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27.11.2015 | Von:
Christiane Eichenberg

Hungern im Netz

Essstörungen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Es handelt sich um schwerwiegende Störungen, wobei vor allem die Anorexia nervosa (Magersucht) mit einer hohen Mortalitätsrate einhergeht. Aufgrund der weiten Verbreitung einerseits und der Erstmanifestation zumeist im Jugendalter andererseits verwundert nicht, dass auch das Internet hier als Hilfsmedium für Betroffene eine wichtige Rolle spielt. In diesem Beitrag wird ein einführender Überblick über die verschiedenen Formen von Essstörungen und ihre Ursachen gegeben, wobei insbesondere die Rolle der Medien herausgearbeitet wird. Anschließend wird die sogenannte Pro-Ana-Bewegung im Internet vorgestellt, eine Form der onlinebasierten Selbsthilfe, die umstritten ist.

Magersucht und andere Essstörungen: Erscheinungsformen und Prävalenz

In der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) der Weltgesundheitsorganisation werden in Kapitel V "Psychische und Verhaltensstörungen" vier verschiedene Formen von Essstörungen im engeren Sinne aufgeführt: die Anorexia nervosa, die atypische Anorexia nervosa, die Bulimia nervosa sowie die atypische Bulimia nervosa. Ferner werden Essattacken sowie Erbrechen im Rahmen anderer psychischer Störungen benannt. In der Fachliteratur werden noch weitere Erscheinungsformen beschrieben (zum Beispiel Anorexia athletica, bezogen auf gestörtes Essverhalten bei Leistungssportlern), die allerdings noch nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht sind, um als Störungen anerkannt zu sein.

Die Anorexia nervosa ist durch einen absichtlich herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert. Dabei ist die Angst vor einem dicken Körper zentral, die Betroffenen legen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich fest. Es liegt meist Unterernährung unterschiedlichen Schweregrades vor, die sekundär zu hormonellen und stoffwechselbedingten Veränderungen und zu körperlichen Funktionsstörungen führt. Zu den Symptomen gehören eingeschränkte Nahrungsauswahl, übertriebene körperliche Aktivitäten, selbstinduziertes Erbrechen und Abführen und der Gebrauch von Appetitzüglern und Diuretika (Mittel zur Ausschwemmung von Wasser aus dem Körper). Die atypische Anorexia nervosa erfüllt einige Kriterien der Anorexia nervosa, das gesamte klinische Bild rechtfertigt die Diagnose einer Anorexia nervosa jedoch nicht. Weiterhin gilt für eine Anorexie, dass das tatsächliche Körpergewicht mindestens 15 Prozent unter dem Erwarteten liegt beziehungsweise der Body-Mass-Index kleiner/gleich 17,5 beträgt.[1] Begleiterkrankungen sind häufig, vor allem depressive Erkrankungen, Zwänge, Angst- und Somatisierungsstörungen (körperliche Beschwerden ohne erkennbare organische Ursache).

Die Bulimia nervosa ist gekennzeichnet durch wiederholte Anfälle von Heißhunger und eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts. Typischerweise besteht ein Wechsel von Essanfällen und Erbrechen oder Gebrauch von Abführmitteln. Viele psychische Merkmale dieser Störung ähneln denen der Anorexie, so die übertriebene Sorge um Körperform und Gewicht. Wiederholtes Erbrechen kann zu Elektrolytstörungen und körperlichen Komplikationen führen. Häufig lässt sich in der Anamnese eine frühere Episode einer Anorexia nervosa feststellen. Für die atypische Bulimia gilt dasselbe wie für die atypische Anorexia: Einige Schlüsselsymptome können fehlen. Bei der sogenannten Binge Eating Disorder (in der ICD als "nicht näher bezeichnete Essstörung" klassifiziert) kommt es ebenso zu periodischen Heißhungeranfällen mit Kontrollverlust, allerdings werden die zugeführten Nahrungsmittel anschließend nicht erbrochen, sodass längerfristig meist Übergewicht die Folge ist. Die Adipositas wird in der ICD nicht unter psychische Störungen gefasst, sondern unter die endokrinen, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten.

