Steg am Comer See

6.10.2014 | Von:
Eva Dickmeis
Jana Reissen-Kosch
Frank Schilden

Asyl im Exil? Eine linguistische Betrachtung

Flucht als begriffskonstituierendes Element

Wie bei den Themen und Argumentationsmustern lassen sich auch auf lexikalischer Ebene parteispezifische Blickrichtungen bei der Konstruktion des Asylbegriffs ausmachen, die das bislang gezeichnete Bild vervollständigen: Die Betrachtung von Wörtern, die innerhalb der Asylthematik besonders häufig verwendet werden, hat gezeigt, dass sich die verschiedenen Parteien durch die Verwendung bestimmter Begriffe gruppieren lassen. Hierbei werden das Wort Asyl selbst, um dessen nähere Bestimmung es geht, oder auch Wortverbindungen mit Europa oder Deutschland, deren Verwendung im Europawahlprogramm deutscher Parteien kaum Rückschlüsse zulässt, nicht berücksichtigt.

Die Begriffskategorien, in denen sich die häufig verwendeten, bedeutungsähnlichen Wörter der verschiedenen Europawahlprogramme bündeln lassen, deuten unterschiedliche Fokussierungen bei der Betrachtung der Asylthematik an: Flucht, Herkunft, Sozialsystem, Mensch, Grenze und Schutz sind Kategorien, die den Asylbegriff von jeweils mindestens zwei der 13 betrachteten Parteien beeinflussen. Schwer einzuordnen ist die FaP, bei der nur das Wort Integration auffallend häufig verwendet wird. Dass diese Partei Asylsuchende vor allem nach dem Grad der Integrationsbereitschaft beurteilt, ist weiter oben bereits deutlich geworden und kann hiermit noch einmal bestätigt werden.

In der Kategorie Flucht sind die Wörter subsumiert, die den Blick auf die Situation der Menschen richten, die aus einem Land fliehen mussten, weil sie dort verfolgt wurden oder in unmittelbarer Gefahr schwebten. Dazu gehören Wörter wie Flüchtling, Fluchtgrund, fliehen, Flucht oder Fluchtursachen, die vor allem in den Texten der Grünen, Linken, Piraten, SPD, ÖDP, TsP, FW und CDU sehr häufig verwendet werden, dabei den Blick meist auf die Perspektive der Flüchtlinge lenken und an die Solidarität des Lesers appellieren. Ausnahmen stellen in dieser Parteienkonstellation FW und TsP dar, die zwar auch überdurchschnittlich häufig Wortverbindungen mit Flucht verwenden, aber aus anderer Perspektive, die sich durch die nähere Betrachtung der jeweils parteispezifischen Lexik offenbart.

Bei den FW finden sich zwar häufig Wörter der Kategorie Flucht, im Wahlprogramm geht es aber auch um eine "Flüchtlingsproblematik" (S. 41), womit die Partei eher aus Sicht der EU an das Thema herangeht, die mit dieser Problematik umgehen muss. Mit dieser Sichtweise korreliert auch die Tatsache, dass die FW im Vergleich zu den anderen Parteien, die häufig Wörter der Kategorie Flucht verwenden, Asylsuchende eher selten als Menschen bezeichnen und dafür häufiger den Begriff der Herkunft einbeziehen, auf die sich die Partei in der Entwicklungszusammenarbeit – das dritte zentrale Wort im Europawahlprogramm der Partei – konzentrieren will. Die Partei bezieht also die Fluchtsituation als begriffskonstituierendes Element ein, sieht Asylsuchende aber primär als Menschen mit einer bestimmten Herkunft außerhalb der EU. So scheint es für sie auch wichtiger zu sein, die Situation der Flüchtlinge in ihrem Heimatland zu verbessern, damit möglichst wenige Menschen flüchten müssen, als den Blick auf das Zusammenleben innerhalb der EU und die akut notwendige Hilfe für Flüchtlinge zu lenken.

Dieser Sichtweise folgen auch CSU und AfD in mehr oder weniger gleicher Richtung. Wie die FW gebraucht auch die CSU vergleichsweise häufig Wörter der Begriffskategorie Herkunft, außerdem wird das Wort Missbrauch verwendet sowie Wörter aus der Kategorie Sozialsysteme. Während die FW suggerieren, dass es für Menschen (also auch Asylsuchende) primär wichtig sei, in ihrem Herkunftsland bleiben zu können, weshalb Entwicklungshilfe geleistet werden soll, scheint die Lexik der CSU den Eindruck nahezulegen, dass Migranten und Asylbewerber tendenziell das Sozialsystem des Aufnahmelands ausnutzen wollen, wobei dieser Standpunkt nicht pauschal unterstellt werden kann. Die sprachliche Ambivalenz der CSU ist bereits im Zusammenhang mit der Themen- und Argumentationsanalyse deutlich geworden. Die lexikalische Analyse kann lediglich Tendenzen aufzeigen. In diese Richtung weist auch die Lexik des AfD-Wahlprogramms, bei der die häufige Anspielung auf Sozialleistungen auffallend ist.

Betrachtet man lediglich die häufig vorkommenden Begriffskategorien Sozialausgaben und Herkunft, vermittelt die NPD hier einen scheinbar liberalen Blick auf Asylsuchende. Die oben beschriebene NPD-typische Metaphorik rechtfertigt jedoch auch auf Wortebene die Einordnung in das rechtsextreme Parteienspektrum.

