Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Julia Wippersberg

Prominenz: Entstehung, Erscheinung, Darstellung

Sonderformen des Modells zur Entstehung von Prominenz

Es sind einige Sonderformen dieses Modells zu berücksichtigen, die sich um die Prominenzkarrieren von unfreiwillig Prominenten, Prominenten aufgrund von Bildschirmberufen, Berufs- und Interessenprominenz und lokaler Prominenz drehen. Diese Sonderprominenzkarrieren lassen sich als Varianten des Grundmodells darstellen, wobei jeweils ein Faktor des Grundmodells nicht vorhanden (Wille zur Prominenz beziehungsweise geeignete Persönlichkeit) oder nur eingeschränkt gegeben (Größe und Zusammensetzung des Publikums) ist.

Unfreiwillige Prominenz: Bei dieser fehlt es am Wunsch der Person, prominent zu werden. Sie ist nicht geeignet oder nicht gewillt, prominent zu werden, und erlangt diesen Status unfreiwillig aufgrund verschiedener Umstände. Unfreiwillige Prominenz entsteht beispielsweise bei Katastrophen- und Verbrechensopfern, Partnern, Freunden und Kindern von Prominenten sowie Eliteangehörigen. Wenn in den genannten Fällen die Inszenierung unterbleibt, kann die unfreiwillige Prominenz trotz möglicher Anlässe meist beendet werden beziehungsweise festigt sich nicht, da keine weitere massenmediale Vermittlung stattfindet und das Publikum mangels interessanter Aspekte das Interesse an der betreffenden Person verliert.

Prominenz durch "Bildschirmberufe": Eine interessante Sonderform der Prominenz stellen jene Mitarbeiter in Medienbetrieben dar, die in sogenannten Bildschirmberufen tätig sind (vor allem Moderatoren und Nachrichtensprecher). Die Besonderheit zeigt sich in der Vermischung von Auslöser und Vermittlung. Die Arbeit im Medienbetrieb ist ein natürlicher Auslöser, da es sich um eine tatsächliche Leistung handelt, die aber schon im Vermittlungsmedium stattfindet. Auslöser und Vermittlung fallen somit zusammen. Eine weitere (gegebenenfalls berufsferne) Inszenierung ist möglich, aber nicht nötig, da die Person durch ihren Beruf ständige mediale Präsenz erlangt.

Berufs- und Interessenprominenz: Sie wird nicht vom allgemeinen Publikum, sondern von einem anderen, meist kleineren, spezifisch zusammengesetzten Publikum angenommen, das durch einen gemeinsamen Beruf oder ein gemeinsames Interesse gekennzeichnet ist. Bei Berufsprominenten setzt sich das Publikum aus Berufskollegen derselben Branche zusammen. Der (natürliche) Auslöser ist zumeist eine große fachliche Leistung, die Anerkennung findet. Die Vermittlung erfolgt hauptsächlich über Fachpublikationen sowie gegenüber einem Präsenzpublikum (etwa bei Kongressen).

Ein Interessenprominenter entsteht durch ein Publikum mit gemeinsamen Interessen und Vorlieben, vor allem für gesellschaftliche Bereiche, die vergleichsweise wenige Anhänger finden (beispielsweise Oper, Randsportarten oder bestimmte Literaturgattungen). Als (natürliche) Auslöser kommen vor allem die Leistungen in den entsprechenden Interessengebieten in Betracht, die aber nicht für die allgemeine massenmediale Vermittlung ausreichen.

Lokale Prominenz: Auch bei der lokalen Prominenz ist im Unterschied zum allgemeinen Modell das Publikum ein anderes. Es ist – durch geografische Grenzen eingeschränkt – viel kleiner. Die Vermittlung erfolgt hauptsächlich durch persönliche Kontakte, aber auch Lokal- und Regionalmedien spielen eine Rolle.

