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Leere Metallschüsseln und Löffel

27.11.2015 | Von:
Christian Gerlach

Hunger in der Geschichte des 20. Jahrhunderts

Transnationale Wellen von Hungersnöten

Zu derartigen Wellen kam es in verschiedenen Kontexten: im und kurz nach dem Ersten Weltkrieg (in vielen Ländern in Europa, im Nahen Osten und Afrika), im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg 1941 bis 1947, aber auch ohne großen internationalen Konflikt 1972 bis 1975 und, in abgeschwächter Form, 2008 bis 2011.

Zu Hungerkrisen im Zweiten Weltkrieg liegt inzwischen die kluge und umfassende Studie der Historikerin Lizzie Collingham vor. Sie bezieht auch Opfer innerhalb der Streitkräfte ein und schätzt, dass Hunger 15 bis 20 Millionen Menschenleben gefordert hat.[11] Es ist davon auszugehen, dass mindestens jeder vierte Tote des Zweiten Weltkrieges an Mangelernährung starb. Bei Collingham bleiben allerdings zwei wesentliche Dinge, die unmittelbaren Nachkriegsjahre und viele Kolonien in Afrika, unterbelichtet oder unerwähnt. Unter den Ländern mit den höchsten Bevölkerungsverlusten durch Hunger findet sich beispielsweise Burundi, damals unter belgischer Kolonialherrschaft.[12] In der Sowjetunion, in Bengalen (Britisch-Indien), China, Vietnam (unter französischer beziehungsweise japanischer Herrschaft) und Java starben während jener Zeit jeweils mindestens eine Million Nichtkombattanten hungers.

Hungersnöte gab es damals von den Niederlanden bis Mikronesien, von Leningrad bis Britisch-Kenia. Betroffen waren in erster Linie besetzte Gebiete und Kolonien. Doch direkte Zwangsentnahmen von Nahrungsmitteln seitens der herrschenden Macht waren nur ein Teil des Problems. Eine wichtige Rolle spielten auch die miteinander verknüpften Phänomene des Zerreißens herkömmlicher Wirtschaftsbeziehungen durch militärische Fronten; Rückgänge der Produktion an Grundnahrungsmitteln unter anderen wegen fehlender Inputs an Arbeitskraft, Mineral- und Stalldünger, Zugkraft, Transportmitteln und Benzin; staatliche Eingriffe, die geringe Anreize für Überschussproduzenten bieten, wie Preisgestaltung oder Vorschriften zum Anbau von Nichtlebensmitteln; und dies unterlaufende Hortung, Schwarzmärkte und Spekulation sowie erschöpfende Arbeitsbedingungen. In vielen Regionen Afrikas und Asiens wuchsen die zu versorgenden Städte als Zentren von Verwaltung, Bergbau und Industrie; zudem vollzog sich ein sozialer Wandel mit großen Ungleichgewichten, und Migrationsbewegungen verstärkten sich (in vielen Kolonien wirkte sich der Entzug männlicher Arbeitskräfte auf dem Lande fatal aus). Hinzu traten rassistisch oder politisch beeinflusste Politiken der Nichtbelieferung von Regionen in Not sowie andere Zwangsmaßnahmen, von Benachteiligungen bestimmter Gruppen, insbesondere in totalen Institutionen wie Kriegsgefangenenlagern und anderen Formen der Internierung, teilweise auch psychiatrischen Anstalten und Gefängnissen, bis hin zur gezielten Ermordung von Bevölkerungsgruppen unter anderem mit dem Argument, dadurch Lebensmittel für andere Zwecke einzusparen.[13] Zu erwähnen sind auch Blockaden zu Land (wie die von Leningrad) oder zur See (etwa um Griechenland und Südostasien).

Wer neben den Insassen bestimmter totaler Institutionen am schwersten betroffen war, unterschied sich von Land zu Land. In weiten Teilen Europas waren dies Stadtbewohner mit festen Löhnen oder niedrigen Gehältern. In Griechenland allerdings traf es nach und nach auch ländliche Bevölkerungsgruppen auf Inseln und in Bergregionen, insbesondere wenn sie darauf angewiesen waren, bestimmte Produkte zu vermarkten (Oliven, Fleisch, Fisch), und dies nicht mehr hinreichend konnten.[14] In vielen Kolonien trafen die verheerendsten Folgen die arme ländliche Bevölkerung; dort flüchteten Millionen in Richtung der Städte, während es in Europa oft umgekehrt war.

