Spendenbüchse mit der Aufschrift "Für die Armen" in der Schlosskirche auf Schloss Friedenstein in Gotha.

27.2.2015 | Von:
Petra Böhnke

Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung

Objektive Lebenslage und subjektive Einschätzung der Teilhabechancen

Ressourcen- und integrationstheoretische Überlegungen gehen davon aus, dass die subjektive Wahrnehmung der eigenen Teilhabechancen den Zugang zu materiellen Ressourcen und sozialer Absicherung im Großen und Ganzen widerspiegelt. Teilhabemöglichkeiten werden dann als verwirklicht angesehen, wenn die basalen Integrationsdimensionen wie Lebensstandard und Versorgungssicherheit garantiert sind und der normativen Erwartung an die Gewährleistung sozialer Grundrechte entsprochen wird. Die Arbeitsmarktanbindung ist dabei dominant, denn sie steuert auch Anerkennungs- und Integrationsprozesse.

Wenn Menschen den Anschluss an den durchschnittlichen Lebensstandard einer Gesellschaft verlieren, kann ihre Bindung an den allgemeinen Wertekonsens loser werden, der Abstand zur allgemein gültigen Gesellschaftsordnung größer. Teilhabechancen erscheinen dadurch möglicherweise eingeschränkt.[12] Kann man sich bestimmte Dinge nicht mehr leisten, führt der Vergleich mit Freunden oder Arbeitskollegen dazu, dass der eigene Lebensstandard als defizitär wahrgenommen wird. Dies kann Rückzug, Scham und Resignation zur Folge haben, sodass sich diejenigen mit einem unterdurchschnittlichen Lebensstandard der Gesellschaft nicht voll und ganz zugehörig fühlen.[13]

Auch die Einbettung in soziale Netzwerke kann eine entscheidende Integrationsdimension sein. Die Qualität und Quantität sozialer Interaktionen in der Familie, Verbindlichkeiten mit Freunden, Bekanntschaften und Beziehungen zu Arbeitskollegen spielen eine Rolle, um sich gesellschaftlich integriert zu fühlen. Auch die Mitgliedschaft in Vereinen und ehrenamtliches Engagement nähren das Gefühl, anerkannt zu sein und eine wichtige Rolle im sozialen Gefüge zu spielen. Möglicherweise wird auf diesen sozialen Nahbereich sogar verstärkt zurückgegriffen, wenn andere Lebensbereiche von Benachteiligungen gekennzeichnet sind, sodass eine Verlagerung und ein Ausgleich stattfinden – statt aus der Arbeitsmarktintegration speist sich Teilhabeempfinden dann verstärkt aus der Einbindung in den sozialen Nahbereich. Wie wichtig Unterstützungsressourcen dieser Art aus dem privaten Bereich für gesellschaftliche Teilhabe sind, hängt davon ab, in welcher Art und Weise ein Wohlfahrtsstaat soziale Sicherheit gewährleistet.

Die bisherige Forschung hebt insbesondere die Arbeitsmarktanbindung als Determinante für Teilhabeeinschätzungen hervor: Vor allem Arbeitslose fühlen sich der Gesellschaft nicht mehr zugehörig. Der Bezug von Leistungen nach Sozialgesetzbuch II ist mit einer sich verschlechternden Wahrnehmung von Teilhabechancen verknüpft, mit der Beendigung des Leistungsbezugs verbessert sich diese.[14] Das Normalarbeitsverhältnis ist am stärksten mit einer positiven Einschätzung der gesellschaftlichen Teilhabe verbunden. Davon abweichende Beschäftigungsformen wie beispielsweise Befristungen und Leiharbeit können dieses positive Integrationsgefühl nicht im gleichen Ausmaß vermitteln, was zu großen Teilen auf die damit verbundenen ökonomischen Benachteiligungen zurückzuführen ist.[15] Zugleich ist die mit atypischer Beschäftigung verbundene Bewertung von Teilhabe stark abhängig davon, wie sie im Erwerbsverlauf kontextualisiert ist, ob sie beispielsweise als Einstieg in die Vollbeschäftigung am Anfang einer Erwerbsbiografie steht oder die einzige Alternative zur Arbeitslosigkeit darstellt.

