Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

6.11.2015 | Von:
Angela Siebold

So nah und doch so fern? Die 1980er Jahre historisch erforschen - Essay

Mit Verweis auf den Bestseller "Generation Golf" (2000) von Florian Illies stellte der Historiker Axel Schildt fest, die 1980er Jahre gälten gemeinhin als "langweilig (und geschmacklos)".[1] In der Tat können dem Leser zu den "80ern" etwa Aerobic, Schulterpolster oder die Schwarzwaldklinik einfallen. Auch die historische Forschung verleiht den 1980er Jahren eine bisher eher konturlose Position zwischen Krise und Revolution. Dies wird sich, folgt man dem momentanen Trend, in den nächsten Jahren ändern, denn sowohl methodisch als auch thematisch sind die 1980er Jahre verstärkt ins Blickfeld der Geschichtswissenschaft geraten. Doch welche Deutungen dominieren bereits, und was kann eine Geschichte der 1980er Jahre prägen?

Entdeckung der 1980er Jahre als Forschungsfeld

Die 1980er sind aus heutiger Sicht ein ambivalentes Jahrzehnt: Einerseits liegen sie in der vergangenen, alten Welt des Kalten Krieges. Andererseits fragen Kritiker einer gegenwartsnahen historischen Forschung wie auch Zeitzeugen: Sind die 1980er Jahre überhaupt schon Geschichte? Nach und nach erfährt diese Zeit allerdings nun mehr Aufmerksamkeit in der historischen Forschung. Ein Grund hierfür liegt schlicht in der neuen Zugänglichkeit vieler Quellen: Es ist eine voraussagbare Konjunktur der zeithistorischen Forschung, dass Zeiten dann in den Blick genommen werden, wenn die 30-jährige Sperrfrist der Archive fällt.

Bislang existieren zu den 1980er Jahren vorwiegend drei verschiedene Gruppen historischer Darstellungen: Erstens gibt es Arbeiten, welche vor allem veröffentlichte Quellen zur Grundlage haben und damit nicht von Sperrfristen betroffen sind.[2] Zweitens trifft die Einschränkung durch die Archive nicht für die DDR-Forschung zu, deren Akten bereits seit den frühen 1990er Jahren offen stehen. Letzteres erklärt die Diskussion um die Frage, ob die DDR-Geschichte im Vergleich zum westdeutschen Pendant bereits "ausgeforscht" sei.[3] Drittens existieren mittlerweile zeithistorische Überblicksdarstellungen, welche die 1980er Jahre einbeziehen, sich dafür aber auch sozialwissenschaftlicher Forschungsergebnisse bedienen.[4]

Zusätzlich stellen die 1980er historiografisch ein "nachholendes" Jahrzehnt dar: Zuletzt waren die 1970er Jahre häufiger Gegenstand zeitgeschichtlicher Forschungen.[5] Parallel hierzu entstanden jedoch bereits Forschungen zur Zeit ab 1989 – auch im Takt politischer Gedenk- und Jubiläumskonjunkturen.[6] Die dazwischen liegende Dekade trat dabei in den Hintergrund. Nun gilt es, die Forschungsergebnisse unter Beachtung dieser Zwischenzeit für eine Zeitgeschichte der langen Übergänge gewinnbringend zu diskutieren. Eine nachholende Erforschung der 1980er Jahre kann auch neue Deutungen der Zeit davor und danach bewirken. Es lohnt sich also, eine zeitliche und thematische Kontextualisierung der 1980er Jahre anzugehen und sie hinsichtlich ihres Potenzials für eine "Problemgeschichte der Gegenwart"[7] zu diskutieren.

Ergebnisoffenes Scharnierjahrzehnt

Eine Historisierung der 1980er Jahre sollte mit einer zeitlichen Einordnung beginnen. Dominierend ist hierbei bisher der Blick auf die Dekade als abschließendes Jahrzehnt, denn die 1980er Jahre läuteten das Ende des sogenannten Ostblocks ein, freilich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten: So begann der Anfang vom Ende in Polen schon 1981 mit der Gründung der Gewerkschaft Solidarność, in der Sowjetunion 1985 mit der Ernennung Michail Gorbatschows zum Generalsekretär des Zentralen Komitees der KPdSU. Während der Reformprozess dort Jahre dauerte, waren die Zeiträume in der DDR oder der Tschechoslowakei, in denen die alten Ordnungen wirkungsvoll infrage gestellt wurden, wesentlich kürzer. Aber auch für die Bundesrepublik stehen die 1980er Jahre häufig am Ende einer Geschichte, etwa als "das letzte Jahrzehnt der Bonner Republik"[8] oder als "Abschied vom Provisorium".[9]

Die 1980er Jahre können also als das langsame Ende alter Ordnungen gelten. Diese Sicht ist nachvollziehbar, gleichzeitig jedoch auch nicht unproblematisch, stärkt sie doch retrospektiv das Jahr 1989, in dem sich alles änderte – und übersieht dabei, dass die Zeitgenossen wohl kaum etwas von den bevorstehenden Umbrüchen wissen konnten.[10] Die zentrale Herausforderung besteht daher unbestritten darin, die 1980er Jahre mit der aus Sicht der Zeitgenossen ergebnisoffenen Zukunftsperspektive zu historisieren. Es war keineswegs offenkundig, wohin die damaligen Proteste führen sollten, und so dürfen die 1980er nicht als bloße Vorgeschichte des Umbruchs gedeutet werden. Dennoch kann der Wandel im Vordergrund stehen: Mit ihren Reformprozessen ließe sich die Dekade als Sprungbrett in eine Transformationszeit oder als "Schlüsselperiode"[11] betrachten, besonders für Ostmitteleuropa.