Unter anderen Bedingungen, weitgehend zu Friedenszeiten, ereignete sich von 1972 bis 1975 eine weitere sogenannte Welternährungskrise. Akute Hungerkrisen gab es im westafrikanischen Sahel, in Nordnigeria, Äthiopien, in Teilen Indiens und in Bangladesch mit bis zu zwei Millionen Toten. In weiteren Ländern herrschte zumindest Knappheit. Am Ende eines langen Wirtschaftsbooms und in einer beginnenden weltweiten Wirtschaftskrise (ähnlich wie 2008 bis 2011) verdreifachten sich die Preise für international gehandelten Weizen, Reis und Mais binnen etwa 20 Monaten. Die Krise von 1972 bis 1975 kann als Umbruch des Weltmarkts für Getreide betrachtet werden. Dazu gehörten eine Kommerzialisierung und die partielle Abkehr von der (verbilligten) internationalen Lebensmittelhilfe, die Entstehung neuer großer Importregionen (nichtindustrialisierte und sozialistische Länder) und der Versuch, in Ländern des Globalen Südens die Landwirtschaft zu kapitalisieren.[15]

Wie im und um den Zweiten Weltkrieg war jedoch die allgemeine Verknappung des Angebots auf dem Getreideweltmarkt, nun auch beeinflusst durch die Auswirkungen eines Klimaereignisses (El Niño) sowie durch steigenden Fleischkonsum in neuen Weltregionen, keineswegs die einzige Ursache der Krise. Betroffene Länder schotteten sich mithilfe von Lebensmittelrationierungen, Preisregulierungen und Subventionen, Suppen- oder Reisküchen, Aufkaufkampagnen und Exportverboten vom Weltmarkt ab.[16] Zu den am stärksten betroffenen Opfergruppen zählten arme Landarbeiter, angestellte Hirten, marginale Berufe wie Dorfhandwerker und ländliche Prostituierte sowie Kleinbauern und manche kleinere Viehbesitzer.[17] Städter waren weitgehend geschützt. Neben der Weltmarktentwicklung waren damit auch länderübergreifend ähnliche soziale Trends ursächlich, die bestimmte soziale Gruppen besonders anfällig machten. Auch dies ist nicht spezifisch für das 20. Jahrhundert. Vergleichbares ist schon für die 1870er und 1890er Jahre beschrieben worden, nachdem sich ein Weltmarkt für Getreide um die 1860er/1870er Jahre herausgebildet hatte,[18] auch damals schon mit Verflechtungen von Markt, Klimaphänomenen, Herrschaft und sozialem Wandel. In diesen Hungersnöten kamen ebenfalls mehrere Millionen Menschen zu Tode.[19]

Politisierung im 20. Jahrhundert

Was ist dann das Besondere am Hunger im 20. Jahrhundert? Zu den wichtigsten Unterschieden im Vergleich zu früheren Hungerkrisen zählen die politischen Auswirkungen der schon etwas älteren Skandalisierung des Hungers, der meist nicht mehr (wie bei Religiösen) als gottgegebenes Schicksal oder (wie bei Liberalen) selbstverschuldetes Unglück angesehen wird.[20] Nahrung erscheint vielen als alltäglich und banal, aber sie ist politisch. Die Französische Revolution 1789, die russische Februarrevolution 1917 und die deutsche Novemberrevolution 1918 entstanden unter anderem aus Lebensmittelunruhen.

Essen ist die Grundlage des Lebens und ein gebräuchliches Mittel, um soziale Hierarchien und kulturelle und ethnische Differenz auszudrücken. Es hat somit einen bedeutenden symbolischen Gehalt. Symbolisch aufgeladen sind auch politische Maßnahmen, die den Nahrungskonsum regeln. Das ist zwar keine Neuheit des 20. Jahrhunderts, doch haben sich die politischen Implikationen in Zeiten des Massenwahlrechts und der politischen Partizipation von Bürgern und gerade auch Bürgerinnen im Allgemeinen geändert. Keine Regierung kommt heute mehr ohne Sozialpolitik aus.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde den meisten Regimen das revolutionäre Potenzial von Massenhunger bewusst. Dabei geht umstürzlerische Gefahr weniger von den Betroffenen und Sterbenden selbst aus; in Hungersnöten herrscht nach anfänglichen politischen Akten der Auflehnung (Proteste, Massenplünderungen, Attacken auf Amtsgebäude) meist Apathie, doch werden Überlebende und vor allem Zeugen politisiert.[21] Das ist vor allem in Städten von politischer Tragweite. Entsprechend schreiten Behörden im Notfall zu Lebensmittelrationierungen und anderen Maßnahmen vor allem für Bevölkerungsgruppen, deren politische Loyalität wichtig ist: Versorgt werden in erster Linie Militär, Polizei, Beamte und dann die übrigen Stadtbewohner. Ob ländliche Bewohner in abgelegenen Gegenden verhungern, ist dagegen politisch weit weniger relevant.

