Leere Metallschüsseln und Löffel

27.11.2015 | Von:
Michael Brüntrup

Welthunger und Welternährung

Stand und neuere Trends von Welthunger und Welternährung

Für die vergangenen etwa 30 Jahre liegen deutlich bessere Daten zur Verfügung als für frühere Zeiträume. Es soll aber bereits hier darauf hingewiesen werden, dass die Erstellung von Statistiken von Hunger-, Mangel- und Fehlernährung schwierig ist und die Datenlage viel zu wünschen übrig lässt. Immer wieder kommt es zu wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen über Zahlen, Mess- und Berechnungsmethoden. Als beispielsweise nach der Agrarpreiskrise 2007/08 der Indikator der Welternährungsorganisation FAO für die Anzahl der Hungernden zunächst sprunghaft anstieg und dann, nach einer Änderung der Berechnungsart, wieder fiel, wurde von Manipulation gesprochen. Auch der Vergleich mit Grenzwerten oder internationalen Zielsetzungen macht die Interpretation nicht immer einfacher, da sie häufig willkürlich und ohne die Berücksichtigung von Querbeziehungen gezogen wurden. Wie einfach die unterschiedliche Deutung selbst scheinbar klarer Daten ist, wird auch im Folgenden bei der Präsentation ausgewählter Statistiken zur Lage von Welthunger und -ernährung deutlich werden. Für die wesentlich komplexere Datenlage zu Mangel- und Fehlernährung gilt dies noch stärker als für Unterernährung.

Der wichtigste Indikator der weltweiten Ernährungssicherheit ist die Zahl der Menschen, die nicht ausreichend mit Kalorien versorgt wurden (Unterernährung). Laut dem letzten Welternährungsbericht der FAO waren 2015 weltweit 795 Millionen Menschen unterernährt (Tabelle 1). Das waren 167 Millionen weniger als zehn Jahre zuvor und 216 Millionen weniger als 1990 bis 1992, was als Referenzzeitraum für diese Statistik gilt. Diese Angaben beruhen nicht auf Messungen an Menschen, sie entstehen aus Extrapolationen von Verfügbarkeit und Verteilung. Die FAO verrechnet in einer komplizierten Formel die verfügbaren Kalorien auf Landesebene mit dem errechneten Bedarf für mittlere Körperaktivität aller Menschen und entsprechend der Einkommensverteilung der privaten Haushalte. Der große Vorteil dieses Indikators ist, dass er für (fast) jedes Land leicht errechnet werden kann und nicht von Erhebungen abhängt, die teuer, schwierig, oft unregelmäßig und nicht repräsentativ sind. Der Nachteil ist, dass er nur eine grobe Abschätzung der Hungerproblematik ist, da in Entwicklungsländern weder für die Nahrungsverfügbarkeit noch für die Einkommensverteilung wirklich gute, zeitnahe Daten zur Verfügung stehen. Außerdem ignoriert er den tatsächlichen Zugang und die Nutzung der Nahrung für einzelne Haushalte und Personen. Das Entwicklungsziel des Welternährungsgipfels von 1996, als sich 182 Länder dazu verpflichteten, die Zahl der Hungernden auf der Welt bis 2015 zu halbieren, wurde nach dieser Statistik deutlich verfehlt.
Tabelle 1: Anzahl der Hungernden weltweit und in ausgewählten Weltregionen (in Millionen)Tabelle 1: Anzahl der Hungernden weltweit und in ausgewählten Weltregionen (in Millionen) (© bpb)

Bezieht man die Hungernden relativ auf die gesamte Einwohnerzahl der Entwicklungsländer, die sich in der Zeitspanne fast verdoppelt hat, ergibt sich eine andere Perspektive (Tabelle 2): Der Anteil der Hungernden reduzierte sich von 23,3 auf 12,9 Prozent, also um 10,4 Prozentpunkte oder 45 Prozent. Damit ist eine andere Selbstverpflichtung der internationalen Staatengemeinschaft, das Milleniumsziel 1c von 2000, den Anteil der Hungernden bis 2015 relativ zum Jahr 1990 zu halbieren, fast erreicht. Immerhin 72 Länder waren hier erfolgreich. Die großen Unterschiede zwischen absoluten und relativen Änderungen von Hunger auf der Welt ergeben sich durch unterschiedliche Ausgangspunkte und Bevölkerungswachstumsraten.
Tabelle 2: Anteil der Hungernden weltweit und in ausgewählten Weltregionen (in Prozent)Tabelle 2: Anteil der Hungernden weltweit und in ausgewählten Weltregionen (in Prozent) (© bpb)