Mensch als begriffskonstituierendes Element

Wie oben bereits angedeutet, verwenden fast alle Parteien, die den Asylbegriff mit dem Fluchtbegriff verbinden (Grüne, Linke, Piraten, SPD, FDP, TsP und CDU), für die entsprechenden Personenbezeichnungen überdurchschnittlich häufig Wortverbindungen, die der Begriffskategorie Mensch zuzuordnen sind. Die Betrachtung von Flüchtlingen als (Mit-)Menschen ist also ein weiteres verbindendes Element der Begriffskonstruktion dieser Parteien. Eine Sonderrolle nimmt hier die TsP ein, die zwar häufig Wortverbindungen mit Mensch verwendet, aber auch die Form "Menschenlawine" (S. 14) benutzt. Diese Metapher ist eindeutig dem oben angesprochenen Gefahren-Topos zuzurechnen, bezieht sich aber nicht – obwohl sie im Kapitel zu Asyl- und Flüchtlingspolitik steht – eindeutig auf Asylsuchende und lässt daher an dieser Stelle keine weiteren Rückschlüsse zu. Eine ähnlich vage Konstruktion des Asylbegriffs offenbart sich im Wahlprogramm der CDU, die neben Flucht und Mensch häufig Wörter verwendet, mit denen auf die Sicherheit der Außengrenzen der EU angespielt wird. Hier werden Asylsuchende also als Menschen dargestellt, die auf der Flucht sind und somit humanitärer Hilfe bedürfen, allerdings nur – so legt es die Lexik nahe – solange die Sicherheit der EU nicht gefährdet ist. Flüchtlingsschutz geht also mit Grenzschutz einher.

Grüne, Linke, Piraten und SPD verstehen Flucht und Mensch in ähnlicher Weise als wesentliche Elemente des Asylbegriffs. Dieses ähnliche Verständnis legen auch die weiteren jeweils auffällig häufig verwendeten Wörter nahe, die alle der Kategorie Schutz zuzuordnen sind: Schutz bei den Piraten und Grünen, Seenot bei der SPD und Verfolgung/Vertreibung bei den Linken. Asylsuchende scheinen für diese Parteien Menschen zu sein, die fliehen müssen, die vertrieben wurden und Schutz suchen. Diese Parteien vertreten somit hinsichtlich ihres Asylbegriffs einen liberalen Standpunkt. Auch ÖDP und FDP gehören angesichts ihrer Lexik in diesen Bereich. FW und FaP sind aufgrund der lexikalischen Gestaltung ihrer Wahlprogramme eher restriktiv einzuordnen, ebenso wie die CDU. CSU und AfD hingegen sind in ihrer Konstruktion des Asylbegriffs eindeutig restriktiv orientiert. Dies gilt auch für die rechtsextreme NPD, die jedoch – wie oben bereits beschrieben – außerhalb des demokratischen Parteienspektrums einzuordnen ist.

Asyl im Exil?

Van der Linden kritisiert die in der Exilforschung vorherrschende Fokussierung auf eine bestimmte Personengruppe, meist Intellektuelle, und einen bestimmten Zeitraum, 1933 bis 1945. Mittels dieser beiden Bezüge entstünde ein zu enger Exilbegriff, der zudem nicht mehr zeitgemäß sei. Das Merkmal Flucht sollte van der Linden zufolge bei der Betrachtung der Exilthematik im Fokus stehen, damit sind Exilanten erst einmal auch Flüchtlinge – ebenso wie Asylsuchende.[12]

Die Verknüpfung von Asyl und Exil durch Flucht nach van der Linden setzt bei der Gleichsetzung der Fluchtgründe an. Dieses sehr weite Verständnis von Schutzbedürftigkeit greifen die liberal argumentierenden Parteien implizit auf, wenn sie für eine Erweiterung der Fluchtgründe, um beispielsweise sexuelle Orientierung, Geschlechtszugehörigkeit oder Flucht vor Klimakatastrophen, plädieren. In diesem Falle liegen Asyl und Exil sehr nah beieinander, verbunden durch den Faktor Flucht.

Bei restriktiv orientierten Parteien ist zwar auch Flucht begriffskonstituierendes Merkmal, einschränkend wird aber gefordert, eindeutige Regeln für die Anerkennung legitimer Fluchtgründe zu formulieren, was implizit auch die Unterscheidung der flüchtenden Menschen bedeuten kann. So werden beispielsweise Definitionen sicherer Herkunftsstaaten verhandelt und damit anzuerkennende Fluchtgründe festgelegt. Flucht bleibt bei restriktiv orientierten Parteien zwar wichtiges Merkmal, die Perspektive darauf ist aber eine andere.

Die linguistische Betrachtung auf drei Ebenen hat gezeigt, dass sich die 13 deutschen Parteien, die 2014 ins Europaparlament eingezogen sind, in ihrer Einstellung zur Asylthematik im Kontinuum zwischen liberal und restriktiv einordnen lassen. Umso liberaler die Positionierung, desto stärker steht offensichtlich der Mensch in seiner Fluchtsituation im Mittelpunkt. Eine solche Konstruktion des Asylbegriffs orientiert sich inhaltlich vor allem an dem Merkmal, das van der Linden zufolge Asylsuchende und Exilanten eint: Flüchtlinge, die ihr Heimatland verlassen mussten, um einer Gefahr für Leib und Leben zu entgehen.

Fußnoten

12.
Vgl. M. v. Linden (Anm. 2).
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