Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes, Holzschnitt 1888, im Stil um 1520. Aus: Camille Flammarion, L'atmosphère météorologie populaire, Paris 1888. (Bis 1974 fälschlicherweise ausgegeben als mittelalterlicher Holzschnitt). Digitale Kolorierung.

2.10.2015 | Von:
Pradeep Chakkarath

Welt- und Menschenbilder: Eine sozialwissenschaftliche Annäherung

Bilder, Weltbilder und Sprache

Nachdem wir mit Platons zu philosophischen Zwecken verfasstem Bild von fiktiven Höhlenmenschen begonnen haben, wollen wir nun einen Blick auf sozial- und kulturwissenschaftlich bedeutsame empirische Befunde werfen, uns dabei aber zunächst weiter in Höhlen aufhalten. Zwar dürfen wir in Bestattungen beziehungsweise Artefakten wie Gräbern und Grabbeigaben, die teilweise über 100.000 Jahre alt sein dürften, weitaus frühere Hinweise auf weltanschauliche Annahmen unserer Vorfahren vermuten, doch wollen wir, um die Beziehung von "Bild" und "Weltbild" wie auch "Menschenbild" zumindest ein wenig näher zu beleuchten, nicht die frühesten Bestattungsstätten, sondern die etwas jüngeren frühesten Bilder in den Blick nehmen.

Nach heutigem wissenschaftlichen Kenntnisstand begannen Menschen, vielleicht auch schon ihre unmittelbaren Vorfahren – die Neandertaler – vor spätestens etwa 40.000 Jahren damit, Höhlenwände zu bemalen. Die bislang ältesten Nachweise dafür finden sich in der Cueva de El Castillo an der nordspanischen Küste und am Felsen von Castanet in Südfrankreich. Zu den frühesten dort und anderswo bezeugten Abbildungen gehören Handabdrücke; darüber hinaus finden sich teils geritzte, teils gemalte abstrakte Symbole, größtenteils deutlich später entstandene Darstellungen von Tieren und Menschen, manchen Interpretationen nach findet sich auch die Darstellung der menschlichen Vulva. Das human- und sozialwissenschaftliche Interesse an diesen prähistorischen Dokumenten ist vor allem auf den Symbolismus gerichtet, der uns in Form dieser Zeichnungen und Gemälde vor Augen tritt. Wir sehen in diesen und noch weit früher, vielfach in Afrika gefertigten Artefakten – etwa in Schmuckstücken, bemalten Eierschalen, Muscheln und Steinen – frühe Hinweise darauf, dass die artspezifische geistige Entwicklung unserer Vorfahren sich als Entwicklung zu einem besonderen, auch ästhetische Bedürfnisse artikulierenden Symbol- und damit zu einem besonderen Kulturwesen vollzog.[6]

Entwicklungsgeschichtlich sowie human- und kulturwissenschaftlich ist ebenso bemerkenswert, dass die Phase, in der Menschen dazu übergingen, Werkzeuge und Materialien zu nutzen, um sich mitsamt ihren ästhetischen Bedürfnissen und ausgewählten Weltansichten in Bildern zu dokumentieren, den homo faber (den werkzeuggebrauchenden Menschen) zum homo pictor (dem bildnerischen Menschen) erweiterte und damit die Entwicklung zu unserer Spezies, dem homo sapiens (dem vernunftbegabten Menschen), einleitete.[7] Letzterem steht mit seiner Sprache und der dadurch ermöglichten Abstraktionsfähigkeit das komplexeste uns bekannte und sich stetig weiter entwickelnde Symbolsystem als Grundlage seiner Denk- und Entfaltungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die enge Beziehung zwischen der jeweiligen Sprache einer Sprachgemeinschaft und ihrem determinierenden – folglich stets einschränkenden – Einfluss auf unser Denken und somit unsere "Weltsicht" hat in philologisch und philosophisch ausgearbeiteter Form insbesondere Wilhelm von Humboldt hervorgehoben.[8] In der Mitte des 20. Jahrhunderts fand diese Annahme ihren Niederschlag vor allem in den kulturanthropologischen und kulturrelativistischen Arbeiten von Benjamin Lee Whorf und Edward Sapir beziehungsweise der sogenannten Sapir-Whorf-Hypothese.[9]

