Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes, Holzschnitt 1888, im Stil um 1520. Aus: Camille Flammarion, L'atmosphère météorologie populaire, Paris 1888. (Bis 1974 fälschlicherweise ausgegeben als mittelalterlicher Holzschnitt). Digitale Kolorierung.

2.10.2015 | Von:
Ingeborg Reichle

Ein Blick in die Geschichte der Bildwelten der Weltbilder

Von der Ausdehnung der Welt

Als am Ende des 15. Jahrhunderts der Seefahrer Amerigo Vespucci (1451–1512) den im Westen neu entdeckten Kontinent als solchen erkennt und der Kosmograf Martin Waldseemüller (ca. 1475–1521) die Neue Welt mit dem Namen Amerika belegt, stellt dies die Trinität der Kontinente und damit auch die biblische Überlieferung der Ordnung der Welt infrage. Da die Bibel die Herkunft aller Völker auf die drei Söhne Noahs zurückführt, die nach der Sintflut die drei Kontinente besiedeln, muss zunächst geklärt werden, ob es sich bei den neu entdeckten Völkern tatsächlich um Menschen oder vielmehr um Tiere handelt. Nachdem am spanischen Hof die Frage nach dem Status der "Wilden" zu Gunsten des Menschseins entschieden ist, wird weiter spekuliert, ob es sich bei den Völkern der Neuen Welt möglicherweise um die zehn verlorenen Stämme Israels handelt. Als spanische und holländische Seefahrer schließlich im 16. und 17. Jahrhundert die legendäre terra australis erreichen und kartografieren und nach der Neuen Welt nun ein fünfter Kontinent entdeckt ist, lässt sich die Vorstellung von der Trinität der Kontinente nicht länger aufrechterhalten.

Zu dieser Zeit läutet der Geograf Gerhard Mercator (1512–1594) mit neuen Kartentypen das Zeitalter der kartografischen Reformation ein. Die neuzeitlichen Hersteller von Weltkarten finden ihre Vorbilder in topografischen Karten und sind dem Ideal größtmöglicher Exaktheit und Treue der Aufzeichnung des Terrains verpflichtet. Dennoch ist auch die wissenschaftlich motivierte Darstellung der Erde mit dem Phänomen konfrontiert, dass eine kugelförmige Oberfläche auf eine zweidimensionale Fläche projiziert werden muss und damit die Abbildung der Erde ohne Verzerrung nicht möglich ist. Auch die Repräsentation der Welt durch Karten hängt von der Perspektive beziehungsweise von der verwendeten Projektionsmethode ab, die entweder flächentreu oder winkeltreu erfolgen kann. So können das Territorium und die Oberfläche einer Karte nie vollständig zur Deckung kommen. Wie schon zu Zeiten der Herstellung der Babylonischen Weltkarte folgen auch die ersten wissenschaftlichen Weltkarten der Logik der Abstraktion: Um als Werkzeug der Orientierung zu fungieren, transformiert die Karte das Territorium durch Abstrahieren, Schematisieren und Verallgemeinern in einen erschließbaren und erfahrbaren Raum, um damit etwas Bestimmtes und Intendiertes der Wahrnehmung des Betrachters zuzuführen: etwa den Einblick in Relationen zwischen verschiedenen Orten oder einen anderen epistemologischen Sachverhalt, der anders nicht gezeigt beziehungsweise sichtbar gemacht werden kann. Erst die Abstraktion vom Territorium führt zur Lesbarkeit der Karte, weist diese damit aber auch als soziales Konstrukt aus, das stets aus einem macht- und interessengeleiteten Gefüge hervorgeht. Durch Karten entstehen Bilder von der Welt, deren wie auch immer motivierte Perspektivierung wieder zurückwirkt auf die Wahrnehmung der Welt beziehungsweise des Territoriums.[10]

