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Steg am Comer See

6.10.2014 | Von:
Sylvia Asmus
Jesko Bender

Konstellationen des Exils – die virtuelle Ausstellung "Künste im Exil"

Künste im Exil – kuratierte Verlinkung

Was bedeuten die bisherigen Ausführungen nun für die virtuelle Ausstellung? Wie geht sie mit der Vielschichtigkeit von Künsten um? Welche Konsequenzen zieht sie aus der Ausweitung des Exilbegriffs?

Die virtuelle Ausstellung widmet sich dem Phänomen Exil unter einer breiten Perspektive, indem sie für den deutschen Kontext den Zeitraum von 1933 bis zur Gegenwart behandelt. Die Ausstellung richtet sich an ein umfassendes Publikum, sowohl die kulturinteressierte Öffentlichkeit als auch Studierende, Schülerinnen und Schüler sollen angesprochen werden. Besonderen Wert legt das gestalterische Konzept auf die Präsentation der Exponate. Die virtuelle Ausstellung verfügt mit dem "Jungen Museum" auch über einen museumspädagogischen Bereich, dessen Konzept vom Deutschen Literaturarchiv Marbach erarbeitet wurde. In diesen fließen in erster Linie die Ergebnisse von Projekten ein, die von und mit Schülerinnen und Schülern erarbeitet wurden. Zuletzt wurde im Frühjahr 2014 das Modul "Exil Online. Archiv erleben – Exil entdecken – Geschichte verstehen" freigeschaltet, das aus einer Kooperation der Frankfurter I.E. Lichtigfeldschule im Philanthropin mit dem Deutschen Exilarchiv 1933–1945 hervorgegangen ist.

Die Startseite von "Künste im Exil" (vgl. Abbildung in der PDF-Version) gibt in ihrem Aufbau einen Eindruck vom Facettenreichtum der virtuellen Ausstellung. Sie bietet in Form von klickbaren Bildkacheln eine Vielzahl von Einstiegspunkten an. Diese führen sowohl zu den thematischen Überblickstexten zu "Kunst" und "Exil" als auch zu den Sonderbereichen der Ausstellung. Von den Einführungstexten zu "Kunst" und "Exil" kann man sich dann weiter bewegen: zu den Kunstgattungen Literatur, Film, Fotografie, Architektur, Bildende Kunst, Darstellende Kunst und Musik beziehungsweise zu Thementexten über "Gründe und Anlässe für das Exil", "Orte und Länder", "Heimat", "Sprache und Sprachverlust", "Lebensbedingungen und Alltag im Exil" und "Arbeits- und Produktionsbedingungen im Exil".

Neben diesen Einstiegen mit Bündelungsfunktion bietet die Startseite die Möglichkeit, direkt zu Personen- und Objektbeschreibungen zu navigieren. Dabei werden Personen, Lebensdokumente und Kunstwerke aus unterschiedlichen Zeiten zusammengeführt – das Kalenderblatt Heinrich Manns vom 21. Februar 1933, auf dem er den Tag der Abreise aus Deutschland eingetragen hat, steht beispielsweise neben dem Personeneintrag zur Gegenwartsautorin Herta Müller, die seit 1987 in Deutschland im Exil lebt. Die Startseite ist jedoch flexibel, und so ist es möglich, die Personen, Lebensdokumente und Kunstwerke, die als Einstiegspunkte dienen, von Zeit zu Zeit auszutauschen.

Den konzeptionellen Kern der Ausstellung bilden kuratierte Galerien: Jedes Exponat ist mit ausgewählten anderen Exponaten verknüpft, die ihrerseits in neue Kontexte führen. So entsteht ein vielfältiger Verweisungszusammenhang der Exponate untereinander – ein Zusammenhang, der die Exponate nicht klassifiziert und nach Dokumentenkategorie, Entstehungszeitpunkt, Urheber oder Kunstsparte sortiert, sondern der teilweise unerwartete und überraschende Verknüpfungen herstellt, um so einen Eindruck von der Vielschichtigkeit des Phänomens Exil zu vermitteln.

