Leere Metallschüsseln und Löffel

27.11.2015 | Von:
Christiane Eichenberg

Hungern im Netz

Ursachenforschung

Ein einheitliches, empirisch belegtes Modell zur Ätiologie (Ursachen zur Entstehung einer Krankheit) und Aufrechterhaltung der Anorexie und Bulimie existiert bisher nicht. Aufgrund vorliegender Erkenntnisse ist auszuschließen, dass ein eindimensionales (beispielsweise ein rein biologisches oder ein rein soziokulturelles) Modell ausreicht, um zu erklären, wie die Störung entsteht und sich entwickelt. Die moderne Forschung geht vielmehr von einem multidimensionalen Modell aus, das biologische, soziokulturelle, familiendynamische und intrapsychische Elemente integriert, die unterschiedlich auf die Entwicklung einer Essstörung einwirken können.[7] Im Folgenden wird vor allem auf soziokulturelle und psychologische Determinanten eingegangen.[8]

Psychologische Determinanten. Einige wissenschaftliche Befunde deuten darauf hin, dass es eine Verbindung zwischen Persönlichkeitseigenschaften und Essstörungen gibt. Nach Angabe von Beate Herpertz-Dahlmann stammt ein Großteil der Patientinnen mit Anorexia nervosa aus der Mittel- und Oberschicht; die Betroffenen haben zudem eine durchschnittliche bis hohe Intelligenz. Jugendliche mit Anorexie oder Bulimie berichten von einem hohen schulischen Ehrgeiz, obgleich sie häufig nicht zu den Klassenbesten gehören.[9] Sabine Schmid-Sipka fügt hinzu, dass insbesondere bulimische Frauen versuchen, den unterschiedlichen Erwartungen (wie jenen der Herkunftsfamilie, des Partners und der Schule) gerecht zu werden.[10] Entsprechen sie selbst ihren eigenen perfektionistischen Ansprüchen nicht, kommt es bei vielen zu Gefühlen der Ineffektivität und des Selbstzweifels, was letztendlich in einer massiven Selbstkritik münden kann. Die Kontrolle über ihr Gewicht vermittelt den Frauen ein Gefühl von Selbstdisziplin, persönlicher Stärke, Willenskraft und Durchsetzungsvermögen. Entsprechende Untersuchungen bei essgestörten Männern gibt es sehr viel seltener,[11] obwohl inzwischen bekannt ist, dass insbesondere unter den jüngeren Betroffenen der Anteil von auffälligen Jungen und Mädchen etwa gleich hoch ist.[12]

Aus verhaltenstherapeutischer Perspektive wird vor allem die individuelle Lerngeschichte als Erklärung für die Entstehung von Essstörungen herangezogen. Mechanismen des Modelllernens (beispielsweise Einfluss der Eltern durch eigene körperliche Unzufriedenheit und Diätverhalten), negative Bewertung des Kindes (bezüglich seiner Figur einschließlich der Aufforderung zur Diät) – auch durch die Peergroup (negative Verstärkung durch Hänseleien) – werden hier als zentrale Aspekte angeführt. Die Anorexie verstärkt sich zudem zum Teil selbst durch körperliche Veränderungen (zum Beispiel Freisetzung von Endorphinen) sowie durch Selbstkontrolle und Abgrenzung, die als Erfolg (im Sinne von Selbstwirksamkeit) erlebt wird. Zusammengefasst hat sich in der Verhaltenstherapie ein heuristisches Modell etabliert, das drei Klassen von "Ursachen" unterscheidet:[13] 1. prädispositionierende Faktoren (wie familiäre Interaktionsmuster, genetische Dispositionen, individuelle Faktoren wie Perfektionismus, dysfunktionale Grundannahmen oder niedriger Selbstwert, soziokulturelle Faktoren wie Geschlechtsrollenstereotype), 2. auslösende Faktoren (etwa kritische Lebensereignisse wie Auszug aus dem Elternhaus) und 3. aufrechterhaltende Faktoren (wie dysfunktionales Bewältigungsverhalten, Stress, Lernerfahrungen). Dabei ist die Zusammensetzung dieser Faktoren im Einzelfall ganz unterschiedlich.

