Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Wolfgang Lauterbach
Miriam Ströing

Vermögensforschung: Reichtum und seine philanthropische Verwendung

Philanthropische Verwendung von Reichtum

Eine Möglichkeit der Legitimation von Reichtum in den Händen weniger und daraus resultierender sozialer Ungleichheiten ist die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch Reiche, indem sie philanthropisch handeln und der Gesellschaft damit "etwas zurückgeben". Der "wahrhaft Reiche" ist demnach derjenige, der von den Mitgliedern der Gesellschaft akzeptiert wird und nicht der, der den "demonstrativen Müßiggang" lebt.[24]

Zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung lassen sich zwei übergeordnete Betrachtungsansätze benennen. Zum einen besteht, vor allem in der US-amerikanischen Forschung, der Philanthropiebegriff, der sich auf freiwilliges, nicht gewinnorientiertes Geben von Zeit oder Wertgegenständen für öffentliche Zwecke bezieht und vornehmlich im Zusammenhang mit finanziellen Zuwendungen in hohem Ausmaß verwendet wird. Zum anderen geht es mit der Begrifflichkeit bürgerschaftlicher Verantwortung vorwiegend um zeitliches Engagement, das freiwillig, unentgeltlich, gemeinschaftlich und öffentlich stattfindet.[25] Beide Ansätze verweisen generell auf die freiwillige, nicht gewinnorientierte Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung.[26]

Legt man den Fokus zunächst auf Stifter, so lassen sie sich als Personen beschreiben, die eine "Kombination von bürgerlichem Unternehmertum, ausgeprägtem Individualismus und einem spezifischen Sendungsbewusstsein" auszeichnet.[27] Diese Eigenschaften treffen mit dem altruistischen Wunsch zusammen, ihr Vermögen auch der Allgemeinheit zu widmen, indem sie einen Teil für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung stellen. Durch die Eigenschaft von Stiftungen, die einem durch den Stifter festgesetzten Zweck folgen, dehnen sie ihren Individualismus und ihr Sendungsbewusstsein über den beruflichen Bereich in die zivilgesellschaftliche Sphäre hinein aus und versuchen "in gesellschaftsreformerischer Absicht zwischen diesen Sphären zu vermitteln".[28]

Die wichtigsten Motive von Stiftern sind "Dankbarkeit, Altruismus, Gesellschaftsreform und Prestige".[29] Sie verweisen auf unterschiedliche Werthaltungen: (1) Dankbarkeit steht für einen Reziprozitätskontext von Geben und Nehmen. (2) Altruismus verweist auf eine gemeinschaftsbezogene Orientierung und die Erfüllung sozialer Normen. (3) Gesellschaftsreform beschreibt den Wunsch, Probleme der Gesellschaft aktiv und gestaltend zu lösen. (4) Prestige verweist auf den Reziprozitätsgedanken, Anerkennung und Wertschätzung durch stifterische Tätigkeit zu erhalten. Bei der Frage, ob Engagierte bestimmte Erwartungen an ihr Handeln knüpfen, zeigt sich, dass Stifter häufig auf eine Reziprozität von Geben und Nehmen bedacht sind. Sie sind daran interessiert, symbolisches Kapital in Form von Anerkennung zu erwerben und tauschen auf diese Weise ihr eigenes ökonomisches Kapital dafür ein.[30] Engagement ist daher nicht ausschließlich altruistisch: "While characterizing philanthropy as an obligation, donors readily acknowledge that it is also enjoyable."[31] Oder es ist einfach eine "socially acceptable avenue for the exercise of leadership and public participation".[32]

Bei der Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung ist die Beziehung zwischen Markt, Staat, Familie und Zivilgesellschaft von besonderem Interesse.[33] Stifter vertreten dabei häufig die Meinung, dass die Aufgaben des Staates deutlich eingeschränkt sein sollten. Es wird zwar formuliert, dass Stiftungen den Staat nicht ersetzen, sondern lediglich unterstützen sollen, jedoch mit der grundsätzlichen Haltung, dass staatliche Eingriffe in vielen Bereichen ineffizient seien. Stiftungen können innovativ und schnell auf neue Probleme und Aufgabenfelder der Gesellschaft reagieren. Da sie nicht auf Effizienz angewiesen sind, gilt dies auch im Vergleich zur Wirtschaft.[34]

