Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Joachim Renn

Faszination Adel – Popularität unzeitgemäßer Standesprivilegien als Problem der Demokratie? - Essay

Von tatsächlicher Macht zu tugendhafter Selbstinszenierung

In der rein monarchischen und in der ständischen Ordnung war das Politische beschränkt auf die personale Herrschaft eines – historisch mal mehr, mal weniger strikt – abgeschlossenen Standes, der sich durch komplizierte Verwandtschafts-, Freundschafts- und Klientelbeziehungen bildete. Diese Zeit ist erst einmal vorbei. Nach dem Ersten Weltkrieg – dessen Ausbruch in diesem Jahr immerhin ein volles Jahrhundert hinter uns liegt – war der Adel in Deutschland und mit anderen Akzenten in Österreich zunächst erledigt, das heißt zu großen Teilen delegitimiert und politisch wie rechtlich weitgehend "abgewickelt". Die schmähliche Flucht des lautlos entthronten deutschen Kaisers in sein operettenhaftes Exil, die Abschaffung von Privilegien durch die Weimarer Verfassung, die Aufhebung der Adelstitel in Österreich und so mancher Verlust an Liegenschaften stehen jedenfalls für einen jener seltenen abrupten Brüche, in denen sich eine radikale historische Auswechslung der Eliten vollzieht. Natürlich wird bei solchen Brüchen nicht wirklich alles von heute auf morgen neu. Man muss zwischen dem offiziellen Status einer Gruppe innerhalb des Rechts, der Politik, der verbrieften Besitztitel und dem inoffiziellen, schwer bestimmbaren Ansehen unterscheiden, das eine solche Gruppe "über ihre Zeit hinaus" in den Alltagskulturen einer Gesellschaft noch genießt. So nahm die Geschichte Deutschlands noch einige von Grauen durchzogene Wendungen, bis "die" Gesellschaft hier – wenigstens halbwegs – als ein demokratisiertes Gefüge zwischen politischem System und kultureller Orientierung gelten konnte.

Dass das Ende eines Krieges wenigstens an der Oberfläche der Rechtsordnung von praktischen Verhältnissen das Privileg eines herrschenden Standes hinwegfegen kann, muss ohnehin tiefere Gründe haben als die kurzfristig sichtbare Pleite von Glanz und Glorie im Grauen der Schützengräben. Ohne Zweifel hat sich die Adelsherrschaft im Kriegsverlauf durch das Missverhältnis zwischen der Rhetorik der "schimmernden Wehr" und dem Elend der industriell geführten Materialschlachten entschieden blamiert. Aber die höchst alltagswirksame Neigung, lieber erhebenden Illusionen als bedrückenden Realitäten anzuhängen, war auch nach dem November 1919 kraftvoll genug, um rund um das Phantasma der "Dolchstoß-Legende" traditionellen Halluzinationen Wirkung im politischen Alltagsgeschäft zu verschaffen. Daraus folgt zweierlei: Zum einen ist der Elitewechsel, dem der Adel seine Verwandlung von einem faktisch herrschenden Stand in eine Projektionsfläche für unsortierte Tugend- und Ordnungsfantasien verdankt, nicht tagespolitisch, sondern strukturell bedingt. Die Adelsherrschaft hatte sich durch den Wandel der industrialisierten Welt und den Umbau der Sozialstruktur "überlebt", lange schon bevor das in den Attitüden des zum System gewordenen Untertanengeistes angekommen war.[4] Zum zweiten ist die – hundert Jahre nach Sarajevo – geradezu wiederauferstandene Adelsfaszination in der Alltagskultur ein Phänomen, dessen Bedeutung für den Stand der Demokratie in der Gegenwart eher im Bereich der indirekt wirksamen Fantasien als im Feld ernsthafter Interessen an einer Renaissance ständischer Ordnung zu suchen ist. Hier ist zu vermuten, dass die Faszination des Adels als ein Effekt medialer Fiktionalisierungen die objektiv und strukturell eher geringe Bedeutung einer traditional abgegrenzten Gruppe mit einer Art von bereinigter Projektion überzieht. Diese Projektion würde den Test auf Übersetzung in politische Wirklichkeit nicht überstehen, weil die Fantasie über den Adel die Realitäten seiner ehemaligen Macht von den glänzenden Merkmalen seiner tugendhaften Selbststilisierung abzieht. Übrig bleibt in dieser Subtraktion zum Wunschbild eine Mischung aus Märchenkulisse, Galagarderobe und Charakterfestigkeit.

