Spendenbüchse mit der Aufschrift "Für die Armen" in der Schlosskirche auf Schloss Friedenstein in Gotha.

27.2.2015 | Von:
Petra Böhnke

Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung

Subjektive Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung in Deutschland und Europa

Abbildung 1: Subjektive Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung
in Deutschland 2007 und 2012Abbildung 1: Subjektive Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung in Deutschland 2007 und 2012
Die gute Nachricht ist, dass sich die Wahrnehmung der individuellen Teilhabechancen von 2007 auf 2012 insgesamt nicht weiter verschlechtert hat. Allerdings blickten 2012 immer noch 18 Prozent der deutschen Bevölkerung pessimistisch in die Zukunft, 13 bis 15 Prozent gaben an, dass sie sich nicht zurecht fänden, weil ihnen das Leben zu kompliziert erscheine, oder sie vermissten Wertschätzung für das, was sie tun. Jeweils neun Prozent der Bevölkerung in Deutschland beklagten fehlenden Respekt oder fühlten sich aus der Gesellschaft ausgegrenzt (Abbildung 1). Jeder Fünfte konnte sowohl 2007 als auch 2012 zwei oder mehr dieser Aussagen zustimmen. Im nächsten Schritt wird gezeigt, welche Lebensumstände zu einer solchen Selbsteinschätzung beitragen.
Abbildung 2: Subjektives Ausgrenzungsempfinden nach Bevölkerungsgruppen,
durchschnittliche IndexwerteAbbildung 2: Subjektives Ausgrenzungsempfinden nach Bevölkerungsgruppen, durchschnittliche Indexwerte
Dafür wurde ein Index über die Ablehnung und Zustimmung hinsichtlich dieser fünf verschiedenen Aussagen gebildet. Je höher der Indexwert, desto höher die aufsummierte Zustimmung zu den fünf Aussagen, desto höher das Ausgrenzungsempfinden. Der Index ist unter Berücksichtigung fehlender Werte auf eine Reichweite von 0 bis 5 normiert und zeigt für 2012 einen Mittelwert von 1,94 an, nahezu auf dem gleichen Niveau wie 2007 (2,0). Abbildung 2 zeigt die Abweichungen vom Mittelwert im Jahr 2012 für verschiedene Bevölkerungsgruppen.

Insbesondere Arbeitslose sind in hohem Maße durch das Gefühl belastet, nicht mehr Teil der Gesellschaft zu sein. Langzeitarbeitslose beklagen mit Abstand am häufigsten die Einschränkung ihrer Teilhabechancen. Erwerbstätigkeit transportiert also auch 2012 in starkem Maße die Wahrnehmung, zur Gesellschaft dazuzugehören. Unbefristet Beschäftigte bringen das stärkste Integrationsempfinden zum Ausdruck. Geringe Bildung, niedriges Einkommen und Armut – Faktoren, die eng verknüpft sind mit Arbeitslosigkeit – gehen ebenfalls mit einem überdurchschnittlichen Ausgrenzungsempfinden einher. Multivariate Analysen bestätigen, dass bei unabhängiger Betrachtung dieser Faktoren Arbeitslosigkeit für sich genommen den stärksten Einfluss auf das Ausgrenzungsempfinden ausübt, auch wenn damit im Haushaltskontext keine Verarmung einhergeht. Armut wirkt ebenfalls unter Kontrolle anderer Faktoren stark auf das Ausgrenzungsempfinden. Ein geringes Bildungsniveau hingegen bedeutet nur im Zusammenhang mit Armut oder Arbeitslosigkeit, dass man sich nicht der Gesellschaft zugehörig fühlt. Das gleiche gilt für Alleinerziehende, eine Bevölkerungsgruppe mit einem überdurchschnittlichen Ausgrenzungsempfinden, das sich aber in der Hauptsache über Armut und geringe Erwerbseinbindung erklären lässt. Keine deutsche Staatsbürgerschaft zu besitzen – anders lässt sich mit diesen Daten eine Annäherung an Personen mit Migrationshintergrund nicht operationalisieren – ist ebenfalls nicht mit einem ausgeprägten Ausgrenzungsempfinden verknüpft, es sei denn, in dieser Bevölkerungsgruppe kumulieren die Hauptmerkmale für soziale Ausgrenzung – Armut und Arbeitslosigkeit.

