Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

6.11.2015 | Von:
Lutz Raphael

1980er: Typische Jahre "nach dem Boom"

Kontext der Strukturbrüche

Wie lassen sich die 1980er Jahre in diesen größeren Zusammenhang einordnen? In vielerlei Hinsicht können sie als "Durchgangsphase" oder "Normaljahre" bezeichnet werden, in denen sich wichtige Trends weiterentwickelten, die ihre Wirkung dann aber erst in den nächsten zehn bis 15 Jahren voll entfalteten. Mehr als das, nämlich Schlüsseljahre, waren die 1980er Jahre aber auf dem Feld der politischen Ökonomie. Die Abkehr von einer inflationstoleranten Wirtschafts- und Währungspolitik vollzog sich vor allem überall dort dramatisch, wo die Inflation der 1970er Jahre besonders hoch gewesen und von niedrigem Wirtschaftswachstum begleitet worden war. In den USA und dem Vereinigten Königreich verlief dieser Wechsel zur Politik des harten Geldes besonders spektakulär, da er mit einer programmatischen Wende hin zu einer neoliberalen Wirtschaftspolitik durch neue konservative Regierungen (Reagan/Thatcher) verbunden war. Weltweite Folgen hatte dabei insbesondere der Schwenk der US-Notenbank zu einer Hochzinspolitik. Er löste eine internationale Schuldenkrise aus, die zunächst die südamerikanischen und afrikanischen Länder traf.

Die 1980er Jahre waren denn auch die Jahre, in denen sich ein neues neoliberales Krisenbewältigungsszenario entwickelte, das am Ende des Jahrzehnts als "Washington Consensus" programmatisch ausbuchstabiert wurde: Die Rettungskredite der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds oder einzelner westlicher Kreditgeber wurden nur noch gewährt, wenn sich die betroffenen Länder zu einschneidenden Sparprogrammen ihrer öffentlichen Haushalte, zur Deregulierung ihrer Märkte, zu Privatisierungen und zur freundlichen, wenn nicht bedingungslosen Aufnahme ausländischer Direktinvestoren bereitfanden. Anders als in der aktuellen Eurokrise spielte die Bundesrepublik bei der Durchsetzung dieser Weltkreditordnung keine führende Rolle, die Bundesbank trat aber in der Rolle des Musterschülers und frühesten Anhängers einer solchen stabilitätsorientierten Kredit- und Währungspolitik auf. In Europa hatte diese Politik unmittelbare Folgen für die sozialistischen Staaten Osteuropas: Die steigenden Zinsen verschärften die Zwangslagen, in denen sich Staatsökonomien von Polen, Ungarn oder der DDR ob ihrer Schuldenlast befanden. Niedergang des Staatssozialismus und Formierung des neoliberalen Wirtschaftsmodells auf internationaler Ebene verliefen in diesem Jahrzehnt parallel und bereiteten den Boden für die radikalen Umbrüche beziehungsweise Zusammenbrüche, die wirtschaftlich auf die demokratischen Revolutionen 1989 in Mittel- und Osteuropa folgten.

Schlüsseljahre waren die 1980er Jahre auch mit Blick auf die vielfältigen kulturellen und sozialen Verschiebungen, welche darauf hinausliefen, die antiautoritären, antiinstitutionellen Impulse, die mit dem Jahr 1968 verbunden waren, in Richtung marktfreundlicher und stärker individueller, ja individualistischer Projekte zu lenken. Die Entdeckung von Individualität prägte in den 1980er Jahren auch immer größere Bereiche des Konsumverhaltens. Es fällt dennoch schwer, den 1980er Jahren eine besondere Rolle in einem längerfristigen Trend der westlichen Konsumgeschichte zuzuschreiben: Marketing und Produktdesign gewannen stetig an Bedeutung, und es ist sicherlich kein Zufall, dass in diesem Jahrzehnt die Vielfalt der "Konsumstile" als eigenständige Dynamik der aktuellen Gesellschaft "entdeckt" und die bunte Welt individueller Kaufentscheidungen zu ordnen versucht wurde, um so für Unternehmer wie Soziologen gleichermaßen interessante Einsichten in "Lebensstile" zu gewinnen, denen eine hinreichend große Zahl von Anhängern zuzuschreiben war. Die Bundesrepublik entdeckte sich als buntes und vielfältiges Konsumland neu, und die Mehrheit der Älteren machte nun ihren Frieden mit den in den 1970er Jahren noch als provokant empfundenen alternativen Lebensstilen. Jugendliche konnten nun auf größtes Verständnis und marktorientierte Aufmerksamkeit rechnen, wenn sie die Vielfalt ihrer musikbasierten Szenestile weiterentwickelten und ihnen ein breites Angebot konsumgestützter Jugendstile den Weg in die immer noch monotonere Erwachsenenwelt erleichterte.[10]