Die Frage, inwieweit Weltbilder von jeweiligen Sprachen dermaßen geprägt sein könnten, dass sie für Angehörige anderer Sprachgemeinschaften nicht vollständig verstehbar sind und von ihnen mitunter sogar als irrational abgelehnt werden, hat nach wie vor einige Brisanz. Bestimmte Weltbilder einer Sprachgemeinschaft gegenüber Weltbildern einer anderen Sprachgemeinschaft als rationaler auszuzeichnen, wird schlichtweg schwierig. Interkulturelle Konflikte, die in der Menschheitsgeschichte häufig als Konflikte um Welt- und Menschenbilder auftraten, können als Ergebnisse von sprachbasierten ethnozentrischen Befangenheiten erklärt werden, die aber vor dem Hintergrund der Sprachabhängigkeitsthese kaum überwindbar scheinen. Ludwig Wittgensteins bekannte Feststellung, wonach die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt bedeuten, würde selbstverständlich auch unsere Bilder von der Welt betreffen.[10] Davon ist auch die Art und Weise berührt, in der sich die Wissenschaft mitsamt ihren jeweiligen Wissenschaftssprachen Bilder vom Menschen und seinen Weltbildern macht – und bekanntermaßen entwerfen beispielsweise Biologie, Neurologie, Theologie, Ethnologie, Literaturwissenschaften und Psychoanalyse keineswegs ein- und dieselben Bilder vom Menschen und seiner Welt.

Die vorangegangenen Hinweise auf die Bedeutung von frühen Bildzeugnissen für unser Verständnis vom Menschen markieren im Wesentlichen einen historischen Zeitpunkt in der frühen Vergangenheit unserer Spezies, wobei diese historische Markierung unter anderem den Zweck hat, unsere Spezies von Vorgängerversionen zu unterscheiden und den Auftritt des "eigentlichen" Menschen ins rechte Bild zu setzen. In diesen ersten Hinweisen wird allerdings nicht nur ein ungefährer historischer Zeitpunkt markiert, sondern es klingt in ihnen auch an, aus welchen Gründen Menschen sich Bilder von ihrer Umwelt, ihrer Welt und sich selbst machen. Interessanterweise klingt es insbesondere in der Art und Weise an, in der wir heutigen Menschen versuchen, uns Bilder davon machen, was es mit diesen viele Jahrtausende alten Bildartefakten unserer Vorfahren auf sich haben mag.[11]

Einige exemplarische Fragen mögen das verdeutlichen: Sind zum Beispiel die frühen Handabdrücke an Höhlenwänden Dokumente eines Besitzanspruches, der fremden Eindringlingen klar machen sollte, dass die Höhle bereits vergeben war? Oder sind sie eine weit darüber hinaus gehende Artikulation von persönlicher Identität, gewissermaßen der persönliche Handabdruck als prähistorischer Vorgänger des modernen Fingerabdrucks, vielleicht der individuellen Handschrift? Wurden die Tierzeichnungen im Rahmen religiöser schamanistischer Rituale angebracht, die dazu dienten, die Jäger mental auf eine erfolgreiche Jagd einzustimmen? Oder halten diese Zeichnungen die ästhetisierend bewundernde Verehrung der Schönheit und Stärke der abgebildeten Tiere fest? Und wie ist es mit den geritzten Zeichnungen, die den meisten Betrachterinnen und Betrachtern wahrscheinlich rätselhaft erscheinen, von manchen Anthropologinnen und Archäologen aber sehr konkret als weibliche Geschlechtsteile gedeutet werden?

Erfolgen all diese Deutungen unbefangen, also unbeeinflusst von Bildern, die wir heutigen Menschen von unserer Umwelt, von Kunst, Religion, Kosmologie, von Mann und Frau, Materie und Geist und von uns selbst haben? Anders gefragt: Verweist die Art und Weise, in der wir Spuren uns weitgehend unbekannter Zeiten, Welten, Menschen und Ereignisse zu verstehen und einzuordnen versuchen, nicht zugleich auch darauf zurück, von welcher Art diejenigen aktuellen Welt- und Menschenbilder sind, in deren Rahmen wir diese Deutungs- und Einordnungsversuche unternehmen? Auffällig ist jedenfalls, dass die üblichen wissenschaftlichen Interpretationen selbst simpelste prähistorische Felszeichnungen nicht einfach als Kritzeleien aus reiner Langeweile während Schlechtwetterphasen verstanden wissen wollen, sondern ihnen eine tiefere Bedeutung geben möchten, die derjenigen entspricht, die Bilder – auch Welt- und Menschenbilder – ganz generell für die Spezies Mensch haben. Oft prägt unser Bild von uns selbst als Teil unserer modernen Weltbilder offenbar auch in den Wissenschaften das Bild, das wir von unseren Vorfahren und deren Hinterlassenschaften haben beziehungsweise haben möchten.

