Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes, Holzschnitt 1888, im Stil um 1520. Aus: Camille Flammarion, L'atmosphère météorologie populaire, Paris 1888. (Bis 1974 fälschlicherweise ausgegeben als mittelalterlicher Holzschnitt). Digitale Kolorierung.

2.10.2015 | Von:
Ingeborg Reichle

Ein Blick in die Geschichte der Bildwelten der Weltbilder

Visuelle Ordnungssysteme für Segmente einer immer komplexeren Welt

Weltbilder, so scheint es ab dem 19. Jahrhundert, können nicht mehr Visualisierungen der Welt von der Art vormoderner Darstellungen des Kosmos sein. Charakteristisch für die Verwendung des Begriffs werden daher Kombinationen mit explikativem Genitiv, etwa das "Weltbild der Physik" oder das "Weltbild des mittelalterlichen Menschen". Solche Ausdrücke weisen auf die Wahrnehmung insbesondere des 19. Jahrhunderts hin, dass Bilder nur mehr Segmente einer Welt repräsentieren können, die als immer komplexer werdend wahrgenommen wird.[14]

So sind beispielsweise visuelle Ordnungssysteme im 18. und 19. Jahrhundert überaus beliebter Bestandteil naturkundlicher Publikationen. Naturforscher sind beseelt von der Suche nach den Gesetzmäßigkeiten der natürlichen Welt und einer systematischen Beschreibung der Ordnung der Natur. Neben dem begrifflichen Klassifikationssystem, das der Schwede Carl von Linné (1707–1778) in Form einer binomialen Nomenklatur in seinem Werk "Systema naturae" von 1735 als Ordnungssystem der Natur vorstellt, entstehen unzählige taxonomische Diagramme, Bilder und Skizzen, die eine visuelle Ordnung der Natur zu etablieren suchen.

Durch die Expansion des Welthandels und die Kolonisierung weiter Teile der Welt steigt die Zahl der in den Sammlungen der europäischen Naturforscher angehäuften Objekte in einem bis dahin nicht gekannten Maße und bringt die bis dahin verwendeten ordnenden Systeme an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Die Fülle und die damit einhergehende Unübersichtlichkeit sowohl der Tier- als auch der Pflanzenwelt führen zu der Einsicht von der Unregelmäßigkeit der natürlichen Ordnung. Um diese zumindest visuell in den Griff zu bekommen, entwerfen Naturforscher mithilfe einer streng geometrischen Bildsprache systematisierende Diagramme, die wiederum Rückschlüsse auf die Gesetzmäßigkeiten und Ordnung der Tier- und Pflanzenwelt zulassen sollen.

Als etwa der britische Naturforscher Charles Darwin (1809–1882) sein epochales Werk über die Ursachen der Veränderlichkeit der Arten 1859 in London publiziert, ergänzt er seine Ausführungen um ein Diagramm auf einer ausklappbaren Tafel (Abbildung 4). Die Leserichtung läuft vom unteren Rand der Tafel nach oben: Die Großbuchstaben A bis L bezeichnen die Populationen einer Art. Die von da nach oben in unterschiedlicher Länge aufstrebenden gepunkteten Linien repräsentieren die Stammlinien der Nachkommen. Vom Großbuchstaben A aus streben sechs Linien fächerförmig auf, wobei sich nur die beiden äußeren bis zur ersten horizontal verlaufenden Linie erstrecken und am Schnittpunkt mit den Kleinbuchstaben a1 und m1 belegt werden. Die im gleichen Abstand eingetragenen und mit den römischen Ziffern I bis XIV durchnummerierten horizontal verlaufenden Linien stehen für Zeitspannen, in welchen Tausende von Generationen aufeinanderfolgen: Nach zehntausend Generationen hat sich A in a10, f10 und m10 aufgespalten, B, C, D sind im Laufe der Zeit ausgestorben, und E und F wurden ohne größere Veränderungen zu E10 und F10. Die Populationen G, H, K und L sind ebenfalls ausgestorben, I wurde jedoch ähnlich wie A entsprechend den Prinzipien der Evolution zu w10 und z10.
Abbildung 4: Evolutionsdiagramm von Charles Darwin (1859)Abbildung 4: Evolutionsdiagramm von Charles Darwin (1859) (© bpb)

Obwohl Darwin seine Publikation mit dem griffigen Titel "On the Origin of Species" überschreibt, lässt er den Leser im Dunkeln über den Ursprung der Arten: Von den Buchstaben A bis L laufen elf abgewinkelte Linien zum unteren Rand der Buchseite. Würde der Betrachter das Fortlaufen der Linien imaginieren, träfen diese sich außerhalb der von der Größe des Papiers vorgegebenen Fläche in einem Punkt, der wohl einen gemeinsamen Vorfahren repräsentieren würde. Mit seinem Diagramm macht Darwin jedoch deutlich, dass die Evolution nicht als ein linearer Prozess verläuft, sondern der Struktur eines Busches ähnelt, an dessen vielen Zweigen Gleiches unabhängig voneinander erwachsen kann, und am Ende nicht nur die am besten angepasste Variante existieren kann, sondern eine ganze Reihe von Varianten, wie a10, f10, m10, E10, F10, w10 und z10.