Aus psychodynamischer Perspektive werden für die Entstehung der Anorexie verschiedene Hypothesen angeführt.[14] Die Triebtheorie fokussiert hier auf die Abwehr der weiblichen Sexualität und Identität. Es wird davon ausgegangen, dass die weibliche Sexualität im unbewussten Erleben der Patientin Parallelen zum Essen aufweist. Über Abwehrmechanismen wie Regression (Rückzug auf eine frühere Entwicklungsstufe) und Verschiebung werden genital-sexuelle Triebimpulse auf die orale Ebene verschoben: die Angst, die andere Frauen davor haben, penetriert zu werden, besteht hier gegenüber der Nahrungsaufnahme. Die Objektbeziehungstheorie rückt die Beziehung zur Mutter ins Zentrum. Sie sieht die Abwehr des Essens als Kampf gegen den Wunsch nach Verschmelzung mit der Mutterfigur oder als Möglichkeit der Trennung von dieser. Bei diesen Patienten bestehen unbewusste Erinnerungen an übermäßige Wünsche an die Mutter und die infantile Enttäuschung, von der Mutter nicht genug bekommen zu haben. Die Nahrungsabstinenz stellt hier eine Form der Selbstbestrafung dar und den vergeblichen Versuch, Schuldgefühlen zu entgehen. Die Selbstpsychologie sieht in der Anorexie den Versuch, um Autonomie zu kämpfen: die Nahrungsverweigerung als der unbewusste Versuch, sich als autonomes Subjekt zu erleben.

Nach diesen Modellen wird auch verständlich, wieso die Pubertät am häufigsten die auslösende Situation für die Erstmanifestation der Essstörungen darstellt. Autonomiekonflikte, aber auch die Ablehnung der weiblichen Geschlechtsrolle – möglicherweise auch vor dem Hintergrund sexueller Traumatisierungen – sind hier zentral.

Soziokulturelle Determinanten. Neben dem Einfluss von Familie und Peers richtet sich ein besonderes Augenmerk auf die Gendernormen und Rollenerwartungen einerseits sowie auf Körperideale andererseits, wobei hier die Vermittlung über die Medien eine entscheidende Rolle spielt.

Die weibliche und im zunehmenden Maße auch männliche Geschlechterrolle steht in einem engen Zusammenhang mit dem Aussehen und der körperlichen Attraktivität. Das Schönheitsideal der Frau hat sich in den vergangenen 50 Jahren stark geändert. Vornehmlich in den westlichen Industriestaaten ist es an einen zierlichen Körperbau und eine schmale Taille gebunden.[15] Dabei wird die Kluft zwischen Körperideal und Ist-Zustand immer größer. Während die Fettmasse einer gesunden, jüngeren Frau zwischen 22 und 25 Prozent beträgt,[16] erlaubt das westliche Schönheitsideal lediglich einen Anteil von 10 bis 15 Prozent.[17] Vor allem junge Mädchen verfallen noch immer der Illusion des dürren Körperideals. Obgleich auch die Zahl der Essstörungen aufseiten der männlichen Bevölkerung steigt, sind nach wie vor wesentlich mehr Frauen von diesem "Schlankheitswahn" betroffen. Dennoch unterliegt auch das männliche Körperideal einer zunehmenden Veränderung, und zwar in dem Sinne, dass Männer einen möglichst muskulösen Körper anstreben,[18] was vor allem auf den Einfluss der Werbung zurückzuführen ist.[19] Es ist also nicht verwunderlich, dass auch Jungen in zunehmender Zahl ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper entwickeln.[20]

Das Thema Essstörungen ist mit den Massenmedien auf doppelte Weise verknüpft: Zum einen kann die öffentliche Thematisierung psychischer Störungen einen Beitrag zur Überwindung dieser Probleme leisten. Zum anderen stehen die Medien im Verdacht, ein Teil des Phänomens selbst zu sein, denn sie fungieren als Vermittler gesellschaftlicher Leitbilder und als Quelle von Vorbildern und Körperidealen.[21]

Das Körperbild im Rahmen anorektischer Erkrankungen ist in den vergangenen Jahren immer mehr in den Blick bei der Behandlung Betroffener gerückt. Das gestörte Körperbild gehört nicht nur zu der zentralen Symptomatik, sondern lässt sich therapeutisch auch schwerer beeinflussen als andere Essstörungssymptome.[22] Dabei beeinflussen nicht nur die alltäglichen Körpererlebnisse die Veränderung des Körperbildes, sondern auch die Medien.[23] Vor allem Jugendliche, Mädchen wie auch Jungen, orientieren sich an Körperidealen, die durch Magazine oder Fernsehen vermittelt werden.[24] Wenn sich an diesen Idealen ohne kritische Reflexion orientiert wird, kann eine erhöhte Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper die Folge sein. In einer Studie verglichen Dieter Benninghoven und andere den Grad der Körperzufriedenheit und Körperwahrnehmung zwischen Männern mit und ohne Essstörungen. Je größer die Differenz zwischen dem eigenen, wahrgenommenen Körperbild und dem idealisierten Körper war, desto unzufriedener waren die Teilnehmer mit ihrem eigenen Körper.[25] Wichtig ist hierbei aber, dass Körperideale in der Regel nicht die alleinige Ursache für die Entwicklung einer Essstörung sind.