Davon losgelöst sind es zwei Lebensumstände, die ein Ausgrenzungsempfinden mit sich bringen können: auf wenig Sozialkontakte zählen zu können, die im Bedarfsfall mit Rat und Tat sowohl finanziell als auch emotional unter die Arme greifen. Und: Fehlen die gesundheitlichen Voraussetzungen für Interaktion, ist Ausgrenzungsempfinden wahrscheinlich – Krankheit ist mit einem überdurchschnittlich ausgeprägtem Empfinden von Ausschluss verknüpft. Im Vergleich zu 2007, hier nicht ausgewiesen, gibt es keine Abweichungen bei der Betroffenheit dieser einzelnen Bevölkerungsgruppen, die Werte sind auf gleichem Niveau oder nur geringfügig niedriger. Wie auch in den Jahren davor sind es Arbeitslosigkeit, Armut und mangelnde soziale Unterstützungsbezüge, die Ausgrenzungsempfinden verursachen.

Abbildung 3: Wahrgenommene soziale Ausgrenzung in EuropaAbbildung 3: Wahrgenommene soziale Ausgrenzung in Europa
Im Vergleich zu anderen Ländern der EU ist das durchschnittliche Ausgrenzungsempfinden in Deutschland relativ niedrig. Nur die Bevölkerung in Dänemark, Island und Schweden äußert sich noch positiver über ihre wahrgenommenen Teilhabechancen. Es sind viele ost- und südeuropäische Länder, deren Bevölkerung sich am wenigsten integriert fühlt: EU-Schlusslichter in dieser Hinsicht sind Griechenland, Bulgarien und Zypern. Abbildung 3 zeigt das durchschnittliche Ausgrenzungsempfinden in der EU entlang einiger Länderspezifika: dem Bruttoinlandsprodukt als materiellem Wohlstandsindikator, dem Gini-Index als Maß für die Ungleichverteilung der Einkommen, der Verbreitung von Langzeitarbeitslosigkeit sowie dem Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen, der Einkommen, Bildung und Lebenserwartung in einem Maß verdichtet.

