Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes, Holzschnitt 1888, im Stil um 1520. Aus: Camille Flammarion, L'atmosphère météorologie populaire, Paris 1888. (Bis 1974 fälschlicherweise ausgegeben als mittelalterlicher Holzschnitt). Digitale Kolorierung.

2.10.2015 | Von:
Pradeep Chakkarath

Welt- und Menschenbilder: Eine sozialwissenschaftliche Annäherung

Formen, Elemente und Funktionen von Weltbildern

Versuchen wir, einige der bisherigen Hinweise und Überlegungen zu einer komprimierten Charakterisierung von Weltbildern zusammenzuführen. Unter dem Begriff "Weltbild" fassen wir unterschiedliche systematisierte Sichtweisen auf die Welt zusammen, die in den meisten Fällen ein ganz bestimmtes Menschenbild mittransportieren oder sogar in den Mittelpunkt stellen. Weltbilder sagen häufig etwas über die Position des Menschen in der Welt und damit – wie etwa in Platons Höhlengleichnis – über seinen Zugang und seine Beziehung zur Welt aus. Dies betrifft durchaus auch naturwissenschaftlich ausgerichtete Bilder vom Kosmos, wie etwa das geozentrische und das heliozentrische Weltbild. Der wichtigste Grund für die katholische Kirche, Kopernikus’, Keplers und Galileis heliozentrische Lehren so vehement zu bekämpfen, lag darin, dass es gemäß ihres eigenen Weltbildes einer Schmähung des Menschen gleichkam, als Krone göttlicher Schöpfung aus dem ruhenden Mittelpunkt des Universums in bedrohlicher Rotation an seine unbedeutenden Ränder geschleudert zu werden.[14]

Der mittlerweile gebräuchliche und keineswegs eindeutig bestimmte Begriff des Weltbildes subsumiert unterschiedlichste Formen von Weltanschauungen beziehungsweise Ordnungsvorstellungen und Überzeugungssystemen. So werden zum Beispiel politisch-ökonomischen Anschauungen wie Kommunismus, Faschismus, Konservatismus, Kapitalismus und Imperialismus jeweils zugehörige Welt- und Menschenbilder zugeordnet; dasselbe gilt für wissenschaftliche Anschauungen wie Geozentrismus, Heliozentrismus, Materialismus, für die sogenannte marxistische Wissenschaft in einigen kommunistischen Ländern oder auch für die sogenannte völkische Wissenschaft im deutschen Nationalsozialismus. Als die historisch überdauerndsten und einflussreichsten Weltbilder haben sich Überzeugungssysteme aus den großen religiösen oder religionsähnlichen Traditionen erwiesen. Bei der präziseren Bestimmung einer Religion zeigen sich sprachtheoretische Problematiken, auf die bereits hingewiesen wurde. Da der Begriff "Religion" europäischen Ursprungs ist und seit der Aufklärung unter anderem dazu benutzt wurde, die christlichen von nichtchristlichen Überzeugungssystemen abzuheben beziehungsweise ihre Gemeinsamkeiten aufzuzeigen, handelt es sich um einen stark eurozentrisch geprägten Begriff, der es erschwert, nichteuropäische Religionsverständnisse angemessen zu erfassen und einzuordnen.[15] Nichtsdestotrotz weisen als Religionen bezeichnete Denktraditionen einige Merkmale auf, die sie mit anderen Überzeugungssystemen gemeinsam haben. Drei dieser Merkmale sollen hier besondere Erwähnung finden: Mythen, Rituale und Utopien.