Aktuell wurde eine Zwölfmonatsprävalenz (Häufigkeit) von Essstörungen von 0,7 Prozent ermittelt (Frauen: 1,2 Prozent; Männer: 0,2 Prozent).[2] Dabei ist das Risiko für Essstörungen in der Bevölkerung nicht gleich verteilt. Vielmehr treten Essstörungen vorwiegend in bestimmten Gruppen auf, wobei vor allem Geschlecht, Alter und soziale Schicht ausschlaggebend sind (von Anorexie Betroffene gehören tendenziell häufiger der höheren Mittelschicht an, Bulimiker stammen meist aus der Mittelschicht). In bestimmten Gruppen steigen die Prävalenzraten daher deutlich an (7 Prozent in Risikogruppen wie Tänzerinnen und Models).[3] Darüber hinaus ist die Mortalität dieser Patientengruppe mit bis zu 18 Prozent sehr hoch; fast jede/r Fünfte stirbt also an den Folgen der Krankheit.[4] Die Mortalitätsrate ist damit die höchste aller psychischen Erkrankungen und liegt erheblich über der von Depression und Schizophrenie.[5]

Anorexia nervosa und Bulimia nervosa sind schwere psychische Erkrankungen mit beträchtlichen psychischen, aber auch physischen Begleiterscheinungen für die Betroffenen. Entscheidend für den Verlauf der Erkrankungen ist unter anderem, wie schnell und in welchem Stadium effektive therapeutische Interventionen einsetzen. Diese können jedoch nur vor dem Hintergrund eingeleitet werden, dass die Betroffenen beziehungsweise deren Angehörige und ebenso der konsultierte Arzt beziehungsweise Psychiater oder Psychologe die Störung als psychische Erkrankung (an)erkennt. Voraussetzung hierfür ist, dass auf beiden Seiten ein hinreichender Kenntnisstand zur Verfügung steht beziehungsweise Informationen über die Erkrankungsformen allgemein nutzbar und leicht zugänglich sind. Der klinische Alltag lehrt jedoch, dass sowohl in weiten Bereichen der praktischen Medizin als auch bei den Betroffenen selbst wenig Kenntnis darüber besteht, ab wann bestimmte Verhaltensaspekte und körperliche Veränderungen klinisch-diagnostische Kriterien erfüllen und therapeutisches Handeln notwendig machen.[6]

Ursachenforschung

Ein einheitliches, empirisch belegtes Modell zur Ätiologie (Ursachen zur Entstehung einer Krankheit) und Aufrechterhaltung der Anorexie und Bulimie existiert bisher nicht. Aufgrund vorliegender Erkenntnisse ist auszuschließen, dass ein eindimensionales (beispielsweise ein rein biologisches oder ein rein soziokulturelles) Modell ausreicht, um zu erklären, wie die Störung entsteht und sich entwickelt. Die moderne Forschung geht vielmehr von einem multidimensionalen Modell aus, das biologische, soziokulturelle, familiendynamische und intrapsychische Elemente integriert, die unterschiedlich auf die Entwicklung einer Essstörung einwirken können.[7] Im Folgenden wird vor allem auf soziokulturelle und psychologische Determinanten eingegangen.[8]

Psychologische Determinanten. Einige wissenschaftliche Befunde deuten darauf hin, dass es eine Verbindung zwischen Persönlichkeitseigenschaften und Essstörungen gibt. Nach Angabe von Beate Herpertz-Dahlmann stammt ein Großteil der Patientinnen mit Anorexia nervosa aus der Mittel- und Oberschicht; die Betroffenen haben zudem eine durchschnittliche bis hohe Intelligenz. Jugendliche mit Anorexie oder Bulimie berichten von einem hohen schulischen Ehrgeiz, obgleich sie häufig nicht zu den Klassenbesten gehören.[9] Sabine Schmid-Sipka fügt hinzu, dass insbesondere bulimische Frauen versuchen, den unterschiedlichen Erwartungen (wie jenen der Herkunftsfamilie, des Partners und der Schule) gerecht zu werden.[10] Entsprechen sie selbst ihren eigenen perfektionistischen Ansprüchen nicht, kommt es bei vielen zu Gefühlen der Ineffektivität und des Selbstzweifels, was letztendlich in einer massiven Selbstkritik münden kann. Die Kontrolle über ihr Gewicht vermittelt den Frauen ein Gefühl von Selbstdisziplin, persönlicher Stärke, Willenskraft und Durchsetzungsvermögen. Entsprechende Untersuchungen bei essgestörten Männern gibt es sehr viel seltener,[11] obwohl inzwischen bekannt ist, dass insbesondere unter den jüngeren Betroffenen der Anteil von auffälligen Jungen und Mädchen etwa gleich hoch ist.[12]

