Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes, Holzschnitt 1888, im Stil um 1520. Aus: Camille Flammarion, L'atmosphère météorologie populaire, Paris 1888. (Bis 1974 fälschlicherweise ausgegeben als mittelalterlicher Holzschnitt). Digitale Kolorierung.

2.10.2015 | Von:
Silke Gülker

Wissenschaft und Religion: Getrennte Welten?

Definitionssache Religion

"Als Wissenschaftler kann man ja nicht an alles glauben, was die Kirche einem erzählt." Diese eingangs bereits zitierte Äußerung ist eine Antwort auf die Frage: "Würden Sie sich selbst als religiös beschreiben?" In der Reaktion der interviewten Stammzellforscherin spiegelt sich eine spontane Definition von Religiosität: Es geht um den Glauben an das, "was die Kirche einem erzählt". Religion ist hier erstens eine Institution und zweitens eine solche, die Wahrheitsansprüche vertritt. Diese Religionsdefinition liegt wohl auch den meisten Auseinandersetzungen zugrunde, in denen aktuell öffentlich über das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion gestritten wird. So gilt auch der Kampf der Evolutionisten in den angelsächsischen Ländern den religiösen Organisationen und ihrem Anspruch, Wahrheiten über die Verfasstheit der Welt zu kennen. Solchen Ansprüchen muss die Forscherin schon qua Identität entgegenstehen: Als Wissenschaftlerin kann sie solchen Erzählungen gar nicht glauben, schließlich ist es ihr Beruf, die Naturgesetze zu erforschen, die die Verfasstheit der Welt erklären können.

"Da ist schon so ein bisschen was, an das ich glaube", antwortet sie weiter, "da ist mit Sicherheit irgendwas, aber ich denke, dass das vielleicht auch eher so etwas ist, an dem man in schlechten Zeiten gerne mal dran festhält." Die Befragte unterscheidet hier also zwischen unterschiedlichen Inhalten, die mit Religiosität gemeint sein können. Religion als institutionalisierten Wahrheitsanspruch lehnt sie ab, den Glauben an "irgendetwas", das "in schlechten Zeiten" möglicherweise Halt gibt, kann sie für sich aber als sinnvoll akzeptieren. Damit nimmt sie eine Differenzierung vor, die sich auf zahlreiche religionssoziologische Autorinnen und Autoren beziehen kann.

Religion zu definieren ist kompliziert, weil das Wort für unterschiedliche Religionen in unterschiedlichen Kontexten Unterschiedliches bedeuten kann. So wird auch in der Religionssoziologie nicht mit einem einheitlichen Begriff dessen gearbeitet, was Religion substanziell ausmacht. Die Forschung ist vielmehr vor allem daran interessiert, welche Funktionen Religion in unterschiedlichen Gesellschaften erfüllt. Der US-amerikanische Soziologe Charles Y. Glock hat schon in den 1950er Jahren eine ideologische, eine ritualistische, eine erfahrungsbezogene, eine intellektuelle und eine handlungspraktische Dimension von Religion unterschieden.[11] Bei Auseinandersetzungen zum Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft fällt auf, dass hier einseitig ideologische und intellektuelle Dimensionen betont werden – es geht um konkurrierende Wahrheitsansprüche von Religion und Wissenschaft. Die Bedeutung von Ritualen, Erfahrungen oder ethischen Konsequenzen einer Religionszugehörigkeit stehen dagegen außerhalb eines potenziellen Konflikts zwischen wissenschaftlichen und religiösen Lehrsätzen.

Mit einer anderen Definition lässt sich Religion auch als Mittel zur Krisenbewältigung deuten. Der deutsche Soziologe Ulrich Oevermann sieht ihre Funktion darin, die menschliche Fundamentalkrise im Sinne eines Bewährungsproblems zu bearbeiten.[12] Einfach ausgedrückt: Menschen wissen um ihre Endlichkeit und müssen doch permanent, mit jeder kleinen und großen Entscheidung, davon ausgehen, dass ein erfülltes Leben möglich ist. Je deutlicher die eigene Endlichkeit wahrgenommen wird, desto wichtiger wird eine Utopie von einem Jenseits, in dem Erfüllung und Heil möglich sind – Religion also zur Bewältigung "in schlechten Zeiten".

Religion und Wissenschaft müssen sich also, je nach Lesart, gar nicht in die Quere kommen. Und dies ist auch die gängige Auffassung in den westlichen Sozialwissenschaften. Der deutsche Soziologe und Nationalökonom Max Weber (1864–1920) hat in den 1920er Jahren die dazugehörige differenzierungstheoretische Großthese angelegt: Religion und Wissenschaft hat er als komplementäre Wertsphären konzipiert; Religion wäre demnach für Fragen des Sinns in Form außerweltlicher Erlösung zuständig, Wissenschaft auf die Erforschung des innerweltlich Erkennbaren spezialisiert.[13] Sofern sie sich jeweils auf diese Funktionen beschränken – also Religion keine umfassende Welterklärung und Wissenschaft keine moralischen Imperative entwickelt – ist eine friedliche Koexistenz möglich.[14]