Unter Mythen werden vorwissenschaftliche Erzählungen verstanden, die hinsichtlich ihrer wichtigsten Inhalte Autorität, höhere Wahrheit und zeitüberdauernde allgemeine Relevanz beanspruchen. Sie handeln häufig (wie zum Beispiel im Prometheus-Mythos, im hinduistischen Purusha-Mythos, in der biblischen Schöpfungsgeschichte oder in Herrschaftsmythen) von den Ursprüngen der Welt, des Menschen, natürlicher Phänomene (Erdbeben, Blitze, Gestirne) oder kultureller Errungenschaften. Damit liefern Mythen eine Erklärung dafür, wie die Gegenwart in der Vergangenheit begründet ist und geben beidem dadurch Sinn. Sigmund Freud und C. G. Jung sehen in Mythen Projektionen menschlicher Erfahrungen, Probleme und Schwächen auf übermenschliche Wesen, zum Beispiel Götter, und prähistorische Begebenheiten.[16] Den Philosophen Arnold Gehlen und Hans Blumenberg zufolge drücken sich im Mythos existenzielle Grunderfahrungen (zum Beispiel der Schuld, Scham, Angst und Hoffnung) aus, die den Menschen überlasten. Der Mythos lehre einen Umgang mit diesen Situationen und stelle somit eine "Entlastungsfunktion" für den Menschen dar. Dabei lasse sich der Mythos nicht in klare, explizite Sprache überführen, sondern bleibe stets metaphorisch. Gerade seine Mehrdeutigkeit mache seine Interpretierbarkeit und Anwendbarkeit in unterschiedlichsten Krisen und über historisch lange Zeitspannen hinweg möglich.[17]

Rituale sind menschliche Handlungen, die durch festgelegte Abläufe und Mittel alltägliche Lebensbereiche in einen höheren, oft spirituellen und kosmischen Zusammenhang einordnen. Von dieser Einbindung menschlicher Verhältnisse in eine höhere Ordnung werden die Stabilisierung oder Wiederherstellung der (sozialen und emotionalen) Ordnung und damit Sicherheit und Sinngebung erwartet. Da Rituale wie zum Beispiel Beschneidung, Kommunion oder Gelöbnisfeiern sich häufig auf mythische Überlieferungen einer Kultur beziehen, stellen auch sie die Gegenwart in eine (bewährte) Tradition und tragen damit zur Sinngebung sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart bei. Sie berühren Grundfragen der Existenz und orientieren dadurch das menschliche Miteinander. Sie vermögen die Welt einfacher und handhabbarer zu machen und erleichtern in schwierigen Lagen Entscheidungen. Rituale dienen in diesen Zusammenhängen auch der Strukturierung und der Rhythmisierung biologischer und sozialer Abläufe, wie sich das etwa in Initiationsritualen und festgelegten Abläufen in Politik, Wissenschaft und Religion zeigt.

Utopien verweisen auf Wunsch- und Zielvorstellungen, deren Verwirklichung nicht unbedingt erwartet, aber als motivierendes Ideal verfolgt wird. Meist sind Utopien zukunftsgerichtet und entwerfen eine Welt, die auf gesellschaftlicher, individueller und universaler Ebene besser ist als die gegenwärtige. Dadurch stellen sie die gegenwärtigen Verhältnisse zwar immer infrage, ordnen diese aber in eine Fortschrittslinie ein, die auch der Gegenwart zum Beispiel als einer notwendigen Entwicklungsstufe Sinn verleiht. Die Sinngebung betrifft damit auch ein utopisches Menschenbild, sowohl einer Gesellschaft als auch ihrer Individuen (beispielsweise die Verwirklichung eines paradiesischen Gottes- oder Arbeiterstaates, einer reinrassigen Volksgemeinschaft, einer vollständig wissenschaftlich beherrschten Welt oder die Erlangung spiritueller Erleuchtung). Utopien sind Bestandteil vieler Weltbilder und begründen oft, warum die weltanschaulichen Ideale (noch) nicht vollkommen verwirklicht sind und warum es lohnt, diese Ideale weiter zu verfolgen und das gesellschaftliche wie auch persönliche Denken und Verhalten daran zu orientieren.