Die Besucher der Ausstellung nehmen eine zentrale Rolle ein: Es wird kein festgelegter Weg vorgegeben, dem sie durch die Ausstellung folgen. Jeder Nutzer legt einen eigenen, explorativen Weg durch die Ausstellung zurück und kann dabei eine eigene Vorstellung von Künsten im Exil "erklicken". Auf diese Weise werden sowohl Verbindungslinien zwischen Exponaten und zeitlichen Epochen hergestellt als auch Ausstellungsstücke der verschiedensten Institutionen miteinander verknüpft. Der Auswahl der Exponate kommt wie in jeder Ausstellung eine besondere Bedeutung zu. Sie obliegt einem Kuratorenteam, aber auch vielfältige externe Anregungen werden aufgenommen.

Limitiert wird die Objektauswahl jedoch durch den Prozess der Rechteklärung. Aufgrund des Zeitraums, den die virtuelle Ausstellung behandelt, ist kaum ein Exponat gemeinfrei. Die Rechteklärung hat also einen entscheidenden Einfluss darauf, was in der Ausstellung gezeigt wird und welche Exponate nicht gezeigt werden können, so bedeutsam sie aus kuratorischer Sicht auch sein mögen. Gerade angesichts der weit verbreiteten Annahme, dass im Zeitalter des Internets und der Digitalisierung von Archivbeständen mehr oder weniger alles verfügbar ist, erscheint der Hinweis auf den Stellenwert der Rechteklärung besonders wichtig.

Gespenstische Verbindungslinien

In einem Interview, das Herta Müller gemeinsam mit dem chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu für "Künste im Exil" gab, wird der oben skizzierte Zusammenhang von Herkunftsland, Aufnahmeland und dem Selbstverständnis als Exilantin auf eindrückliche Weise nachvollziehbar. Herta Müller berichtet in dem Gespräch unter anderem vom bürokratischen Akt der Ausreise aus Rumänien. Obwohl sie als Angehörige einer deutschen Minderheit in Rumänien im Rahmen der "Familienzusammenführung" einen Ausreiseantrag hätte stellen können, betont sie ihr Selbstverständnis als politisch verfolgte Künstlerin. Diese politischen Gründe hat sie auch in ihrem Ausreiseantrag verdeutlicht, dessen formale Vorgaben gar keine politischen Ausreisegründe vorsahen: "Ich habe die Ausreise aus politischen Gründen verlangt. (…) Ich habe die Formulare dann gekriegt – die gab es ja gar nicht für politische Gründe; ich hab’ das durchgestrichen, die Rubriken, und habe dann hingeschrieben, was mir in den letzten zehn, fünfzehn Jahren alles passiert ist, also: überall rausgeflogen, die ganzen Schikanen mit Hausdurchsuchungen und Verhören." Herta Müller durfte schließlich ausreisen, obwohl der rumänische Staat offiziell keine politischen Ausreisegründe kannte. "Sie wollten mich und auch die Gruppe von Autoren, mit denen ich befreundet war, die Aktionsgruppe Banat, (…) loswerden", erklärt Müller.

Doch in Deutschland angekommen, war es gerade das Selbstverständnis als politisch verfolgte Künstlerin und als Exilantin, das ihr die Anerkennung ungemein erschwerte. Müller berichtet, dass sie in den ersten Tagen mehrfach vom Verfassungsschutz und dem Bundesnachrichtendienst verhört wurde, offenbar, weil sie verdächtigt wurde, für den rumänischen Geheimdienst zu arbeiten. Weil sie auch gegenüber den deutschen Behörden immer wieder betonte, dass sie nicht im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland gekommen sei, sondern sich als Exilantin begreife, dauerte es über eineinhalb Jahre, bis sie die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt. "Das war eine sehr gespenstische Zeit", sagt Müller über diesen Kampf um Anerkennung als Exilantin.

