Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Julia Wippersberg

Prominenz: Entstehung, Erscheinung, Darstellung

Entstehungsbedingungen

Ein starkes Aufkommen an Prominenten ist seit etwa 30 Jahren zu bemerken. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Massenmedien, insbesondere das Fernsehen und das Internet. Der Journalist Neal Gabler sieht die Entwicklung als die vermutlich "einschneidendste und einflussreichste Entwicklung des späten 20. Jahrhunderts, obgleich niemand genau zu wissen scheint, wann, wo oder wie sie entstanden war, außer, dass sie wohl aus jüngeren Tagen stammte".[10] Der Historiker Daniel J. Boorstin liefert bereits 1964 eine lapidare Erklärung für das Funktionieren des Prominentensystems: "Irgend jemand hat stets ein Interesse am Entstehen einer Berühmtheit – vor allem sie selbst, Presseagenten werden dafür bezahlt und Journalisten brauchen Stories."[11] Der Kolumnist Harald Martenstein erklärt das "Promi-Syndrom" als eine Folge der Einführung des Privatrundfunks. Durch private Rundfunksender entstand plötzlich viel Sendezeit, die attraktiv gefüllt werden musste, etwa mit "Prominenten, die man sich selber herstellt".[12] Prominenz steht also in einem engen Abhängigkeitsverhältnis zu den Massenmedien, das aber nicht einseitig ist, da auch die Massenmedien von den Prominenten abhängig sind.[13]

Die Interessen der Medienunternehmen sind (abgesehen von den Eigeninteressen des Prominenten) nicht zu unterschätzen. Die Vervielfachung der Programme und der Sendezeit durch das Aufkommen der privaten Fernsehsender erzeugte eine Spannung zwischen der Notwendigkeit, immer größere Programmflächen füllen zu müssen, und dem Ziel, herausragende Programmereignisse zu schaffen, die dem Publikum als Besonderheit im Gedächtnis bleiben.[14] Castingshows, Talkshows, Reality-TV und weitere "Promi-Formate" (wie "Ich bin ein Star – holt mich hier raus" oder "Let’s Dance") spielen hier eine verstärkende Rolle: Einerseits brauchen sie Prominente als Grundlage für diese Sendungen, andererseits erschaffen sie diese erst für beziehungsweise durch diese Formate. 30 Jahre Privatfernsehen und vermehrte Eigenproduktionen haben Menschen prominent gemacht, die sonst vielleicht nie eine Chance zum Aufstieg in die Medienszene gehabt hätten. Das Fernsehen wird durch die Schaffung eigener Events und Prominenz immer eindeutiger selbstbezogen. Der Medienwissenschaftler Urs Dahinden stellt die Frage, ob die Selbstreferenzialität des Mediensystems eine Produktionsvoraussetzung für Prominenz ist – beantwortet sie aber leider nicht.[15]

Aber auch das Prominentensystem ist selbstreferenziell. Sobald man den Sprung in die Prominenz geschafft hat, bewegt man sich zum großen Teil nur noch innerhalb dieses Systems, das mit dem Mediensystem unlösbar verknüpft ist, da dieses die Voraussetzung für den Prominentenstatus ist. Irgendwann löst sich die öffentliche Beachtung vom Ursprungsgrund, und die Aura des Besonderen umgibt einen schon deshalb, weil man von anderen und vor allem von den Medien beachtet wird: Man ist prominent, weil man prominent ist.[16] Das System trägt sich selbst: "Wer einen hohen Bekanntheitsgrad besitzt, wie ihn Massenmedien erzeugen können, findet schon allein deshalb Beachtung. Prominenz verstärkt sich also selbst."[17] Die Untrennbarkeit der beiden Sphären Prominenz und Mediensystem ist damit klar ersichtlich: Ohne die Medien könnte Prominenz nicht entstehen und existieren, umgekehrt könnten Teile des Mediensystems ohne Prominenz wohl ebenfalls nicht bestehen. Hier zeigt sich deutlich die Symbiose der drei P: Prominenz, Presse und Publikum.

Die Bedeutung der Prominenz lässt sich auch als Phänomen der Populärkultur verstehen, bei der die Entstehung der Massenmedien und Rezeptionsfreiheit des Publikums eine zentrale Rolle spielen. Populärkultur ist bildorientiert, leicht zugänglich und erfordert kaum Anstrengung.[18] "In der Populärkultur artikulieren sich Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte der Menschen."[19] Prominente sind als Phänomen der Populärkultur zu werten. Das Zusammenspiel von bilddominierten Medien und Performanz (als "Optimierung möglichst allgemeinverständlicher, nicht-verbaler, performativer, theatralischer und vorrangig visueller Kommunikationsformen"[20]), von einem Angebot an Lesarten für das Publikum und dem Bedürfnis der Prominenten zur Erhöhung ihres Selbstwerts deuten klar darauf hin: "Stars sind gewissermaßen prototypisches Produkt von Populärkultur."[21]

Entstehung von Prominenz

Da Prominenz als Bekanntheitsattribut definiert ist, das untrennbar mit dem Mediensystem verbunden ist, stellt sich die Frage, wie Prominenz entstehen kann.[22] Wichtig ist, dass es sich um ein Modell auf einer Zeitachse handelt: Prominenz entsteht nicht durch ein einmaliges Herausragen aus der Masse, sondern nur durch kontinuierliche Präsenz beim Publikum.