Aus verhaltenstherapeutischer Perspektive wird vor allem die individuelle Lerngeschichte als Erklärung für die Entstehung von Essstörungen herangezogen. Mechanismen des Modelllernens (beispielsweise Einfluss der Eltern durch eigene körperliche Unzufriedenheit und Diätverhalten), negative Bewertung des Kindes (bezüglich seiner Figur einschließlich der Aufforderung zur Diät) – auch durch die Peergroup (negative Verstärkung durch Hänseleien) – werden hier als zentrale Aspekte angeführt. Die Anorexie verstärkt sich zudem zum Teil selbst durch körperliche Veränderungen (zum Beispiel Freisetzung von Endorphinen) sowie durch Selbstkontrolle und Abgrenzung, die als Erfolg (im Sinne von Selbstwirksamkeit) erlebt wird. Zusammengefasst hat sich in der Verhaltenstherapie ein heuristisches Modell etabliert, das drei Klassen von "Ursachen" unterscheidet:[13] 1. prädispositionierende Faktoren (wie familiäre Interaktionsmuster, genetische Dispositionen, individuelle Faktoren wie Perfektionismus, dysfunktionale Grundannahmen oder niedriger Selbstwert, soziokulturelle Faktoren wie Geschlechtsrollenstereotype), 2. auslösende Faktoren (etwa kritische Lebensereignisse wie Auszug aus dem Elternhaus) und 3. aufrechterhaltende Faktoren (wie dysfunktionales Bewältigungsverhalten, Stress, Lernerfahrungen). Dabei ist die Zusammensetzung dieser Faktoren im Einzelfall ganz unterschiedlich.

Aus psychodynamischer Perspektive werden für die Entstehung der Anorexie verschiedene Hypothesen angeführt.[14] Die Triebtheorie fokussiert hier auf die Abwehr der weiblichen Sexualität und Identität. Es wird davon ausgegangen, dass die weibliche Sexualität im unbewussten Erleben der Patientin Parallelen zum Essen aufweist. Über Abwehrmechanismen wie Regression (Rückzug auf eine frühere Entwicklungsstufe) und Verschiebung werden genital-sexuelle Triebimpulse auf die orale Ebene verschoben: die Angst, die andere Frauen davor haben, penetriert zu werden, besteht hier gegenüber der Nahrungsaufnahme. Die Objektbeziehungstheorie rückt die Beziehung zur Mutter ins Zentrum. Sie sieht die Abwehr des Essens als Kampf gegen den Wunsch nach Verschmelzung mit der Mutterfigur oder als Möglichkeit der Trennung von dieser. Bei diesen Patienten bestehen unbewusste Erinnerungen an übermäßige Wünsche an die Mutter und die infantile Enttäuschung, von der Mutter nicht genug bekommen zu haben. Die Nahrungsabstinenz stellt hier eine Form der Selbstbestrafung dar und den vergeblichen Versuch, Schuldgefühlen zu entgehen. Die Selbstpsychologie sieht in der Anorexie den Versuch, um Autonomie zu kämpfen: die Nahrungsverweigerung als der unbewusste Versuch, sich als autonomes Subjekt zu erleben.

Nach diesen Modellen wird auch verständlich, wieso die Pubertät am häufigsten die auslösende Situation für die Erstmanifestation der Essstörungen darstellt. Autonomiekonflikte, aber auch die Ablehnung der weiblichen Geschlechtsrolle – möglicherweise auch vor dem Hintergrund sexueller Traumatisierungen – sind hier zentral.

Soziokulturelle Determinanten. Neben dem Einfluss von Familie und Peers richtet sich ein besonderes Augenmerk auf die Gendernormen und Rollenerwartungen einerseits sowie auf Körperideale andererseits, wobei hier die Vermittlung über die Medien eine entscheidende Rolle spielt.