Die Zugehörigkeit zur Gesellschaft wird tendenziell in Ländern mit mehr Einkommensgleichheit, mehr materiellem Wohlstand, besseren Lebensbedingungen und weniger Langzeitarbeitslosigkeit positiver wahrgenommen. Bei dieser Darstellung handelt es sich nur um eine grobe Annäherung an Ländercharakteristika, die die Wahrnehmung von Ausgrenzungsempfinden tendenziell vermindern helfen. Deutschland, Spanien und Dänemark fallen dabei beispielsweise hinsichtlich der Einkommensungleichheit aus dem Rahmen. Eine vergleichsweise starke Polarisierung zwischen Arm und Reich übersetzt sich in diesen Ländern nicht in ein entsprechendes Ausmaß an durchschnittlichem Ausgrenzungsempfinden. Zeigt der HDI ein bestimmtes Niveau an Lebensbedingungen an, verliert sich der Zusammenhang mit dem Ausgrenzungsempfinden. Das gleiche gilt für Länder mit niedriger Langzeitarbeitslosigkeit. Eine weiterführende Mehrebenenanalyse, die die Zusammensetzung der Bevölkerung nach sozioökonomischen Faktoren berücksichtigt, zeigt, dass es in erster Linie die oben beschriebenen Individualmerkmale (Erwerbsstatus, Einkommen, Bildung und andere) in den einzelnen Ländern sind, die das Ausgrenzungsempfinden dominant erklären. Sie haben einen stärkeren Einfluss als allgemeiner Wohlstand und Gleichheit im Ländervergleich. Die Abbildung ist somit vor allem ein Hinweis darauf, dass in Ländern, in denen die Haushaltseinkommen dichter beieinander liegen und das Wohlstandsniveau höher ist, auch weniger Menschen in Armut leben und die Integration der Bevölkerung in den Arbeitsmarkt besser gelingt. Unter Berücksichtigung weiterer Ländercharakteristika zu sozialer Sicherheit und Flexibilitätsmerkmalen von Arbeitsmarktpolitik zeigt sich, dass es insbesondere ein ausgewogener Mix von Sicherheits- und Flexibilisierungsmaßnahmen ist, der Menschen mit prekärer Erwerbssituation vor starkem Ausgrenzungsempfinden bewahrt.[20] Die Erklärungssuche für unterschiedlich ausgeprägtes Ausgrenzungsempfinden im Ländervergleich steht erst am Anfang und muss sich verstärkt der länderspezifischen Gewichtung einzelner Integrationsdimensionen widmen und die wohlfahrtsstaatlichen Rahmenbedingungen differenzierter berücksichtigen. Zwar moderiert EU-weit die Arbeitsmarkteinbindung die Einschätzung der gesellschaftlichen Teilhabe. Nicht in allen Ländern trägt Arbeitslosigkeit und fehlende Bildung aber so stark zum Ausgrenzungsempfinden bei wie in Deutschland.

Fazit

Die Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung zeigt Defizite an, die die Menschen in der Verwirklichung ihrer Lebenschancen stark beeinträchtigen. Das Gefühl, kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein, belastet nicht nur die Gesundheit und das Wohlergehen der betroffenen Personen. Mündet es in Perspektiv- und Orientierungslosigkeit, können daraus Proteste und kriminelle Handlungen entstehen, die die Stabilität der Gesellschaft im Ganzen gefährden. Die im europäischen Vergleich moderate Ausprägung von Ausgrenzungsempfinden in Deutschland sowie die Stabilität der Ausgrenzungsquote seit Mitte der 2000er Jahre sind kein Grund zur Zurückhaltung in der sozialpolitischen Bearbeitung dieses Phänomens. Mit der Verfestigung von Armut, die sich in den vergangenen Jahren herauskristallisiert, verstetigt sich auch die Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung in bestimmten Bevölkerungsgruppen. Die hier vorgestellten Befunde zeigen, wie stark Ausgrenzungsempfinden auf soziale Benachteiligungen zurückzuführen ist, die arbeitsmarkt- und integrationspolitisch sowie wohlfahrtsstaatlich steuerbar sind: Arbeitslosigkeit und Armut, die an geringe Qualifikation gebunden sind, prekäre Erwerbsverhältnisse oder Krankheit, die in Perspektivlosigkeit münden. Um den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern, braucht es eine verstärkte Konzentration auf diejenigen, die sich dauerhaft in einer von Armut und sozialer Ausgrenzung gekennzeichneten Lebenslage befinden und deren soziale Netzwerke die Unterstützung, die sie brauchen, nicht aufbringen können – eine weniger arbeitsmarktfixierte Politik der Anerkennung und eine über soziale Sicherungssysteme transportierte Wertschätzung von Menschen, die ihre Lebenslage nicht aus eigener Kraft stabilisieren können.

Fußnoten

20.
Vgl. Isabel Valdés Cifuentes/Petra Böhnke, Unsichere Beschäftigung und sozialer Zusammenhalt in Europa, Vortrag, 37. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Trier, 6.–10.10.2014, http://www.soziologie.de/fileadmin/user_upload/Sektion_Soziale_Indikatoren/
Sektionstagung2014/ST2014_Valdes_Boehnke.pdf
(2.2.2015).
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