Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

6.11.2015 | Von:
Magdalena Beljan

Aids-Geschichte als Gefühlsgeschichte

"Aids geht uns alle an!" Aids-Politik der späten 1980er

Während die Aids-Hilfen Mitte der 1980er Jahre bereits vielfältig aufklärten und berieten, reagierten staatliche Organe weitaus träger. Die erste Info-Broschüre "Was Sie über Aids wissen sollten" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ging im November 1985 an alle bundesdeutschen Haushalte. Ab 1987 kam es dann zur Arbeitsteilung zwischen der DAH und der BZgA: Die DAH wurde staatlich subventioniert und kümmerte sich auch weiterhin um die direkt Betroffenen, während sich die BZgA auf "die Allgemeinheit" konzentrierte.

In der Bundesrepublik ist Aids-Politik vor allem mit dem Namen der von 1985 bis 1988 amtierenden Gesundheitsministerin Rita Süssmuth verbunden. Süssmuths politischem Gegner in der Frage, wie auf Aids reagiert werden solle, Peter Gauweiler, wurde vorgeworfen, er verbreite mit seinem Ruf nach einer "harten" Aids-Politik Angst. Doch auch Süssmuths Politik war alles andere als unemotional, auch wenn diese nicht auf direkten Zwang, sondern auf Prävention setzte. Sie stärkte damit eine allgemeine Tendenz im Gesundheitswesen, bei dem das Konzept der Vorsorge, das auf die Schaffung eines "präventiven Selbst" abzielte,[15] in den Vordergrund gestellt wurde.[16] Was abstrakt klingt, lässt sich leicht zusammenfassen: Zunehmend wurden Menschen für ihre Gesundheit selbst verantwortlich gemacht – und damit auch für ihre Erkrankungen. Prävention ist in diesem Konzept nicht vornehmlich eine staatliche, sondern eine individuelle Aufgabe.

1987 startete im Auftrag des Gesundheitsministeriums die große Kampagne "Gib Aids keine Chance", die unter anderem auf die Schaffung eines Gefühls allgemeiner Betroffenheit abzielte. Denn bei dem dort zugrunde gelegten Konzept der "Risikopraktiken" wurde davon ausgegangen, dass eine HIV-Infektion nicht nur eine Gefahr für bestimmte Minderheiten darstellt, sondern ein Risiko, das jeden einzelnen (vor allem sexuell aktiven) Menschen betrifft und das somit jeder einzelne durch sein Verhalten regulieren kann.[17] Diese Strategie ließe sich einerseits als empowerment lesen, durch das die Mündigkeit der Bürger bestärkt wurde.[18] Andererseits täuscht diese neoliberale Lesart aber darüber hinweg, dass dieses empowerment auf Kosten der Betroffenen verlief. Denn nach dieser Logik war eine Infektion nicht Folge unglücklicher Umstände, sondern das Resultat eines Scheiterns: Wer sich beim Sex infizierte, hatte wohl keine Vorsorge betrieben, nicht genug aufgepasst oder einfach kein Kondom benutzt. Das Kondom stand synonym für "Safer Sex" und sollte zur neuen Normalität werden.

Zwar wurden Kondome bereits "vor Aids" genutzt – und dies keinesfalls nur zur Verhütung ungewollter Schwangerschaften, sondern auch als Schutz vor Geschlechtskrankheiten –, aber während 1984 in einer Befragung nur 24 Prozent angaben, mit Kondomen bereits Erfahrungen gesammelt zu haben, waren es 1989 schon 75 Prozent (weitere zehn Jahre später gar 93 Prozent).[19] Nun kann man aus Umfrageergebnissen sicher nicht einfach auf tatsächliche Praktiken von Menschen schließen – gerade im Bereich der Sexualität –, allerdings verweisen die Ergebnisse auf soziale Normen. Sex mit Kondom war zur neuen Norm geworden. Und wer erkrankte, schien nach den großen Aufklärungskampagnen selbst schuld zu sein, schließlich war er vorgewarnt worden: Denn "Aids geht uns alle an!", so eine damals häufig genutzte Formulierung.[20] Dass Menschen sich aber schon vor dem Wissen über HIV infiziert haben konnten oder aus unterschiedlichsten Gründen keinen "Safer Sex" betrieben – etwa, weil sie es für unwahrscheinlich hielten, sich zu infizieren, oder einfach unsicher im Umgang mit Kondomen waren – dafür hatte die staatliche Aids-Politik kaum Verständnis.

Ausblick

Während Aids in den 1980er Jahren noch einem Todesurteil glich, wurde die Differenzierung zwischen Infektion und Erkrankung immer wichtiger. Das Risiko schien verwaltbar, Hoffnungen schienen begründet. Doch erst die Einführung wirksamer Kombinationstherapien Mitte der 1990er Jahre verlängerte die Lebenszeit und vor allem die Lebensqualität der Betroffenen deutlich. Wie viele Menschen sich bislang in Deutschland tatsächlich angesteckt haben, kann niemand genau sagen, denn eine Meldepflicht gibt es bis heute nicht. Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass sich zwischen 1982 und Ende 2004 etwa 73.000 Menschen in der Bundesrepublik mit HIV infiziert haben.[21] In ihrer ganzen Dramatik reichen diese Zahlen längst nicht an die vergangenen Einschätzungen über die Folgen von Aids und HIV heran, und das Institut widerspricht damit den Einschätzungen, die von den eigenen Mitarbeitern in den 1980er Jahren im "Spiegel" und anderen Medien geäußert wurden.