Die weibliche und im zunehmenden Maße auch männliche Geschlechterrolle steht in einem engen Zusammenhang mit dem Aussehen und der körperlichen Attraktivität. Das Schönheitsideal der Frau hat sich in den vergangenen 50 Jahren stark geändert. Vornehmlich in den westlichen Industriestaaten ist es an einen zierlichen Körperbau und eine schmale Taille gebunden.[15] Dabei wird die Kluft zwischen Körperideal und Ist-Zustand immer größer. Während die Fettmasse einer gesunden, jüngeren Frau zwischen 22 und 25 Prozent beträgt,[16] erlaubt das westliche Schönheitsideal lediglich einen Anteil von 10 bis 15 Prozent.[17] Vor allem junge Mädchen verfallen noch immer der Illusion des dürren Körperideals. Obgleich auch die Zahl der Essstörungen aufseiten der männlichen Bevölkerung steigt, sind nach wie vor wesentlich mehr Frauen von diesem "Schlankheitswahn" betroffen. Dennoch unterliegt auch das männliche Körperideal einer zunehmenden Veränderung, und zwar in dem Sinne, dass Männer einen möglichst muskulösen Körper anstreben,[18] was vor allem auf den Einfluss der Werbung zurückzuführen ist.[19] Es ist also nicht verwunderlich, dass auch Jungen in zunehmender Zahl ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper entwickeln.[20]

Das Thema Essstörungen ist mit den Massenmedien auf doppelte Weise verknüpft: Zum einen kann die öffentliche Thematisierung psychischer Störungen einen Beitrag zur Überwindung dieser Probleme leisten. Zum anderen stehen die Medien im Verdacht, ein Teil des Phänomens selbst zu sein, denn sie fungieren als Vermittler gesellschaftlicher Leitbilder und als Quelle von Vorbildern und Körperidealen.[21]

Das Körperbild im Rahmen anorektischer Erkrankungen ist in den vergangenen Jahren immer mehr in den Blick bei der Behandlung Betroffener gerückt. Das gestörte Körperbild gehört nicht nur zu der zentralen Symptomatik, sondern lässt sich therapeutisch auch schwerer beeinflussen als andere Essstörungssymptome.[22] Dabei beeinflussen nicht nur die alltäglichen Körpererlebnisse die Veränderung des Körperbildes, sondern auch die Medien.[23] Vor allem Jugendliche, Mädchen wie auch Jungen, orientieren sich an Körperidealen, die durch Magazine oder Fernsehen vermittelt werden.[24] Wenn sich an diesen Idealen ohne kritische Reflexion orientiert wird, kann eine erhöhte Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper die Folge sein. In einer Studie verglichen Dieter Benninghoven und andere den Grad der Körperzufriedenheit und Körperwahrnehmung zwischen Männern mit und ohne Essstörungen. Je größer die Differenz zwischen dem eigenen, wahrgenommenen Körperbild und dem idealisierten Körper war, desto unzufriedener waren die Teilnehmer mit ihrem eigenen Körper.[25] Wichtig ist hierbei aber, dass Körperideale in der Regel nicht die alleinige Ursache für die Entwicklung einer Essstörung sind.

Pro-Ana-Bewegung im Internet

Medien liefern wichtige Ressourcen für Betroffene von Essstörungen. Insbesondere das Internet bietet eine Fülle an Hilfsangeboten,[26] die von komplexen, durch Therapeuten unterstützte E-Health-Programme bis zu reinen Selbsthilfeplattformen reichen, wobei für letztere in einzelnen Studien positive Effekte belegt wurden.[27] Aus diesem Rahmen scheint ein bestimmter Typ von Online-Plattformen von und für Essgestörte herauszufallen, die sogenannten Pro-Ana-Foren.

Pro-Ana steht für Pro Anorexia nervosa, Pro-Mia für Pro Bulimia nervosa. Die Pro-Ana- und Pro-Mia-Bewegung werden als ein Zusammenschluss von Betroffenen in Internetforen beschrieben, die ihre Essstörung nicht nur nicht bekämpfen, sondern sich für diese aussprechen und aufrechterhalten wollen. Die ersten Foren sind in den 1990er Jahren auf englischsprachigen Internetseiten entstanden. 2000 kamen in US-amerikanischen Medien erste Berichte über Pro-Ana auf, in Deutschland wurden diese Foren mit einer Verzögerung von etwa fünf Jahren bekannt. Als Bewegung, die ihre Krankheit nicht überwinden, sondern kultivieren will, stößt Pro-Ana schnell auf Unverständnis und Besorgnis. Als Hauptnutzende der Pro-Ana-Foren werden entsprechend der bekannten Risikofaktoren von Essstörungen vor allem Mädchen und junge Frauen beschrieben.

