Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

6.11.2015 | Von:
Sebastian Berg

Politisches Handeln in multiethnischen Gesellschaften und das Erbe der 1980er Jahre: Beispiel Großbritannien

1980er Jahre: Neoliberale Reorganisation

In der Frühzeit der New Commonwealth Immigration nach dem Zweiten Weltkrieg erschien multikulturelle Politik unnötig. Immigrantinnen und Immigranten kamen in ihr "Mutterland" und sollten sich an die dortige Kultur anpassen. Für African Caribbeans stellte dies angeblich kein Problem dar, da sie nach vorherrschender Meinung ohnehin nicht viel an Kultur mitbrachten. Aber auch von den South Asians wurde Assimilation verlangt. Beide Gruppen gemeinsam wurden als "Coloured Immigrants" bezeichnet. Sie blieben trotz britischer Staatsbürgerschaft im politischen Leben des Landes isoliert. Parteien und Gewerkschaften zeigten wenig Interesse an ihnen. Protest brauchte daher Selbsthilfeorganisationen, die in den 1970er Jahren "Blacks" als politischen Begriff für Caribbeans und South Asians verwendeten. Er sollte die gemeinsame Erfahrung von Rassismus betonen und ethnische Identifikationen bewusst überschreiten. Fremd- und Selbstbeschreibungen verwendeten vor den 1980er Jahren also Farbbegriffe und homogenisierten eher, als dass sie ethno-kulturelle Spezifika herausstellten.

Politisch Verantwortliche glaubten, eine Balance von Immigrationspolitik und Antidiskriminierungspolitik herstellen zu müssen, um "harmonious race relations" zu schaffen. Daran änderte sich auch in den 1980er Jahren nicht viel. Immigration und Staatsangehörigkeit wurden mit dem British Nationality Act 1981 neu geregelt, und die ehemaligen Kolonien verloren die letzten Reste eines privilegierten Zugangs zum Mutterland. Premierministerin Margaret Thatcher begründete dies mit der Angst vor Überfremdung und der notwendigen Verteidigung der britischen Kultur; tatsächlich ging es aber auch darum, in einer Zeit, in der in großem Maße Arbeitsplätze verschwanden, Einwanderung zu minimieren.Das zentrale Projekt der Thatcher-Regierungen war jedoch die Reorganisation des Verhältnisses von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft: Während der ersten Regierungsjahre verschrieb sich Thatcher der Schwächung der Gewerkschaftsbewegung. Als sie dies durch mehrere restriktive Gesetze und im Showdown mit den streikenden Bergarbeitern 1984/85 erreicht hatte, entmachtete die Regierung auch die großstädtischen City und Metropolitan County Councils, die meist Labour-geführt waren. Parallel setzte sie ein umfassendes Privatisierungs- und Deindustrialisierungsprogramm um, verfügte den Verkauf kommunaler Mietshäuser, verpflichtete Arbeitnehmer zu privater Altersvorsorge, liberalisierte das Bankwesen und intensivierte die Stärkung des Finanz- gegenüber dem produzierenden Sektor.

Ideologisch wurde diese Neuausrichtung durch Diskurse unterfüttert, die die angeblich übergroße Macht der Gewerkschaften, die vermeintliche Kriminalität der schwarzen Jugendlichen, die Anspruchshaltung einer "arbeitsunwilligen" Unterschicht und den "Extremismus" der damaligen Labour Party beschworen. Während sie das Verhältnis von Gesellschaft und Staat radikal veränderten, gerierten sich die Conservatives – unterstützt von großen Teilen der britischen Medien – zugleich als Verteidiger eines angeblich gefährdeten traditionellen British Way of Life. Dies war der Hintergrund zum erwähnten British Nationality Act von 1981, aber auch zur Einführung eines nationalen Lehrplanes an Schulen gegen Ende des Jahrzehnts, der britische Geschichte und Anglikanismus betonte. Die Antidiskriminierungsgesetzgebung tasteten die Regierungen allerdings nicht an.

Nach den durch aggressives Polizeiverhalten ausgelösten Race Riots von 1981 bemühte sich die Regierung, die schlimmsten Verwerfungen der Deindustrialisierungspolitik für die überdurchschnittlich betroffenen ethnischen Minoritätengruppen abzumildern. Wie effektiv diese Maßnahmen waren, ist umstritten. Kritikern zufolge produzierten sie vor allem Konkurrenz zwischen verschiedenen Gruppen: Die Sozialwissenschaftlerin Kalbir Shukra spricht in diesem Zusammenhang vom Aufkommen ethnozentrischer Perspektiven aufseiten der Minoritäten und von einer "Jagd auf ein Stück vom britischen Kuchen".[7] Diese Phänomene wurden womöglich noch verstärkt durch lokalpolitische Initiativen in vielen Labour-regierten Großstädten, durch die versucht wurde, in der örtlichen Bevölkerung Widerstand gegen die drastischsten Folgen neoliberaler Politik zu organisieren. Um zur Emanzipation diskriminierter Bevölkerungsgruppen beizutragen, entwickelten Lokalpolitiker Varianten eines sogenannten munizipalen Antirassismus, der Gleichstellungsprogamme bei der Vergabe öffentlicher Arbeitsplätze mit interkultureller Fortbildung der Bevölkerung und der Bekämpfung von (institutionellem) Rassismus verband. Diese Maßnahmen waren bei antirassistischen Aktivisten jedoch umstritten. Die konservative Regierung nahm sie zum Anlass, die politischen Handlungsspielräume der Großstädte einzuschränken.

