Steg am Comer See

6.10.2014 | Von:
Sandra Narloch
Sonja Dickow

Das Exil in der Gegenwartsliteratur

So beginnt das Exil der Erzählerin mit einem sprachlichen Gewaltakt. Die für die Schrift der Muttersprache charakteristischen Akzente, die "Flügel und Dächlein" werden ihrem Namen von einem Grenzbeamten genommen. "Er strich auch meine runde, weibliche Endung, gab mir den Familiennamen des Vaters und des Bruders. Diese (…) ließen meine Verstümmelung geschehen." Mit viel Ironie wendet sich Brežnás Erzählerin im Folgenden den Redewendungen und Floskeln der Schweizer, ihren kulturellen Codes und Gesten zu. Dabei führt der Roman vor, wie sprachliche Ausdrucksformen die Gemeinschaft konstituieren und sie nach außen hin abschotten. Schweizer Dialekte bleiben der Erzählerin lange Zeit unzugänglich wie abgelegene Bergtäler. Der Problematik des Sprachwechsels im Exil begegnet die Protagonistin mit kreativen Wortspielen und einem Gespür für sprachliche Besonderheiten, wodurch der Roman immer wieder das Augenmerk auf die Möglichkeit lenkt, im Exil keinen "Sprachtod" zu erleiden, sondern mit der Zeit zu einer neuen Sprache und Strategien der Verständigung zu finden. Es zeigt sich schließlich ein Weg in die Gemeinschaft anderer Exilierter auf. Über die geteilte Erfahrung der Fremde kann eine Vorstellung von Kultur gelebt werden, die durch Vernetzung und Offenheit gekennzeichnet ist: "Dort, wo (…) Gemeinschaften den bunten Überwurf weiterspinnen, flechte ich meine Fäden hinein." Kultur und Sprache werden durchlässig, zugleich stark und schützend wie ein Gewebe. "Ein neues Kleid würde ich mir zusammenschneidern, ein nie da gewesenes. Noch wusste ich nicht, (…) dass Kulturen farbige Stoffe sind, verhandelbar, dass ich auch Händlerin werden würde (…). Dort, irgendwo zwischen den Welten, ist ein Platz für mich. Er wurde nicht für mich reserviert, ich habe ihn mir errungen." Das Thema des Textilen verweist auf den Stoff als Erzählstoff, auf den literarischen Text selbst. Fremdheit und Vielfalt werden zu einem wichtigen Merkmal der Kultur, die als Patchwork-Kleid gedacht wird. "Die undankbare Fremde" verhandelt somit über das Thema Sprache auch das Potenzial von Kreativität im Exil und von der literarischen Sprache als Überlebensstrategie in der Fremde.

Fluchtgeschichten: Schreiben im Exil

Besonderen Einfluss auf gegenwärtige Auseinandersetzungen mit Flucht und Vertreibung übt der Zusammenbruch Jugoslawiens aus. So zählen die Bürgerkriege der 1990er Jahre inzwischen "zu den literarisch meistbearbeiteten Konflikten der Gegenwart".[11] Dem Zerfall des einstigen Vielvölkerstaats wendet sich in seinem Debütroman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" (2006) auch Saša Stanišić zu. Im Mittelpunkt steht hier der junge Ich-Erzähler Aleksandar Krsmanović, der aus kindlicher Perspektive davon berichtet, wie der Bosnienkrieg in seine Heimatstadt Višegrad einfällt. Aleksandar, Sohn eines serbischen Vaters und einer bosnischen Mutter, steht dabei buchstäblich zwischen den Fronten. Im Frühjahr 1992 flieht Aleksandar vor der eskalierenden Gewalt mit den Eltern nach Deutschland. Als der Krieg dreieinhalb Jahre später offiziell für beendet erklärt wird, zeigt er sich erleichtert, aber auch besorgt: "Es sieht so aus, als müssten wir zurück nach Bosnien. Ich möchte aber nicht in die Stadt zurück, aus der man alle vertrieben hat. Nicht zurückzuwollen ist die einzige Sache, in der meine Eltern und ich einer Meinung sind." Nur knapp war die Familie mit ihrer Flucht den ethnischen Säuberungen in ihrer früheren Heimatstadt entkommen. Um der von den deutschen Behörden verordneten "freiwillige(n) Rückkehr" an diesen Ort zu entgehen, entschließen sich die Eltern zur Emigration in die USA, während Aleksandar in Deutschland die Schule beendet.