Allerdings können Pro-Ana-Seiten in Ausrichtung und Inhalt stark variieren. Eine "typische" Pro-Ana-Seite ist in Pinktönen gehalten und mit kleinmädchenhaften Motiven gestaltet. Charakteristische Inhalte sind zum einen Informationen über verschiedene Essstörungen, deren Symptomatologie und Verlauf sowie Informationen rund um das Thema Ernährung wie beispielsweise Kalorientabellen. Zum anderen werden häufig Tipps und Tricks gegeben, die zu einer Aufrechterhaltung des gestörten Essverhaltens beitragen. Ein weiterer Bestandteil sind sogenannte thinspirations zum Beispiel in Form von Fotos extrem schlanker Models, die dazu motivieren sollen, dünn zu sein. Thinspirations können auch destruktive Selbstinstruktionen, Gedichte, Lieder oder Filme sein. Als wichtigstes Element aller Pro-Ana-Seiten gelten jedoch ihre interaktiven Anwendungsbereiche (Foren, Chats, Instant-Messaging).

Insgesamt sind Pro-Ana-Seiten meist so organisiert, dass zum inneren Bereich der Website nur diejenigen Zugang haben, die sich angemeldet und ein "Bewerbungsverfahren" durchlaufen haben. Der Jugendmedienschutz in Gestalt von jugendschutz.net hat nach eingehender Prüfung 80 Prozent der gesichteten deutschsprachigen Internetseiten als problematisch eingestuft und die Schließung zahlreicher Pro-Ana-Foren veranlasst.[28] Diese Maßnahmen haben die Pro-Ana-Bewegung jedoch nicht eindämmen können, sondern dazu geführt, dass die Administratoren ihre Seiten mit weniger offensichtlichen Namen auf andere Server verlegt haben.

Pro-Ana-Foren werden in Fachkreisen vorwiegend mit großer Sorge betrachtet.[29] Betroffene Jugendliche würden stark gefährdet und fänden in den Foren eine Ideenbörse zur weiteren Forcierung ihrer Erkrankung wie exzessive Diätpläne, die gemeinschaftlich verfolgt würden. Insgesamt würde der Austausch die bestehende Symptomatik verschärfen und die Nutzerinnen gegenseitig darin bestärken, therapeutische Hilfe abzulehnen. Demgegenüber stehen – wenn auch deutlich seltener vertreten – relativierende Positionen, die diesen Foren auch präventive Funktionen zuschreiben, beispielsweise durch die Integration psychisch labiler Menschen in ein soziales Netzwerk.

Diese Einschätzungen beruhen jedoch auf theoretischen Überlegungen. Daher wurde eine eigene Studie vorgenommen, um die Funktionen und Effekte der Pro-Ana-Foren aus Nutzerinnenperspektive zu erfassen.[30] 220 adoleszente Nutzerinnen deutschsprachiger Pro-Ana-Foren beantworteten einen Online-Fragebogen und durchliefen zwei standardisierte Instrumente: das Brief Symptom Inventory zur Erfassung der allgemeinen Psychopathologie sowie ein Essstörungsinventar, den Eating Attitudes Test. Es zeigte sich, dass die Gesamtstichprobe eine hohe psychische Belastung und starke Ausprägung essgestörter Symptomatik aufweist. Pro-Ana-Foren wurden meist schon seit längerer Zeit und vor allem mit hoher Nutzungsfrequenz besucht. Dabei zeigte sich eine soziale Exklusivität der Pro-Ana-Nutzung. Zwei Drittel gaben an, dass niemand aus dem "realen" Umfeld von ihrer diesbezüglichen Aktivität wisse.