Zwar existieren im 19. Jahrhundert eine Vielzahl biologischer Evolutionsmodelle und eine Reihe eindrucksvoller Belege, welche die Evolution zu einer bestechenden Erklärung für die Entstehung der biologischen Vielfalt des Lebens auf der Erde machen. Darwin ist jedoch der Erste, der eine überzeugende Theorie anbietet, die wirklich schlüssig erklären kann, wie die mit der Evolution einhergehenden physiologischen Veränderungen der Lebewesen zustande kommen – insbesondere im Hinblick auf die Tatsache, dass Lebewesen perfekt an ihren Lebensraum angepasst sind.

Bei der Formulierung seiner Theorie vermeidet Darwin die Bezeichnung "Evolution" und verwendet den Ausdruck "Entwicklung". Denn "Evolution" bezeichnet damals gerade nicht den Wandel der Arten, sondern das Aus- beziehungsweise Entfalten bereits vorgebildeter Anlagen. Der Kerngedanke dieser entwicklungsbiologischen Theorie war in Form der sogenannten Präformationslehre bereits in der Antike entwickelt worden und vom 17. bis ins 19. Jahrhundert hinein eine der vorherrschenden Erklärungen für die Entstehung von Leben. Eine der Ursachen für den lang andauernden Widerstand gegen die Vorstellung der Veränderlichkeit der Arten liegt sicher in der großen Bedeutung, die Platons idealistischer Philosophie lange zugeschrieben wurde. Als ein Vertreter der Typenlehre beschreibt Platon die Organismen als geordnet sowie nach gleichbleibenden Formen und Ideen gestaltet – und somit als unveränderlich und ewig.

In "On the Origin of Species" entwirft Darwin ein Bild von der Natur, das bestimmt ist von Unvollkommenheit, Zufall und Auslese und sich mit der Vorstellung einer perfekten und unveränderlichen Schöpfung nicht mehr in Einklang bringen lässt. Mit seiner Evolutionstheorie skizziert Darwin ein neues Weltbild, das dem Menschen eine neue Rahmung eröffnet, sich in ein Verhältnis zur Natur und zu seiner Kultur zu setzen, ohne einen Schöpfergott als Erklärung bemühen zu müssen. Er liefert nicht nur Einsichten über die Ursachen der Entstehung der biologischen Vielfalt des Lebens, sondern zugleich den letzten großen Baustein zur Formulierung einer vollständig naturalistischen Weltsicht mit all ihren Folgen für das Menschen- und Weltbild bis in die heutige Zeit.[15]

Nur mehr ein Punkt im Weltall

Wird die Welt für die Menschen der Neuzeit zu groß, als dass sie auch nur vorgestellt werden kann, schrumpft die Welt für die Menschen des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu einem Punkt. Als die Raumsonde "Voyager 1" am 14. Februar 1990 das Sonnensystem verlässt, entsteht eine Fotografie der Erde aus 6,4 Milliarden Kilometern Entfernung, die als "Pale Blue Dot" bekannt wird. Das ist die größte Distanz, aus der die Erde bis dahin aufgenommen wurde. Die Aufnahme zeigt ein Bild von der Erde, die von den anderen Planeten in den unendlichen Weiten des Universums nicht mehr zu unterscheiden ist. Die Milchstraße ist nur ein Sonnensystem neben unendlich vielen anderen und die Erde nur ein Punkt in einem recht kleinen Sonnensystem.

Bereits auf dem Mondflug der "Apollo 8" war am 24. Dezember 1968 eine Fotografie der Erde entstanden, die in ihrer Darstellung den Vorstellungsrahmen vieler Menschen neu justierte (Abbildung 5): Das Bild mit dem Titel "Earthrise" zeigt den Erdaufgang vom Mondorbit aus in seiner ganzen Singularität in einem unendlich großen Universum. Wie kein anderes Bild der Raumfahrt trägt "Earthrise" seit seiner Entstehung zur Bildung und Rahmung des Selbst- und Weltverhältnisses der Menschen bei und bildet – wie auch schon die Babylonische Weltkarte zweieinhalb Jahrtausende zuvor – eine Grundlage für die Erzeugung von Darstellungen und Vorstellungen, die sich die Menschen von der Welt machen können.
Abbildung 5: "Earthrise" (1968)Abbildung 5: "Earthrise" (1968) (© bpb)


Fußnoten

14.
Vgl. I. Reichle et al. (Anm. 1), S. XV.
15.
Vgl. dies., Charles Darwins Gedanken zur Abstammung des Menschen und die Nützlichkeit von Weltbildern zur Erhaltung der Art, in: ebd., S. 318–332; Julia Voss, Darwins Bilder. Ansichten der Evolutionstheorie 1837–1874, Frankfurt/M. 2007; Horst Bredekamp, Darwins Korallen. Frühe Evolutionsmodelle und die Tradition der Naturgeschichte, Berlin 2005.
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