APuZ 22-23/2014: Politik, Medien, Öffentlichkeit

20.5.2014 | Von:
Uwe Hasebrink
Sascha Hölig

Topografie der Öffentlichkeit

Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen

Die Bedeutung, die verschiedenen Medien, Unternehmen und Einzelangeboten den oben skizzierten Befunden entsprechend für die Konstitution von Öffentlichkeit zukommt, bezieht sich auf die Gesamtbevölkerung. In dem Maße, wie diese Bevölkerung kein homogenes Gebilde ist, sondern aus Teilgruppen und Milieus besteht, die sich in ihrer Lebensführung und in der damit verbundenen Art der Teilhabe an öffentlicher Kommunikation unterscheiden, kann das so gezeichnete Bild von Öffentlichkeit irreführend sein. Wie zahlreiche Studien im Zusammenhang mit der Digitalisierung dokumentieren, schlägt sich vor allem das Alter sehr stark in den Mediennutzungsgewohnheiten nieder.[11] Die Gruppe der 14- bis 29-Jährigen gehört bereits seit einigen Jahren zu annähernd hundert Prozent zu den Online-Nutzern. In dieser Altersgruppe übersteigt die tägliche Internetnutzungsdauer die Fernsehdauer wie auch die Dauer der Radionutzung. Zugleich ist die Reichweite der Zeitungen bei den Jüngeren deutlich niedriger. Neben dem Alter ist es vor allem die formale Bildung, die mit Unterschieden hinsichtlich der Bedeutung einzelner Medien zusammenhängt. Formal höher Gebildete nutzen das Internet deutlich mehr und das Fernsehen deutlich weniger als formal geringer Gebildete. Diese Unterschiede deuten im Hinblick auf die Topografie von Öffentlichkeit an, dass sich unter der Oberfläche der oben beschriebenen medienbezogenen Trends spezifische kommunikative Formationen herausbilden, die durch ein besonderes Informationsverhalten gekennzeichnet sind.

Zu fragen ist allerdings, ob diese deutlichen Unterschiede im relativen Stellenwert der verschiedenen Medien auch mit relevanten Unterschieden in der Teilhabe an öffentlicher Kommunikation verbunden sind. Die Studie des Hans-Bredow-Instituts liefert Hinweise darauf, dass die Unterschiede zwischen den Altersgruppen eher auf grundlegende Unterschiede in den Informationsbedürfnissen zurückgehen als auf systematische Verschiebungen der öffentlichen Kommunikation: Bei der allgemeinen Frage nach den wichtigsten Informationsquellen nennen die 14- bis 29-Jährigen zwar, anders als der Bevölkerungsdurchschnitt, am häufigsten Internetquellen. Im Hinblick auf die wichtigsten Quellen für Informationen über das aktuelle Geschehen in Deutschland und der Welt oder für die eigene politische Meinungsbildung verweisen sie jedoch, ebenso wie der Bevölkerungsdurchschnitt, am häufigsten auf Fernsehangebote – wichtigstes Einzelangebot ist auch hier die "Tagesschau" –, und zur Information über die eigene Region sind auch für sie Tageszeitungen die mit Abstand wichtigsten Informationsquellen. Das bedeutet, dass der bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beobachtbare hohe Stellenwert des Internets als allgemeine Informationsquelle sowie ihre hohe Onlinenutzungsdauer offenbar nicht dadurch begründet ist, dass das Internet bestimmte klassische Informationsbedürfnisse besser erfüllt als die etablierten Medien. Der Grund liegt vielmehr darin, dass in dieser Altersgruppe andere Informationsbedürfnisse im Vordergrund stehen, die vom Internet besonders gut bedient werden.

Diese Argumentation setzt an bei einer Unterscheidung zwischen vier grundlegenden Informationsbedürfnissen:[12] erstens dem ungerichteten Informationsbedürfnis, das sich auf Neuigkeiten bezieht, die für die Einzelperson oder die Gesellschaft von Belang sein könnten; zweitens thematischen Interessen, die eine Einzelperson ausbildet; drittens gruppenbezogenen Bedürfnissen, die darauf abzielen, dass die Einzelperson einschätzen kann, was die für sie relevanten Bezugsgruppen denken und für wichtig halten; sowie viertens konkreten Problemlösebedürfnissen, die sich in bestimmten Situationen ergeben und mit der gezielten Suche nach Informationen, mit Hilfe derer das Problem gelöst werden kann, einhergehen. Die Annahme ist nun, dass diese vier Informationsbedürfnisse in Abhängigkeit von der Lebensphase unterschiedlich ausgeprägt sind: So gehört zu den vordringlichen Entwicklungsaufgaben im Jugendalter die Selbst- und die Sozialauseinandersetzung, also die Beschäftigung mit der Frage nach der eigenen Identität und nach der sozialen Position insbesondere in der Peer Group.[13] Im Vordergrund stehen also gruppenbezogene Informationsbedürfnisse, die vor allem von sozialen Netzwerkplattformen bedient werden. Während sich rund um persönliche Hobbies auch erste Interessenschwerpunkte herausbilden, die mit entsprechenden Zielgruppenmedien bedient werden, sind in dieser Altersgruppe insbesondere die ungerichteten Informationsbedürfnisse nur schwach ausgeprägt.

