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Leere Metallschüsseln und Löffel

27.11.2015 | Von:
Frederike Felcht

Hunger als literarisches Experiment

Politisierung des Hungers? Eine (literatur)geschichtliche Positionsbestimmung

Eine andere Interpretation schlägt der Anglist Timothy Wientzen vor. Er geht davon aus, dass "Sult" eine ökonomische Entwicklung aufruft, im Zuge derer Länder bei ihrer Integration in das globale Wirtschaftssystem krisenhafte Zustände durchliefen. Alte Wirtschaftszweige verloren an Bedeutung, die Landbevölkerung verließ ihre Herkunftsorte und zog in die Stadt, viele Menschen wanderten aus. Eine solche Bewegung vollzog sich auch in Norwegen, das sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts industrialisierte und einen großen Teil seiner Bevölkerung an die USA verlor. Wientzen erkennt Spuren dieser Prozesse in "Sult", dessen Protagonist von einem Stadtbewohner offenbar aufgrund seines Dialekts als Fremder identifiziert wird und dem die Schiffe am Hafen furchterregende Visionen bescheren, der sich aber auch immer wieder an den Hafen begibt und am Ende die Stadt auf einem Schiff verlässt. Der Protagonist ist in Wientzens Interpretation Teil einer entwurzelten Landbevölkerung, die zur Migration gezwungen war, wenn sie im städtischen Arbeitsmarkt nicht Fuß fasste.

Zur Erklärung der wirtschaftlichen Umwälzungen verwendet Wientzen einen globalgeschichtlichen, kapitalismuskritischen Ansatz, der Hunger in den Peripherien – also den Ländern, die nicht zu den Zentren des Kapitalismus zählen, aber dessen Einflussbereich unterliegen – als Folge einer imperialistischen Wirtschaftspolitik liest, die auf eine Integration der Landwirtschaft in die Weltwirtschaft drängte.[17] Dieser stark generalisierende Ansatz ist problematisch, weil Norwegens Landbevölkerung trotz Krisen von wirtschaftlichem Austausch profitierte. So warnt beispielsweise der Historiker Per Fuglum davor, die landwirtschaftlichen Umbrüche im Norwegen des späten 19. Jahrhunderts ausschließlich negativ zu bewerten, weil die Versorgung der Landbevölkerung sich tendenziell verbesserte.[18] Norwegen war von Kornimporten abhängig und deshalb eher durch zusammenbrechende Handelsbeziehungen bedroht, was sich in den Hungerkrisen der Zeit vor 1814 besonders deutlich gezeigt hatte. Durch den kriegsbedingten Zusammenbruch des Fernhandels verliefen diese besonders dramatisch. Insofern kann man mit Wientzen feststellen, dass "Sult" Anzeichen einer wirtschaftlichen Krisensituation enthält, müsste aber für deren Erklärung die spezifischen geschichtlichen Kontexte stärker berücksichtigen.

Eine solche systemische Erklärung ist aber im Text selbst, wie Wientzen festhält, ohnehin vollständig abwesend. Und das ist ziemlich überraschend. Mit der oben beschriebenen Säkularisierung des Hungers ging nämlich nicht allein eine Medikalisierung einher, sondern auch eine Politisierung. Der Historiker James Vernon legt in seiner Geschichte des Hungers dar, dass es in der Moderne drei – oftmals nicht klar voneinander zu trennende – "regimes of hunger" gab: ein göttliches, ein moralisches und ein soziales. Ersteres betrachtete Hunger als Teil eines unausweichlichen göttlichen Planes. Das moralische Regime sah Hunger als Resultat des individuellen Versagens an, die Tugend der Arbeit zu erlernen, und ist eng mit der Geschichte des Liberalismus verbunden. Demgegenüber entwickelte sich ungefähr um 1840 die Wahrnehmung von Hunger als kollektivem gesellschaftlichem Problem und die Einsicht, dass die Hungernden Opfer versagender politischer und ökonomischer Systeme waren, über die sie selbst keine Kontrolle hatten. Ihr Hunger wurde als Bedrohung nicht nur für die Betroffenen, sondern für Gesundheit, Wohlstand und Sicherheit der ganzen Gesellschaft betrachtet. Mit dem Aufkommen dieses Verständnisses von Hunger verbindet sich die Geschichte des Wohlfahrtsstaates und humanitär begründeter Hilfsaktionen.

