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Stolperstein für Frank Familie in Aachen

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Stolperstein für Frank Familie in Aachen

William H. Weitzer

/ 8 Minuten zu lesen

Das Stolperstein-Projekt, 1992 von dem deutschen Künstler Gunter Demnig initiiert, erinnert an jüdische Einzelpersonen durch Verlegung eines Gedenksteins an dem letzten von ihnen frei gewählten Wohnort, bevor sie dem Naziterror zum Opfer fielen.

Stolpersteine für die Familie Frank in Aachen, Externer Link: Shared History Projekt. (Volkshochschule Aachen) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Das Objekt

Stolpersteine für die Familie Frank in Aachen

Die Interner Link: Stolpersteine für Edith, Margot und Interner Link: Anne Frank wurden am 15. Juni 2009 am Pastorplatz 1 in Aachen eingesetzt. Auch wenn für die komplette Familie Frank (einschließlich des Vaters Otto Frank) bereits Stolpersteine in Amsterdam existieren, erinnern die Steine in Aachen an den letzten Wohnort der drei Frauen in Deutschland, bevor sie in den Jahren 1933 und 1934 in die Niederlande auswanderten. Heute sind 75.000 Stolpersteine über ganz Europa verteilt. Man findet sie in Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, der Republik Moldau, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen, Rumänien, Russland, Schweden, der Schweiz, der Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, der Ukraine und Ungarn. Sie tragen die Namen von Jüdinnen und Juden, Interner Link: Sinti und Roma, Interner Link: Homosexuellen und Zeugen Jehovahs, von Interner Link: Menschen mit Behinderungen, Mitgliedern der kommunistischen Partei und anderen Opfern der Nationalsozialisten, die verfolgt, ermordet, ins Exil oder den Selbstmord getrieben wurden.

Historischer Kontext

Jeder Stolperstein, den wir sehen, erinnert uns, wie wichtig Toleranz ist, wie zerbrechlich die Demokratie ist und wie Geschichte und Gedenken uns lehren, Fragen über unsere heutige Welt zu stellen.

Dr. Eric Kandel, ein in Österreich geborener Jude, der für seine Forschung über die physiologische Grundlage des Gedächtnisses und das Interner Link: Speichern von Erinnerungen in Nervenzellen den Nobelpreis erhielt, beschrieb seine unauslöschlichen Erinnerungen an seine Kindheit in Wien. Er war neun, als er Wien 1938 verließ:

    Es ist schwer, die vielfältigen Interessen des Erwachsenen und seine Entscheidungen auf konkrete Erfahrungen in der eigenen Kindheit und Jugend zurückzuführen. Trotzdem kann ich nicht anders als mein Interesse am menschlichen Verstand – dem Verhalten von Menschen, der Unvorhersehbarkeit ihrer Beweggründe und der Beständigkeit des Gedächtnisses – mit meinem letzten Jahr in Wien zu verbinden. Ein Leitsatz des Judentums nach dem Holocaust ist "Niemals vergessen," eine Mahnung an zukünftige Generationen, wachsam gegenüber Antisemitismus, Rassismus und Hass zu sein, dem Gedankengut, durch das die Grausamkeiten der Nationalsozialisten erst möglich wurden. Meine Arbeit als Wissenschaftler befasst sich mit der biologischen Grundlage dieses Mottos: mit den Prozessen im Gehirn, die es uns ermöglichen, uns zu erinnern.

Welche Rolle spielt das Gedächtnis bei der Interner Link: Bewahrung von Geschichte? Auf jeden Fall halten die Menschen sie fest, die Zeugen von Ereignissen werden und ihre Interner Link: Erinnerungen zu Papier bringen oder auf andere Art und Weise aufzeichnen. Historiker sammeln diese Einzelberichte und andere einschlägige Dokumente und prüfen die Zeugnisse sorgfältig und in dem Wissen, dass es sich bei Erinnerungen lediglich um Konstrukte des Verstandes handelt. Die Ereignisse werden in den geschichtlichen Gesamtzusammenhang eingeordnet und die Erinnerung an sie so bewahrt. Mit dem immer weiteren Fortschreiten der Zeit, wenn keine Zeitzeugen mehr leben, können auch verkörperte Gegenstände unter Umständen eine kognitive und emotionale Verbindung zur Vergangenheit darstellen. Während Worte die Geschichte von Einzelnen und Gruppen wiedergeben, die womöglich gar nicht mehr am Leben sind, ermöglichen solche Artefakte als beständige, greifbare Zeugen die Erinnerung, selbst wenn auch ihre Interpretation wiederum ein Konstrukt darstellt, das sich mit der Zeit verändert.

Die Stolpersteine als Artefakte zu bezeichnen, führt zu interessanten Weiterungen – die im Bürgersteig vor den Häusern von Opfern der Verfolgung durch die Nationalsozialisten eingelassenen Messingplatten stammen schließlich nicht aus der Zeit, an die sie erinnern. Seit fast 30 Jahren verlegt Gunter Demnig Stolpersteine in Deutschland und Europa. Sie tragen in der Regel den Namen, Geburtstag, sowie den Ort und das Datum des Todes der Person, an die sie erinnern. Als ein eindringliches Beispiel für die "Schöpfung" von Artefakten wird sein Werk auch in Zukunft die Erinnerung an Zehntausende Menschen am Leben halten, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Auch wenn das Projekt seine Kritiker hat, die sich daran stören, dass man das Andenken mit Füßen treten könnte, gehen jeden Tag Hunderttausende an den Steinen vorüber und sehen kleine Erinnerungen an Menschen, die zur Ausreise gezwungen wurden oder nach ihrer Deportation dem fast sicheren Tod ins Auge sahen.