Fazit: "Normaljahre" einer Übergangsphase

Welche Bedeutung kann man dem Jahrzehnt im hier skizzierten größeren Zeithorizont "nach dem Boom" übergreifend also zuschreiben? "Schlüsseljahre", deren Spuren bis zur Gegenwart hinein spürbar bleiben, das wäre sicherlich die angemessene Bezeichnung für die Ära Thatcher in Großbritannien oder die Zeit der Reagan-Präsidentschaft in den USA, wirkt aber für die Bundesrepublik für die erste Phase der Ära Kohl deutlich überzogen. Deren Bilanz ist viel stärker von Kontinuitäten und Kompromissen geprägt, als es die Zeitgenossen selbst wahrnahmen. Auch die gesellschaftlichen Entwicklungen folgten eher älteren Trends, oder aber neue Entwicklungen standen gerade mal am Beginn. Für die endgültige Verschiebung der Gewichte zwischen Neuem und Altem, zwischen Kontinuität und Bruch sorgten in der Bundesrepublik erst die 1990er Jahre mit den Folgen der Wiedervereinigung, der nächsten Konjunkturkrise und den sich inzwischen kumulierenden Prozessen des Wandels. Hier ist dem Historiker Philipp Ther zuzustimmen, der die wiedervereinigte Bundesrepublik in die Geschichte der Umbrüche der postsozialistischen Staaten einbezieht. Erst nach 1990 kam es europaweit zum Durchbruch der neuen neoliberalen Ordnungsmuster, und diese zweite neoliberale Welle veränderte dann auch Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre zusehends.[11]

Die 1980er Jahre lassen sich also eher als durchschnittliche Jahre der Ära "nach dem Boom" bezeichnen. Sie waren "Normaljahre", weil viele Trends eher unspektakulär weiterliefen, neue Entwicklungen wie die Verbreitung von PCs eher unauffällig begannen. Wer nach scharfen Zäsuren sucht, wird enttäuscht: In allen Bereichen war das Beharrungsvermögen derer, die in den 1970er Jahren dominante Positionen in ihren jeweiligen Bereichen erringen konnten, noch zu stark, um tief greifende Umbrüche oder Neuorientierungen zuzulassen. Normaljahre waren die 1980er Jahre auch insofern, als sich während dieser Zeit eine Pluralisierung von Lebensformen weiterentwickelte, die wesentlich zur Anpassungsfähigkeit der bundesrepublikanischen Gesellschaft an die sich beschleunigenden globalen ökonomischen Umbrüche beitrug. Viele dieser eher unspektakulären Geschichten pragmatischer Anpassung und Innovation lassen sich in westdeutschen Betrieben beobachten, die in den 1980er Jahren in eine Phase lang anhaltender Umstrukturierungen eintraten.

Am deutlichsten und lautesten setzten sich zweifellos die Protagonisten des Zeitgeistes von den vorangegangenen Jahrzehnten ab. Die Zeitgeistdenker segelten nun gern unter der Flagge der Postmoderne und markierten damit zugleich ihre Abkehr von den vermeintlich schlichten und gescheiterten Fortschrittsprogrammen der Boomjahre wie auch von der marxistischen Kritik der 1970er Jahre. Häufig verharrten sie im Modus selbstreflektierter Ratlosigkeit oder programmatischer Offenheit angesichts der vielfältigen, aber noch keineswegs überschaubaren neuen und alten Trends.[12] Wie keiner anderen zeitgenössischen Sozialphilosophie gelang es den Vertretern der Postmoderne, die Auflösung "verkrusteter" Ordnungsmuster, vor allem jedoch die Zwischenlage und den Schwebezustand zu artikulieren, in dem sich Gesellschaft, Kultur und Politik angesichts der widersprüchlichen Impulse seit dem Ende des Booms befanden.

Fußnoten

10.
Vgl. Axel Schildt/Detlef Siegfried, Deutsche Kulturgeschichte, München 2009, S. 405–424.
11.
Vgl. P. Ther (Anm. 9).
12.
Vgl. Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie, München 2015, S. 149–235.
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