Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

6.11.2015 | Von:
Detlef Siegfried

Das Subversive retten. Eine Denkfigur der 1980er

Rezeption von Peter Weiss’ "Ästhetik des Widerstands"

Das in den 1980er Jahren postulierte "Ende der Ideologien" wurde von einer erstaunlichen Bewegung begleitet, die in der individuellen und gemeinschaftlichen Lektüre des dreibändigen Romans "Die Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss bestand. Für zahlreiche Linke in West- und Ostdeutschland wurde der Roman – erschienen 1975, 1978 und 1981 – zu einem Schlüsselwerk, weil er die Geschichte der Arbeiterbewegung aus einer kommunistischen, aber antistalinistischen Perspektive reflektierte und dabei am Beispiel junger, selbst denkender Akteure die Legitimität eines Sozialismus von unten verfocht. Trotz des unablässigen Scheiterns, so Weiss, "war das Wesentliche nicht, dass da Mächte am Werk waren, Menschen in gewaltigen Mengen nieder zu metzeln, sondern dass einige sich daran gemacht hatten, diesen Taten entgegen zu wirken, und das Denkwürdige daran war wiederum nicht, dass sie kaum vernehmbar waren, sondern dass es sie überhaupt gab".[17] Diese Konstellation war unmittelbar anschlussfähig für diverse linke Kreise, die Scheitern und Resignation erfahren hatten, aber an der sozialistischen Zielperspektive festhalten wollten.

Als Gegenstand der Krisenbearbeitung besonders attraktiv wurde das Werk durch die Verbindung von Politik und Kultur: das Aufbrechen der Verengung auf das Politische, das die linke Radikalisierung der 1970er Jahre mit sich gebracht hatte; die im Scheitern des Linksradikalismus evident gewordene Notwendigkeit, grundsätzliche Fragen wie das Verhältnis von Autoritarismus und Autonomie, von Kultur und Politik, von Offenheit und taktischem Schweigen neu zu denken; die Verteidigung der Legitimität des Sozialismus im Emanzipationsstreben des Einzelnen. Eine der bemerkenswertesten Wirkungen dieser Romantrilogie bestand im Entstehen zahlreicher Lesezirkel, die den diskursiven Gestus des Buches als Anleitung für die eigene Praxis aufnahmen.[18] Sie lasen die "Ästhetik des Widerstands" als kritisches Geschichtsbuch, das ihre Erfahrungen einer Krise der Linken widerspiegelte, aber an der Utopie der Aufklärung ebenso festhielt wie an der Idee des Ineinandergreifens von Kunst und Revolte, das im Aufschwung der Postmoderne und der kommerziellen Kodierung einer "Erlebnisgesellschaft" in die Defensive geraten war.

Einer der aktivsten Propagandisten der "Ästhetik des Widerstands" war Wolfgang Fritz Haug, der 1980 die erste "Volksuni" in West-Berlin ins Leben gerufen hatte, um über die Grenzen der akademischen Institution hinauszugreifen. Ihm schwebte vor, wie er Peter Weiss schrieb, "die Ästhetik des Widerstands in unsere ‚zweite Kultur‘ einzubauen, zu benutzen, sie keinesfalls den Germanisten zu überlassen."[19] "Zweite Kultur" oder auch "andere Kultur", wie es mitunter hieß – damit war eine Alternativkultur gemeint, die einer vermeintlichen "ersten" Hegemonialkultur entgegengestellt wurde. Hier wird erstens deutlich, dass Haug die "Ästhetik" für die Reflexion und politische Praxis einer nach kultureller Hegemonie strebenden Linken heranziehen wollte. Zweitens sollten dezidiert Arbeiter, "Gewerkschafter" einbezogen werden, wie er immer wieder postulierte. Haugs Absicht entsprach ganz Peter Weiss’ Intention, der sich schon 1977 gegenüber dem Literaturwissenschaftler Klaus Scherpe auf Antonio Gramsci und dessen Ablehnung von "Grenzziehungen zwischen manueller und intellektueller Arbeit" berufen hatte.[20] Das unterstützte Haugs Konzept, das sich ebenfalls auf Gramsci bezog. Inwieweit sich tatsächlich Arbeiter, Gewerkschafter, Betriebsräte über das Mammutwerk beugten, ist damit natürlich noch nicht gesagt.