Fußnoten

7.
Vgl. Marion Lebenstedt/Gaby Bußmann/Petra Platen, Ess-Störungen im Leistungssport – Ein Leitfaden für Athlet/innen, Trainer/innen, Eltern und Betreuer/innen, Bonn 2004.
8.
Ausführlich sind Modelle der multiplen Verursachung dargestellt in: Stephan Herpertz/Martina de Zwaan/Stephan Zipfel (Hrsg.), Handbuch Essstörungen und Adipositas, Berlin 2008.
9.
Vgl. Beate Herpertz-Dahlmann, Anorexia und Bulimia Nervosa, in: Günter Esser (Hrsg.), Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen, Stuttgart 2011, S. 387–400.
10.
Vgl. Sabine Schmid-Sipka, "Es ist zum Kotzen …" Bulimie – eine typische Frauenkrankheit?, in: Systemische Notizen, (2006) 2, S. 18–23.
11.
Zu Essstörungen bei Männern siehe Barbara Mangweth-Matzek, Essstörungen bei Männern, in: S. Herpertz/M. de Zwaan/S. Zipfel (Anm. 8), S. 87–92.
12.
Vgl. Heike Hölling/Robert Schlack, Essstörungen im Kindes- und Jugendalter. Erste Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS), in: Bundesgesundheitsblatt, 50 (2007) 5–6, S. 794–799.
13.
Ausführlich zum heuristischen Modell in der Verhaltenstherapie: Gaby Groß, Verhaltenstherapeutische Modellvorstellungen, in: S. Herpertz/M. de Zwaan/S. Zipfel (Anm. 8), S. 54ff.
14.
Vgl. S.O. Hoffmann/G. Hochapfel (Anm. 3).
15.
Vgl. M. Lebenstedt/G. Bußmann/P. Platen (Anm. 7).
16.
Vgl. Dympna Gallagher et al., Healthy Percentage Body Fat Ranges: An Approach for Developing Guidelines Based on Body Mass Index, in: The American Journal of Clinical Nutrition, 72 (2000), S. 694–701.
17.
Vgl. B. Herpertz-Dahlmann (Anm. 9).
18.
Vgl. Dieter Benninghofen et al., Körperbilder männlicher Patienten mit Essstörungen, in: Psychotherapie – Psychosomatik – Medizinische Psychologie, 57 (2007), S. 120–127.
19.
Vgl. Markus Dechêne, Essstörungen bei Männern, in: Blickpunkt der Mann, 6 (2008) 3, S. 20ff.
20.
Sogenannter Adonis-Komplex, vgl. Harrison G. Pope/Katherine A. Phillips/Roberto Olivardia, The Adonis Complex, New York 2000.
21.
Vgl. Eva Baumann/Lars Harden/Helmut Scherer, Zwischen Promi-Tick und Gen-Defekt. Zur Dar- stellung von Essstörungen in der Presse, in: Medien & Kommunikationswissenschaft, 51 (2003) 3–4, S. 431–454.
22.
Vgl. Corinna Götz-Kühne, Körpertherapeutische Interventionen und kreative Verfahren in der Behandlung von Essstörungen, in: Günter Reich/Manfred Cierpka (Hrsg.), Psychotherapie der Essstörungen. Krankheitsmodelle und Therapiepraxis – störungsspezifisch und schulen-übergreifend, Stuttgart 20103, S. 267–277.
23.
Zu den komplexen Zusammenhängen zwischen Medien und Essstörungen siehe ausführlich Eva Baumann, Die Symptomatik des Medienhandelns. Zur Rolle der Medien im Kontext der Entstehung, des Verlaufs und der Bewältigung eines gestörten Essverhaltens, Köln 2009.
24.
Vgl. Maggie Wykes/Barrie Gunter, The Media & Body Image, London u.a. 2011; Steven Thomsen/Michelle Weber/Lora Brown, The Relationship Between Reading Beauty and Fashion Magazines and the Use of Pathogenic Dieting Methods Among Adolescent Females, in: Adolescence, 37 (2002) 145, S. 1–18; Patricia Van den Berg et al., Is Dieting Advice from Magazines Helpful or Harmful? Five-Year Associations with Weight-Control Behaviors and Psychological Outcomes in Adolescents, in: Pediatrics, 119 (2007) 1, S. e30–e37; Anne Becker et al., Eating Behaviours and Attitudes Following Prolonged Exposure to Television Among Ethnic Fijian Adolescent Girls, in: British Journal of Psychiatry, 180 (2002) 6, S. 509–514; Harrison G. Pope et al., Evolving Ideals of Male Body Image as Seen Through Action Toys, in: International Journal of Eating Disorders, 26 (1999), S. 65–72; Timothy Baghurst et al., Change in Sociocultural Ideal Male Physique: An Examination of Past and Present Action Figures, in: Body Image, 3 (2006) 1, S. 87–91; David A. Frederick et al., Do Representations of Male Muscularity Differ in Men’s and Womens’ Magazines?, in: Body Image, 2 (2005) 1, S. 81–86.
25.
Vgl. D. Benninghoven et al. (Anm. 18).
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