Als dominante Nutzungsmotive erwiesen sich: "um Menschen mit ähnlichen Problemen und Gedanken kennen zu lernen", "weil mich sonst niemand versteht" und "um andere bei Problemen zu unterstützen"– allesamt Motive, die konstruktiv sind für den Umgang mit Essstörungen. Allerdings fanden andere Motive mit Heilungspotenzial nur sehr geringe Zustimmung wie "um meine Essstörung loszuwerden" oder "um Informationen über Psychotherapie zu erhalten". Es zeigte sich, dass die Nutzerinnen von Pro-Ana-Foren keine homogene Gruppe darstellen. Vielmehr konnten drei Typen identifiziert werden, die sich hinsichtlich der Nutzungsmotive, des Alters sowie der Dauer der Mitgliedschaft und Essstörung voneinander unterscheiden. Typ 1 ("Heilungsorientierter Nutzertyp") machte knapp 40 Prozent der Stichprobe aus und kennzeichnet sich dadurch, dass die Überwindung der Essstörungen im Vordergrund steht. Dieser Typ fällt durch signifikant geringere Motivation zur Gewichtsreduktion im Vergleich zu Typ 2 und 3 auf. Befragte dieses Typs besuchen Pro-Ana-Foren insbesondere, um emotionale Unterstützung zu erhalten. Im Vergleich zu den anderen beiden Typen gab dieser Nutzertyp seltener gewichtsreduzierende Auswirkungen der Forennutzung an und verlor im Zeitraum der Nutzung von Pro-Ana am wenigsten an Gewicht. Typ 2 ("Bewältigungsindifferenter Nutzertyp", rund ein Fünftel der Gesamtstichprobe) ähnelt in seinen Motiven Typ 1, nämlich die Essstörung überwinden zu wollen, verfolgt jedoch auch ausgeprägte gewichtsreduzierende Nutzungsmotive. Typ 3 (etwa 40 Prozent der Gesamtstichprobe) besucht Pro-Ana-Foren vor allem wegen des Wunsches nach Gewichtsreduktion. Aufgrund dieser destruktiven Motivlage wurde dieser Typus als der "krankheitsaufrechterhaltende Nutzertyp" bezeichnet.

Nach dem subjektiven Verständnis von Pro-Ana befragt, gaben die meisten Teilnehmerinnen an, Pro-Ana sei für sie eine Selbsthilfegruppe, die das Ziel verfolge, mit einer Essstörung zu leben. Lediglich 15 Prozent sahen in Pro-Ana eine Selbsthilfegruppe, die dabei unterstütze, eine Essstörung zu überwinden. Pro-Ana als Lifestyle oder als ein "Hobby" erlebten insgesamt weniger als ein Zehntel der Befragten. Der Wunsch nach Aufrechterhaltung der Essstörung wurde von den Befragten am häufigsten durch Aspekte des "Gewinns" durch die Krankheit begründet, gefolgt von Angaben, die als erfolglose Überwindungsversuche zusammengefasst werden können. Die häufig der Pro-Ana-Bewegung zugeschriebene Einstellung, die Magersucht bis in den Tod aufrechterhalten zu wollen ("Ana till the end" = ATTE), wurde von der absoluten Mehrheit (70 Prozent) der Befragten stark abgelehnt.

Hinsichtlich der Auswirkungen der Forumsnutzung zeigte sich bei der Gesamtstichprobe, dass es nach Selbstangaben im Nutzungszeitraum zu einer deutlichen Gewichtsreduktion kam. Allerdings ergaben sich auch positive Effekte: Der weitaus größte Teil gab an, sich weniger einsam zu fühlen als vorher, und bei knapp einem Viertel der Nutzerinnen ist die Bereitschaft zu einer Psychotherapie im Laufe ihrer Pro-Ana-Mitgliedschaft gestiegen. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass Pro-Ana eine Untergruppe derjenigen anzuziehen scheint, die Therapien abgebrochen haben und diesbezüglich negative Erfahrungen berichten können. Demnach könnten Pro-Ana-Foren als der Versuch einer Entlastung besonders verzweifelter Betroffener verstanden werden.