Mit der Frage der Remigration greift der Roman ein Thema auf, das nach 1945 auch die aus Nazideutschland Exilierten vielfach beschäftigte. Auch hier schien ein "bruchloses Anknüpfen an das Verlassene und Verlorene (…) in den wenigsten Fällen denkbar".[12] So formulierte etwa Carl Zuckmayer: "Die Fahrt ins Exil ist ‚the journey of no return‘. Wer sie antritt und von der Heimkehr träumt, ist verloren. Er mag wiederkehren – aber der Ort, den er dann findet, ist nicht mehr der gleiche, den er verlassen hat, und er selbst ist nicht mehr der gleiche, der fortgegangen ist."[13]

Auch Stanišićs Ich-Erzähler kommt es vor, als wäre ein Aleksandar in Višegrad geblieben, während ein anderer in Deutschland lebt. Die Erinnerung an sein früheres Leben verblasst, doch Aleksandar findet einen Weg, sich der "angefangenen und nicht zu Ende gebrachten" Version seiner selbst wieder zu nähern: Er beginnt zu schreiben. Aus der Situation des Exils heraus verfasst er fantastisch-skurrile Geschichten, in denen er das Jugoslawien seiner Kindheit wieder auferstehen lässt. Das in den Roman eingelassene "Als-alles-gut-war"-Buch präsentiert sich dabei als ein kreatives Spiel mit Erinnerung und Erfindung, über das sich Aleksandar eine Heimat erdichtet, die auf keiner Landkarte zu finden ist. Ohne die Schrecknisse des Krieges zu beschönigen, führt Stanišić so den kreativen Prozess einer Verwandlung von Heimatverlust in Literatur vor.

Mit gewaltsamer Vertreibung und der Bedeutung des Schreibens im Exil setzt sich ebenfalls der aus dem Irak geflohene Autor Abbas Khider auseinander. Auch bei den Protagonisten in Khiders Debütroman "Der falsche Inder" (2008) handelt es sich um Vertriebene. Am Berliner Bahnhof Zoo findet ein namenloser Erzähler in einem Zug ein auf Arabisch verfasstes Manuskript, das hier von einem unbekannten Autor zurückgelassen wurde. Es trägt den Titel "Erinnerungen" und stammt aus der Feder eines gewissen Rasul Hamid, der offenbar genau wie der Erzähler aus dem Irak nach Deutschland geflohen ist. Über die lebensgefährliche Odyssee, die für beide Figuren nach Zwischenstationen in Libyen, Tschad, Tunesien, Ägypten, Jordanien, Libanon, Türkei, Griechenland und Italien schließlich in Deutschland endet, heißt es: "Ich wechselte die Städte Asiens, Afrikas und Europas wie andere Leute ihre Hemden." Geldsorgen, kriminelle Schlepperbanden, Sprachbarrieren und politische Verfolgung durch Spitzel im Ausland bestimmen das Leben der Geflüchteten. Damit weisen sie auch Parallelen auf zu Texten des historischen Exils, in denen Verfolgte des Naziregimes und Staatenlose an verschiedenen Transitstationen in Europa den schwierigen Kampf um Ausweispapiere und Ausreisemöglichkeiten beschreiben.

