Steg am Comer See

6.10.2014 | Von:
Sandra Narloch
Sonja Dickow

Das Exil in der Gegenwartsliteratur

Auch Klaus Modick wendet sich in seinem Roman "Sunset" (2011) der Exilgemeinde in Südkalifornien zu. Die Handlung setzt an jenem Morgen 1956 ein, an dem Lion Feuchtwanger die Nachricht vom Tod Bertolt Brechts erhält. Während Feuchtwanger durch die Zimmer seines weitläufigen Hauses, der berühmten Villa Aurora, streift, ruft er sich noch einmal die Stationen ihrer Freundschaft ins Gedächtnis. Zeichnet sich "Pazifik Exil" mit zahlreichen Perspektivwechseln durch seine Vielstimmigkeit aus, präsentiert sich Modicks Feuchtwanger-Roman als einsame Zwiesprache. Gezwungenermaßen, denn: "Die Freunde und Gefährten des Exils sind längst nach Europa zurückgekehrt. (…) Oder gestorben."

So wirkt auch Feuchtwangers prächtige Villa, die in der Vergangenheit ein "Zufluchtsort für viele" war, inzwischen verlassen. Und doch kommt dem Haus gerade angesichts der Abwesenheit seiner ehemaligen Gäste eine besondere Bedeutung zu. Mit der umfangreichen Bibliothek Feuchtwangers ist es inzwischen eine "Arche für Bücher" geworden. Das Büchersammeln ist dabei mehr als eine persönliche Leidenschaft. "Es ist eine Sucht, gewiss, aber ist es nicht auch die Rettung des Menschheitsgedächtnisses? All die verwaisten Bände, die heimatlos durch die Welt treiben. Wer, wenn nicht er, soll sie retten, ihnen Zuflucht und Asyl gewähren?" Modick zeichnet damit ein Bild von Feuchtwanger, das ihn nicht nur als letzten Vertreter des kalifornischen Schriftstellerexils zeigt, sondern auch als Verwalter eines kulturellen Erbes. Wem aber wird diese Aufgabe nach ihm zukommen? Dass es auch um die Gesundheit des 72-Jährigen nicht zum Besten steht, wird bereits zu Beginn des Romans deutlich. Längst steht dabei für Feuchtwanger fest: "Auch ihn wird man unter Palmen begraben. Als Staatenlosen. Ohne Staatsakt." Eine Rückkehr nach Europa ist für den "jüdische(n) Autor, der deutsch schreibt und kosmopolitisch denkt" ausgeschlossen. Ein Zuhause findet Feuchtwanger in der Literatur, die nicht an Ländergrenzen gebunden ist. "Heimat und Unterschlupf" bietet ihm das Schreiben, Zuflucht findet er in der "Exterritorialität des weißen Papiers". Die Villa Aurora hingegen ist und bleibt fest an ihren Standort gebunden. Feuchtwangers "Arche des Exils" kann weder schwimmen noch auf anderem Wege den Ozean überqueren und so ankert sie auch nach dem Tod des Schriftstellers weiter im kalifornischen Exil.

Indem Modick das Medium der Literatur einerseits als transnational und kosmopolitisch beschreibt, zugleich aber auch an einer spezifischen Stätte des historischen Exils verortet, verweist er indirekt auch auf die Notwendigkeit, Gedächtnisorte zu schaffen, an denen die Erinnerung an das Exil dauerhaft und generationenübergreifend gebunden werden kann. Damit lässt sich "Sunset" auch in Verbindung setzen zu Herta Müllers Forderung nach einem "Museum des Exils". Die Nobelpreisträgerin rief 2011 öffentlich dazu auf, in Deutschland "einen Ort möglich zu machen, in dem an die Erfahrungen des Exils, an die erste Vertreibung, würdig gedacht werden kann. Einen Ort, der auch Verbindungen knüpfen kann an die Erfahrungen des Exils nach dem Krieg, an die aus der DDR und anderen osteuropäischen Diktaturen vertriebenen Künstler."[10]