Unter früheren Maoisten und anderen Angehörigen der "Neuen Linken" war die Resonanz gemischt. Während einige, politisch gewendet, in der "Ästhetik" eine Neuauflage kommunistischer Dogmatik erblickten, war sie für andere eine Gelegenheit, frühere Haltungen zu überprüfen, ohne das Ziel einer gerechten Gesellschaft aufzugeben. Ein Leser sah rückblickend zwei Phasen der Bewältigung seiner Loslösung von einer kommunistischen Gruppe: erstens die "radikale Trennung", "seinen ganzen Hass und seine Wut abzureagieren, um für sich selber einen festeren Stand zu finden", und zweitens, sich nach einigem Abstand "ein komplexeres Bild von der Sache zu machen".[21] Für den einige Jahre jüngeren Bertolt, Mitglied einer achtköpfigen Lesegruppe von Studierenden im Grundstudium Germanistik – alle, wie sie bekundeten, "links der DKP"–, stellte sich die Ausgangslage im selben Jahr, 1986, völlig anders dar. Ihn interessierte, "dass Weiss sich (…) mit der Frage der Resignation auseinandersetzt: der Alternative, Politik zu machen oder zu resignieren". Aber anders als der vorgenannte Leser sah er das Entscheidende im Insistieren des Autors auf der Hoffnung auf ein besseres Leben. In Bertolts Worten: "Politische Hoffnung aufgeben hieße: verlieren. Wer diese Hoffnung aufgibt, gibt letztendlich seine Beziehungen zu Gesellschaft und Umwelt auf." Auch bei der RAF fand die Trilogie Leser. Der Schriftsteller Christian Geissler berichtete Weiss von einer begeisterten Lektüre "in verschiedenen hochsicherheitstrakten hiesiger knäste".[22]

In der DKP und ihrem Umfeld stieß der Roman auf großes Interesse, allerdings vornehmlich unter Protagonisten der bald darauf entstehenden "Erneuerer"-Strömung, die den dogmatischen Kurs der Parteiführung attackierte und auf eine Revision des kommunistischen Geschichtsbildes drängte. Michael Ben, der bald darauf wegen Herausgabe der oppositionellen Zeitschrift "Düsseldorfer Debatte" aus der DKP ausgeschlossen wurde, erklärte 1982, dieser Roman funktioniere "im Gebrauch". Er "verweigert sich Dogmatikern der Halbheit, den Kämpfern reiner Politik und mehr noch Literaturbetrieblern, die sich mit den Maßstäben für liberalen Zwergwuchs anschleichen, um dem Kommunisten und Künstler abwechselnd das eine oder andere wegzustutzen".[23] 1987, im eskalierenden innerparteilichen Konflikt, kritisierte der Schriftsteller Erasmus Schöfer unter Berufung auf Weiss’ Insistieren auf "Wahrhaftigkeit" das Schweigen der DKP zu "Fehlentwicklungen" in den sozialistischen Ländern.[24]

Deutlich wird: In vielen Fraktionen der Linken hat es eine intensive Rezeption der "Ästhetik des Widerstands" gegeben, die ausgelöst wurde und überformt war von der Krise des Linksradikalismus seit den späten 1970er Jahren, einem vermeintlichen "Ende der Ideologien" und insbesondere einem gewachsenen Geschichtsbewusstsein, das den großen Meistererzählungen misstraute und stattdessen an alternativen Perspektiven "von unten" interessiert war. Gleichzeitig wollten diejenigen, die sich so intensiv mit "der Ästhetik" identifizierten, auch weiterhin am sozialistischen Projekt festhalten, allerdings in einer demokratisierten Form. Doch zu einer "Instandbesetzung des Sozialismus", wie Klaus Scherpe es formulierte, kam es nicht.[25] Es folgte keine Erneuerung, sondern der Zerfall des "real existierenden" Sozialismus.

Fußnoten

17.
Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands, Bd. 3, Frankfurt/M. 1981, S. 48.
18.
Vgl. Martin Rector, Fünfundzwanzig Jahre "Die Ästhetik des Widerstands". Prolegomena zu einem Forschungsbericht, in: Arnd Beise/Jens Birkmeyer/Michael Hofmann (Hrsg.), Diese bebende kühne zähe Hoffnung. 25 Jahre Peter Weiss’ "Die Ästhetik des Widerstands", St. Ingbert 2008, S. 13–48, hier: S. 20ff.
19.
W.F. Haug an Peter Weiss, 17.11.1981, AdK, Peter-Weiss-Archiv (PWA), 483.
20.
Peter Weiss an Klaus Scherpe, 2.7.1977, AdK, PWA 971.
21.
Gespräch mit Friedrich Timme, in: Günter Dunz-Wolff/Hannes Goebel/Jochen Stüsser (Hrsg.), Lesergepräche. Erfahrungen mit Peter Weiss’ Roman Die Ästhetik des Widerstands, Hamburg 1988, S. 157–163, hier: S. 163.
22.
Christian Geissler an Peter Weiss, 10.3.1982, AdK, PWA, 387 (Kleinschreibung im Original).
23.
Michael Ben, Lenins Affe und Verschiedenes, in: Literatur konkret, 9 (1982/83), S. 29f.
24.
Vgl. Marx-Engels-Stiftung (Hrsg.), Herausforderung Peter Weiss, Wuppertal 1987, S. 81.
25.
Zit. nach: Wolfgang Fritz Haug, Die "Ästhetik des Widerstands" lesen, in: Kürbiskern, (1982) 2, S. 107–113, hier: S. 109.
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