Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

6.11.2015 | Von:
Detlef Siegfried

Das Subversive retten. Eine Denkfigur der 1980er

"Salonbolschewisten" von "Sounds" und "Spex"

In den 1980er Jahren änderte sich auch die Art und Weise, in der über Pop gesprochen wurde. Während ein neuerer, subjektiv-intellektualistischer Schreibstil des Pop-Journalismus auch in breiter angelegten Zeitgeistmagazinen wie "Tempo" oder "Wiener" zu Wort kam, artikulierte sich ein politisch links kodiertes, elitäres Selbstbewusstsein in den Musikmagazinen "Sounds" und "Spex". Um diese Blätter herum pflegte die junge Pop-Intelligenz in Anknüpfung an Susan Sontag und andere Theoretiker des Profanen eine Verehrung der Oberfläche, die sie vom Essenzialismus der "68er" als Vorgängergeneration befreien sollte und Pop eher als Material denn als Substanz betrachtete. Protagonisten von "Sounds" und "Spex" wie Diedrich Diederichsen und Olaph Dante Marx adaptierten Ideen der britischen Cultural Studies, insbesondere Dick Hebdiges Theorie vom politischen Potenzial des Stils, und leiteten daraus ein Konzept ab, das die Aneignung von Popkultur als subversive Technik propagierte.[10]

Attackiert wurden die Konventionen einer etablierten Rockmusik, des Sozialismus, der neuen sozialen Bewegungen, aber – im Unterschied zur rechten Kritik an den 68ern – auch Staat, Nation und die von Helmut Kohl angestrebte "geistig-moralische Wende". Es ging also, wie die "Sounds"-Redaktion im September 1982 verkündete, gegen "die immer gleichen Leitideen, die dir von allen Vertretern der Herrschaft vorgeleiert werden. Dazu gehört auch, dass wir all die kleinen Teenie-Obsessionen fördern und ausleben, die wir damals wie heute haben und die wir uns nicht von rigider alternativer Moral zerstören lassen wollen, aber auch unsere ernsthafteren Erwachsenen-Obsessionen kommen nicht zu kurz. Trotzdem bleiben wir aufrechte Bolschewisten, bzw. Salonbolschewisten, je nachdem, nur in modernisierter Version."[11]

Im Rückblick erinnert sich Diederichsen, schon in den 1980er Jahren "hatte irgendeine politische Reflexion, wie irre auch immer, eigentlich jeden Text durchzogen. (…) In einem Text über eine Band wie die Bad Brains ging es dann halt auch um die RAF oder und um die Volkszählung. Diese Verbindung fand ich ideal." Eine ganze Reihe der jungen Pop-Journalisten hatte, so Diederichsen weiter, "eine linke Vergangenheit, und zwar eine organisierte".[12] Allerdings distanzierten sie sich von manchen Elementen dieser Vergangenheit. Die "punkaffine Intelligenz der 1980er Jahre" verachtete identifikatorische Politiken, wie sie das musikalische Umfeld der Friedensbewegung repräsentierten.[13] Sie lehnte Authentizitätsbehauptungen ab, wie sie der Rockmusik anfangs inhärent und durch das Engagement zahlreicher Bands für Friedens- und andere Bewegungen auf das politische Feld transponiert worden waren. Stattdessen wurde "Gegenkultur als Pop-Affirmation" inszeniert.[14] Anders noch als die "hedonistische Linke" der frühen 1970er Jahre, die Lebensgenuss gegen Kommerzialisierung und eine galoppierende Hyperpolitisierung der marxistisch-leninistischen Gruppen gleichermaßen in Anschlag gebracht hatte, war der Hedonismus der "Salonbolschewisten" mit einem ausdrücklichen Bekenntnis zum Konsum verbunden. Die Konsumkultur lieferte das Material, das, eigensinnig gewendet, das kapitalistische System würde unterlaufen können – so, wie es die Birminghamer Sozialwissenschaftler vom Centre for Contemporary Cultural Studies mit ihren Arbeiten zu den britischen Subkulturen aus der Arbeiterklasse gezeigt hatten.

