Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

6.11.2015 | Von:
Angela Siebold

So nah und doch so fern? Die 1980er Jahre historisch erforschen - Essay

Geschichte im Spannungsfeld zwischen Alt und Neu

Für die 1980er Jahre lassen sich verschiedene Spannungsfelder benennen, welche die Wahrnehmungen der Zeit prägten: etwa das zwischen Dynamisierung und Kontinuität, zwischen Modernisierung und Krise oder zwischen Privatem und Öffentlichem. Solche Spannungen entstanden nicht erst in den 1980er Jahren, entwickelten sich jedoch in dieser Zeit zu ineinander verwobenen oder beschleunigten Prozessen. Diese sollten im Transformationsjahrzehnt der langen 1990er Jahre neue Dimensionen einnehmen und sind bis heute wirkungsvoll. Gemeinsam ist diesen Spannungsfeldern, dass sie von den 1980er Jahren wie von einem zeitlichen Scharnier zwischen alt und neu zusammengehalten werden.

Die 1980er Jahre lassen sich daher durchaus als Zeitraum betrachten, der von Kontinuitäten geprägt war. Nirgendwo wurde das deutlicher als auf dem politischen Parkett: Hohe Amtsträger wie etwa Helmut Kohl, François Mitterrand, Ronald Reagan, Margaret Thatcher, Erich Honecker, aber auch Papst Johannes Paul II. prägten das Jahrzehnt durch ihre beständige Polit- und Medienpräsenz. Die 1980er Jahre waren zweifellos eine Zeit der machtpolitischen Stabilität. Gestützt wird dieses Bild durch eine vor allem in Überblickswerken tendenziell politik- und personengeschichtlich dominierte deutsche Zeitgeschichtsforschung. Sie allein wird aber der Geschichte nicht gerecht, denn neben solchen personellen Kontinuitäten zeigten sich die 1980er Jahre als Zeit des beschleunigten Wandels, etwa in der Pluralisierung und Popularisierung technischer Neuerungen, aber auch in der Formulierung modernitätskritischer Positionen.

So ließ das Bundesverfassungsgericht 1981 die Einführung des dualen Rundfunks zu, was 1984 die Gründung von Sat.1 und RTL (damals noch PKS und RTLplus) nach sich zog. Die Zunahme der Fernsehsender beförderte mediale Konkurrenzen und im Kontext transkultureller Prozesse beispielsweise die Ausstrahlung US-amerikanischer Serien wie "Dallas" oder "Knight Rider", die ganze Alterskohorten – im Westen und auch im Osten – medial und kulturell beeinflussten. Zugleich war das Programm der privaten Anstalten auch Anlass zu moralischen Mahnungen und kulturpessimistischen Prognosen.

Neben der Pluralisierung und Ausdifferenzierung des Angebots fand in den 1980er Jahren eine weitere Synchronisierung kollektiver Erlebnisse statt: Weltweit verfolgten Menschen auf den Mattscheiben den Absturz der Challenger-Raumfähre 1986, der zu einem transnationalen Medienereignis avancierte.[15] Aber auch medial vermittelte Gesellschafts- und Sportereignisse ließen sich live verfolgen, etwa die im Fernsehen übertragene Hochzeit des britischen Thronfolgers Charles mit Diana Frances Spencer 1981, die Rennen der Formel 1 sowie die Tennisturniere in Wimbledon mit den Jugendikonen Boris Becker und Steffi Graf, wodurch Tennis in der Bundesrepublik für einige Jahre zu einem regelrechten Volkssport wurde. Das Erleben von Großereignissen in Echtzeit, seien sie politischer, gesellschaftlicher oder sportlicher Art, veränderte die Wahrnehmung auch über die Ländergrenzen hinweg und demonstrierte einen "Wandel der Mediengesellschaft", wie ihn der Historiker Frank Bösch am Ende der 1970er Jahre verortet hat.[16] Bezüge zur Gegenwart sind in einer Zeit nach den medialen Ereignissen des Mauerfalls und der Anschläge auf das World Trade Center offensichtlich. Mittlerweile haben Bilder und Videos durch die Verbreitung in sozialen Netzwerken eine neue Form medialer Authentizität entwickelt, die auf die Realität selbst rückwirken und diese verändern können.[17]

Doch nicht nur für das Fernsehen, auch für die Computertechnologie waren die 1980er Jahre ein wichtiges Jahrzehnt – wieder nicht bezüglich ihrer Erfindung, aber bei der gesellschaftlichen Verbreitung der Computer, welche in den 1980er Jahren den Sprung von der technischen Innovation zum massen- und alltagstauglichen Konsumprodukt schafften. Denn auch wenn die Anfänge der heimischen Digitalisierung bereits in den 1970er Jahren lagen, so erhielt sie für die alltägliche Erfahrungswelt vor allem mit der Einführung des MS-DOS-Betriebssystems von Microsoft und dem Personal Computer von IBM 1981 eine neue Dimension. Der Aufbruch ins Informationszeitalter und die damit verbundene Digitalisierung der Welt wurde aber auch schon früh mit möglichen Gefahren des Fortschritts in Verbindung gebracht: Gestützt durch das Bewusstsein der in den 1970er Jahren entstandenen Initiativen gegen Überwachung und staatliche Kontrolle kam es 1983 und 1987 zum Boykott gegen die Volkszählung – ein Thema, das angesichts heutiger Diskussionen um Datensicherheit und -speicherung ebenfalls hochaktuell ist.