Insgesamt gibt diese Studienlage keinen Anlass dazu, Pro-Ana-Foren pauschal gesetzlich verbieten zu müssen. Die Befunde lassen vielmehr insgesamt auf einen differenziellen Einfluss der Pro-Ana-Foren auf ihre Nutzerinnen schließen.[31] Je nach Motivation können die Betroffenen sowohl Vor- als auch Nachteile aus der Forenteilnahme ziehen. Die durch Medien verbreitete Meinung, dass Pro-Ana ausschließlich destruktive Einflüsse aufweist, konnten in dieser Studie nicht bestätigt werden. Nichtsdestotrotz haben Pro-Ana-Foren Schattenseiten. In diesem Zusammenhang gilt es weiterhin zu erforschen, welche Nutzertypen in welchen Krankheitsstadien vorrangig durch Pro-Ana angesprochen werden und inwieweit die Teilnahme die bereits existierenden Krankheitsmuster verstärkt, aufrechterhält oder gar zur Entwicklung einer schwereren Essproblematik beiträgt.
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Fußnoten

1.
Der Body-Mass-Index errechnet sich aus der Körpermasse in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Als "Normalgewicht" gelten Werte von 18,5 bis 25.
2.
Vgl. Hans-Ulrich Wittchen/Frank Jacobi, Was sind die häufigsten psychischen Störungen in Deutschland?, Vortrag, Symposium Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS), Berlin, 14.6.2012, http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Degs/degs_w1/Symposium/degs_psychische_stoerungen.pdf?__blob=publicationFile« (16.7.2015).
3.
Vgl. Sven Olaf Hoffmann/Gerd Hochapfel, Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin, Stuttgart–New York 2004.
4.
Vgl. ebd.
5.
Vgl. Almut Zeeck/Stephan Herpertz/Deutsche Gesellschaft für Essstörungen (Hrsg.), Patientenleitlinie "Diagnostik und Behandlung von Essstörungen", 2015, http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/051-026p_Essstoerungen_2015-06_01.pdf« (16.7.2015).
6.
Vgl. Martin Grunwald, Essstörungen: Wird das Internet als Informationsquelle von Betroffenen und Angehörigen genutzt?, in: Ralf Ott/Christiane Eichenberg (Hrsg.), Klinische Psychologie und Internet. Potenziale für klinische Praxis, Intervention, Psychotherapie und Forschung, Göttingen 2003, S. 190–206.
7.
Vgl. Marion Lebenstedt/Gaby Bußmann/Petra Platen, Ess-Störungen im Leistungssport – Ein Leitfaden für Athlet/innen, Trainer/innen, Eltern und Betreuer/innen, Bonn 2004.
8.
Ausführlich sind Modelle der multiplen Verursachung dargestellt in: Stephan Herpertz/Martina de Zwaan/Stephan Zipfel (Hrsg.), Handbuch Essstörungen und Adipositas, Berlin 2008.
9.
Vgl. Beate Herpertz-Dahlmann, Anorexia und Bulimia Nervosa, in: Günter Esser (Hrsg.), Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen, Stuttgart 2011, S. 387–400.
10.
Vgl. Sabine Schmid-Sipka, "Es ist zum Kotzen …" Bulimie – eine typische Frauenkrankheit?, in: Systemische Notizen, (2006) 2, S. 18–23.
11.
Zu Essstörungen bei Männern siehe Barbara Mangweth-Matzek, Essstörungen bei Männern, in: S. Herpertz/M. de Zwaan/S. Zipfel (Anm. 8), S. 87–92.
12.
Vgl. Heike Hölling/Robert Schlack, Essstörungen im Kindes- und Jugendalter. Erste Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS), in: Bundesgesundheitsblatt, 50 (2007) 5–6, S. 794–799.
13.
Ausführlich zum heuristischen Modell in der Verhaltenstherapie: Gaby Groß, Verhaltenstherapeutische Modellvorstellungen, in: S. Herpertz/M. de Zwaan/S. Zipfel (Anm. 8), S. 54ff.
14.
Vgl. S.O. Hoffmann/G. Hochapfel (Anm. 3).
15.
Vgl. M. Lebenstedt/G. Bußmann/P. Platen (Anm. 7).
16.
Vgl. Dympna Gallagher et al., Healthy Percentage Body Fat Ranges: An Approach for Developing Guidelines Based on Body Mass Index, in: The American Journal of Clinical Nutrition, 72 (2000), S. 694–701.
17.
Vgl. B. Herpertz-Dahlmann (Anm. 9).
18.