Gegen die folgenreichsten Wandlungen der 1980er Jahre, die Konsequenzen der Deindustrialisierung, konnte die Lokalpolitik ohnehin wenig tun. Einerseits verschwanden Arbeitsplätze – und vor allem für die aus Südasien stammenden Communities in den altindustriellen Städten Nordenglands blieb meist nur der Weg in eine prekäre, unterkapitalisierte und auf Selbstausbeutung basierende Selbstständigkeit. Mit den Arbeitsplätzen in der Industrie verschwanden außerdem Begegnungsräume von weißen und nicht-weißen Arbeiterinnen und Arbeitern. Nach Meinung des Rassismusforschers Arun Kundnani führte dies zu zusätzlicher Entfremdung.[8]

Gegen Ende der 1980er Jahre führten die Proteste gegen den Roman "Die Satanischen Verse", samt öffentlicher Bücherverbrennungen und des Aufrufs aus Teheran, den Autor Salman Rushdie zu töten, zu veränderten Konfliktlinien. Für die Linke wurde die Affäre zu einer Herausforderung, weil sie bemerkte, dass auch sie Probleme mit Teilen der Minoritätenbevölkerung haben konnte. Für die Rechte wurde sie ebenfalls zu einem Wendepunkt: Conservatives hatten die South Asian Communities gelegentlich hofiert, weil sie mit Kleinunternehmen und stabilen Familienstrukturen für ähnliche Werte zu stehen schienen wie die Conservatives selbst, und weil Islamisten (mit Ausnahme derer im Iran) als antikommunistische Freiheitskämpfer galten. Ab 1989 wurde im politischen Diskurs der Begriff "Asians" rasch durch den der "Muslims" ersetzt, und es wurde begonnen, die Kompatibilität ihrer "Kultur" mit britischen Werten infrage zu stellen. Der britische Intellektuelle Ziauddin Sardar sieht in der Rushdie-Affäre das Ereignis, das auch bei vielen aus Südasien eingewanderten Muslimen und ihren Nachkommen die Identifikation mit einer britisch-islamischen Community auslöste, die sich weniger rassistisch als religiös diskriminiert sah.[9]

Insgesamt gewannen in den 1980er Jahren die Immigranten und ihre Nachkommen in der Politik an Sichtbarkeit. Dabei wurden allerdings kulturell-ethnische Selbst- und Fremdzuschreibungen immer wichtiger. Es ging nicht mehr, wie in den 1970er Jahren, um schwarzen Widerstand gegen weißen Rassismus, sondern um die Akzeptanz von ethno-kulturellem Pluralismus. Einige, wie der Kultursoziologe Stuart Hall, begrüßten dies prinzipiell als Aufbrechen essenzialistischer Identitätskonzepte.[10] Andere, wie der Leiter des radikalen Institute of Race Relations, A. Sivanandan, sahen es als bedenkliche Entwicklung, da dies Differenz statt interethnischer und Klassensolidarität betonte.[11]

Außerdem war die britische Gesellschaft am Ende der 1980er Jahre tief gespalten zwischen jenen, die von der neoliberalen Reorganisation profitiert oder sie zumindest einigermaßen überstanden hatten, und jenen, die die Verlierer dieser Entwicklung waren. Das dem Wohlfahrtsstaat zugrunde liegende Prinzip der Solidarität war weitgehend durch das der individuellen Verantwortung ersetzt worden. Einer der berühmtesten Sätze Thatchers lautet: "There is no such thing as society." Perspektivisch musste die individualistische Konzeption Konsequenzen für eine Gesellschaft haben, die gerade begonnen hatte, sich Gedanken über die Koexistenz verschiedener ethno-kultureller Gruppen zu machen.

Fußnoten

7.
Kalbir Shukra, A Scramble for the British Pie, in: Patterns of Prejudice, 30 (1996) 1, S. 28–35.
8.
Vgl. Arun Kundnani, The End of Tolerance. Racism in 21st Century Britain, London 2007, S. 47f.
9.
Vgl. Ziauddin Sardar, Desperately Seeking Paradise, London 2004, S. 278–293.
10.
Vgl. Stuart Hall, New Ethnicities, in: David Morley/Kuan-Hsing Chen (Hrsg.), Stuart Hall: Critical Dialogues in Cultural Studies, London 1996 (1989), S. 441–449.
11.
Vgl. A. Sivanandan, Communities of Resistance, London 1990.
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