Die Schriftstellerin wählt jedes Wort wohlüberlegt – und so ist es kein Zufall, dass sie ihre Erfahrungen bei der Ankunft in Deutschland als "gespenstische" beschreibt. Gespenster gelten als die Wiedergänger des Vergangenen und Totgeglaubten. Das Gespenstische an der Situation im Zufluchtsland bestand demnach darin, erneut Schikanen ausgesetzt zu sein, auf ganz ähnliche Weise die Anerkennung verweigert zu bekommen und zu erfahren, dass der benötigte Schutz und die erhoffte Sicherheit im Zufluchtsland einzig und allein an die legale Anerkennung als Flüchtling geknüpft sind. In diesem bürokratischen Prozess finden die Erfahrungen und das Selbstverständnis der Exilantin kaum bis keine Berücksichtigung – ganz im Gegenteil: Die Betonung der politischen Dimension der Verfolgung und des Exils weckt Misstrauen auch im Zufluchtsland.

Gespenstisch ist die Szene, die Müller schildert, auch deshalb, weil sie eine Erfahrung formuliert, die bereits Exilanten aus dem nationalsozialistischen Deutschland machen mussten. In der virtuellen Ausstellung führt von dem Interview mit Herta Müller ein Weg zu Bertolt Brecht und wiederum zu einer Verhörsituation im Zufluchtsland, der sich ein politischer Exilant ausgesetzt sah. Am 19. September 1947 erhielt Brecht, der seit 1941 in den USA lebte, eine Vorladung vor das "Komitee für unamerikanische Umtriebe". Die Ausstellung präsentiert einen Audio-Mitschnitt des Verhörs und erläutert ihn in einem eigenen Beitrag. Zahlreiche Künstler und Intellektuelle wie etwa Hanns Eisler oder Thomas Mann wurden während der "McCarthy-Ära" wegen des Verdachts, Mitglied einer kommunistischen Partei zu sein oder zumindest mit dem Kommunismus zu sympathisieren, vor den Ausschuss geladen. Bevor Brecht vor den Ausschuss zitiert wurde, hatte der amerikanische Geheimdienst ihn bereits mehrere Jahre beschattet. Der Schriftsteller sollte sich zu dem Vorwurf äußern, dass er eine kommunistische Unterwanderung der Filmindustrie in Hollywood angestrebt habe. Als er nach Washington reiste, um vor dem Komitee auszusagen, hatte er bereits ein Flugticket nach Europa in der Tasche.

In dem Audiomitschnitt verneint Brecht die Frage des Komitees nach der Zugehörigkeit zu einer kommunistischen Partei und erläutert, dass er revolutionäre Gedichte und Theaterstücke in der Absicht verfasst habe, zum Sturz des nationalsozialistischen Regimes beizutragen. Nach einem dreistündigen Verhör wurde Brecht als "unbelastet" entlassen. Unmittelbar nach seiner Anhörung verließ Brecht die USA und flog nach Paris. Ein Jahr später erklärte er ironisch: "Sie waren nicht so schlecht wie die Nazis. Die Nazis hätten mich niemals rauchen lassen. In Washington erlaubten sie mir eine Zigarre, und ich benutzte sie, um zwischen ihren Fragen und meinen Antworten Pausen zu schaffen."

Der Blick auf diese beiden Exponate der virtuellen Ausstellung vermag zu verdeutlichen, worin ein wichtiger und produktiver Aspekt der Ausweitung des Exilbegriffs besteht: thematische Verbindungslinien aufzuzeigen, die zwischen den Exponaten verschiedener Exilsituationen deutlich erkennbar sind – im Fall von Müller und Brecht bedeutet das, die so disparaten Exilsituationen als Konstellation des Ähnlichen zu begreifen, in der eine gemeinsame Wahrheit über das Exil zum Ausdruck kommt. Im oben beschriebenen Kontext der deutschen Geschichte, in dem der Exilbegriff alleine schon durch die historischen und politischen Gegebenheiten ausgesprochen spannungsgeladen ist, besteht durch das kuratierte Herstellen von solchen Konstellationen eine Möglichkeit, die Spezifika der singulären Exile zu wahren, gleichzeitig aber zu verdeutlichen, dass aus der Perspektive einer Einwanderungsgesellschaft und im Wissen um die massenhaften Fluchtbewegungen unserer Zeit auf das Exil 1933 bis 1945 geblickt wird. Die historischen und die gegenwärtigen Exile werden so wechselseitig ineinander lesbar.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Sylvia Asmus, Jesko Bender für bpb.de

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