Analysen zum philanthropischen Handeln im Sinne von Stiftertum, Spenden, der (Mit-)Organisation von Hilfsprojekten sowie der Übernahme freiwilliger Tätigkeiten aus der Studie "Vermögen in Deutschland" (ViD)[35] ergeben, dass mit einem Anteil von 76,5 Prozent ein Großteil der Befragten gesellschaftliche Verantwortung übernimmt.[36] 70,2 Prozent der befragten Hauptschulabsolventen sind philanthropisch aktiv, bei denen mit mittlerer Reife sind es 73,1 Prozent, und Personen mit Fachhochschulreife beziehungsweise Abitur engagieren sich mit einem Anteil von 81,5 Prozent. Selbstständige sind mit einem Anteil von 84,1 Prozent gegenüber abhängig Beschäftigten (71,2 Prozent) erkennbar häufiger gesellschaftlich engagiert.[37] Generell finden sich unter Reichen überdurchschnittlich viele Personen mit hohen schulischen und beruflichen Abschlüssen, was sich in einem hohen Anteil in Vollzeit Erwerbstätigen (86 Prozent in ViD gegenüber 74 Prozent in der Mittelschicht) und Unternehmern niederschlägt. Da Vermögen in der Regel sukzessive im Lebensverlauf aufgebaut werden, befinden sich in höheren Vermögensgruppen tendenziell ältere Personen, gerade unter den HNWIs.[38]

In Bezug auf die Motive bürgerschaftlich Engagierter unterscheiden die Sozialwissenschaftler Thomas Gensicke und Sabine Geiss zwischen Gemeinwohl-, Geselligkeits- und Interessenorientierung.[39] Begreift man gesellschaftliche Verantwortungsübernahme umfassend und betrachtet neben Stiftertum, Ehrenämtern oder Geldspenden weitere Varianten sozialen Engagements, lassen sich bei Vermögenden ebenfalls altruistische und selbstbezogene Motive ausmachen. Für 20 Prozent sind Partizipation und für 26 Prozent Selbstverwirklichung sehr wichtig. Bei den altruistischen Motiven wird Verantwortungsübernahme mit 26 Prozent als sehr wichtig benannt und 15 Prozent geben sogar moralisch-dankbare Motive an.[40]

Personen, die sich durch die Übernahme freiwilliger Tätigkeiten bürgerschaftlich engagieren, ist vor allem das Interesse für ihr Engagement bedeutsam, dagegen kommt es ihnen deutlich weniger auf die Anerkennung ihrer Tätigkeit an. Wohlhabende wollen sich durch philanthropisches Handeln eher "selbst verwirklichen" und an der Gesellschaft partizipieren. HNWI’s hingegen sehen ihr Engagement viel stärker als gesellschaftliche Verantwortung. So finden sich auch unter Reichen selbstbezogene wie altruistische Motive.

Generell führen Engagierte religiös altruistische, pietistische oder humanitäre Motive und Werte für ihr Handeln an.[41] So sind vor allem Überzeugungen, sich für Schwächere in der Gesellschaft einzusetzen und ihnen Unterstützung zukommen zu lassen, prägend. Hinzu kommt aber teilweise auch eine "egoistische Komponente", meist der Anerkennung und des Zugangs zu bestimmten Kreisen.[42]

Selbstverwirklichung, Partizipation, gesellschaftliche Verantwortung und Dankbarkeit sind somit vier Handlungsmotive für Reiche, philanthropisch aktiv zu werden. Diese Motive schließen sich nicht zwangsläufig gegenseitig aus, denn es können ebenso rationale Motive wie erwartete Anerkennung oder Prestigegewinn sowie Selbstverwirklichung zusammen mit einem Verpflichtungsgefühl oder Dankbarkeit für die eigene gute Situation wirken.

Zusammenfassung

Die Vermögensforschung zielt als Reaktion auf den starken Anstieg der Vermögenden darauf ab, diese gesellschaftliche Gruppe zu beschreiben, theoretisch zu durchdringen und ihre Lebenssituation und Lebenswirklichkeit zu erklären. Ein zweiter Fokus liegt auf der Verwendung der Vermögen, insbesondere hinsichtlich eines gesellschaftlich verantwortungsvollen Umgangs mit diesem. Der Besitz von Vermögen, um über eine "Distanz zur Notwendigkeit" zu verfügen, kennzeichnet Reiche. Philanthropie ist für sie ein Mittel, ihre gehobene Stellung im ungleichen Gefüge gesellschaftlicher Positionen zu legitimieren. Aber auch andere, altruistische wie egoistische Motive führen zu sozialem Engagement: gesellschaftliche Verantwortung, moralisch-dankbare Verantwortung, Partizipation und Selbstverwirklichung.

