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Leere Metallschüsseln und Löffel

27.11.2015 | Von:
Christian Gerlach

Hunger in der Geschichte des 20. Jahrhunderts

Hunger und Massengewalt

Im 20. Jahrhundert war Massenhunger oft eng mit Massengewalt verbunden. Etwa zwei Millionen von drei Millionen verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand im Zweiten Weltkrieg starben mehr oder weniger hungers in Lagern der Wehrmacht, Hunderttausende Häftlinge in Konzentrationslagern der SS – zusätzlich zu den direkten Morden. Ähnliches gilt für sowjetische Arbeitslager (GULags) und Kriegsgefangenenlager. Die Mehrzahl der bis zu 1,5 Millionen Armenier, die vor allem 1915/16 im Osmanischen Reich der Verfolgung zum Opfer fielen, starb an Hunger und Schwäche; gleiches galt für Angehörige anderer Minderheiten wie Griechen, Assyrer oder Kurden im selben Staat. Die meisten Opfer der Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha (1975 bis 1979) kamen durch Unterernährung und Zwangsarbeit ums Leben. Weitere Beispiele finden sich in der deutschen Kolonie Südwestafrika zurzeit der Niederschlagung der Aufstände der Herero und Nama (1904 bis 1908), im französischen Krieg gegen die Unabhängigkeit Algeriens (1954 bis 1962) oder im indonesisch besetzten Osttimor (vor allem 1975 bis 1980).

Trotz dieser vielen Fälle gibt es noch keine systematische Forschung darüber, wie Hunger und Massengewalt zusammenhängen. Die vergleichende Genozidforschung hat bisher nur einfache Logiken ausgemacht: Genozid verursache eine Hungersnot durch sozioökonomisches Chaos; oder Hunger sei ein billiges, archaisches Instrument für Völkermord; oder eine Hungersnot (beziehungsweise der Versuch, sie zu verhindern) führe zu Genozid; oder eine Hungersnot sei per se als Genozid anzusehen.[25] Letztere Version ist in populärwissenschaftlichen Geschichtsschreibungen aus Irland, der Ukraine, Indien oder nordamerikanischer Indigener vertreten.

Der politische Charakter solcher Deutungen wird auch dadurch unterstrichen, dass die Erklärungsversuche entlang verschiedener Grade von Intentionalität funktionieren. Damit konzentrieren sie sich auf staatliche Politik und deren Verurteilung. Auch demokratische, nicht nur autoritäre Systeme, das zeigt die Aufzählung der Länder, sind betroffen.

Gewiss ist es wichtig, Politiken des Hungers zu erforschen. Doch tendiert dies zur Vereinfachung, die kein volles Verständnis der Ursachen und Zusammenhänge erlaubt. Stattdessen scheinen die Übergänge zwischen Massenhunger und Massengewalt fließend und sie weisen strukturelle Ähnlichkeiten auf. Beide sind soziale Prozesse. Sie gehen aus der komplexen Interaktion vieler Akteure hervor. Beide sind Formen von Gesellschaftskrisen. Sie verursachen Panik und führen meist zu großangelegten Flucht- oder Migrationsbewegungen, in denen die Migrierenden nicht nur ihr Eigentum einbüßen, sondern auch Arbeitsplätze, Heim, Familien- und Freundeskreise und lokales Wissen. Hungersnot und Massengewalt sind Umverteilungsvorgänge mit Gewinnern und Verlierern. Für die Betroffenen sind sie traumatisch, aber üblicherweise sind bei Weitem nicht alle in einer Gesellschaft betroffen, oder doch in unterschiedlicher Intensität. Dadurch schaffen oder verstärken beide Prozesse Ungleichheit; Massenhunger und Massengewalt gehen mit sozialer Mobilität einher und können langfristig zu Polarisierungen in der Gesellschaft führen. Soziale Bindungen bis in Familien hinein lockern sich, und hergebrachte moralische Werte, keineswegs nur bei "Tätern", erodieren.[26] Hier wird deutlich, warum nicht nur die Ursachen, sondern auch die Folgen von Hungersnöten vermehrt Interesse verdienen.

Hunger und Ernährung sind im 20. Jahrhundert nicht zufällig verstärkt zum Gegenstand staatlichen Handelns mit Tendenz zum Gewaltsamen geworden. Dafür spielte auch Druck aus der Bevölkerung eine Rolle. Zentral für staatliche Reaktionen waren Rationierungssysteme, oft aufgeschlüsselt nach Arbeitsleistung, Geschlecht und Alter, aber eben auch nach sozialer Position. Lebensmittelrationierung sollte idealerweise soziale Benachteiligung in unkontrollierten Märkten verhindern oder mildern. Doch spielen für die Rationszuweisung, ihre Abstufung oder gar Ausgrenzungen oft auch politische oder rassistische Motive eine Rolle. Um 1941/42 erhielten Deutsche im deutsch besetzten "Generalgouvernement" Polen pro Kopf ausreichende Zuweisungen von 2500 bis 3000 Kalorien täglich, nichtjüdische Polen bekamen etwa 600 auf Ration und konsumierten mithilfe oft für illegal erklärter Transaktionen insgesamt etwa 2000 Kalorien, und Juden im Warschauer Getto erhielten per offizieller Ration 200 bis 300 Kalorien und konsumierten insgesamt Nahrung mit durchschnittlich etwa 1000 Kalorien (bei großen individuellen Unterschieden), wodurch Zehntausende verhungerten. Durch die Rationierung erfolgte also nicht nur eine Zuweisung unterschiedlicher Lebenschancen, sondern auch verschiedener Grade von Sicherheit, Ansehen und Lebensqualität.