Im Netz der Sprachen und Kulturen

In Olga Grjasnowas Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" (2012) wird die traditionelle Definition von Heimat und Fremde als Gegensatzpaar immer wieder infrage gestellt. Dies geschieht einerseits, indem die Figuren – allen voran die Protagonistin Mascha Kogan – mehrere nationale, kulturelle und religiöse Bezugspunkte besitzen und sich gegen Festschreibungen wie die Deutsche, die Russin, der Moslem, der Migrant, die Jüdin, die Israelin zur Wehr setzen. Andererseits spielen Erinnerungen an die traumatische persönliche und nationale Geschichte eine wichtige Rolle. Der Roman verhandelt Erinnerung als Praxis, die Ländergrenzen überschreiten und Menschen verbinden kann, anstatt sie in Nationalismen voneinander zu trennen. In gleichem Maße bleiben jedoch auch Unterschiede bestehen: So lassen sich die Verlust- und Gewalterfahrungen, die die Biografien der Figuren prägen, bei Grjasnowa gerade nicht in Universalisierungen aufheben.

Anhand der jungen, international ausgebildeten und um die Welt reisenden Figuren wird hier ein Netzwerk gesponnen, das unterschiedlichste Exilerfahrungen miteinander verbindet: Mascha musste mit ihrer Familie vor dem ethnisch motivierten Bürgerkrieg in Aserbaidschan nach Deutschland fliehen, Sami vor dem Bürgerkrieg in Beirut. Während eines längeren Aufenthaltes in Israel begegnet Mascha Palästinensern, deren Geschichte von Gewalt geprägt ist, wie jene der Israelis auch. Mascha, die aus einer jüdischen Familie stammt, reflektiert Brüche und interne Differenzen in ihren Identitätsaushandlungen, anstatt diese auf einen "Anderen" projizieren zu müssen. Heimat wird hier zu einem Konzept, das, seiner Verklärung beraubt, vor allem sein Gewaltpotenzial offenlegt: "Wonach ich mich sehnte", so Mascha, "war ein vertrauter Ort. Eigentlich hielt ich nichts von vertrauten Orten – der Begriff Heimat implizierte für mich stets den Pogrom." Auch Israel wird Mascha nicht zu einer Heimat. Sie macht keine Alija, unter der in Israel nicht eine Immigration, sondern die Rückkehr aus dem Exil in das Heilige Land verstanden wird. Ihr geht es nicht darum, anzukommen, sie reist nach Israel, um sich "verlieren und nie wieder aufsammeln" zu müssen. Grjasnowa verbindet in ihrem Roman die jüdische Exilerfahrung mit anderen Migrations- und Entortungserzählungen, beispielsweise von Menschen muslimischen Glaubens. Mascha, die als Dolmetscherin auch sprachliche Grenzen überwindet, legt dar, wie die Trennschärfe zwischen Heimat und Fremde, Eigenem und Anderem verblasst und das Exil auf verschiedene Konstellationen und Erfahrungen beziehbar wird.

Die Vertreibung aus der Heimat ist in den meisten Fällen auch mit der Notwendigkeit verbunden, sich in einer neuen Sprache einzuleben. Diese Herausforderung, mit der insbesondere exilierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu kämpfen haben, stellte bereits in Texten des Exils 1933 bis 1945 ein wichtiges Thema dar. Den Fragen, was im Exil mit der Muttersprache geschieht und ob der Wechsel in eine andere Sprache gelingen kann, geht auch der Roman "Die undankbare Fremde" (2012) von Irena Brežná nach. Für die namenlose Ich-Erzählerin, die aus einer nicht näher bezeichneten Diktatur in die Schweiz geflohen ist, wird Sprache zu einem Faktor, der im Exil über die erfolgreiche kulturelle und gesellschaftliche Beteiligung entscheidet. Es geht dabei, in den Worten der Erzählerin, um das "Überleben als sprachliches Wesen". In zwei Handlungssträngen, einerseits der Schilderung des prozesshaften Einlebens in der Schweiz, anderseits der späteren Tätigkeit der Erzählerin als Dolmetscherin, wird insbesondere auf die Ausgrenzungsmechanismen einer Sprachgemeinschaft Bezug genommen.

Fußnoten

10.
Herta Müller, Menschen fallen aus Deutschland. Brief der Nobelpreisträgerin Herta Müller an Bundeskanzlerin Angela Merkel, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.6.2011, S. 39.
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