Fußnoten

24.
Thorstein Veblen, Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen, Frankfurt/M. 1986 (engl. Original: 1899), Kapitel III.
25.
Vgl. Sebastian Braun, Begriffsbestimmung, Dimensionen und Differenzierungskriterien von bürgerschaftlichem Engagement, in: Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" (Hrsg.), Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft, Opladen 2002, S. 55–72; Marita Haibach: Großspenden in Deutschland: Wege zu mehr Philanthropie, Köln 2010; Petra Krimphove, Philanthropen im Aufbruch. Ein deutsch-amerikanischer Vergleich, Wien 2010.
26.
Vgl. Thomas Adam, Bürgergesellschaft und moderner Staat. Ein deutsch-amerikanischer Vergleich, in: Roland Becker et al. (Hrsg.), Eigeninteresse und Gemeinwohlbindung. Kulturspezifische Ausformungen in den USA und Deutschland, Konstanz 2001.
27.
Steffen Sigmund, Zwischen Altruismus und symbolischer Anerkennung. Überlegungen zum stifterischen Handeln in modernen Gesellschaften, in: Axel Jansen et al. (Hrsg.), Eigeninteresse und Gemeinwohlbindung. Kulturspezifische Ausprägungen in den USA und Deutschland, Frankfurt/M. 2001, S. 213–231, hier: S. 228.
28.
Ebd.
29.
Ebd., S. 226.
30.
Vgl. P. Bordieu (Anm. 17).
31.
Francie Ostrower, Why The Wealthy Give. The Culture of Elite Philanthropy, Princeton, NJ 2002, S. 14.
32.
Ebd., S. 69.
33.
Durch die prekärer werdende staatliche Finanzierbarkeit der Sozialleistungen und Steuerungsfähigkeit kam es zu einer Renaissance der Diskussionen um die Zivilgesellschaft. Dabei geht es um Alternativen zum Vertrauen auf institutionelle Mechanismen durch den verstärkten Einbezug der Bürger und ihrer Gemeinwohlorientierung. Vgl. T. Adam (Anm. 26); Holger Backhaus-Maul, Traditionspfad mit Entwicklungspotenzial, in: APuZ, (2008) 31, S. 14–20; Herfried Münkler, Bürgerschaftliches Engagement in der Zivilgesellschaft, in: Enquete-Kommission (Anm. 25), S. 29–36.
34.
Vgl. Eva Schulze/Thomas Steffens/Sybille Meyer, Privilegierte Lebenslagen – Gesellschaftliche Eliten – Gemeinwohlorientiertes Handeln, Berlin 2004, S. 94f.
35.
ViD ist eine quantitative Befragung von nahezu 500 reichen Haushalten beziehungsweise 850 reichen Personen in Deutschland aus dem Jahr 2009. Inhalt der Studie sind Erkenntnisse über Sozialprofil, Werte und Einstellungen von Reichen, der Genese ihres Reichtums und seine Verwendung mit einem Fokus auf der Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung. Vgl. W. Lauterbach/M. Kramer/M. Ströing (Anm. 8).
36.
Vgl. Miriam Ströing, Über die Philanthropen unter den Reichen, in: Wolfgang Lauterbach/Michael Hartmann/dies. (Hrsg.), Reichtum, Philanthropie und Zivilgesellschaft, Wiesbaden 2014 (i.E.).
37.
Vgl. ebd.
38.
Für detaillierte Informationen zum Sozialprofil von Reichen gegenüber der Mittelschicht siehe Wolfgang Lauterbach/Alexander Tarvenkorn, Homogenität und Heterogenität von Reichen im Vergleich zur gesellschaftlichen Mitte, in: W. Lauterbach/T. Druyen/M. Grundmann (Anm. 8), S. 57–94.
39.
Vgl. Thomas Gensicke/Sabine Geiss, Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftlichem Engagement, hrsg. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2010.
40.
Vgl. M. Ströing (Anm. 36).
41.
Vgl. Tarek El Sehity/Anna Schor-Tschudnowskaja, Die Perspektive der Vermögenskulturforschung, in: T. Druyen/W. Lauterbach/M. Grundmann (Anm. 9), S. 143–202; Miriam Ströing/Melanie Kramer, Reichtum und die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung, in: ebd., S. 95–142.
42.
Vgl. Steffen Sigmund, Grenzgänge: Stiften zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement und symbolischer Anerkennung, in: Berliner Journal für Soziologie, 10 (2000), S. 333–348, hier: S. 341.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Wolfgang Lauterbach, Miriam Ströing für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.