Leere Metallschüsseln und Löffel

27.11.2015 | Von:
Michael Brüntrup

Welthunger und Welternährung

Wie sich Perspektiven auf Hunger und Ernährung ändern

In einer historischen Perspektive sind permanente Knappheit an Nahrung und große Hungersnöte wesentliche Begleiter der Menschheitsgeschichte. Zumindest seit der Erfindung des Ackerbaus waren lokale Bevölkerungsdichte und -zahl stark von der Verfügbarkeit von lokal produzierter Nahrung abhängig. Kleine Körpergrößen in frühen Stadien der landwirtschaftlichen Entwicklung deuten häufig auf generelle Unterversorgung hin. Vielleicht nicht in durchschnittlichen Jahren, aber während besonders problematischer Perioden dezimierten Fehlernten immer wieder die menschlichen Populationen. Der wesentliche limitierende Faktor war die Verfügbarkeit von Nahrungsenergie. Mangelernährung war sicher ebenfalls ein wichtiges Element, aber da die meisten Menschen Selbstversorger waren, eine gewisse Bandbreite an Nahrungsprodukten anbauten und aus Wald oder Gewässern Wildprodukte holten, waren qualitative Aspekte der Ernährung wahrscheinlich weniger zentral. Sie waren eher für niedrige Lebenserwartung aufgrund von allgemein schlechter körperlicher Verfassung und geringer Widerstandskraft gegenüber Krankheiten verantwortlich. Aus dieser historischen Perspektive, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts einige Gültigkeit hatte, erklärt sich der starke Fokus früherer internationaler Diskussionen zur Ernährungssicherheit auf Hunger und auf Landwirtschaft als wichtigsten Weg zu ihrer Verbesserung.

Mit der zunehmenden Verfügbarkeit von Nahrung durch die Errungenschaften der modernen Agrarwissenschaften (hier ist explizit nicht von den ökologischen Folgen die Rede, dazu unten mehr) und des modernen Transportwesens ist Mangel an Nahrungsverfügbarkeit ein zunehmend seltenes Problem. Nur in Regionen, die nicht gut in nationale und internationale Märkte eingebunden sind, sind Menschen nach wie vor von der lokalen Produktion für den Zugang zu Nahrung abhängig. Zwar leben auch viele Kleinbauern noch hauptsächlich von der Subsistenzproduktion und hängen damit für ihre Ernährungssicherung stark von der Produktion ab. Aber hätten sie ausreichend finanzielle Mittel, könnten die meisten von ihnen den größten Teil des Jahres Nahrung zukaufen. Ihr Problem ist eher der Mangel an Einkommen, das aus dem Verkauf landwirtschaftlicher Produkte und aus nicht-landwirtschaftlichen Tätigkeiten stammen kann. Die großen Produktions-, Preis- und damit Einkommensschwankungen im Agrarsektor sowie der Mangel an alternativen Einkommensquellen und oft unzureichende Transfersysteme verhindern den besseren Zugang der ländlichen Bevölkerung zu Nahrungsmitteln. Die städtische Bevölkerung ist sogar weitgehend auf den Zugang zu Nahrungsmitteln als Weg zur Ernährungssicherung angewiesen, zusätzlich zu städtischer Landwirtschaft, die in urbanen Regionen von Entwicklungsländern eine gewisse Rolle spielt. Dass nicht Verfügbarkeit, sondern Zugang der Schlüssel für Ernährungssicherung ist, darauf wies insbesondere der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen in den 1980er Jahren hin. Mittlerweile gilt die Verbesserung des Zugangs, über Einkommensschaffung der Armen und über Sozialtransfers, als Königsweg der Ernährungssicherung. Damit einher geht eine Verschiebung der sektoralen Zuständigkeit für Ernährungssicherheit von der Landwirtschaft zur Wirtschafts- und Sozialpolitik. Diese Perspektive setzt allerdings stillschweigend voraus, dass die Produktion weiterhin mit dem Verbrauch zumindest Schritt halten kann.