Vernon zeigt, wie neue Formen der journalistischen Berichterstattung, die individuelle Schicksale hinter dem Hunger zeigten und dabei die Unschuld der Opfer herausstellten, zu dieser veränderten Wahrnehmung von Hunger beitrugen.[19] Die Individualisierung und narrative Einbettung des Hungers unterscheidet sich von der Herangehensweise ökonomischer Armutsdiskurse, die durch Praktiken der Quantifizierung – also der statistischen Erfassung, Vermessung und Kalkulation – Erfahrungsdimensionen von Armut in den Hintergrund treten ließen[20] und im 19. Jahrhundert häufig von der Annahme ausgingen, Hunger sei auf mangelnden Arbeitswillen zurückzuführen. Im Kontext seiner Überlegungen zur medialen Repräsentation von Hunger verweist Vernon auch auf ein literarisches Beispiel, nämlich Charles Dickens’ "Oliver Twist" (1838), "whose forlorn request for more gruel remains a classic image of the inhumanity of the workhouse".[21] Das deutet an, dass literarisches und journalistisches Schreiben über Hunger Strategien teilten.

Die Darstellung des Armenwesens in "Oliver Twist", die vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen um die "Poor Laws" gelesen werden muss, ist äußerst kritisch und bedient sich dafür der Perspektive eines unschuldigen, idealisierten Kindes. Widerstand oder Protest sind darin aber keine Optionen für die Verbesserung der eigenen Lage, die Unterstützung bürgerlicher Familien trägt vielmehr zu Olivers Rettung maßgeblich bei.

Demgegenüber entwickelte die Literatur der 1840er Jahre konfrontativere Positionen – ein bekanntes Beispiel wäre Heinrich Heines "Weberlied", das Gott, König und Vaterland verflucht. Allerdings findet sich erst in der zweiten Fassung von 1846 der Rekurs auf die Hungersnöte, der es mit unserem Thema verbindet. Steier geht davon aus, dass die Literatur des Vormärz die hungernde Masse als Sinnbild unschuldiger Opfer nutzte, um politischen Widerstand zu rechtfertigen.[22]

Eine komplexere Metaphorik entfalten die Texte von Émile Zola, der auch für Hamsun wichtig war, wie dessen Briefe erkennen lassen. Zolas zwanzigbändiger Zyklus "Les Rougon-Macquart" (1871–1893) zählt zu den Hauptwerken des Naturalismus. Dazu entwickelte Zola in "Le roman expérimental" 1879 seine literarische Methode, die sich der wissenschaftlichen Beobachtung des Menschen verschrieb, der durch physiologische Prozesse und Milieu bestimmt erschien. Dabei geht er von einer medizinischen Theorie aus; die Darstellung des Milieus in den Romanen ist aber selbstreflexiv gebrochen durch politische und ökonomische Theorien – also Theorien, die ein Selbstverständnis von Gesellschaft begründen.

Hunger ist vor allem in "Le ventre de Paris" ("Der Bauch von Paris") (1873) und "Germinal" (1884/85) ein zentrales Motiv. In "Le ventre de Paris" liest zu Beginn die Gemüsebäuerin und -händlerin Madame François die ausgehungerte Hauptfigur Florentin auf und nimmt ihn mit zu den neu errichteten Markthallen von Paris, "Les Halles", deren überbordendes Angebot in ebenso überbordenden Schilderungen wiedergegeben wird. Florentin war im Gefolge der 1848er Revolution ungerechtfertigt verhaftet und verbannt worden, hatte dabei lange Hungerphasen durchlebt und konnte schließlich fliehen. Zurück in Paris fasst er dank der Hilfe seines Halbbruders, eines Metzgers, Fuß, verfällt aber bald wieder einem gesellschaftlichen Idealismus, der mit Nahrungsekel verbunden ist. Das impliziert eine Abgrenzung von der ihn umgebenden Gesellschaft rund um die Markthallen, die sich mit Nahrung im Übermaß beschäftigt. Florentin entwickelt humanitäre Verteilungs- und Versorgungsfantasien, die das Existenzminimum aller Pariser sicherstellen sollen, und schließt sich politischen Kreisen an. Der den Roman durchziehende Gegensatz von revolutionären und konservativen Haltungen wird in einem Gespräch mit dem Maler Claude in der Metaphorik eines Kampfes zwischen den Fetten ("les Gras") und den Mageren ("les Maigres") gefasst. Die Idealfigur des Romans, Madame François, die nicht in Paris, sondern in einem ländlichen Vorort lebt, ist aber keinem der beiden Pole zuzuordnen.[23] Das lässt sich als Gegenbild zu einer nach Luxus strebenden urbanen Gesellschaft lesen, es deutet sich aber im Verbund mit dem Scheitern der revolutionären Pläne Florentins auch ein Misstrauen gegenüber der politischen Rhetorik des Hungers an.