Dort, aber auch im Westen, vollzogen sich ökonomische, kulturelle, mediale und soziale Umbrüche. Viele von ihnen begannen bereits in den 1970er Jahren. Statt als Vorgeschichte der Zäsur 1989 werden die 1980er Jahre daher auch im Fortsatz einer Zeitgeschichte "nach dem Boom" gedeutet, da hier die Herausforderung fortdauerte, mit den Folgen der Krisen von 1973 und 1979 umzugehen.[12] Die Deutung der 1980er als Nachgeschichte der 1970er Jahre geschieht ebenfalls mit Blick auf die Institutionalisierung der neuen sozialen Bewegungen, beispielsweise in der Gründung der Partei Die Grünen im Januar 1980.[13]

Eine solche Perspektive kann aber ebenfalls problematisch sein. Das Jahrzehnt war wohl mehr als die Zeit zwischen dem Aufbegehren der jungen Generation in der alten Bundesrepublik und dem Ende der DDR. Die 1980er Jahre waren auf beiden Seiten des "Eisernen Vorhangs" vielmehr eine Dekade der Gleichzeitigkeit alter und neuer Ordnungen, ein Scharnierjahrzehnt, in dem scheinbare Selbstverständlichkeiten gelebt und zugleich infrage gestellt wurden, in dem eingeübte Erfahrungen mit unvorhergesehenen Erlebnissen in Konflikt gerieten. Eine solche historisierende Perspektive sollte gegenüber den bisher dominierenden Deutungen der 1980er als Nachgeschichte von Protest und Krise oder als Vorgeschichte der Transformation gestärkt werden, um neue Forschungsfragen zu entwickeln. Betrachtet man die 1980er Jahre mit offenem Ausgang, dann finden sich zudem zahlreiche Anknüpfungspunkte an die Gegenwart. Die 1980er Jahre können so in vielerlei Hinsicht als "unmittelbare Vorgeschichte unserer Gegenwart"[14] diskutiert werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Axel Schildt, Das letzte Jahrzehnt der Bonner Republik. Überlegungen zur Erforschung der 1980er Jahre, in: Meik Woyke (Hrsg.), Wandel des Politischen. Die Bundesrepublik Deutschland während der 1980er Jahre (Einzelveröffentlichungen aus dem Archiv für Sozialgeschichte, Bd. 3), Bonn 2013, S. 25–50, hier: S. 25.
2.
Zahlreiche Beispiele hierfür hat das Archiv für Sozialgeschichte zusammengetragen: Vgl. M. Woyke (Anm. 1).
3.
Vgl. hierzu jüngst Thomas Lindenberger, Ist die DDR ausgeforscht? Phasen, Trends und ein optimistischer Ausblick, in: APuZ, (2014) 24–26, S. 27–32.
4.
Zum Verhältnis der Zeitgeschichte zu sozialwissenschaftlichen Forschungen vgl. Kim Priemel/Rüdiger Graf, Zeitgeschichte in der Welt der Sozialwissenschaften. Legitimität und Originalität einer Disziplin, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 59 (2011) 4, S. 479–495.
5.
Zu nennen sind hierbei vor allem die als Zäsuren diskutierten Jahre 1973 und 1979. Vgl. Lutz Raphael/Anselm Doering-Manteuffel, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008; Frank Bösch, Umbrüche in die Gegenwart. Globale Ereignisse und Krisenreaktionen um 1979, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 9 (2012) 1, S. 8–32, http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2012/id=4421« (5.10.2015).
6.
Vgl. u.a. die Forschungsförderungen der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und damit verbundene Publikationen, etwa: Marcus Böick/Anja Hertel/Franziska Kuschel (Hrsg.), Aus einem Land vor unserer Zeit. Eine Lesereise durch die DDR-Geschichte, Berlin 2012.
7.
L. Raphael/A. Doering-Manteuffel (Anm. 5), S. 25, mit Bezug auf Hans Günter Hockerts, Zeitgeschichte in Deutschland, in: Historisches Jahrbuch, 113 (1993) 1, S. 98–127, hier: S. 124.
8.
A. Schildt, (Anm. 1).
9.
Andreas Wirsching, Abschied vom Provisorium. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1982–1989/90, München 2006.
10.
Vgl. u.a. Christoph Lorke/Alexander Kraus, Vor dem Aufbruch. 1988 als vergessenes Jahr, in: APuZ, (2014) 24–26, S. 40–46.
11.
Philipp Ther, Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa, Berlin 2014, S. 74. Zu dieser Konzeption vgl. auch Andreas Wirsching, Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit, München 2012.
12.
Vgl. L. Raphael/A. Doering-Manteuffel (Anm. 5). Auch Tony Judt fasst die 1970er und 1980er Jahre in einem Kapitel zusammen: Vgl. Tony Judt, Die Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg, München–Wien 2006. Siehe hierzu auch den Beitrag von Lutz Raphael in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
13.
Zum Übergang der neuen sozialen Bewegungen in die 1980er Jahre vgl. Sven Reichardt, Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren, Berlin 2014.
14.
Dietmar Süß/Meik Woyke, Schimanskis Jahrzehnt? Die 1980er Jahre in historischer Perspektive, in: M. Woyke (Anm. 1), S. 7–24, hier: S. 7.
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