In den vergangenen Jahren gab es eine weitere Verschiebung der Perspektive auf Ernährungssicherheit, die noch in vollem Schwung ist: auf die Nutzung von Nahrung, worunter neben nahrungsbezogenen Aspekten wie Zubereitung und Verteilung innerhalb des Haushaltes – wichtig insbesondere für Frauen, Alte und Kinder – auch Gesundheit, Hygiene, Wasser und ähnliche Faktoren zählen. Im Deutschen mag diese Perspektive sprachlich nicht so stark auffallen, da wir den englischen Begriff food security meistens mit Ernährungs- und nicht mit dem treffenderen Begriff der Nahrungssicherheit übersetzen. Tatsächlich ist die Perspektivverschiebung aber wesentlich, denn es stellt sich heraus, dass es zwar einen groben Zusammenhang zwischen Einkommen und Ernährungszustand sowohl auf der nationalen Ebene als auch auf der Haushaltsebene gibt, dass es aber ganz erhebliche Streubreiten gibt. Ein Haushalt berücksichtigt bei der Nutzung von (erhöhtem) Einkommen ein Bündel von Konsumzielen, von denen Nahrung nur eines ist. Ausgaben für Hygiene wie Toiletten oder bessere Trinkwasserversorgung sind weitere Ziele, die ebenfalls verfolgt werden müssten, um den Ernährungszustand zu verbessern. Dies ist teilweise recht kostspielig, daher ist die "Übersetzung" von Einkommen in Ernährung unter solchen Voraussetzungen geringer. Außerdem müssen sich häufig auch tief verwurzelte, kulturelle Gewohnheiten ändern wie die Speisezusammenstellung und -zubereitungsart oder Hygieneverhalten, was neben Einkommen auch Bildung und Bewusstsein erfordert, die sich eventuell wesentlich langsamer ändern. Schließlich sind Ausgabenpräferenzen eines Haushaltes wesentlich davon abhängig, wer über das Einkommen verfügt. Häufig wird beispielsweise festgestellt, dass sich Einkommen und Bildung bei Frauen stärker auf den Ernährungszustand von Kindern auswirken als bei Männern. Bei der Rolle des Staates ergibt sich aus der Perspektivverschiebung eine Verlagerung von monetären Maßnahmen hin zu Bildung, Aufklärung, Investitionen in Gesundheit, Trinkwasser und Hygiene sowie die stärkere Kontrolle und Verbesserung von Nahrungsmitteln mit wichtigen Spurenelementen und Vitaminen (Fortifikation), die der einzelne Haushalt kaum im Blick hat.

Eine weitere neue Perspektive auf das Thema Welternährung zumindest in Entwicklungsländern gilt der Überernährung. Mit einem Überschuss von Nahrung, insbesondere von früher eher ungewohnten beziehungsweise kostbaren Inhaltsstoffen wie Zucker oder Fetten, bei gleichzeitigem Abbau von körperlicher Arbeit und Bewegung werden menschliche Psyche und Physis, evolutionär auf Mangel getrimmt, nicht einfach fertig. Menschen essen zu viel und ernähren sich falsch, was zur Zunahme von Krankheiten wie Herz- und Kreislauferkrankungen oder Diabetes führt. Dieses Phänomen, das in Industrieländern schon seit einigen Dekaden zu einer großen Herausforderung für das Individuum, aber auch für Gesundheitssysteme und Wirtschaftsleistung geworden ist, greift in den Entwicklungs- und Schwellenländern rasch um sich, weil dort die Übergänge von der Mangel- zur Überschusssituation und von schwerer körperlicher zu anderen Arbeiten sowie privatem Bewegungsmangel sehr schnell stattfinden. Wissen, Kultur und Gewohnheiten ändern sich nicht rechtzeitig. Die politischen Konsequenzen dieser Perspektivverschiebung sind, ähnlich wie bei der Betonung von Fehlernährung, ein vermehrter Bedarf an Bildung und Aufklärung. Allerdings sind die Zielgruppen und damit die im Detail notwendigen Maßnahmen häufig ganz andere, da in den Entwicklungsländern Übergewicht eher ein Phänomen der Ober- und Mittelschichten ist und nicht wie in den Industrieländern vornehmlich der Unterschichten.

