Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

6.11.2015 | Von:
Magdalena Beljan

Aids-Geschichte als Gefühlsgeschichte

"Aids-Angst" in den Medien

Glaubt man Zeitungen, Zeitschriften, aber auch Ratgebern der 1980er Jahre, so lebte eine ganze Nation in Angst und Schrecken: "Tödliche Seuche AIDS. Die rätselhafte Krankheit", "Die Bombe ist gelegt", "AIDS und unsere Angst", "Wege aus der Angst", "Wenn es dich trifft, stirbst du".[2] Und auch in Geschichtsbüchern ist von einer "AIDS-Hysterie"[3] oder weniger dramatisch von einer "Aids-Angst" zu lesen, die nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in anderen westlichen Ländern geherrscht habe. Repräsentative Umfragen oder Untersuchungen, die das bestätigen oder widerlegen könnten, gab es in Deutschland aber erst ab 1987.[4] Und auch diese zeichneten ein ambivalenteres Bild als das einer verschreckten Nation.

Ganz offensichtlich ist jedoch, dass sich vor allem in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre Zeitungen und Zeitschriften in der Berichterstattung über Aids überschlugen. Vor allem in den ersten Jahren, als noch relativ wenig über die Übertragungswege und die Ursache der Erkrankung bekannt war, wurde Aids als Seuche und damit als massive Gefahr beschrieben. Auch wenn bereits 1983 das HI-Virus, das "Humane Immundefizienz-Virus", entdeckt und als Ursache ausfindig gemacht wurde: Die heute geläufige Unterscheidung zwischen Infektion und Erkrankung, also zwischen "positiv sein" und "Aids haben", wurde erst mit sicheren HIV-Tests relevanter. Noch 1988 fragte "Der Spiegel" auf seinem Titelblatt: "Wie sicher ist der Aids-Test?"[5] Wirksame Therapien wiederum wurden erst in den 1990er Jahren entwickelt. Aids zu haben bedeutete in den 1980er Jahren also in der Regel noch, tödlich erkrankt zu sein.

Der Vergleich aber mit schweren Krankheiten wie der Pest oder Syphilis, an denen in der Vergangenheit Millionen von Menschen gestorben waren, suggerierte, dass Aids ähnliche Folgen haben würde. Angst vor Aids zu empfinden, so wurde medial nahegelegt, sei absolut sinnvoll. Schwulen Männern wurde die Fähigkeit zu dieser vermeintlich einzig "vernünftigen" emotionalen Reaktion abgesprochen. Immer wieder wurde von einer schwulen Subkultur berichtet, in der Männer angeblich mit Hunderten von anderen Männern anonymen Sex hätten. Promiskuität, also häufiger Sex mit wechselnden Partnern, so wurde behauptet, sei für Schwule seit der "sexuellen Revolution" ganz normal,[6] in Zeiten von Aids aber der "Motor der Seuche".[7] Gefordert wurde, dass schwule Männer deswegen strikt enthaltsam oder zumindest monogam leben sollten. Prostituierte sollten aus demselben Grund stärker kontrolliert werden beziehungsweise ihre Arbeit ruhen lassen.

Schwule und Heroinabhängige wurden vielfach als selbstverschuldet Erkrankte dargestellt, im Kontrast zu infizierten Blutern (darunter vor allem viele Kinder), die bis Mitte der 1980er Jahre ebenfalls als "Risikogruppe" galten. Die Verantwortung für Erkrankungen läge hier bei der Pharmaindustrie und im Versagen der Politik, da diese nicht rechtzeitig auf Kontrollen von Blutprodukten insistiert habe. Eine solche Unterscheidung in "schuldige" und "unschuldige" Opfer findet sich zum Teil noch heute. "Schuld" wird dabei meist mit der "falschen" – sorglosen und ungeschützten – Sexualität verknüpft.[8]

Diese Form der Berichterstattung wurde bereits zeitgenössisch kritisiert. Die Presse dramatisiere Aids, stigmatisiere schwule Männer und andere "Randgruppen" und schüre damit Angst in der Bevölkerung, so die Kritiker. Dem entgegnete Hans Halter, Reporter beim "Spiegel" und verantwortlich für eine Vielzahl an Artikeln über Aids, Angst sei keine Folge der dramatisierenden Berichterstattung, sondern der "Fakten".[9] Doch im Gegensatz zu bekannten Seuchen waren die Geschichte und vor allem der Verlauf von Aids, also die Fakten, alles andere als bekannt und höchst umstritten.