Vgl. Dieter Benninghofen et al., Körperbilder männlicher Patienten mit Essstörungen, in: Psychotherapie – Psychosomatik – Medizinische Psychologie, 57 (2007), S. 120–127.
19.
Vgl. Markus Dechêne, Essstörungen bei Männern, in: Blickpunkt der Mann, 6 (2008) 3, S. 20ff.
20.
Sogenannter Adonis-Komplex, vgl. Harrison G. Pope/Katherine A. Phillips/Roberto Olivardia, The Adonis Complex, New York 2000.
21.
Vgl. Eva Baumann/Lars Harden/Helmut Scherer, Zwischen Promi-Tick und Gen-Defekt. Zur Dar- stellung von Essstörungen in der Presse, in: Medien & Kommunikationswissenschaft, 51 (2003) 3–4, S. 431–454.
22.
Vgl. Corinna Götz-Kühne, Körpertherapeutische Interventionen und kreative Verfahren in der Behandlung von Essstörungen, in: Günter Reich/Manfred Cierpka (Hrsg.), Psychotherapie der Essstörungen. Krankheitsmodelle und Therapiepraxis – störungsspezifisch und schulen-übergreifend, Stuttgart 20103, S. 267–277.
23.
Zu den komplexen Zusammenhängen zwischen Medien und Essstörungen siehe ausführlich Eva Baumann, Die Symptomatik des Medienhandelns. Zur Rolle der Medien im Kontext der Entstehung, des Verlaufs und der Bewältigung eines gestörten Essverhaltens, Köln 2009.
24.
Vgl. Maggie Wykes/Barrie Gunter, The Media & Body Image, London u.a. 2011; Steven Thomsen/Michelle Weber/Lora Brown, The Relationship Between Reading Beauty and Fashion Magazines and the Use of Pathogenic Dieting Methods Among Adolescent Females, in: Adolescence, 37 (2002) 145, S. 1–18; Patricia Van den Berg et al., Is Dieting Advice from Magazines Helpful or Harmful? Five-Year Associations with Weight-Control Behaviors and Psychological Outcomes in Adolescents, in: Pediatrics, 119 (2007) 1, S. e30–e37; Anne Becker et al., Eating Behaviours and Attitudes Following Prolonged Exposure to Television Among Ethnic Fijian Adolescent Girls, in: British Journal of Psychiatry, 180 (2002) 6, S. 509–514; Harrison G. Pope et al., Evolving Ideals of Male Body Image as Seen Through Action Toys, in: International Journal of Eating Disorders, 26 (1999), S. 65–72; Timothy Baghurst et al., Change in Sociocultural Ideal Male Physique: An Examination of Past and Present Action Figures, in: Body Image, 3 (2006) 1, S. 87–91; David A. Frederick et al., Do Representations of Male Muscularity Differ in Men’s and Womens’ Magazines?, in: Body Image, 2 (2005) 1, S. 81–86.
25.
Vgl. D. Benninghoven et al. (Anm. 18).
26.
Vgl. Christiane Eichenberg/Stefan Kühne, Einführung Online-Beratung und -therapie. Grundlagen, Interventionen und Effekte der Internetnutzung, München 2014.
27.
Vgl. z.B. Jan Nedoschill et al., http://www.hungrig-online.de«: Einige Ergebnisse einer Online-Befragung Jugendlicher in der größten deutschsprachigen Internet-Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen, in: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 54 (2005) 9, S. 728–741.
28.
Vgl. jugendschutz.net, Pro-Ana-Angebote im Internet, o.D., http://jugendschutz.net/selbstgefaehrdung/pro_ana/index.html« (17.7.2015).
29.
Vgl. Christiane Eichenberg, Online-Foren für junge Menschen mit selbstschädigenden Problematiken: Pro-Ana-Blogs, Suizid-Boards und Foren zu selbstverletzendem Verhalten, in: Torsten Porsch/Stephanie Pieschl (Hrsg.), Neue Medien und deren Schatten, Göttingen 2004, S. 245–274.
30.
Vgl. Christiane Eichenberg/Andrea Flümann/Kristin Hensges, Pro-Ana-Foren im Internet: Befragungsstudie ihrer Nutzerinnen, in: Psychotherapeut, 6 (2011), S. 492–500.
31.
Diese Einschätzung stimmt mit anderen Untersuchungen überein, vgl. z.B. Sarah Brotsky/Giles David, Inside the "Pro-Ana" Community: A Covert Online Participant Observation, in: Eating Disorders, 15 (2007) 2, S. 93–109.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Christiane Eichenberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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