Ein letzter Perspektivwechsel auf Ernährungssicherheit deutet sich zurzeit an: das zunehmende Verschmelzen von Ernährungs- und ökologischen Nachhaltigkeitsfragen.[3] Im Bereich der kleinbäuerlichen Subsistenzproduktion ist dies ein länger bekanntes Thema: ohne ökologische Nachhaltigkeit der Produktion keine nachhaltige Ernährungssicherung, ohne diversifizierten Anbau keine diversifizierte und damit nährstoffreiche und ausgewogene Nahrung. Im größeren, gar globalen Maßstab wurde diese Verbindung bisher weniger hergestellt – Produktion und Konsum waren getrennte Domänen. Zunehmend wird jedoch diese Verbindung auch auf höherer Ebene gesehen: Einerseits trägt die Landwirtschaft (auch Fischerei und Forst) zu einem erheblichen Teil zu lokaler und globaler Verschmutzung, Degradierung von natürlichen Ressourcen, Artenschwund und Klimawandel bei und untergräbt damit ihre eigenen Grundlagen, die der Menschheit und vieler Ökosysteme. Andererseits ist ein wesentlicher Hebel zur Änderung nicht im Produktions-, sondern im Konsumsystem zu finden: Umstellung von Ernährungsgewohnheiten, insbesondere bei tierischen Produkten, aber auch Bedeutung von Verbraucherpräferenzen zur Steuerung der Produktionsweisen. Außerdem muss Kreislaufwirtschaft angesichts der zunehmenden Urbanisierung und der Verknappung einiger essentieller Stoffe, insbesondere des weder bei Pflanzen noch bei Tieren und Menschen ersetzbaren Phosphats, weitergedacht werden: Die organische Substanz, zumindest die wichtigsten Inhaltsstoffe aus den urbanen Zentren müssen zurück auf die Produktionsflächen. Auch die Energienutzung in Nahrungssystemen muss weiterentwickelt werden: Die moderne Landwirtschaft und die arbeits- und ortsteiligen Nahrungssysteme setzen einerseits enorme fossile Energie- und Rohölmengen ein für Dünger, Arbeitsenergie, Transport, Verarbeitung, Lagerung oder Abfallbeseitigung. Andererseits sind die Land- und die Forstwirtschaft die wichtigsten Lieferanten von erneuerbarer Energie und Öl ersetzenden Rohstoffen. Hier müssen wesentliche Fortschritte bei der Vernetzung bisher relativ unabhängiger Systeme gemacht werden – Stichwort "Bioökonomie". Für die Politikgestaltung ergeben sich aus diesem Perspektivwechsel große Aufgaben für eine grüne Innovations- und Strukturpolitik.

Fußnoten

3.
Das Sustainable Development Goal 2 der UN, im September 2015 verabschiedet, vereint Hunger, Ernährung, Produktivität, ökologische Nachhaltigkeit und ökonomische Effizienz und Marktöffnung sowie -regulierung. Siehe auch den Beitrag von Steven Engler/Anna Bönisch/Esther Trost in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Michael Brüntrup für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Welternährung

Jeder neunte Mensch weltweit hungert. Die unterschiedlichen Ausprägungen von Unter-, Mangel-, Fehl-, Überernährung hat nicht nur Auswirkung auf den einzelnen Menschen, sondern auf die gesamte Gesellschaft. Wo leben die Menschen, die unter Ernährungsunsicherheiten leiden? Was für eine Rolle spielt die Welternährung in der Weltpolitik, welche Organisationen sind zuständig? Und was bedeutet das Menschenrecht auf Nahrung?

Mehr lesen

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2015

Der APuZ-Jahresband 2015: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" aus dem Jahr 2015.Weiter...

Zum Shop