Zeit der Krisen und Risiken

Mit dem Wandel ging auch eine Popularisierung des Protests einher: Gerade im Bereich der Umwelt- und Friedensbewegungen, deren Legitimität durch Krisen, Katastrophen und Konflikte in den 1980ern zunahm, entstanden Bürgerinitiativen, Institutionen und Unternehmen. Besonders in der Bundesrepublik kam es zu einem "Aufschwung des Ökologischen".[18] Das war kein Wunder, waren die 1980er Jahre auch die Zeit der großen ökonomischen, militärischen oder ökologischen Bedrohungen, welche häufig diffus und zugleich unentrinnbar erschienen und dadurch erst recht Ängste schürten. So prägt ein endzeitliches Krisennarrativ das Bild der 1980er Jahre – auch in der Historiografie. Es trägt ein weites Spektrum in sich, von den Nachwirkungen der Wirtschaftskrisen der 1970er Jahre bis hin zum Kalten Krieg, in dessen Kontext militärische Maßnahmen wie Nachrüstung und NATO-Doppelbeschluss neue bedrohliche Dimensionen erlangten. Begreift man das Modell der bipolaren Weltordnung als Krise, so wirkte diese jedoch weit über die 1980er Jahre fort: Es wäre eine Überschätzung historischer Zäsuren, anzunehmen, dass das Ende des Kalten Krieges auch das Ende von Konflikten zwischen West und Ost bedeutete. Die heutige Krise in der Ukraine und die Positionierung der Mächte im syrischen Bürgerkrieg zeigen, wie Konflikte der bipolaren Weltordnung weiter andauern.

Das ausgeprägte Krisenbewusstsein der 1980er Jahre ist jedoch nicht bloß am Ost-West-Konflikt festzumachen: Hinzu kamen ökologische Katastrophen wie das befürchtete Waldsterben oder die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986, die Verbreitung von Aids[19] sowie das zunehmende Bewusstsein der Folgewirkungen des Drogenkonsums, das sich in der Bundesrepublik unter anderem im kommerziellen Erfolg des Films "Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" (1981) niederschlug. Vor diesem Hintergrund überrascht der zeitgenössische Erfolg von Ulrich Becks Buch über die "Risikogesellschaft" nicht, welches just im Katastrophenjahr 1986 erschien.[20] Themen wie die Friedens- und Umweltbewegung, aber auch Protestkulturen wie etwa die Punkbewegung waren im Übrigen keine ausschließlich westlichen Phänomene, sondern existierten auch in den staatssozialistischen Gesellschaften.

Im Sozialen und Ökonomischen forderten Massenarbeitslosigkeit und Rezession die Zeitgenossen hinaus. Hier standen in den 1980er Jahren die Zeichen auf Reform: Vor allem die Privatisierungen im wirtschaftlichen Bereich, ausgehend von Großbritannien und den USA, wiesen auf die Durchsetzung des sogenannten Neoliberalismus. Überschuldung und Implosion des Ostblocks prägten zudem unser Bild, wonach sich das westliche Modell in Europa durchgesetzt habe. Durch die internationale Bedeutungszunahme der Globalisierung gewann der Kapitalismus zunehmend den Charakter eines alternativlosen Ordnungsmodells.[21] Heute wird deutlich, wie wichtig es ist, hier über die 1980er Jahre hinauszugehen und die Folgen der Reformen in West- wie in Osteuropa langfristig zu betrachten.[22]

Es erklärt sich von selbst, dass eine Suche nach den Ursachen der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise eine kritische Historisierung auch der 1980er Jahre nach sich ziehen muss. Geht man über Europa hinaus, so fänden sich in den 1980er Jahren noch weitere Anknüpfungspunkte an eine gegenwartsorientierte Zeitgeschichtsforschung – so etwa in der heutigen Krisenregion des Nahen und Mittleren Ostens, die fast über die gesamten 1980er Jahre hinweg vom Krieg zwischen Iran und Irak, aber auch der sowjetischen Präsenz in Afghanistan geprägt war.

Fußnoten

15.
Zur Definition von Medienereignissen in der Geschichtswissenschaft vgl. Frank Bösch, Europäische Medienereignisse, in: Europäische Geschichte online, 3.12.2010, http://ieg-ego.eu/de/threads/europaeische-medien/europaeische-medienereignisse« (5.10.2015).
16.
F. Bösch (Anm. 5), S. 13.
17.
Vgl. hierzu als eindrückliches Beispiel die Verbreitung des Facebook-Fotos von Neda Soltani als Ikone des Widerstands in Iran 2009 anstelle des Bildes von Neda Agha-Soltan durch westliche Medien: Neda Soltani, Mein gestohlenes Gesicht. Geschichte einer dramatischen Verwechslung, München 2012.
18.
Frank Uekötter/Claas Kirchhelle, Wie Seveso nach Deutschland kam. Umweltskandale und ökologische Debatte von 1976 bis 1986, in: M. Woyke (Anm. 1), S. 321–338, hier: S. 321.
19.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Magdalena Beljan in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
20.
Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986.
21.
Vgl. IvanT. Berend, Europe Since 1980, Cambridge 2010, S. 3.
22.
Vgl. P. Ther (Anm. 11).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Angela Siebold für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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