Der subjektive Schreibstil und die Ausbreitung popkulturellen und theoretischen Spezialwissens, das Musik, Politik, Film, Kunst und Mode mehr oder weniger assoziativ zusammenfügte, "erweitert(e) den popkulturellen Wunsch nach Distinktion um die Inszenierung des eigenen kritischen Denkens".[15] Sachkenntnis war damit nicht immer verbunden, stets aber ein autoritativer Gestus – die Anmaßung, bei bestenfalls vagen Anhaltspunkten darüber befinden zu können, was "gute" oder "schlechte" Musik sei. "Angeberei", wie Diederichsen einmal eingestand und später hinzufügte: "Spex" war "so obskur, wie es gerade noch ging".[16] Die hier durchgespielte Möglichkeit, Popmusik durch die Verkoppelung mit anderen Künsten und Theorie anschlussfähig für hochkulturelle Diskurse zu machen und dadurch das eigene kulturelle Kapital auszustellen, erzeugte in den 1990er Jahren einen "Feuilletonisierungsschub" (Diederichsen). Nun rächte sich, dass eine kapitalismuskritische Position in dieser Gegenpose zum alternativen Habitus eben nur als Postulat enthalten war.

Blickt man auf die Rezipienten von Popmusik, so mochte manchen die ostentative Lektüre von "Spex" als Marker des gehobenen Andersseins dienen, vielen blieb der hier gepflegte Jargon wohl verschlossen – was für andere wiederum besonders anziehend wirkte. Vor allem aber blieb die Einlösung des politischen Anspruchs aus. Auf eine zu mobilisierende Masse hatte er sich niemals gerichtet – im Gegenteil –, aber in der Ironie und der Distanzierung von dem Gros der als identifikatorisch geschmähten Linken verflüchtigten sich die Maßstäbe eines Linksseins jenseits der für Außenstehende kaum mehr nachvollziehbaren, mehrfach gebrochenen Haltung der verinselten Pop-Intellektuellen.

Mag sein, dass die linke Pop-Intelligenz arrogant war und in einem Insiderduktus schrieb, den kein Mensch verstand. Aber manche Akteure passten sich dennoch nicht dem Zeitgeist an, sondern waren und blieben links – im Unterschied zu zahlreichen Zeitgeistsurfern unter Pop-Adepten und früheren Linksintellektuellen, die sich im Laufe der 1980er Jahre von ihrem Linkssein verabschiedeten und einem neuen Nationalgefühl huldigten oder sich ganz zum wirtschaftlichen und politischen Einzelkämpferideal à la Maggie Thatcher bekannten. Sich offensiv links zu verorten, war in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre keine Selbstverständlichkeit mehr. So hat "Spex", gemeinsam mit den bekennenden linken Popbands versucht, Pop als Zentralelement eines kulturellen Linksblocks zu etablieren. Dass es in der Bundesrepublik für kulturelle Hegemonie nicht mehr reichte, demonstrierten schon vor den reaktionären neuen Pop-Literaten der 1990er Jahre Neonazi-Bands wie "Landser", die mit dem Missverständnis aufräumten, dass Rockmusik per se links sein musste.

Fußnoten

10.
Vgl. Diedrich Diederichsen/Dick Hebdige/Olaph-Dante Marx, Schocker. Stile und Moden der Subkultur, Reinbek 1983.
11.
Zit. nach: Thomas Hecken, Die verspätete Wende in der Kultur der 1990er Jahre, in: Olaf Grabienski/Till Huber/Jan-Noël Thon (Hrsg.), Poetik der Oberfläche. Die deutschsprachige Popliteratur der 1990er Jahre, Berlin u.a. 2011, S. 13–26, hier: S. 17.
12.
"So obskur, wie es gerade noch ging", Interview mit Diedrich Diederichsen, 28.2.2013, http://www.jungle-world.com/artikel/2013/09/47242.html« (7.10.2015).
13.
Alexa Geisthövel, Böse reden, fröhlich leiden: Ästhetische Strategien der punkaffinen Intelligenz um 1980, in: Jens Elberfeld (Hrsg.), Das schöne Selbst: Zur Genealogie des modernen Subjekts zwischen Ethik und Ästhetik, Bielefeld 2009, S. 367–399, hier: S. 386.
14.
Thomas Hecken, Das Versagen der Intellektuellen. Eine Verteidigung des Konsums gegen seine deutschen Verächter, Bielefeld 2010, S. 148.
15.
Nadja Geer, "If you have to ask, you can’t afford it". Pop als distinktiver intellektueller Selbstentwurf, in: Bodo Mrozek/Alexa Geisthövel/Jürgen Danyel (Hrsg.), Popgeschichte, Bd. 2, Bielefeld 2014, S. 337–357, hier: S. 338.
16.
Ronald Strehl, Die Sounds-Story, NDR-Nachtclub 2006, in: Sounds-Archiv, o.D., http://www.sounds-archiv.at/styled-201/styled-206« (5.10.2015); Interview (Anm. 12).
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