Die Flüchtlingsproblematik verbindet sich bei Khider mit der zentralen Frage, wie von der Flucht Zeugnis abgelegt werden kann. Über das Manuskript – das von dem einen verfasst und von dem anderen gefunden, vielleicht sogar weiter bearbeitet wird – überblendet der Roman die Schicksale der beiden Erzähler. Mit dem literarischen Verfahren der Spiegelung wird dadurch zugleich die Exilerzählung von ihrer Gebundenheit an den einzelnen Verfasser und dessen Autorität gelöst. Die Geschichte des Exils, die selbst auf Reisen geht, ist also nicht mehr an ein individuelles Schicksal – oder aber an die Biografie des Autors – gekoppelt.

Neue Lesarten des Exils

Die hier vorgestellten Exilerzählungen der Gegenwart sind in ihren Auseinandersetzungen mit Heimat, Gemeinschaft und Sprache ebenso vielseitig, wie die unterschiedlichen Exilsituationen, auf die sie sich beziehen. Was sie verbindet, ist die tief greifende Skepsis gegenüber dem Konzept der Nationalkultur, das heute kaum noch in der Lage erscheint, die Vielfalt der transkulturellen und transnationalen Lebensentwürfe des 21. Jahrhunderts angemessen zu erfassen. Mit ihren individuellen Erfahrungen von Flucht und Vertreibung machen sie zugleich eindrücklich auf die gewaltsamen Ausschlussmechanismen aufmerksam, die mit nationalen Gemeinschafts- und Identitätskonzepten unweigerlich verknüpft sind.

"Was heißt und zu welchem Ende studiert man Exilliteratur?" Eine Antwort auf diese eingangs gestellte Frage ist – anknüpfend an die vorausgegangenen Überlegungen – möglicherweise auch in Doron Rabinovicis Roman "Ohnehin" (2004) zu finden. Im Mittelpunkt stehen der Wiener Neurologe Stefan Sandtner und sein Patient Herbert Kerber, ein ehemaliger SS-Mann, der inzwischen an Alzheimer leidet. Bei seinen Hausbesuchen wird Sandtner in einen Streit zwischen Kerbers Kindern verwickelt. Soll dem Vater das Vergessen gegönnt werden, wie der Sohn meint? Oder soll der Vater, wie die Tochter fordert, zur Erinnerung gezwungen werden? Welche moralische Verpflichtung resultiert für die Nachkommen aus den Verbrechen des Vaters? Während sich Sandtner ganz auf die Familie Kerber und ihre Konflikte konzentriert, bemerkt er nicht, dass seine Freundin Flora dringend seine Hilfe benötigt. Die aus Ex-Jugoslawien stammende Filmemacherin steht wegen ihrer ablaufenden Papiere kurz vor der Ausweisung, auch ihr Freund Goran ist von Abschiebung bedroht. Als Sandtner den Ernst der Lage endlich begreift, ist es bereits zu spät.

Indem er Fragen der Erinnerung und Aufarbeitung mit hochaktuellen Debatten um Asyl und Aufenthaltsrecht verschränkt, plädiert Rabinovici ausdrücklich dafür, die historischen und gegenwärtigen Konstellationen, die zu Verfolgung und Vertreibung geführt haben, nicht weiterhin isoliert voneinander zu betrachten. Einer Exilliteraturforschung, die ihren Blick in diesem Sinne über das Exil 1933 bis 1945 hinaus für gegenwärtige Exilerzählungen zu öffnen sucht, geht es dabei keinesfalls um ein Überschreiben der historischen Exilerfahrung. Indem sie die überzeitlichen Verbindungslinien zwischen verschiedenen Exilsituationen betont und so das historische Exil als Vorgeschichte heutiger Konflikte und Entortungserfahrungen lesbar zu machen sucht, trägt sie vielmehr entscheidend dazu bei, das Gedenken an die vor den Nationalsozialisten geflohenen Autorinnen und Autoren auch für kommende Generationen wach und lebendig zu halten.

Fußnoten

11.
Sigrid Löffler, Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler, München 2014, S. 301.
12.
D. Bischoff/S. Komfort-Hein (Anm. 6), S. 2.
13.
Carl Zuckmayer, Als wär’s ein Stück von mir, Frankfurt/M. 1967, S. 461.
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