. 103.
18.
Georg Simmel, Philosophie des Geldes, Frankfurt/M. 1993 (1900), S. 298.
19.
Vgl. Christoph Deutschmann, Geld als absolutes Mittel: Zur Aktualität von Simmels Geldtheorie, in: ders. (Hrsg.), Kapitalistische Dynamik, Wiesbaden 2008, S. 41–54; ders., Geld als universales Inklusionsmedium moderner Gesellschaften, in: Rudolf Stichweh/Paul Windolf (Hrsg.), Inklusion und Exklusion: Analysen zur Sozialstruktur und sozialen Ungleichheit, Wiesbaden 2009, S. 223–241.
20.
Vgl. Franco Modigliani/Richard Brumberg, Utility Analysis and the Consumption Function: An Interpretation of Cross-Section Data, in: Kenneth K. Kurihara (Hrsg.), Post-Keynesian Economics, New Brunswick, NJ 1954, S. 388–436.
21.
P. Bourdieu (Anm. 17), S. 100f.
22.
Vgl. Markus M. Grabka/Joachim R. Frick, Vermögen in Deutschland wesentlich ungleicher verteilt als Einkommen, in: DIW Wochenbericht, 74 (2007) 45, S. 665–673, hier: S. 665.
23.
Vgl. W. Lauterbach/M. Kramer/M. Ströing (Anm. 8).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Wolfgang Lauterbach, Miriam Ströing für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.