Steg am Comer See

6.10.2014 | Von:
Jenny Kuhlmann

Exil, Diaspora, Transmigration

Kollektivität versus Individualität: Ein in der wissenschaftlichen Literatur auszumachender Unterschied findet sich darin, dass Exil tendenziell als individuelle Erfahrung gilt.[8] So beschreibt der Kulturtheoretiker Edward Said Exil als "solitude experience outside the group: the deprivation felt at not being with others in the communal habitation".[9] Diaspora bezieht sich dagegen per definitionem auf eine gemeinschaftliche Lebenssituation einer Gruppe von Menschen.

(Un)Freiwilligkeit: Diasporen und Exilierten ist gemeinsam, dass ihre Migration primär durch Umstände in ihrer Heimat verursacht wurde, die nicht mit dem Wunsch, sich ein neues Leben anderswo aufzubauen, in Verbindung stehen. Der Aspekt des Zwangs beziehungsweise der Gewalt wird dabei in der wissenschaftlichen Literatur für beide Konzepte insbesondere hinsichtlich der Ursachen und des Prozesses der Abwanderung herausgestellt. In Bezug auf den Zustand (das heißt ein Leben im Exil oder in der Diaspora) findet der Aspekt der Unfreiwilligkeit jedoch stärkere Betonung für das Exil. Ähnlich wie bei Diaspora handelt es sich beim Exil allgemein um eine langfristige Trennung vom Heimatland infolge von Verbannung, Vertreibung, Ausbürgerung, politischer oder religiöser Verfolgung durch eine Obrigkeit oder untragbaren (politischen) Verhältnissen. Das Verlassen der Heimat beruht somit in beiden Fällen auf Zwang. Während das sich in der Folge ergebende Leben in der Diaspora in der wissenschaftlichen Literatur jedoch durchaus auch auf Freiwilligkeit beruhend betrachtet wird, trifft dies für ein Leben im Exil in der Regel nicht zu.

Heimat und Zugehörigkeit: Ein grundlegender Unterschied zwischen Exil und Diaspora kann in der Vorstellung von Heimat gesehen werden. Während Mitglieder einer Diaspora zwar eine enge (emotionale) Bindung zu ihrem Ursprungsland besitzen, dieses als wahres Zuhause betrachten und ihre eigene (kulturelle) Identität pflegen, sind sie in der Lage, sich mit einem Leben anderswo, das heißt außerhalb ihres Heimatlandes, zu arrangieren, soziale und symbolische Verbindungen zum Aufenthaltsland aufzubauen und dieses zu einem gewissen Grad zur Heimat in der Fremde werden zu lassen. Für Exilierte dagegen bleibt das Leben im Gastland ein provisorischer, vorübergehender Aufenthalt als Fremde "always out of place" und "outside habitual order", das Gastland selbst ein "territory of non-belonging".[10] Der Hauptbezugspunkt ihrer Loyalität bleibt ihr Heimatland. Anders als Diasporen sind sie nicht fähig (oder bereit), neue Wurzeln zu schlagen.[11]

Wunsch nach Rückkehr: Exil und Diaspora unterscheiden sich auch in ihrem Verständnis von Rückkehr. Anders als für Exilierte stellt das Heimatland für Diasporen nicht zwangsläufig einen Ort der unmittelbaren physischen Rückkehr dar. Es bildet vielmehr einen wichtigen (geistigen) Bezugspunkt der eigenen individuellen und kollektiven Identität und Zugehörigkeit. Zwar streben auch Diasporen prinzipiell nach Rückkehr, sind gedanklich fest in ihrer Heimat verankert und identifizieren sich mit dieser; wenn diese jedoch nicht erreichbar ist, nicht länger existiert oder identifiziert werden kann, sind sie in der Lage, zu akzeptieren, dass eine physische Rückkehr vielleicht niemals möglich sein wird. Diaspora ist ein beständiger, wenn nicht permanenter Zustand, der Generationen überdauern kann. Exil dagegen, obgleich prinzipiell ebenfalls langfristig, wird von Exilierten selbst lediglich als temporärer Zustand begriffen. Für sie ist die Heimat ein physischer Ort, an den es, sobald es die Umstände zulassen (das heißt sobald die für das unfreiwillige Verlassen der Heimat verantwortlichen Ursachen beseitigt sind), zurückzukehren gilt. Exil geht also nicht nur mit der Sehnsucht nach der Heimat einher, sondern auch mit dem allgegenwärtigen Streben nach baldiger, tatsächlicher Rückkehr.[12]

Identität: Obgleich sich Diasporen, ebenso wie Exilierte, stark mit ihren historischen, religiösen, kulturellen, linguistischen und nationalen Wurzeln identifizieren, haben auch die Erfahrungen des Prozesses und des Ergebnisses ihrer Abwanderung Auswirkungen auf ihre Identitätsformierung. In der Diasporaforschung werden die Identitäten von Diasporen daher häufig als hybride beziehungsweise fragmentierte Identitäten beschrieben, die sich als Resultat verschiedener Einflüsse und der Entwicklung eines Empfindens mehrere Zugehörigkeiten hier (Aufenthaltsland) und dort (Heimatland) ergeben. Hybridität und Heterogenität sind Attribute, die Exilierten dagegen weniger zugeschrieben werden. Edward Said beschreibt Exil als einen grundsätzlich unterbrochenen Daseinszustand, der aus der erzwungenen Trennung der Exilierten von ihren Wurzeln, ihrem Land und ihrer Vergangenheit resultiert.[13] Exilierte begreifen sich als Ausgegrenzte im doppelten Sinne: Sie sind ausgeschlossen vom Leben in ihrer Ursprungsgemeinschaft im Heimatland und sie gehören nicht zur Gesellschaft, in der sie leben (müssen). Ihre Identität orientiert sich klar an ihrer Heimat, ohne das Bedürfnis der kulturellen Anpassung an eine Aufnahmegesellschaft, in der sie nur gezwungenermaßen zu Gast sind und für die sie kein Gefühl der Zugehörigkeit empfinden.