Fiktive Kompensation für die Entzauberung des Politischen

Strukturell waren die ständische Ordnung und damit der Rang des Geburtsadels sowie der Reiz der Nobilitierung der Bürgerlichen, die das Ständische nachahmt und damit zugleich bestätigt und fiktionalisiert, ohnehin durch Konstitutionalisierung im 19. Jahrhundert (durch die unabwendbare Einbeziehung des dritten Standes in eine verfassungsmäßige Gewährleistung der Staats- und Militärfinanzierung) schon relativiert. Die skandinavischen und die britische Monarchen mögen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges eine reale Solidarisierungsfunktion gehabt haben; sie konnten, beispielsweise in Rundfunkansprachen, als Personifikationen eines sonst nur vage sichtbaren Kollektivs Resistenz veranschaulichen und damit die Moral stärken. Nach dem Krieg aber verlagerte sich die Adresse, an die eine solche Personalisierung gerichtet sein könnte. Heutzutage bieten Königshäuser als personifizierte Landesspitzen auf symbolischer Ebene höchstens eine fiktive Kompensation für die auch in den konstitutionellen Monarchien längst vollzogene Entzauberung des Politischen. Die objektive normative Grundlosigkeit nüchterner politischer Rationalität (administrative und strategische Effizienz und positives Recht) und die Anonymität der Selbstbestimmungseinheit demokratischer Gemeinwesen können dort, wo der Emotionswert eines illusionslosen "Verfassungspatriotismus" nicht genügen will, durch den Schein der anschaulichen, persönlichen und charaktervollen Identität ergänzt werden, sodass die greifbare Substanzialität einer Spitzengruppe als vermeintliches Haupt eines Volkes für den Schein der Einheit sorgen kann, wo keine ist. Wo der demos rechtlich und also abstrakt konstituiert wird, kann der Adel, in diffuser politischer Projektion, als Surrogat der verwandtschaftlichen Substanz des ethnos für Wärme sorgen – auch wenn die entsprechende Flamme als Quelle undeutlicher Identifikation in Wahrheit dem kalten Blitzlicht des Enthüllungsjournalismus entspringt.

Eine solche, eher gefühlte, Unterstellung der Bedeutung des Adels steht offenkundig im direkten Widerspruch zu den Realitäten der Lage einer durch Abstammung gebildeten Gruppe inmitten demokratischer Verfassungsstaaten. Gerade der deutsche Adel, der historisch bezogen auf Regionen und Status ein höchst heterogenes Bild abgab, hat sich erst dann zu einer gewissen Homogenität in puncto Endogamie (Heirat unter Gleichgestellten) und Wertorientierung durchgerungen, als seine objektive Geltung als Stand Geschichte und seine Privilegien – ausgenommen vor allem süddeutsche Grundbesitztümer – Vergangenheit geworden waren.[5] Der Adel, sofern er nicht ausnahmsweise noch vom Staat Apanagen bezieht (und diese nicht zur privaten Unterhaltsleistung innerhalb wohlhabender Adelsfamilien geworden sind), fristet seine keineswegs in jedem Fall üppige ökonomische Existenz auf derselben Grundlage wie der Bürger, und er organisiert sich in Genossenschaften, die eher Selbsthilfegruppen als Standesinstitutionen ähneln. Unterwegs ist aus dem Recht zur Verfügung über den Untertanen die Selbstverpflichtung auf angeblich beispielhafte Tugenden geworden, deren Herkunft aus der Vorzeit allerdings zweifelhaft ist, sofern beispielsweise die öffentlich ausgestellte Wohltätigkeit der Prominenz von ganz anderem Schlage ist als eine paternalistische Versorgung von Leibeigenen lange vor der Erfindung des Sozialstaates.

Fußnoten

4.
Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Das deutsche Kaiserreich 1871–1918, Göttingen 1973.
5.
Vgl. Monika Wienfort, Der Adel in der Moderne, Göttingen 2006, S. 19f., S. 24f.
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