Will man auch den Ernährungszustand beurteilen, muss man auf andere Kennzahlen zurückgreifen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden etwa zwei Milliarden Menschen an Mangelernährung aufgrund von Mikronährstoffmangel verschiedenster Art. Es gibt unterschiedliche, für den Laien meist verwirrende Maßzahlen. Am überzeugendsten ist es, sich die Auswirkungen aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren auf die schwächsten und empfindlichsten Mitglieder der Gesellschaft anzuschauen: Kleinkinder. Der Welthungerindex (WHI), der vom International Food Policy Research Institute (IFPRI) berechnet wird, kombiniert den relativen FAO-Wert für Unterernährung der Gesammtbevölkerung aus Tabelle 2 mit drei anderen Indikatoren – Anteil von Kindern unter fünf Jahren mit Auszehrung (Körpergewicht in Bezug auf Körpergröße, Maßzahl für akute Unterernährung), Wachstumsverzögerung (Körpergröße in Bezug auf Alter, Maßzahl für chronische Unterernährung) sowie Sterblichkeit – zu einem nationalen Index. Dadurch wird der auf individueller Ebene gemessene Ernährungszustand Teil des Indexes und damit sowohl die Verteilung innerhalb von Haushalten als auch Fehlernährung berücksichtigt. Allerdings beruhen diese Indikatoren nur auf der Messung bei Kindern, also nur einem kleineren Teil der Bevölkerung, und werden nicht jedes Jahr landesweit gemessen. Insbesondere der Sterblichkeitsindex beruht nicht nur auf dem Ernährungszustand, sondern auch auf anderen Faktoren (etwa 50 Prozent wird dem Ernährungszustand zugesprochen, hauptsächlich durch größere Anfälligkeit für Krankheiten).

Für 2015 lag der gewichtete globale WHI bei 21,7, 2005 bei 27,9 und 1990 bei 35,4 (Tabelle 3). Also ergibt sich auch hier eine klare Abnahme weltweit von 13,7 Prozentpunkten über den gesamten Zeitraum oder 39 Prozent, vergleichbar mit dem Milleniumsziel 1c.
Tabelle 3: Welthungerindex weltweit und in ausgewählten Regionen (zwischen 0=bester und 100=schlechtester Wert)Tabelle 3: Welthungerindex weltweit und in ausgewählten Regionen (zwischen 0=bester und 100=schlechtester Wert) (© bpb)

Regional ergeben sich allerdings deutliche Unterschiede bei Niveau und Trend der Hungerentwicklung. In Südasien (dahinter steht vor allem Indien) leben mit 281 Millionen Menschen die meisten Hungernden, gefolgt von Subsahara-Afrika und Ost- und Südostasien. In absoluten Zahlen ist fast ausschließlich Ost- und Südostasien für die Reduzierung des Hungers verantwortlich, wohinter sich insbesondere die Entwicklung in China verbirgt, aber auch einige andere bevölkerungsreiche Länder wie Vietnam oder Kambodscha. In Subsahara-Afrika hat sich die Anzahl der Hungernden mit 44 Millionen deutlich erhöht, und auch im Nahen Osten (Westasien) haben die absoluten Werte zugenommen. In Prozenten der Ausgangswerte ausgedrückt war dort der Anstieg besonders drastisch.

Andere Perspektiven auf die Ernährungssicherung im regionalen Vergleich ergeben sich, wenn man von den relativen Änderungen ausgeht. Auch hier liegt Südostasien an der Spitze mit einer Reduktion von 16 Prozentpunkten beim FAO-Wert, gefolgt von Subsahara-Afrika. Aber beim WHI führt Südasien mit 18,3 Prozentpunkten vor Ost- und Südostasien und Subsahara-Afrika. Bezieht man die Prozentpunkte der Verbesserung auf den Startwert 1990, liegen Südostasien und Lateinamerika beim FAO-Wert fast gleichauf mit 62 beziehungsweise 63 Prozent, beim WHI-Wert führt sogar Lateinamerika mit 58 vor Südostasien mit 54 Prozent. Subsahara-Afrika, das internationale Sorgenkind der Entwicklungspolitik, hat sich immerhin um 10 Prozentpunkte beim FAO-Wert und um 15 Prozentpunkte beim WHI verbessert, was bezogen auf den Ausgangszeitraum 30 beziehungsweise 32 Prozent ausmachte.