Transnationalität: Diaspora wird in der Migrationsforschung allgemein als ein Netzwerk verschiedener Gemeinschaften gleichen Ursprungs außerhalb des Heimatlandes verstanden, das die triadischen Beziehungen zwischen der (global) zerstreuten Diaspora, den verschiedenen Aufnahmeländern sowie dem Heimatland umfasst. In dieser Eigenschaft einer spezifischen Form transnationaler Gemeinschaften, die nicht nur bedeutende soziale und symbolische Beziehungen zum Heimat-, sondern auch zum Aufenthaltsland unterhalten, unterscheiden sich Menschen in der Diaspora von Exilierten, deren primärer Bezugspunkt beim Heimatland liegt.[14]

Politische Aktivitäten: Obwohl sowohl Diaspora als auch Exil im Allgemeinen einen politischen Hintergrund der unfreiwilligen Migration aus dem Herkunftsland implizieren, trägt insbesondere das Konzept Exil eine starke politische Konnotation. Die empirische Exilforschung und die historische und gegenwärtige Exilliteratur kennen zahlreiche Beispiele von Exilierten, deren Leben von politischem Kampf und dem starken Wunsch, wenn nicht sogar dem Gefühl der Pflicht, nach dem Exil zurückzukehren, bestimmt war und ist. Folglich wird Exil auch konzeptionell häufig im Zusammenhang mit heimatlandpolitischem Aktivismus oder dem Diskurs eines zu erreichenden politischen Wandels im Herkunftsland diskutiert. So sieht der Politikwissenschaftler Yossi Shain Exilierte als aus dem Heimatland Vertriebene, die durch politische Aktivitäten, die gegen die Politik des Regimes im Heimatland, gegen das Regime selbst oder gegen das gesamte politische System gerichtet sind, versuchen, Bedingungen für eine baldige Rückkehr zu schaffen.[15] Obwohl auch Diasporagemeinschaften politisch aktiv sind, steht der politische Kontext für das Konzept Diaspora nicht so zentral im Vordergrund wie er dies für Exil tut.

Definitionen beanspruchen in der Regel Allgemeingültigkeit und Unveränderlichkeit. Exil und Diaspora sollten jedoch nicht als statische Zustände verstanden werden: Sie überschneiden sich semantisch und konzeptionell und können ineinander übergehen. So kann Diaspora als mögliche Entwicklung von Exil betrachtet werden, das heißt, Exil kann mit der Zeit zu Diaspora werden, wenn die ersehnte, baldige Rückkehr ins Heimatland verwehrt bleibt. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn sich über einen langen Zeitraum keine politischen Veränderungen im Heimatland ergeben und Exilierte ihre Hoffnung auf Rückkehr ins Heimatland aufgeben. Oder wenn sie sich mit der Vorstellung, irgendwann zurückzukehren, arrangieren, sich graduell auf ein Leben im Aufenthaltsland physisch und gedanklich einlassen, eine Neuverhandlung von Heimat trotz des Wunsches nach Rückkehr zulassen und sich in der Lage sehen, Wurzeln an einem Ort zu schlagen, der zuvor als lediglich vorläufig und vorübergehend erschien.[16] Auch muss sich die Exilidentität der ersten Generation mit ihren entsprechenden sozialen, kulturellen und politischen Interaktionsmustern, Praktiken und Identifikationen nicht zwangsläufig in den folgenden Generationen fortsetzen.[17] In der Tat sehen einige Wissenschaftler Exil nur als adäquate Beschreibung für die Erfahrungen der ersten Generation, während alle nachfolgenden Generationen zutreffender als Diaspora zu verstehen sind.[18]

Fußnoten

8.
Vgl. James Clifford, Diasporas, in: Cultural Anthropology, 9 (1994) 3, S. 302–338, hier: S. 308, S. 329; Avtar Brah, Cartographies of Diaspora, London–New York 1996, S. 193.
9.
Edward Said, Reflections on Exile, in: More Robinson (Hrsg.), Altogether Elsewhere: Writers on Exile, Boston 1994, S. 137–149, hier: S. 140.
10.
Ebd., S. 140, S. 143, S. 149.
11.
Vgl. A. Brah (Anm. 8), S. 197; E. Said (Anm. 9).
12.
Vgl. Halleh Ghorashi, Ways to Survive, Battles to Win, New York 2003, S. 133ff.
13.
Vgl. E. Said (Anm. 9), S. 140.
14.
Vgl. Thomas Faist, Transnationalization in International Migration, in: Ethnic and Racial Studies, 23 (2000) 2, S. 189–222, hier: S. 197.
15.
Vgl. Yossi Shain, The Frontier of Loyality, Ann Arbor 2005, S. 15.
16.
Vgl. Bendetta Calandra, Exil and Diaspora in an Atypical Context, in: Buletin of Latin American Research, 32 (2013) 3, S. 311–324, hier: S. 320; Nicholas von Hear, From Durable Solutions to Transnational Relations: Home and Exile Among Refugee Diasporas, Genf 2003, S. 1.
17.
Vgl. Erik Olsen, From Exile to Post-Exile: The Diasporisation of Swedish Chileans in Historical Contexts, in: Social Identities, 15 (2009) 5, S. 659–676, hier: S. 660.
18.
Vgl. Kim D. Butler, Defining Diaspora, Refining a Discourse, in: Diaspora, 10 (2001) 2, S. 189–219, hier: S. 192.
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