Mit "Germinal" schloss Zola 1885 einen Roman über einen Streik französischer Minenarbeiter ab, dessen Eskalation eng mit dem Hunger der Arbeiter verschränkt ist. Hunger prägt das Leben der hart arbeitenden, bitterarmen Bergleute und versetzt sie im Laufe des Streiks in einen rauschhaften Zustand. Metaphorisch prägt er das Bild der menschenverschlingenden, unersättlichen Grube und des "stets hungrigen Menschenfressers Kapital",[24] der die kleineren Unternehmer den großen zum Opfer fallen lässt. Die Sorge der Köchinnen der Bourgeoisie, trotz ausgeklügelter Menus einmal nicht die Vorlieben ihrer Herrinnen und Herren befriedigen zu können, ebenso wie der Wunsch des Direktors Hennebeau, sein "fettes Gehalt"[25] gegen das hemmungslose Leben eines Arbeiters eintauschen zu können, bilden einen ironischen Kontrast zur Not der Ausgebeuteten.

Im Unterschied zu "Oliver Twist" können Zolas Romane bei bürgerlichen Leserinnen und Lesern kein selbstzufriedenes Behagen auslösen. Aber sie misstrauen zugleich einer Reduktion, die Hunger ausschließlich mit Unschuld und Opfer verbindet und lassen die Erhebungen nicht nur an der Staatsgewalt scheitern, sondern auch an der Unbedarftheit der Anführer.

Vor diesem literaturgeschichtlichen Hintergrund wird Hamsuns Positionierung noch einmal besser bestimmbar: "Sult" ist eine Überschreitung des Naturalismus, greift eines seiner wichtigsten Themen auf und modifiziert dessen Darstellung. In einem Brief an den prominenten dänischen Literaturwissenschaftler Georg Brandes, der in einer Vorlesungsreihe 1871 gefordert hatte, Literatur solle Probleme zur Debatte stellen, schrieb Hamsun, er habe keinen Roman über Hunger geschrieben, das hätten Zola und Alexander Kielland bereits unternommen – mit mageren Ergebnissen hinsichtlich der Psychologie der Figuren. Gerade der Mangel an Romanartigem in "Sult" soll laut Hamsun beitragen, "die feinen Schwingungen einer empfindlichen Menschenseele, (…) die Mysterien der Nerven in einem ausgehungerten Körper"[26] besser darstellen zu können. Damit verschiebt sich der Fokus von einer Beobachtung von Gesellschaft auf eine Beobachtung des Selbst. Indem das Ich zugleich Subjekt und Objekt des Experiments ist, kann es nicht mehr wissenschaftlich im naturwissenschaftlichen Sinne beobachten, obwohl auch "Sult" als eine Art Experiment betrachtet werden kann.[27] Es handelt sich bei dem Text also um ein formales Experiment mit erkenntnistheoretischen Implikationen. Es wäre zu fragen, ob die vollkommene Abwesenheit eines gesellschaftlichen Bewusstseins bei dem Protagonisten und seine extrem reduzierten zwischenmenschlichen Beziehungen psychologisch überzeugender sind als die Darstellung der handelnden Personen in Zolas Romanen. Gerade vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Auseinandersetzungen um die Gleichberechtigung Norwegens in der Union mit Schweden, seiner Demokratisierung und der Formierung einer wirkmächtigen Arbeiter- und Frauenbewegung ist die Abwesenheit explizit politischer Positionen oder Formen der politischen Vergemeinschaftung in "Sult" bemerkenswert. Das Unbehagen, das dieser Text bei seinen Leserinnen und Lesern auslöst, ist nicht mehr die Angst vor einer revolutionären Masse, sondern vor einem Individuum im körperlichen und moralischen Verfall. Dennoch ließe sich fragen, ob "Sult" den Übergang zu einer Verbindung von Modernismus und Sozialkritik ermöglicht, die für die skandinavische Literatur des 20. Jahrhunderts charakteristisch ist.