Wer in mehreren Lebensbereichen materieller und immaterieller Art dauerhaft benachteiligt ist, beklagt am häufigsten ein Ausgrenzungsgefühl.[16] Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass materielle und soziale Benachteiligungen kumulieren: Arbeitslosigkeit und Armut wirken sich auf lange Sicht negativ auf die Qualität und Quantität der sozialen Beziehungen aus. Funktionierende und stabile soziale Netzwerke können aber auch negative Konsequenzen von prekären Lebensbedingungen abschwächen. Daraus folgt, dass objektive und subjektive Exklusion nicht immer übereinstimmen und es alters- und bildungsbedingte Abweichungen gibt.[17]

Die Ungleichheit der gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten hat sich in der Wahrnehmung der Befragten zwischen 1998 und 2007 verstärkt:[18] Privilegierte Bevölkerungsgruppen – hohes Einkommen, hoher beruflicher Status, Selbsteinordnung in einer hohen Gesellschaftsschicht – sehen für sich in diesem Zehnjahreszeitraum einen Chancenzuwachs; benachteiligte Gruppen – niedriges Einkommen, Arbeitslose, Selbsteinstufung unten in der gesellschaftlichen Hierarchie – eine Schwächung ihrer Möglichkeiten. Weitere Spaltungstendenzen lassen sich erkennen: Aus dem Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu sein, bedeutet nach der Umsetzung der Arbeitslosengeld-II-Reformen mehr denn je, sich seiner gesellschaftlichen Teilhabechancen beraubt zu sehen. Im Folgenden konzentriere ich mich auf einen europäischen Datensatz (European Quality of Life Survey) der Jahre 2007 und 2012, um die subjektive Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung für Deutschland und im europäischen Ländervergleich darzustellen.[19]

Fußnoten

12.
Vgl. Emile Durkheim, Der Selbstmord, Frankfurt/M. 1997 (1897); Robert K. Merton, Social Theory and Social Structure, New York 1968 (1938).
13.
Vgl. Walter G. Runicman, Relative Deprivation and Social Justice, London 1972.
14.
Vgl. Evelyn Sthamer/Jan Brülle/Lena Opitz, Inklusive Gesellschaft – Teilhabe in Deutschland. Soziale Teilhabe von Menschen in prekären Lebenslagen, ISS-aktuell 19/2013.
15.
Vgl. Stefanie Gundert/Christian Hohendanner, Do Fixed-Term and Temporary Agency Workers Feel Socially Excluded? Labour Market Integration and Social Well-Being in Germany, in: Acta Sociologica, 57 (2014) 2, S. 135–152.
16.
Vgl. Duncan Gallie/Serge Paugam, Social Precarity and Social Integration, Luxemburg 2003; P. Böhnke (Anm. 8); Sandra Popp/Brigitte Schels, Do You Feel Excluded? The Subjective Experience of Young State Benefit Recipients in Germany, in: Journal of Youth Studies, 11 (2008) 2, S. 165–191.
17.
Vgl. Heinz Bude/Ernst-Dieter Lantermann, Soziale Exklusion und Exklusionsempfinden, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 58 (2006) 2, S. 233–252.
18.
Vgl. Petra Böhnke, Determinanten und Entwicklung subjektiv wahrgenommener Teilhabechancen, in: Martina Löw (Hrsg.), Vielfalt und Zusammenhalt. Verhandlungen des 36. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bochum und Dortmund 2012, Frankfurt/M.–New York 2014 (CD-ROM).
19.
Mein Dank geht an Isabel Valdés Cifuentes, die die statistische Auswertung des Datenmaterials freundlicherweise unterstützt hat.
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