Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

6.11.2015 | Von:
Magdalena Beljan

Aids-Geschichte als Gefühlsgeschichte

Aids-Arbeit als Gefühlsarbeit

Doch noch bevor Aids in der Bundesrepublik zum Wahlkampfthema avancierte und die große staatliche Aufklärungskampagne "Gib Aids keine Chance" 1987 startete, wurden vor allem in den Großstädten lokale Aids-Hilfen gegründet, die sich um Betroffene kümmerten, aber auch Informationsveranstaltungen und Ähnliches organisierten. So wurde rund ein Jahr nach Bekanntwerden der ersten Aids-Fälle in Deutschland, im September 1983, die DAH in Berlin gegründet. Schon zwei Jahre später fungierte sie als überregionaler Dachverband von rund 30 Selbsthilfegruppen bundesweit.[11] Die Aids-Hilfen sollten von Anfang an allen Betroffenen offen stehen, wandten sich aber vor allem in den ersten Jahren in ihren Broschüren und Aufklärungsmaterialien in erster Linie an schwule Männer. Als Selbsthilfen, zum großen Teil auch von schwulen Männern initiiert, schlossen sie eine Lücke. Sie informierten über die Erkrankung und Infektion, klärten über "sicheren" und "unsicheren" Sex auf, noch bevor "Safer Sex" zur geläufigen Formulierung wurde, warnten vor einer Überforderung von Ärzten, kritisierten HIV-Tests und Testpraktiken, wandten sich gegen die Stigmatisierung von Menschen als "Risikogruppen" und kritisierten vor allem eine allgemeine "Panikmache". Im "Spiegel" und in anderen Medien wurde ihnen deswegen nicht selten Verharmlosung unterstellt.

Im Gegensatz zu anderen forderten die Aids-Hilfen von niemandem sexuelle Enthaltsamkeit, sondern informierten über den aktuellen Wissensstand und die Risiken bei unterschiedlichen Praktiken. Häufig waren die Broschüren in sehr "lockeren" Formaten wie den von Ralf König gezeichneten "Safer Sex Comics" aufgemacht, zudem waren sie teilweise sehr explizit. In einer Anzeige in dem Schwulenmagazin "Du & Ich" von 1987 hieß es etwa: "Das Problem war die Angst und auch, daß man nichts Genaues wußte: darfst du nun oder nicht, und wenn: wie?" Die Frage danach, wie Sex sicher sei, wurde präzise beantwortet: "Und wenn man sich an die zwei eisernen Regeln hält (‚hinten nicht ohne; in den Mund nehmen kannst du ihn schon, aber nicht kommen lassen‘), also dann ist die ganze Geschichte auch nicht risikoreicher als im Hechtsprung bei Grün über die Straße."[12] Die Aids-Hilfen reagierten damit auf die häufig nur vagen Ratschläge und Handlungsanweisungen in anderen Ratgebern. Angst, so wurde in den DAH-Materialien argumentiert, resultiere allein aus mangelndem Wissen und fehlenden Handlungsoptionen – und sei somit überwindbar.

Die Aids-Hilfen leisteten aber von Anfang an nicht nur Aufklärungs- und Präventionsarbeit, sondern sie kümmerten sich in wachsendem Umfang auch um Betroffene, denen sie emotionale Unterstützung anboten. Im Gegensatz zum älteren Konzept der "Betreuung" sollte der Begriff der "Unterstützung" die Kooperation unterschiedlicher Bereiche betonen und den Netzwerkgedanken unterstreichen.[13] Menschen mit Aids und HIV bildeten zwar die Hauptzielgruppe, einbezogen wurden aber auch Freunde und Familie sowie die eigenen Mitarbeiter. In der Berliner Aids-Hilfe arbeiteten 1991 bereits 69 ehrenamtliche Mitarbeiter als "Begleiter". Im Gegensatz zur professionellen Pflege oder auch Therapie ging es hier um ein partnerschaftliches Verhältnis auf Augenhöhe. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter waren Gesprächspartner, Freunde und Familie: "So soll ermöglicht werden, mit der Krankheit verbundene Sorgen, Nöte, Ängste und Hoffnungen mitzuteilen, Fragen zu stellen und Themen anzusprechen, die sonst angstbedingt gemieden werden."[14] Über Gefühle zu reden, sie zu thematisieren und zu problematisieren, gehörte somit erklärtermaßen zum Arbeitsbereich der DAH. Und auch hier bezog sich die artikulierte Angst nicht allein auf die medizinisch möglichen Effekte von Aids, sondern auf die gesellschaftlichen Reaktionen und Folgen. Die Aids-Hilfen schufen einen Raum, Emotionen zu artikulierten und zu regulieren.

Menschen mit Aids zu betreuen, bedeutete aber bis in die 1990er Jahre hinein noch allzu häufig, Sterbenskranke in den Tod zu begleiten. Gerade für ehrenamtliche Mitarbeiter stellte diese Aufgabe oftmals eine große Belastung dar, zumal die Grenze zwischen Betroffenen und Ehrenamtlichen nicht selten fließend war. Tatsächlich waren sehr viele Mitarbeiter selbst HIV-positiv; Betreuer wurden so zu Betroffenen und erlebten mit, wie Freunde und Kollegen starben, noch bevor sie selbst erste Krankheitssymptome entwickelten. In den Jahresberichten der DAH und der lokalen Aids-Hilfen fanden sich regelmäßig Nachrufe, häufig auf junge Männer in ihren späten Zwanzigern. Der Tod der eigenen Mitarbeiter stellte die Aids-Hilfen auch vor ein praktisches Problem: Die hauptsächlich Ehrenamtlichen waren entweder überlastet oder irgendwann selbst unmittelbar bedroht. Trauer wurde entsprechend nicht als individueller Prozess definiert, sondern als strukturelles Problem erkannt und in Schulungen und Supervisionen, die einen vergemeinschaftenden Effekt hatten, angegangen.

Fußnoten

11.
Vgl. Dieter Telge, Krise als Chance – Aids-Selbsthilfebewegungen in Wechselwirkung mit schwulen Emanzipationsbestrebungen, in: Andreas Pretzel/Volker Weiß (Hrsg.), Zwischen Autonomie und Integration, Hamburg 2013, S. 153–160, hier: S. 154.
12.
Deutsche Aids-Hilfe e.V., DAH-Werbung, in: Du & Ich, 3 (1987).
13.
Vgl. Berliner Aids-Hilfe (Hrsg.), Jahresbericht 1989, Berlin 1990, S. 6f.
14.
Dies., Jahresbericht 1987/88, Berlin 1988, S. 30.
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