Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

6.11.2015 | Von:
Sebastian Berg

Politisches Handeln in multiethnischen Gesellschaften und das Erbe der 1980er Jahre: Beispiel Großbritannien

Europäische Konvergenz?

Staatlicher Multikulturalismus war in Großbritannien ein Intermezzo, das etwa von 1997 bis 2001 dauerte. Das heutige Großbritannien ist ein postmultikultureller Staat, der oft behauptet, postrassistisch zu sein. Der gegenwärtig hegemoniale politische Diskurs beschreibt die Gesellschaft als meritokratisch und radikal individualistisch. Alle sind ihres Glückes Schmied und für sich selbst verantwortlich. Wer sich dem verweigert, wird diszipliniert.

Gleichzeitig aber wird versucht, durch staatliches Handeln den gesellschaftlichen Frieden so weit wie möglich zu wahren. Daher kommt es zu Balanceakten: So wird versucht, zum Beispiel durch organisierte Einwanderungsprogramme, die ökonomischen Eliten zufriedenzustellen, die an gut ausgebildeten, billigen Arbeitskräften (und einem Optimum an Arbeitslosen) interessiert sind. Zugleich wird versucht, zum Beispiel durch Verhinderung von Einwanderung, die alteingesessene Bevölkerung zu beruhigen, die sich an Zeiten größerer wohlfahrtsstaatlicher Sicherheit erinnert und für deren Verlust allzu oft Migranten verantwortlich macht. Es wird zudem versucht, zum Beispiel durch Antidiskriminierungsgesetze, die etablierten Minoritätengruppen vor rassistischer Gewalt zu schützen. Und schließlich wird versucht, zum Beispiel durch die Verbreitung von Wertekanons, eine hegemoniale politische Kultur zu erzeugen. All dies dient der Stärkung der britischen Position im sogenannten globalen Wettbewerb auf der Basis eines politischen Wertesystems, das Disziplinierung und Assimilationsforderungen gegenüber Solidarität, Unterstützung oder zumindest Toleranz privilegiert.

Diese Dynamik ließ und lässt sich auch in anderen europäischen Gesellschaften beobachten: in der Debatte um die angebliche Selbstisolation der französischen Muslime in der laizistischen Gesellschaft, in der postmultikulturalistischen Wende in den Niederlanden, im ausgeprägten Wohlstandschauvinismus Skandinaviens oder in der periodisch gestellten Frage nach der "Leitkultur" in Deutschland. Überall korreliert diese Dynamik mit der Durchsetzung des Neoliberalismus und reagiert gleichzeitig auf das Erstarken rechter Parteien und Bewegungen. Unterschiede erklären sich aus den Spezifika politischen Handelns zur Durchsetzung und Konsolidierung des Neoliberalismus. Wie weit sich als Resultat beispielsweise Großbritannien seit den 1980er Jahren vom Solidaritätsprinzip entfernt hat, zeigt sich nicht zuletzt im Umgang mit den Flüchtlingen des Jahres 2015.

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