Andere Probleme stellen sich bei der Bekämpfung von Fehl- und vor allem von Überernährung. Praktisch überall auf der Welt ist Übergewicht ein wachsendes Problem. Mittlerweile gelten doppelt so viele Menschen (1,9 Milliarden) als übergewichtig wie als untergewichtig. Tabelle 4 zeigt, dass selbst in Afrika (hier allerdings inklusive Nordafrika) der Trend schwerer Fettleibigkeit sich sehr problematisch und rasch entwickelt. Nur in einem (Nauru) von 193 Ländern gab es eine leichte Verbesserung. In vielen Entwicklungsländern gibt es mittelweile einen nennenswerten Anteil (bis zu 16 Prozent) an Haushalten mit übergewichtiger Mutter und mindestens einem untergewichtigen Kind. In manchen Industrie- aber auch Schwellenländern sind über die Hälfte aller Erwachsenen massiv übergewichtig. Das Problem der "doppelten Ernährungsbelastung" erfasst landesweit oft mehr als 50 Prozent der Haushalte.

Tabelle 4: Verbreitung von Fettleibigkeit bei erwachsenen Männern und Frauen weltweit und in ausgewählten Weltregionen (in Prozent der Bevölkerung)Tabelle 4: Verbreitung von Fettleibigkeit bei erwachsenen Männern und Frauen weltweit und in ausgewählten Weltregionen (in Prozent der Bevölkerung) (© bpb)
Man sieht also: Bei der Interpretation der Statistiken und der Zuschreibung politischer Verantwortung sind gerade bei den relativen Indikatoren große Spielräume gegeben. Je nach Zusammenstellung des Vergleichs lassen sich manche Regionen mal besser, mal schlechter darstellen. Fast in jeder Beziehung aber ist Subsahara-Afrika globales Schlusslicht. Doch auch hier gibt es Lichtblicke, die beweisen: Hunger und Unterernährung sind auch unter schwierigen Bedingungen bekämpfbar. Es ist eine der zentralen Aufgaben der Länder, aber auch der internationalen Staatengemeinschaft, dieses Ziel tatkräftig zu verfolgen und das Menschenrecht auf Nahrung überall zu verwirklichen. Dabei muss man fairerweise beachten, dass es je nach Ausgangslage und Ländertyp unterschiedlich schwierig ist, Hunger zu bekämpfen.

Ist der Hunger nicht sehr weit verbreitet und ist das Einkommensniveau eines Landes relativ hoch, wie es beispielsweise in Lateinamerika meist der Fall ist, sollte es möglich sein, den Hunger über Zugangsmaßnahmen (Sozialprogramme, Arbeitsbeschaffung, gezielte Aufklärung) zu bekämpfen. Probleme ergeben sich bei der Zielgenauigkeit der Maßnahmen. Ist der Hunger jedoch weit verbreitet und das Einkommensniveau des Landes niedrig, ist Hungerbekämpfung schwieriger. Breitenwirksame Arbeits- und Einkommensförderung ist dann die wirksamste Strategie – leichter gesagt als getan. Kleinbäuerliche Produktionssteigerungen in der Landwirtschaft sind oft besonders breitenwirksam, aber von vielen Faktoren abhängig. In Regionen mit schwacher und schwankender Verfügbarkeit von Nahrung, was vor allem für abgelegene ländliche Regionen gilt, muss gegebenenfalls stark in die Produktion und/oder Lagerung speziell von Nahrungsmitteln und/oder in die Infrastruktur (Straßen, Kommunikation) investiert werden. Die Bekämpfung von Fehl- und Überernährung muss deutlich anders gelagert sein als die von Unter- und Mangelernährung – während mit steigendem Einkommen Unterernährung fällt, steigt gleichzeitig die Überernährung. Aufgrund der Komplexität von Welthunger und Welternährung und ihrer Bestimmungsgründe, die sich je nach Land, Bevölkerungsgruppe und Region unterscheiden können, müssen Maßnahmen jeweils maßgeschneidert zusammengestellt werden.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Michael Brüntrup für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Welternährung

Jeder neunte Mensch weltweit hungert. Die unterschiedlichen Ausprägungen von Unter-, Mangel-, Fehl-, Überernährung hat nicht nur Auswirkung auf den einzelnen Menschen, sondern auf die gesamte Gesellschaft. Wo leben die Menschen, die unter Ernährungsunsicherheiten leiden? Was für eine Rolle spielt die Welternährung in der Weltpolitik, welche Organisationen sind zuständig? Und was bedeutet das Menschenrecht auf Nahrung?

Mehr lesen

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2015

Der APuZ-Jahresband 2015: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" aus dem Jahr 2015.Weiter...

Zum Shop