Mit dem Ende der Schulzeit und dem Beginn einer Ausbildung oder eines Studiums sind Weichenstellungen verbunden, die mit einer gewissen Fokussierung der Interessen einhergehen. Es geht darum, sich in der hoch arbeitsteiligen Gesellschaft in einem bestimmten Sektor für eine berufliche Tätigkeit zu qualifizieren und entsprechend spezielle Fertigkeiten zu erwerben. Diese Weichenstellung geht einher mit deutlich ausgeprägteren Themeninteressen, die zur Nutzung entsprechender Zielgruppenmedien führen. Die gruppenbezogenen Bedürfnisse, unter anderem im Hinblick auf die Partnersuche, sind nach wie vor vorhanden, nehmen aber nicht mehr die herausragende Stellung ein wie bei den Jugendlichen.

Im mittleren Erwachsenenalter ist dann in der Regel eine gewisse Etablierung sowohl hinsichtlich der Familiengründung als auch der beruflichen Laufbahn eingetreten. In dieser Phase treten, so die Annahme, die ungerichteten Informationsbedürfnisse stärker in den Vordergrund als zuvor. Die erreichte Stellung in der Gesellschaft lässt die Bedeutung der gruppenbezogenen und themenspezifischen Bedürfnisse etwas in den Hintergrund treten und verlangt nun – sowohl in beruflichen als auch in privaten Kontexten – häufiger, über den Tellerrand der eigenen Profession und Stellung hinauszuschauen und in einem breiteren Sinne als Mitglied der Gesellschaft aufzutreten. Das erfordert entsprechend ein Informationsrepertoire, das das jeweils als gesellschaftlich relevant Erachtete umfasst – auch unabhängig von den individuellen Interessen.

Diese Interpretation der Unterschiede in den Mustern der Informationsnutzung verschiedener Bevölkerungsgruppen – hier exemplarisch für verschiedene Altersgruppen – betont die Bedeutung der Lebenslage und der Alltagsanforderungen für die Herausbildung von Informationsrepertoires. Diese Perspektive lässt sich in verschiedene Richtungen vertiefen, etwa indem verschiedene Typen politischer Kommunikation bestimmt werden.[14] Wie sich aus diesen verschiedenen Repertoires eine Gesamtöffentlichkeit bildet und welche Topografie diese aufweist, soll im abschließenden Punkt diskutiert werden.

Zur kommunikativen Figuration von Öffentlichkeit in digitalen Medienumgebungen

Ausgangspunkt der Überlegungen war, dass die Bürgerinnen und Bürger durch ihre kommunikativen Praktiken, beispielsweise durch die Nutzung von journalistischen Medienangeboten, und die damit verbundene Bezugnahme auf andere Mitglieder der Gesellschaft Öffentlichkeit konstituieren. In diesem Sinne kann Öffentlichkeit als kommunikative Figuration aufgefasst werden, als eine Konstellation von Akteuren, die sich unter Einsatz bestimmter Kommunikationsformen und gestützt auf ein bestimmtes Medienensemble über gemeinsam als relevant erachtete Agenden verständigen und sich dazu Meinungen bilden.[15] In der Folge des tief greifenden medialen Wandels lassen sich erhebliche Verschiebungen im relativen Stellenwert der verschiedenen Medien sowie in den Formen der öffentlichen Kommunikation beobachten. Digitale Plattformen gewinnen an Bedeutung, ebenso Formen der Teilhabe an öffentlicher Kommunikation, die über die reine Rezeption massenmedialer Angebote hinausgehen. Dadurch verändert sich auch die Konstellation der an der Meinungsbildung beteiligten Akteure. Politik, Wirtschaft und zivilgesellschaftliche Organisationen treten zunehmend selbst als Kommunikatoren auf; die einzelnen Bürgerinnen und Bürger haben und nutzen zahlreiche Möglichkeiten, selbst zu publizieren. Die sich herausbildende Topografie der Öffentlichkeit ist damit unter anderem durch fließende Übergänge zwischen der Kommunikation in privaten Zusammenhängen, in persönlichen Öffentlichkeiten und in massenmedialen Öffentlichkeiten gekennzeichnet.