Doch dieses Beispiel deutet auch darauf hin, dass keine Regierung eine Hungersnot völlig kontrollieren kann. Durch inkriminierte Markt- und Sozialbeziehungen wie Schwarzmärkte, Schwarzschlachtungen, Schmuggel, Hamstern, Felderablesen, Diebstahl, Betteln und das Mobilisieren von Verwandtschaftsbeziehungen versuchen sich Hungernde zu helfen und vermögen dies oft auch. Besonders problematisch ist dies allerdings für Insassen totaler Institutionen wie Lager, deren Mobilität, Erwerbsmöglichkeiten und soziale Kontakte stark eingeschränkt sind und die oft von der Familie getrennt sind. Doch auch im Lager existieren Märkte für Waren und Dienstleistungen, und damit Übervorteilung und Ungleichheit, insbesondere ungleiche Überlebenschancen. Was István Örkeny für das ungarische "Lagervolk" in sowjetischer Kriegsgefangenschaft 1943 bis 1947 beschrieben hat, könnte in ähnlicher Weise auch für Gefangene in deutschen Konzentrationslagern oder politisch verfolgte Indonesier in der Internierung nach 1965 gezeigt werden.[27]

Marktbeziehungen und Ungleichheit haben auch Hungersnöte in sozialistischen Staaten und Gesellschaften mitgeprägt. Dort sind schwere Hungersnöte, außer im Zusammenhang mit Kriegen, in erster Linie bei dem Versuch entstanden, mittels einer radikalen Ausbeutung der Landbevölkerung die Industrialisierung zu forcieren, wobei diese Umverteilung, die vorherige relativ geringe Produktivität vieler kleiner Bauernhöfe, organisatorische Probleme bei der Kollektivierung der Landwirtschaft, Widerstand von Bauern und Zwang ineinandergriffen. Jedoch zeigen anekdotische Beobachtungen wie auch sehr ungleiche Todesraten, dass mehr als nur natürliche und politische Faktoren eine Rolle für die verschiedenen Zugangsmöglichkeiten zu Nahrung spielten.[28]

Fazit

In diesem Beitrag wurde Hunger im 20. Jahrhundert als Geschichte komplexer und konfliktreicher sozialer Interaktionen beschrieben. Trotz aller Akte von Nächstenliebe, Solidarität und Hilfe: Hunger ist eher korrumpierend und dreckig, nicht zuletzt in moralischer Hinsicht. Diese unheroische Realität hat auch Auswirkungen darauf, wie man sich an Hunger erinnert. In historischen Darstellungen ist Hunger wegen der von ihm unter Zeitgenossen hervorgebrachten Konflikte relativ selten vertreten und kaum Gegenstand eingehender Untersuchungen. Nach wie vor ist die Geschichtsschreibung stark durch die Nationalgeschichte geprägt, die nationale Identität (einschließlich Einheit) produzieren soll, wofür Geschichten des Hungers wenig funktional erscheinen. Allenfalls wird versucht, durch historische Darstellungen von Hungersnöten Opfernarrative zu schaffen oder zu stärken und damit Fremdherrschaft zu brandmarken; dafür muss man jedoch viele Phänomene, die die Hungersnöte mitverursacht haben oder mit ihnen einhergingen, ausblenden.

Demgegenüber birgt eine Geschichte des Hungers, die Agrarproduktion, Märkte und Politik vorurteilslos miteinander in Verbindung bringt, noch viel Potenzial. Solche Ansätze sollten interdisziplinär angelegt sein; transnationale – darunter vergleichende – Geschichten des Hungers fehlen bisher weitgehend und erscheinen besonders vielversprechend. Und schließlich wären Geschichten vonnöten, die Hunger in langfristiger Perspektive betrachten, von der Untersuchung chronischer Mangelernährung, angefangen bei der Ebene der Familie, bis hin zu den Folgen von Hungersnöten und rapider sozialer Mobilität.

Fußnoten

25.
Vgl. etwa Roger Smith, Scarcity and Genocide, in: Michael Dobkowski/Isidor Walliman (Hrsg.), The Coming Age of Scarcity. Preventing Mass Death and Genocide in the Twenty-first Century, Syracuse 1998, S. 198–219.
26.
Vgl. auch Christian Gerlach, Extrem gewalttätige Gesellschaften, München 2011, S. 361–364.
27.
Siehe das literarische Soziogramm von István Örkeny, Das Lagervolk, Frankfurt/M. 2010 (1947), S. 44–115, das komplexe Zusammenhänge zwischen Hunger im Lager, Arbeit außerhalb der Lager und Marktbeziehungen unter den Gefangenen aus eigenen Beobachtungen beschreibt, wenn auch etwas verharmlosend.
28.
Vgl. Matthias Middell/Felix Wemheuer (Hrsg.), Hunger, Ernährung und Rationssysteme unter dem Staatssozialismus (1917–2006), Frankfurt/M. u.a. 2011.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Christian Gerlach für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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