Jene Formen der Prominenz, die auf einem spezifischen (kleineren) Publikum gründen, können durch massenmediale Berichterstattung den Sprung zur allgemeinen Prominenz machen. Beim Übergang von Berufs- und Interessenprominenz zur allgemeinen Prominenz ist der Glaube an die Leistung seitens des allgemeinen Publikums von enormer Bedeutung, da es die tatsächliche fachliche Leistung aufgrund mangelnder Sachkenntnis zumeist nicht beurteilen kann. Dies kann durch gekonnte Inszenierung erreicht werden, so etwa durch "Übersetzung" von der Fachsprache in allgemein verständliche Sprache.

Nutzen von Prominenz für Kommunikationsbranche und Publikum

Die Massenmedien wie auch die Kommunikationsbranche leben in vielerlei Hinsicht sehr gut von den Prominenten: Prominenz ist ein altbekannter Nachrichtenwert, der Inhalte attraktiver machen kann. Sie sind (zum Teil) einziger Inhalt von Websites, (Klatsch-)Magazinen und TV-Sendungen oder betreiben eigene Formate. Prominente werden in der Werbung und in der Politik als Testimonials eingesetzt. Rund um die Inszenierung von Prominenten sind zudem eigene Branchen entstanden, die mit der Inszenierung der Prominenten ihre Geschäfte machen, "von den Promotoren und Vermittlern über die PR-Berater und Fanpublizisten bis zu den Produktionsfirmen und Händlern mit Accessoires der Stars".[23] Die Personality-PR formt das Image, vermittelt Prominente an die Medien, die Werbung und zu Events und bereitet sie auf diese Auftritte vor.

So stellen Prominente, Medien und "angrenzende Branchen" wie PR oder Werbung einen gut funktionierenden Verwertungsmechanismus dar: Die Massenmedien, die die Prominenz "gemacht" haben, die diesen Personen erst ein Forum und ein bestimmtes Maß an erwartbarer Aufmerksamkeit geboten haben, benutzen sie, um genau dies auch weiterhin gewährleisten zu können. Die Prominenten wiederum streben – vor allem mittels professioneller Inszenierung durch PR und Werbung – weiterhin in die Öffentlichkeit. Durch die permanente Nachfrage des Publikums nach (immer neuen) Prominenten wird der Kreislauf in Gang gehalten: "Beim Aufbau von Prominenz sind Industrie und Publikum Komplizen."[24]

Es ist davon auszugehen, dass das Publikum nur jene Personen als prominent anerkennt, die ihm in irgendeiner Form nutzen. Prominente erfüllen für das Publikum bestimmte Funktionen und Bedürfnisse und lösen Emotionen aus: "Je mehr Reflexionsfläche für tatsächliche, erträumte oder gefürchtete Seinszustände zur Verfügung steht, umso mehr Aufmerksamkeit wird dem Promi zuteil."[25] Im Sinne der Populärkultur lassen Prominente für das Publikum eine Menge an Lesarten zu, jeder Zuschauer holt sich von der Rezeption von Prominenten das, was er in seinem sozialen Kontext braucht oder wünscht.

So stark die Nachfrage einerseits ist, so groß ist andererseits auch die Aufregung über die Prominenten: Sie hätten nichts gesellschaftlich Relevantes geleistet und würden sich nur in den Vordergrund drängen. Dennoch sind Prominente mögliches Identifikationsmodell, Vorbild oder bergen Abgrenzungspotenzial. Sie befriedigen Urinstinkte wie Voyeurismus, Ekel, Schadenfreude und Mitleid und spenden Trost, wenn erkennbar wird, dass Prominente mit denselben Problemen zu kämpfen haben wie "normale" Menschen. Sie stellen gesellschaftsübergreifende gemeinsame Gesprächsthemen dar und können die Zugehörigkeit zu einer Gruppe definieren. Und schließlich sind sie manchmal einfach Unterhaltung und Ablenkung. Auch wenn es negative Ausprägungen im Verhältnis von Prominenten und Publikum geben kann, ist ihre Leistung für die Gesellschaft nicht geringzuschätzen.

Fußnoten

23.
U. Saxer (Anm. 21), S. 214.
24.
Bruno Seemann, Prominenz als Eigentum, Baden-Baden 1996, S. 22.
25.
Marcus Johst, Die Stimmungsmacher, in: cover. Medienmagazin, (2004) 2, S. 22–26, hier: S. 24.
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