Es finden sich viele Beispiele dafür, dass unterschiedliche Bedürfnisse, die Welt und den Menschen zu sehen, auch in ein- und derselben Sprachgemeinschaft zu unterschiedlichen und gelegentlich miteinander in Konflikt stehenden Welt- und Menschenbildern führen können. Voneinander abweichende Gottes- und Religionsvorstellungen, Rassentheorien, konkurrierende politische Ideologien und aus all diesen Elementen zusammengesetzte Überzeugungssysteme haben die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch zu blutigen Konflikten enormen Ausmaßes geführt. Denken wir hier nur an die Frage nach der Herkunft des Menschen und seiner Stellung in der Welt: Ist er ein höheres Säugetier, das sich sehr spät nach der Entstehung des Lebens auf der Erde, vor etwa 200.000 Jahren aus der Linie der Menschenaffen – spezifischer aus der Unterordnung der Trockennasenaffen – entwickelt hat? Ist er also ein Naturprodukt? Oder wurde er von einem übermächtigen Gott im Rahmen göttlicher Weltschöpfung vor rund 10.000 Jahren als die Kreatur geschaffen, wie wir sie heute kennen, damit er gottähnlich über Tiere und Pflanzen herrsche, über die gesamte Schöpfung wache und sie im Sinne Gottes, quasi als Werkzeug des Schöpfers, fortentwickle?

Ob man eher zur ersten (evolutionstheoretischen) oder zur zweiten (kreationistischen) Annahme neigt, hängt in starkem Maße davon ab, ob man die Beantwortung dieser Frage eher in einem wissenschaftlich geprägten oder eher in einem religiös geprägten Welt- und Menschenbild eingeordnet wissen möchte.[12] Zwar könnten all diese Anschauungen prinzipiell friedlich nebeneinander existieren, doch führen sie faktisch auch immer wieder zu Versuchen, die eigenen Verständnisse als die einzig akzeptablen notfalls gewaltsam durchzusetzen. Das auch in der Gegenwart immer mal wieder zu beobachtende öffentliche Verbrennen von Biologie-Lehrbüchern, die Darwins Evolutionstheorie, nicht aber die christliche Schöpfungsgeschichte enthalten, ist dabei keineswegs der gewaltsamste Ausdruck, den derartige Konflikte annehmen können.[13]

Fußnoten

6.
Vgl. Ernst Cassirer, An Essay on Man, Yale 1944.
7.
Vgl. Hans Jonas, Homo pictor und die differentia des Menschen, in: Zeitschrift für philosophische Forschung, 15 (1961) 2, S. 161–176.
8.
Vgl. Wilhelm von Humboldt, Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts, Paderborn 1998 (1836).
9.
Vgl. Benjamin Lee Whorf, Sprache, Denken, Wirklichkeit. Beiträge zur Metalinguistik und Sprachphilosophie, Hamburg 200825.
10.
Vgl. Ludwig Wittgenstein, Logisch-philosophische Abhandlung – Tractatus logico philosophicus, Kritische Edition, Frankfurt/M. 1998 (1918).
11.
Exemplarisch für unzählige entsprechende Studien vgl. Jan F. Simek et al., Sacred Landscapes of the South-Eastern USA. Prehistoric Rock and Cave Art in Tennessee, in: Antiquity – A Review of World Archaeology, 87 (2013) 336, S. 430–446.
12.
Siehe auch Silke Gülkers Beitrag in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
13.
Die Zerstörung nicht nur von Texten, sondern auch von Bildnissen (Ikonoklasmus) begleitet häufig den Versuch, ganze Welt- und Menschenbilder vergessen zu machen. Historische Belege dafür sind zahlreich, darunter unter anderem die Zerstörung von Herrschaftsbildnissen im alten Ägypten, im revolutionären Frankreich und im Ausklang sozialistischer Regime, der reformatorische Bildersturm in Europa, die Vernichtung der Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban sowie auch die aktuellen Vernichtungszüge durch den sogenannten Islamischen Staat.
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