Die Voraussetzung für allgemeine, freiwillige und positive Prominenz ist eine geeignete Persönlichkeit: Es braucht eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur und einen Hang zum Exhibitionismus. Prominente müssen sowohl über Leistungsfähigkeit als auch über Erfolgstüchtigkeit verfügen, medial attraktiv sein und kommunikative Fähigkeiten aufweisen. Ausgangspunkt für die Entstehung von Prominenz ist nun ein "natürlicher" oder ein "künstlicher" beziehungsweise "inszenierter" Auslöser, aufgrund dessen die Inszenierung der Person mit allen Mitteln der Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere der Personality-PR, erfolgt. Daran schließt die Vermittlung der Person durch die Massenmedien an.

Bei geeigneten natürlichen Auslösern kann für die erste massenmediale Vermittlung die Inszenierung unterbleiben. Durch die massenmediale Vermittlung tritt die Person in die Sphäre des Publikums ein, das der Person Aufmerksamkeit schenkt. Prominenz kann entstehen. Mit dem Eintritt in die Sphäre des Publikums braucht es weitere Bestätigungen der Prominenz (diese können die gleichen Aktivitäten wie der Auslöser sein, diesem ähnlich oder gänzlich andere), Inszenierungen und massenmediale Vermittlung. Damit baut sich eine Spirale im Publikum auf: Je größer der Radius, desto größer ist auch die Prominenz. Bestätigungen und Inszenierungen müssen nicht gleich stark sein, sie können sich mitunter auch wechselseitig ersetzen. Nicht zu ersetzen sind wiederholte massenmediale Vermittlung und Publikum. Diese beiden Faktoren spielen eine konstituierende Rolle: Das Publikum muss die medial vermittelte Person als Prominenten annehmen. Die Annahme des Prominenten durch das Publikum muss aber nicht unbedingt auch die Zustimmung zum Prominenten, zu seinen Überzeugungen oder Verhalten bedeuten.

Ab dem Zeitpunkt, ab dem keine weiteren tatsächlichen Bestätigungen mehr nötig sind, um Vermittlung zu erreichen, kann von Prominenz gesprochen werden. Dies bedeutet nicht, dass keine weiteren Auslöser mehr gesetzt werden, sondern nur, dass es für die Vermittlung nicht mehr notwendig ist. In diesem Falle wird die Inszenierung immer wichtiger. Es ist nicht möglich, einen genauen Zeitpunkt zu nennen, ab dem eine Person als prominent gilt. Dies hängt von dem Auslöser, der Inszenierung und der Annahme durch das Publikum ab.

Fußnoten

10.
Neal Gabler, Das Leben, ein Film. Die Eroberung der Wirklichkeit durch das Entertainment, München 2001, S. 167.
11.
Daniel J. Boorstin, Das Image oder Was wurde aus dem Amerikanischen Traum?, Reinbek 1964, S. 69.
12.
H. Martenstein (Anm. 4), S. 12. Vgl. auch N. Gabler (Anm. 10), S. 172ff.
13.
Vgl. Ulrike Becker, Ein kleiner Mann wird groß. Die Darstellung von Nicht-Prominenten in den unterhaltenden Wochenzeitschriften am Beispiel der "Neue Post", Hamburg 1993, S. 60.
14.
Vgl. Knut Hickethier, Trends in der Programmentwicklung im öffentlich-rechtlichen und im privaten Fernsehen, in: Hermann-Dieter Schröder (Hrsg.), Entwicklung und Perspektiven der Programmindustrie, Baden-Baden 1999, S. 89–103, S. 95.
15.
Vgl. Urs Dahinden, Informationsflut und Aufmerksamkeitsmangel. Überlegungen zu einer Sozialökonomie der Aufmerksamkeit, in: Klaus Beck/Wolfgang Schweiger (Hrsg.), Attention please! Online-Kommunikation und Aufmerksamkeit, München 2001, S. 39–56, hier: S. 46.
16.
Vgl. Jo Groebel, Zwischenruf: Präsenzelite oder die Demokratisierung der Prominenz, in: Ralph Weiß/ders. (Hrsg.), Privatheit im öffentlichen Raum. Medienhandeln zwischen Individualisierung und Entgrenzung, Opladen 2002, S. 507–522, hier: S. 515.
17.
Christoph Neuberger, Online-Journalismus als Instanz der Aufmerksamkeitslenkung, in: K. Beck/W. Schweiger (Anm. 15), S. 217–235, hier: S. 219.
18.
Vgl. Lothar Mikos, Fernsehen im Erleben der Zuschauer. Vom lustvollen Umgang mit einem populären Medium, Berlin–München 1994, S. 24; Udo Göttlich/Rainer Winter (Hrsg.), Politik des Vergnügens. Zur Diskussion der Populärkultur in den Cultural Studies, Köln 2000, S. 7; Hans-Otto Hügel (Hrsg.), Handbuch Populäre Kultur, Stuttgart–Weimar 2003, S. 6.
19.
L. Mikos (Anm. 18), S. 21.
20.
Winfried Fluck, "Amerikanisierung" der Kultur. Zur Geschichte der amerikanischen Populärkultur, in: Harald Wenzel (Hrsg.), Die Amerikanisierung des Medienalltags, Frankfurt/M.–New York 1998, S. 13–52, hier: S. 16.
21.
Ulrich Saxer, Das Starphänomen im dualen Rundfunksystem, in: W. Faulstich/H. Korte (Anm. 4), S. 204–218, hier S. 209.
22.
Für eine detaillierte Beschreibung des Modells inklusive aller Komponenten vgl. Julia Wippersberg, Prominenz. Entstehung. Erklärungen. Erwartungen, Konstanz 2007, S. 153ff.
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