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Mädchen einer Weddinger Grundschule stehen vor dem Mahnmal zum Gedenken an jüdische Mitbürger, die an dieser Stelle in einem Altenheim lebten und von den Nazis 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt wurden.

14.1.2016 | Von:
Johannes Piepenbrink

Editorial

Im Januar jähren sich zwei Ereignisse, die gleichsam einen Anfangs- und einen Endpunkt der Shoah symbolisieren: Während der 20. Januar durch die Wannseekonferenz 1942 für die Systematisierung des staatlich organisierten Völkermords steht, ist der 27. Januar – der Tag, an dem 1945 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreit wurde – seit 2005 Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Das Gedenken an die NS-Opfer ist in Deutschland inzwischen Teil der Staatsräson. Doch wie verändern sich Erinnern und Gedenken mit wachsender zeitlicher Distanz, und wie kann historisches Lernen künftig aussehen?

Mit dem bevorstehenden Ende der unmittelbaren Zeitzeugenschaft stellt sich die Frage nach dem Umgang mit und dem Lernen aus "unannehmbarer Geschichte" (Imre Kertész) neu. Wie könnten oder sollten Gedenktage wie der 27. Januar begangen werden, um die Erinnerung lebendig zu halten und weiterzutragen? Lassen sich Lehren aus der Shoah für nachfolgende Generationen aktualisieren? Kann es überhaupt positive "Lehren" aus negativer Geschichte geben? Sollte der Holocaust künftig "historisiert" und in eine breitere Gewaltgeschichte eingeordnet werden, oder lässt sich aus ihm eine Art "universalisierte" Moral ableiten, die sich etwa in verstärkter Menschenrechtsbildung niederschlägt?

Letztlich sind Gedenken und historisches Lernen immer auch sehr persönliche Angelegenheiten. Bei allen Konzepten, die etwa Gedenkstätten und Ausstellungen zugrunde liegen, lässt sich doch nicht verordnen, welches Bild am Ende bei den Besucherinnen und Besuchern entsteht, welche Botschaft "hängen bleibt". Insofern könnte sich die Vielfalt der deutschen Gedenkstättenlandschaft als große Stärke erweisen. Vieles wird davon abhängen, ob es gelingt, diese zu erhalten und dabei gleichzeitig offen zu bleiben für neue Ansätze, Zugänge und Fragen der nächsten Generation.