Im Zuge dieser Verschiebungen verändert sich auch die potenzielle Meinungsmacht der verschiedenen beteiligten Akteure. So lässt sich vorherrschende Meinungsmacht künftig nicht mehr allein an der Tatsache festmachen, dass ein Unternehmen einen besonderen Einfluss im Fernsehbereich ausübt. Auch Medienanbietern aus anderen Medienbranchen kann in der veränderten Topografie von Öffentlichkeit maßgebliches Gewicht bei der Meinungsbildung zukommen. Dies ist besonders bei solchen Anbietern im digitalen Bereich zu beachten, die gar nicht selbst im engeren publizistischen Sinne in Erscheinung treten, sondern sich "nur" mit Dienstleistungen rund um die öffentliche Kommunikation befassen, also Suchmaschinen, Internet-Service-Provider oder Anbieter sozialer Netzwerkplattformen: Diese Akteure prägen zunehmend die kommunikative Figuration von Öffentlichkeit, also welche Teile der Bevölkerung sich in welcher Weise worüber verständigen.

Angesichts der oben skizzierten Unterschiede zwischen den Informationsrepertoires verschiedener Bevölkerungsgruppen stellt sich im Hinblick auf die Topografie von Öffentlichkeit auch die Frage, inwieweit diese in der Lage ist, einen die Gesamtgesellschaft einbeziehenden Diskurs über öffentliche Angelegenheiten zu gewährleisten. Anzeichen für eine zunehmende Fragmentierung öffentlicher Kommunikation, im Zuge derer sich Teilgruppen der Gesellschaft mit Hilfe je spezifischer Medien über je spezifische Themen verständigen, liegen zwar vor. Insbesondere die im Onlinebereich als besonderer Service im Sinne der Erfüllung individueller Interessen und Bedürfnisse vermarkteten Optionen von "lernenden" Empfehlungssystemen, die den einzelnen Nutzerinnen und Nutzern vor allem die Inhalte nahebringen, die sie bereits in der Vergangenheit gesucht haben, können einen solchen Trend verstärken.

Bisher allerdings ist die Befundlage in dieser Hinsicht nicht eindeutig. Denn trotz aller Individualisierungsbestrebungen spiegeln die empirisch beobachtbaren Informationsrepertoires des größten Teils der Bevölkerung doch wider, dass es ihnen bei ihrer Mediennutzung nicht zuletzt um die Teilhabe an Öffentlichkeit geht, also darum, in den Prozess öffentlicher Information, Meinungs- und Willensbildung einbezogen zu sein. Dies findet seine Entsprechung in der Tatsache, dass die meisten Kommunikationsforen die jeweils anderen Foren intensiv beobachten und kommentieren: Einerseits stellen massenmediale Angebote ein wesentliches Thema für individualisierte Formen der Onlinekommunikation dar; andererseits berichten Massenmedien zunehmend über "das, was im Netz passiert". In diesem Sinne ist die Topografie der Öffentlichkeit keineswegs von flächendeckender Erosion geprägt, weiterhin sind, etwa im Zusammenhang mit vertrauenswürdigen Medienmarken, klare Formationen, Profile und Verdichtungen von Kommunikation erkennbar.

Fußnoten

11.
Vgl. etwa Ch. Breunig/K.-H. Hofsümmer/C. Schröter (Anm. 4).
12.
Vgl. Uwe Hasebrink/Hanna Domeyer, Zum Wandel von Informationsrepertoires in konvergierenden Medienumgebungen, in: Maren Hartmann/Andreas Hepp (Hrsg.), Die Mediatisierung der Alltagswelt, Wiesbaden 2010, S. 49–64.
13.
Siehe beispielsweise Ingrid Paus-Hasebrink, Lebens-Herausforderungen: Medienumgang und Lebensaufgaben. Was muss kommunikationswissenschaftliche Forschung leisten?, in: M. Hartmann/A. Hepp (Anm. 12), S. 195–209.
14.
Vgl. beispielsweise Martin Emmer/Angelika Füting/Gerhard Vowe, Wer kommuniziert wie über politische Themen? Eine empirisch basierte Typologie individueller politischer Kommunikation, in: Medien & Kommunikationswissenschaft, 54 (2006) 2, S. 216–236.
15.
Vgl. zum Konzept der kommunikativen Figuration Andreas Hepp/Uwe Hasebrink, Kommunikative Figurationen – ein Ansatz zur Analyse der Transformation mediatisierter Gesellschaften und Kulturen, in: Nikolaus Jackob/Oliver Quiring/Birgit Stark (Hrsg.), Von der Gutenberg-Galaxis zur Google-Galaxis. Alte und neue Grenzvermessungen nach 50 Jahren DGPuK, Konstanz 2014, S. 343–360.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Uwe Hasebrink, Sascha Hölig für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.