Allerdings kann das Schicksal von Landbewohnern, wie schon erwähnt, durch in den Städten eintreffende und dahinsiechende Flüchtlinge sehr wohl politischen Sprengstoff bergen. Daher versuchten politische Führungsschichten seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend, akute Hungersnöte mit ihren politisch desaströsen Folgen zu vermeiden – und dies keineswegs nur in Demokratien und unter der Bedingung von Pressefreiheit, die das staatliche Leugnen von Hungersnöten erschwert.[22] Während der Welternährungskrise 1972 bis 1975 bemühten sich auch einige autoritäre Regime rasch um internationale Hilfe und gaben der Notlage mehr Publizität, als es beispielsweise im demokratisch verfassten Indien geschah, und es wurden mehrere autoritäre Regime gestürzt, meist von anderen Juntas, die die Bekämpfung der Hungersnot zu einer ihrer Hauptaufgaben und zu einem Grund für ihren Putsch erklärten.[23]

Dagegen ist die politische Relevanz chronischer Mangelernährung – die das heutige Welthungerproblem weitgehend bestimmt – für Regierungen viel geringer. Sie betraf in den vergangenen Jahrzehnten vor allem ländliche Regionen, die Hungernden sind (trotz ihrer großen Zahl) marginalisiert und vereinzelt, der Hunger ist alltäglich. Während sich die internationale Entwicklungspolitik und viele transnational tätige Nichtregierungsorganisationen diesem Problem seit den 1960er Jahren intensiv zugewandt haben, gilt das für die Regierungen betroffener Länder nicht in gleichem Maße. Sie stehen vielfach unter dem Einfluss nationalökonomischer Vorstellungen, nach denen die Akkumulation von Industriekapital auf Kosten einer rücksichtslosen Ausbeutung des flachen Landes erreicht werden soll, so, wie es in den heutigen kapitalistischen Industrieländern – und auch in sozialistischen Ländern – einst geschah. Gemessen an der über die vergangenen Jahrzehnte nur langsam reduzierten Zahl der an Unterernährung Leidenden (meist um die 800 Millionen Menschen), die die Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO nennt, sind die Erfolge auf diesem Gebiet gering, wobei die politischen Aspekte des Zustandekommens solcher Zahlen wiederum mitbedacht werden sollten.[24]

Fußnoten

11.
Vgl. Lizzie Collingham, The Taste of War. World War II and the Battle for Food, New York 2012.
12.
Vgl. Gaëtan Feltz/Jean-Étienne Bidou, La famine Manori au Burundi, in: Revue française d’histoire d’outre-mer, 81 (1994), S. 265–304.
13.
Vgl. L. Collingham (Anm. 11); deutsche Politik betreffend Christian Gerlach, Krieg, Ernährung, Völkermord, Hamburg 1998; zu den psychiatrischen Anstalten Heinz Faulstich, Hungersterben in der Psychiatrie 1914–1949, Freiburg/Br. 1998.
14.
Siehe Violetta Hionidou, Famine and Death in Occupied Greece, Cambridge u.a. 2006.
15.
Vgl. Christian Gerlach, Die Welternährungskrise 1972 bis 1975, in: Geschichte und Gesellschaft, 31 (2005) 4, S. 546–585.
16.
Das komplexe Verhältnis zwischen transnationalen und nationalen Märkten scheint mir insgesamt noch nicht systematisch erforscht.
17.
Vgl. A. Sen (Anm. 2), S. 96–111, S. 120–122, S. 141–150.
18.
Siehe Dan Morgan, Merchants of Grain, New York 1980, S. 53–101.
19.
Vgl. Mike Davis, Die Geburt der Dritten Welt. Hunger und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter, Berlin 2005.
20.
Eine anglozentrische Sicht liefert James Vernon, Hunger. A Modern History, Cambridge–London 2007, S. 17–40.
21.
Vgl. Hans Bass, Natürliche und sozioökonomische Ursachen der Subsistenzkrise Mitte des 19. Jahrhunderts – eine Diskussion am Beispiel Preußens, in: Bernd Herrmann (Hrsg.), Beiträge zum Göttinger Umwelthistorischen Kolloquium 2009–2010, Göttingen 2010, S. 147ff.
22.
Diese These vertritt Amartya Sen, Development as Freedom, Oxford 1999, S. 16.
23.
Siehe Christian Gerlach, Famine Responses in the World Food Crisis 1972–5 and the World Food Conference of 1974, in: European Review of History, 2015, S. 6, http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13507486.2015.1048191« (2.11.2015).
24.
Siehe zu Datenlage und Berechnungsmethoden auch den Beitrag von Michael Brüntrup in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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