Definitionssache Wissenschaft

Auffällig ist nun an dieser Auffassung von Religion und Wissenschaft als trennbare Welten, dass der spezifische Gehalt von Wissenschaft praktisch nicht thematisiert wird. Auffällig ist dies, weil ansonsten die gängige Idee von Wissenschaft als rein rationale, objektive Wahrheitssuche längst vielfach infrage gestellt wurde. Die Wissenschaftssoziologie hat es sich gerade zur Aufgabe gemacht, die soziale Konstruiertheit von wissenschaftlichem Wissen herauszustellen. Wissenschaftliche Ergebnisse werden hier als das Produkt eines sozialen Prozesses angenommen und nicht als substanziell für immer und überall gültige Fakten. Mit dieser Grundannahme ist nichts darüber ausgesagt, ob diese Ergebnisse richtig oder falsch sind. Sie betont "nur", dass jeweils raum-zeitlich besondere soziale Bedingungen einen Einfluss darauf haben, warum aus der unendlichen Vielfalt möglicher Fragestellungen, Hypothesen und Ergebnisinterpretationen genau diese oder jene ausgewählt wurden. Mit dieser Perspektive liegt es nun nahe, auch religiöse Weltbilder – oder breiter: eine spezifische religionskulturelle Umgebung – als beeinflussende soziale Bedingungen anzunehmen.

Öffnet man außerdem die black box wissenschaftlicher Wissensproduktion, dann stößt man auch auf erstaunliche Parallelen zwischen Wissenschaft und Religion. Tatsächlich ist nämlich dieser Produktionsprozess ebenfalls in erster Linie ein Umgang mit permanenter Unsicherheit. Schon der polnische Naturwissenschaftler und Erkenntnistheoretiker Ludwik Fleck (1896–1961) hat eindrücklich beschrieben, wie sehr die gemeinschaftlichen Rituale sogenannter wissenschaftlicher Denkkollektive denen religiöser Gemeinschaften ähneln.[15] Erst in der gemeinschaftlichen Bestätigung wird eine Hypothese zu einem wissenschaftlich validierten Ergebnis. Fleck stellt hier auch eine Nähe her zu Emile Durkheims (1858–1917) Verständnis von Religion und Wissenschaft als gleichursprünglich: Dem französischen Soziologen zufolge sind nämlich Stammesgemeinschaften die Quelle religiöser Erfahrung und schaffen zugleich (wenn auch nur vorläufige) Verbindungen zwischen Dingen zur Erklärung bis dahin unerklärter Phänomene.[16]

Sind Wissenschaft und Religion am Ende dann also ein und dasselbe? Auch dafür mag es je nach Definition sinnvolle Argumente geben. Ich beziehe mich hier lieber auf eine Unterscheidung des französischen Wissenschaftssoziologen Bruno Latour, der Wissenschaft und Religion als unterschiedliche Kommunikationsmodelle charakterisiert.[17] Der Glaube entspricht demnach dem Gespräch in einer Liebesbeziehung: Der oder die Gläubige (wie der oder die Liebende) fragt nicht nach Beweisen; die Basis der Beziehung ist Vertrauen, das durch die Frage nach Beweisen zerstört wird. In der Wissenschaft wird hingegen nach Beweisen gefragt. Allerdings liegen auch diese nicht einfach auf der Hand. Ein präsentiertes wissenschaftliches Resultat ist vielmehr das Ergebnis zahlreicher Transformationsschritte, die längst nicht alle kommunizierbar sind, sondern auf dem impliziten Wissen Einzelner beruhen. Auch die Akzeptanz eines wissenschaftlichen Ergebnisses hat also mit Glauben zu tun.

Eine Nähe von Wissenschaft und Religion lässt sich schließlich auch aus funktionalistischer Perspektive herleiten. Je nach Perspektive können beide ähnliche Funktionen in Gesellschaften erfüllen. So kann auch die Wissenschaft dabei helfen, das oben aufgeführte, von Oevermann so bezeichnete Bewährungsproblem zu bearbeiten. Mit wissenschaftlichen Experimenten können menschliche Grenzen überwunden werden – man könnte auch sagen, Endlichkeit transzendiert werden. Wissenschaft wird dann zu einem neuen Heilsversprechen.

Wissenschaft und Religion voneinander zu trennen ist also nicht so einfach und selbstverständlich, wie manche Debatten es nahelegen. Das gilt sowohl für den Entstehungsprozess, also die Produktion von wissenschaftlichem Wissen, als auch für dessen gesellschaftliche Akzeptanz. Ich will dies an einigen empirischen Beispielen weiter illustrieren.

Fußnoten

11.
Vgl. Charles Y. Glock, Religion in Sociological Perspective. Essays in the Empirical Study of Religion, Belmont 1973.
12.
Vgl. Ulrich Oevermann, Strukturmodell von Religiosität, in: Karl Gabriel (Hrsg.), Religiöse Individualisierung oder Säkularisierung. Biographie und Gruppe als Bezugspunkte moderner Religiosität, Gütersloh 1996, S. 29–40.
13.
Vgl. Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, Tübingen 1988 (1920), S. 564ff.
14.
Vgl. Friedrich H. Tenbruck, Wissenschaft und Religion, in: Jakobus Wössner (Hrsg.), Religion im Umbruch, Stuttgart 1972, S. 217–244.
15.
Vgl. Ludwik Fleck, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv, Basel 1935.
16.
Vgl. Emile Durkheim, Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt/M. 1981 (1912), S. 283ff.
17.
Vgl. Bruno Latour, Jubilieren, Berlin 2011.
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