Die Welt des griechischen kosmos und der geschaffene mundus des Mittelalters werden in der Neuzeit durch die im 16. Jahrhundert zunehmende Akzeptanz des heliozentrischen Weltmodells sowie die im 19. und 20. Jahrhundert immer präziser werdenden astrophysikalischen Messmethoden zum Universum. Als solche wird die Welt für lange Zeit als nicht mehr darstellbar empfunden. Dies gilt zunächst mit Blick auf ihre Größe: Die Ausdehnung des Universums in der Neuzeit verändert tiefgreifend die Vorstellungen, die sich die Menschen von der Welt machen. Für die Darstellbarkeit der Welt heißt das: Die Welt, von der man weiß, ist zu groß, als dass sie auch nur vorgestellt werden könnte. Mit dieser räumlichen Entgrenzung der Welt, die in der Vormoderne durch die klassische Unterscheidung von Zentrum und Peripherie oder die Trennung eines Oben von einem Unten strukturiert werden konnte, kommt es zum Verlust wahrnehmbarer Ordnung – nicht zuletzt aufgrund des enormen Zuwachses an Kenntnissen über die Welt, die mit ihrer Entdeckung und Erforschung sowie der zunehmenden Ausdifferenzierung der Wissenschaften einhergeht.[11]

Versuchen die Kunst- und Wunderkammern des Barock noch, die kosmische Ordnung des Makrokosmos im Mikrokosmos abzubilden und den universalen Zusammenhang aller Dinge aufzuzeigen, stoßen die Enzyklopädien der Aufklärung damit bald an ihre Grenzen. Im 18. Jahrhundert entsteht neben einer ganzen Reihe ähnlicher Vorhaben in Europa auch die "Encyclopédie" des französischen Philosophen und Schriftstellers Denis Diderot (1713–1784) und des Mathematikers Jean-Baptiste le Rond d’Alembert (1717–1783). Die Intention der Herausgeber der "Encyclopédie" ist die Sammlung aller auf der Erdoberfläche verstreuten Kenntnisse und deren systematische Darlegung. Zwischen 1752 und 1780 entsteht damit eines der wirkmächtigsten Hauptwerke der französischen Aufklärung, das gleichsam zum Symbol für das Weltbild dieser Epoche in Europa wird.[12] Am Ende umfasst das Werk 17 Textbände mit rund 72000 Artikeln sowie elf opulent gestaltete Tafelbände.

Einem Ergänzungsband von 1780 fügen die Herausgeber eine höchst aufwendig gestaltete Ausklapptafel in einer Größe von 98,5 mal 63,5 Zentimetern hinzu, welche die kaum mehr zu überblickende Vielfalt der Erkenntnisse über die Welt in der Gestalt von einem Baum des Wissens darstellt (Abbildung 3).[13] Der Stich wird mit der Intention entworfen, das wesentliche Wissen über die genealogische Entwicklung der Wissenschaften und der Künste für eine rasche Orientierung des Lesers auf einen Blick verfügbar zu machen. Aus dem Baumstamm erwächst ein komplexes Gefüge von Ästen, die eine Vielzahl ovaler Medaillons als Früchte tragen, in denen kurze, jedoch kaum zu entziffernde Erläuterungen eingetragen sind. Das Wissen wächst in diesem Bild organisch von der Wurzel bis hinauf in die Baumkrone, verzweigt sich immerfort und gleicht schließlich der Gestalt eines natürlichen Baums.
Abbildung 3: "Essai d’une distribution généalogique des sciences et des arts principaux"
von Christian Friedrich Wilhelm Roth (1769)Abbildung 3: "Essai d’une distribution généalogique des sciences et des arts principaux" von Christian Friedrich Wilhelm Roth (1769) (© bpb)


Fußnoten

10.
Siehe auch Georg Glaszes Beitrag in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
11.
Vgl. I. Reichle et al. (Anm. 1), S. XIV.
12.
Vgl. bspw. Volker Mueller, Denis Diderots Idee vom Ganzen und die "Encyclopédie", Neu-Isenburg 2013; Robert Darnton, Eine kleine Geschichte der Encyclopédie und des enzyklopädischen Geistes, in: Anette Selg/Rainer Wieland (Hrsg.), Die Welt der Encyclopédie, Frankfurt/M. 2001, S. 455–464.
13.
Vgl. bspw. Barbara Holländer, Die enzyklopädische Ordnung des Wissens in bildlichen Darstellungen, in: Hans Holländer (Hrsg.), Erkenntnis, Erfindung, Konstruktion. Studien zur Bildgeschichte von Naturwissenschaften und Technik vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, Berlin 2000, S. 163–179.
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