Dagegen erwiesen sich die Versprechen der späten 1980er Jahre, dass zwischen der Infektion und den ersten Krankheitssymptomen Monate oder auch Jahre liegen könnten, als immer realistischer. "Positiv leben" heißt inzwischen nicht nur zu überleben, sondern lange beschwerdefrei zu leben. Mit der "Normalisierung" von Aids war aber auch verbunden, dass die Krankheit in den 1990er Jahren immer stärker als bloßes "afrikanisches Problem" dargestellt und wahrgenommen wurde.

Nichtsdestotrotz, manche Prozesse verliefen schleichend: Noch im Juli 1989 antworteten in einer repräsentativen Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach auf die Frage "Wissen Sie zufällig, ist Aids eigentlich heilbar, oder muß jemand, der an Aids erkrankt ist, daran sterben?" 84 Prozent mit "Muß sterben". Dagegen gaben nur 3 Prozent "ist heilbar" an, 13 Prozent antworteten "Weiß nicht". Dass Aids von vielen immer noch als tödliche Krankheit eingeschätzt wurde, heißt aber nicht, dass sich tatsächlich alle davon bedroht fühlten. Das taten laut einer Befragung im Juni 1989 ohnehin nur 6 Prozent der Bevölkerung.[22]

Mit anderen Worten: Die Einschätzung des Krankheitsverlaufs korreliert nicht mit der individuell empfundenen Bedrohung. Entsprechend kann es einer Geschichte der Gefühle auch gar nicht darum gehen, was "tatsächlich" wann und von wem empfunden wurde, sondern vielmehr sollte nachgezeichnet werden, was an Gefühlen artikuliert, problematisiert und politisiert wurde. So zeigt ein genauerer Blick, dass an vielen Punkten verbreitete Annahmen über Aids und Emotionen revidiert werden müssen. Angst war zwar im Zusammenhang mit Aids immer wieder ein Thema. Aber davon auszugehen, dass jeder, der über Aids und Angst redete, auch Angst vor Aids hatte, ist genauso unsinnig wie anzunehmen, dass jeder, der über Geld redet, reich ist.

Auch ist es wenig gewinnbringend, davon auszugehen, dass zunächst sehr viele Menschen große Angst vor Aids gehabt hätten und diese dann abgenommen habe. Dies sind meist Spekulationen. Deutlich nachzeichnen lässt sich indes, dass Angst zunehmend thematisiert wurde – und dass ebenfalls zunehmend diskutiert wurde, warum man keine Angst (mehr) vor der Erkrankung habe und wovor man viel mehr Angst haben müsse, nämlich vor den sozialen und politischen Folgen. Angst vor Aids wurde offensichtlich häufig verbalisiert, um zu betonen, dass diese Angst überwunden sei. In diesem Sinne war es keine spezifische "Aids-Angst", die in den 1980er Jahren artikuliert wurde, sondern häufiger ein allgemeineres Gefühl: die Angst vor Stigmatisierung und sozialer Ausgrenzung.

So spricht vieles dafür, dass man nicht etwa von einer Entemotionalisierung des Aids-Diskurses im Laufe der 1980er Jahre ausgehen muss, sondern im Gegenteil von einer zunehmenden Emotionalisierung. Doch das Gerede einer allgemeinen "Aids-Angst" in den 1980er Jahren vermeidet diesen genaueren Blick und ist nicht mehr als eine historiografische Platitude, die den Quellen unkritisch nachplappert – und denkbar wenig erklärt.

Fußnoten

15.
Martin Lengwiler/Jeannette Z. Madarász (Hrsg.), Das präventive Selbst. Eine Kulturgeschichte moderner Gesundheitspolitik, Bielefeld 2010.
16.
Vgl. Raimund Geene, Aids-Politik, Frankfurt/M. 2000, S. 93–96, http://www.aids-politik.de« (7.10.2015); Malte Thießen, Gesundheit erhalten, Gesellschaft gestalten, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 10 (2013) 3, S. 354–365.
17.
Vgl. Peter-Paul Bänziger, Vom Seuchen- zum Präventionskörper? Aids und Körperpolitik in der BRD und der Schweiz in den 1980er Jahren, in: Body Politics, (2014) 3, S. 179–214.
18.
Für eine solche, eindimensionale Lesart vgl. zum Beispiel Henning Tümmers, "Gib Aids keine Chance". Eine Präventionsbotschaft in zwei deutschen Staaten, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 10 (2013) 3, S. 491–501.
19.
Vgl. G. Christiansen/J. Töppich (Anm. 4), S. 673.
20.
Vgl. z.B. Rita Süssmuth, AIDS. Wege aus der Angst, Hamburg 1987, S. 9, S. 15, S. 159.
21.
Vgl. Robert-Koch-Institut (Hrsg.), HIV und Aids. Gesundheitsberichterstattung des Bundes 31/2006, S. 17, http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/
GBEDownloadsT/hiv_aids
(7.10.2015).
22.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann/Renate Köcher (Hrsg.), Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie, 1984–1992, München 1993, S. 237f.
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