Wientzen schlägt vor dem Hintergrund von Hamsuns Abgrenzung vom Naturalismus eine andere politische Lesart vor. Indem der Protagonist seine extreme Verarmung stellenweise selbst verschärfe, übe er Macht aus über die letzte ihm verbliebene Ressource, seinen Körper. Der Text werde eine dramatische Performance des Hungers, die Wientzen mit modernen Hungerstreiks vergleicht,[28] die in den späten 1870er Jahren in Russland auftraten und die bald auch in anderen Ländern eine politische Protestform wurden.[29] Dabei erwähnt er zwar, dass "Sult" – im Unterschied zu naturalistischen Texten – politische und ökonomische Verhältnisse nicht explizit reflektiert, zieht daraus aber in seinem Hungerstreikvergleich keine Konsequenzen. Das ist problematisch, weil moderne Hungerstreiks ihre Wirkung nicht allein aus der körperlichen Performance beziehen, sondern auch daraus, dass sie mit der expliziten Formulierung politischer Forderungen verbunden werden, die über kommunikative Netzwerke verbreitet werden. Zwar kann man zugestehen, dass der Protagonist sich im Hungern stellenweise seiner eigenen Verwertung durch den Markt und der Unterwerfung unter die Staatsmacht, die vor allem in Form der Polizei allgegenwärtig ist, entzieht. Weil das Hungern aber nicht als Akt des Widerstands artikuliert wird, bleibt es als Hungerstreik unlesbar.

Fazit

Das literarische Schreiben über Hunger, um auf das Eingangszitat von Herta Müller zurückzukommen, bedeutet immer auch, Hunger eine Sprache zu geben. Diese Sprache verhält sich unausweichlich zu bestehenden Aussagesystemen – seien es religiöse, medizinische oder politische. Diese Beziehungen sollten ebenso wie die Beziehungen zu anderen literarischen Texten betrachtet werden, um Hunger in der Literatur zu verstehen. Der hungernde Körper spricht nicht für sich selbst; er bedarf der Geschichten, um lesbar zu werden.

Fußnoten

17.
Vgl. Timothy Wientzen, The Aesthetics of Hunger: Knut Hamsun, Modernism, and Starvation’s Global Frame, in: Novel: A Forum on Fiction, 48 (2015) 2, S. 208–223, hier: S. 208–216. Wientzen beruft sich bei seinen Überlegungen zu Hunger im globalen Kapitalismus auf Mike Davis, Late Victorian Holocausts. El Niño Famines and the Making of the Third World, New York 2001.
18.
Vgl. Per Fuglum, Norge i Støpeskjeen 1884–1920, in: Knut Mykland (Hrsg.), Norges Historie, Bd. 12, Oslo 1978, S. 200–210.
19.
Vgl. James Vernon, Hunger. A Modern History, Cambridge–London 2007, S. 1–33.
20.
Zur Rolle der Quantifizierung für die Repräsentation von Armut vgl. Sandra Sherman, Imagining Poverty. Quantification and the Decline of Paternalism, Columbus 2001.
21.
J. Vernon (Anm. 19), S. 19.
22.
Vgl. Ch. Steier (Anm. 3), S. 119–133.
23.
Vgl. Émile Zola, Le ventre de Paris, Les Rougon-Macquart Bd. 3, Paris 1873, insb. S. 155–160, S. 246–249.
24.
Vgl. Émile Zola, Germinal, Paris 1978 (1885), S. 507. Übersetzung F.F.
25.
Ebd., S. 410. Übersetzung F.F.
26.
Zit. nach: Harald S. Næss (Hrsg.), Knut Hamsuns Brev 1879–1895, Oslo 1994, S. 161f. Übersetzung F.F.
27.
Vgl. P. Auster (Anm. 5), S. 12; N. Diezemann (Anm. 5), S. 116–123.
28.
Vgl. T. Wientzen (Anm. 17), S. 216–222.
29.
Siehe dazu auch den Beitrag von Maximilian Buschmann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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