Die mediale Darstellung von Aids änderte sich deutlich um 1987. Mit zunehmendem medizinischen Wissen wurde zwischen Infektion und Erkrankung unterschieden: dass "positiv" zu sein nicht bedeuten muss, Aids zu bekommen oder zu haben. Porträtiert wurden nicht sichtlich Erkrankte, sondern HIV-Positive, denen man ihre Infektion nicht anmerkte. Bezeichnend für diesen Wandel war die Reihe "‚Warum ausgerechnet ich?‘ HIV-Positive schildern ihr Schicksal", die 1987 im "Spiegel" erschien. Zwar wurden auch hier die "klassischen Risikogruppen" (männliche) Homosexuelle, Fixer, Prostituierte und Bluter vorgestellt, in der ersten Folge kamen jedoch infizierte Heterosexuelle zu Wort. Diese betonten allesamt, dass sie keiner dieser Gruppen angehörten und sich von daher fälschlicherweise nicht von Aids und HIV betroffen gefühlt hätten. Damit wurde betont, dass HIV nicht mehr nur einzelne Gruppen betraf, sondern ein allgemeines Risiko darstellte, das potenziell alle Menschen anging.

Mit dieser Verschiebung änderte sich auch die Emotionalisierung von Aids. Die Artikelserie, so die Autoren, sollte das in der Presse vorherrschende Manko der Beschreibung "des physischen und psychischen Elendes von HIV-Positiven, ihre Angst vor Arbeitsplatzverlust, vor Diskriminierung, vor Vernichtung der bürgerlichen Existenz" ausgleichen.[10] Löste das positive Testergebnis bei vielen Todesängste aus, berichteten die meisten davon, wie es ihnen gelang, die Angst vor der Erkrankung in den Griff zu bekommen. Doch weniger regulierbar und durchaus begründet schien, was hier, aber auch in anderen Artikeln immer stärker betont wurde: die Angst der Betroffenen vor einer sozialen Ausgrenzung und Stigmatisierung.

So ist es nicht verwunderlich, dass der als Hardliner bekannt gewordene CSU-Politiker Peter Gauweiler Ende der 1980er Jahre im "Spiegel" als "Bayerns Scharfmacher" porträtiert und die von ihm verfolgte Aids-Politik scharf kritisiert wurde. Angst erschien Ende des Jahrzehnts auch im "Spiegel" nicht länger als sinnvolle und logische Folge der "Fakten", sondern als Resultat eines fragwürdigen politischen und sozialen Umgangs mit Aids und HIV.

Fußnoten

2.
Dies ist nur eine Auswahl an Titeln aus den Jahren 1983 bis 1987.
3.
Axel Schildt/Detlef Siegfried, Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik von 1945 bis zur Gegenwart, München 2009, S. 263.
4.
Vgl. Gerhard Christiansen/Jürgen Töppich, Aids – Wissen, Einstellungen und Verhalten 1987 bis 1999. Ergebnisse der jährlichen Repräsentativbefragung "Aids im öffentlichen Bewusstsein der Bundesrepublik", in: Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz, (2000) 9, S. 669–676.
5.
Der Spiegel vom 25.4.1988.
6.
Zur Normalisierung männlicher Homosexualität vgl. Benno Gammerl, Ist frei sein normal?, in: Peter-Paul Bänziger/Magdalena Beljan et al. (Hrsg.), Sexuelle Revolution? Zur Geschichte der Sexualität im deutschsprachigen Raum seit den 1960er Jahren, Bielefeld 2015, S. 223–243; Magdalena Beljan, Rosa Zeiten? Eine Geschichte der Subjektivierung männlicher Homosexualität in den 1970er und 1980er Jahren der BRD, Bielefeld 2014.
7.
Die Promiskuität ist der Motor der Seuche, in: Der Spiegel vom 12.8.1985, S. 144–154.
8.
Vgl. Brigitte Weingart, Ansteckende Wörter, Frankfurt/M. 2002.
9.
Der Motor der Seuche. Interview mit Hans Halter, in: Aids. Dimension einer Krankheit, Sonderheft Siegessäule, Dezember 1985, S. 33f., hier: S. 33.
10.
Aids: "Ich bin positiv". Wie Infizierte leben und leiden (Vorspann zur Serie "Warum ausgerechnet ich?" HIV-Positive schildern ihr Schicksal), in: Der Spiegel vom 17.8.1987, S. 58f., hier: S. 59.
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