Kulturell seit langer Zeit etablierte Mythen, stetig aktualisierte Rituale mitsamt anhaltend vergegenwärtigten, vorwärtsgerichteten Utopien integrieren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und tragen so in erheblichem Maße dazu bei, dass Weltbilder ihren sozialen und psychologischen Funktionen für Gemeinschaften und Individuen gerecht werden können. Weltbilder lassen sich vor dem Hintergrund der obigen Ausführungen als Ausdruck des gesellschaftlichen und individuellen Bedürfnisses verstehen, dem eigenen Dasein, der Erfahrung des Nichtalltäglichen sowie der Welt als Ganzem einen Sinn zu geben, der die begrenzte biologische Lebensspanne und gegenwärtige Kontexte weit überschreitet.[18] Jeweilige Weltbilder haben damit großen Anteil an der jeweiligen Konstitution von Kultur als einem Handlungsfeld, das bestimmte Ziele mitsamt bestimmter Mittel zur Erreichung bestimmter Ziele erlaubt, andere einschränkt oder verbietet.[19] Auch Denk- und Attributionsweisen sowie gesellschaftliche Ordnungen, Erziehungsvorstellungen und die Rolle des Individuums in der Gesellschaft und der Welt (einschließlich seiner Geschlechterrolle) sind in Weltbildern mit angelegt. Zugleich halten Welt- und Menschenbilder Bewertungs- und Bewältigungsstrategien (inklusive Therapien) für existenzielle Erfahrungen und Versagenserlebnisse bereit oder schreiben solche Strategien wie zum Beispiel Askese, Beichte, Gebet, Reue, Sühne, Geißelung, Märtyrertum, Yoga oder Pilgerreisen auch explizit vor.

Ausblick

Mag die Thematisierung und Untersuchung von Weltbildern in den Sozial- und Kulturwissenschaften durchaus eine gewisse Tradition haben, so steckt die gründlichere, nicht nur theoretisch, sondern vor allem auch empirisch fundierte wissenschaftliche Beschäftigung mit Welt- und Menschenbildern immer noch in den Anfängen. Dies hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass sich – wie zuvor bereits angedeutet – in den Wissenschaften selbst Bilder vom Menschen und der Welt etabliert haben,[20] die teilweise erstaunlich ethnozentrisch sind und an Stereotypisierungen und Vorurteilen mitarbeiten, die zwar charakteristische Elemente von Weltbildern sind, aber gerade von den Sozial- und Kulturwissenschaften angemessener erkannt und reflektiert werden sollten.

Fußnoten

14.
Sigmund Freud bezeichnete diese Schmähung als die erste von drei Kränkungen, die seiner Meinung nach zu den größten Erschütterungen im menschlichen Selbstverständnis geführt haben: 1) die kosmologische Kränkung durch Kopernikus, 2) die biologische Kränkung durch Darwin und 3) die psychologische Kränkung durch Freuds Psychoanalyse mitsamt ihrer Libidotheorie; vgl. Sigmund Freud, Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse, in: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften, 5 (1917) 1, S. 1–7.
15.
Vgl. Joachim Matthes/Pradeep Chakkarath, Religionssoziologie, in: Günther Endruweit/Gisela Trommsdorff (Hrsg.), Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 2002, S. 449–454.
16.
Vgl. Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. 9: Totem und Tabu (1913), Frankfurt/M. 1986; C.G. Jung, Gesammelte Werke, Bd. 9.1: Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten (1933–50), Zürich 1976.
17.
Vgl. Arnold Gehlen, Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, Berlin 1940; Hans Blumenberg, Arbeit am Mythos, Frankfurt/M. 1979.
18.
Vgl. Pradeep Chakkarath, Zur kulturpsychologischen Relevanz von Religionen und Weltanschauungen, in: Gisela Trommsdorff/Hans-Joachim Kornadt (Hrsg.), Kulturvergleichende Psychologie, Bd. 1, Göttingen 2007; Pradeep Chakkarath, World Views, in: Kenneth D. Keith (Hrsg,), Encyclopedia of Cross-Cultural Psychology, Hoboken 2013, S. 1363ff.
19.
Zur Kennzeichnung von Kultur als einem Handlungsfeld vgl. Ernst E. Boesch, Kultur und Handlung. Einführung in die Kulturpsychologie, Bern 1980.
20.
Prominente Beispiele dafür sind die Theorie der Kulturdimensionen von Geert Hofstede sowie die politische Kulturtheorie von Samuel. P. Huntington; vgl. beispielsweise Geert Hofstede, Culture’s Consequences. Comparing Values, Behaviors, Institutions and Organizations across Nations, Thousand Oaks 20012; Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, New York 1998.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Pradeep Chakkarath für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.