Das ungeheure Ausmaß des Holocausts lenkt oft von den individuellen Tragödien ab. Im Gegensatz dazu wirft jeder Stolperstein ein Schlaglicht auf die Geschichte eines einzelnen Menschen. Am Pastorplatz 1 in Aachen liegen Stolpersteine für Edith Frank und ihre zwei Töchter Margot und Anne. Die drei Frauen hielten sich eine Zeit lang in Aachen auf, nachdem sie Frankfurt verlassen hatten und bevor sie in Amsterdam Schutz suchten. Sie sind vor allem durch Annes Tagebuch bekannt, das im Versteck in Amsterdam entstand. Edith und Margot stießen im Dezember 1933 in den Niederlanden zu Otto Frank, dem Vater der Familie. Anne blieb vorläufig bei ihrer Großmutter in Aachen, bis sie im Februar 1934 ihrer Familie folgte. Die weitere Geschichte ist auf der ganzen Welt bekannt.

Archive und Museen sind in der Regel die zentralen Anlaufstellen für die Bewahrung von Artefakten und für deren Besichtigung. Die Stolpersteine hingegen stellen eine umfangreiche dezentrale Artefaktsammlung dar. Man findet sie über ganz Europa verteilt, sei es auf dem Weg zu Schule oder zur Arbeit oder beim Einkaufen. Die Gegenwärtigkeit der Steine fördert die Erkenntnis, dass diese historischen Ereignisse ganz in der Nähe stattfanden, dort, wo heute Menschen leben und arbeiten.

Sowohl einzeln als auch in ihrer Gesamtheit vermitteln die Stolpersteine die wesentlichen Angaben zum Leben einzelner Jüdinnen und Juden (ausführlichere Informationen kann man auf der Webseite des Stolpersteine-Projektes finden), bevor ihre Gemeinden vom Holocaust vernichtet wurden. Als tragisches Mahnmal der gemeinsamen Geschichte hat Gunter Demnig auch Steine zum Gedenken an andere Opfer der Nationalsozialisten verlegt, darunter Sinti und Roma, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen und Mitglieder des Widerstands. Die Stolpersteine erinnern daran, dass sich hinter jedem Namen ein Holocaust-Opfer mit eigener Geschichte verbirgt. Menschen und Familien, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte ihrem Land verbunden waren, wurden aus ihren Häusern und Wohnungen geholt. Sie mussten fliehen oder in den Ghettos, den Todes- und Arbeitslagern oder den Schlachtfeldern der Ostfront ums Leben kommen. Die Steine halten die Erinnerung an die Menschen und ihre Geschichte wach und tragen zu einem Verständnis bei, was im Holocaust vernichtet wurde.

Die Fülle an Geschichte, die die Stolpersteine widerspiegeln, macht auf aktuelle Problemstellungen wie Interner Link: Migration, die Rechte von Interner Link: Minderheiten, Inklusion, Ausgrenzung, Verfolgung und den Wert von Erfolg aufmerksam. Die Welt von heute ist voller Vorurteile und Gewalt. Jeder Stolperstein, den wir sehen, erinnert uns daran, wie wichtig Toleranz und wie zerbrechlich Demokratie ist. Und auch daran, dass wir von Geschichte und Erinnerungen lernen können, Fragen über unsere Welt von heute zu stellen.

Persönliche Geschichte

Während Annes berühmtes Tagebuch im Versteck in Amsterdam geschrieben wurde, hielt sie sich gemeinsam mit Mutter und Schwester nach dem Verlassen Frankfurts und bevor sie in den Niederlanden Zuflucht suchte eine Zeit lang in Aachen auf.

Anne Frank (© picture-alliance, United Archives/IFTN)

Anne Frank kam im Februar 1934 nach Amsterdam. Wie viele andere jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich versuchte die Familie Frank vergeblich, Visa für die Vereinigten Staaten zu erhalten. Amsterdam bot nur vorübergehend Schutz, da die Nationalsozialisten im Mai 1940 die Niederlande besetzten. 1941 wurde der Familie die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen. Sie wurden zu Staatenlosen. Im Juni 1942 bekam Anne zu ihrem 13. Geburtstag ein Poesiealbum geschenkt, das sie bald als ihr persönliches Tagebuch benutzte. Knapp einen Monat später tauchte die Familie unter, um der Verschleppung in ein Arbeitslager zu entgehen. Sie zogen ins Achterhuis – ein geheimes Hinterhaus in der Prinsengracht 263. Später kamen andere Juden hinzu. Anne begann bald über ihren Alltag und ihre Beziehungen zu den anderen Bewohnern des Verstecks und ihren Helfern, aber auch über ihre Hoffnungen und Ängste Tagebuch zu führen.

Annes Vater Otto war in Verhältnissen aufgewachsen, die typisch für Angehörige des deutschen Judentums aus Interner Link: bürgerlichen Familien zu Zeiten der Jahrhundertwende waren. Nach dem Besuch des traditionsreichen humanistischen Lessing-Gymnasiums zu Frankfurt studierte er an der Universität Heidelberg. Er liebte die Oper und zitierte oft aus den Werken von Goethe und Schiller. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs brach er eine Lehre in den Vereinigten Staaten ab und Interner Link: meldete er sich zum Kriegsdienst, um seine geliebte Heimat zu verteidigen. In der Interner Link: Weimarer Republik gehörte die Familie Frank zur deutschen Mittelschicht und glich anderen jüdischen und nichtjüdischen Familien ihrer sozialen Schicht. Wie viele ihrer Zeitgenossen praktizierten die Franks ihren Glauben nicht besonders streng.

Anfang August 1944 wurde die Familie Frank mit den anderen Bewohnern des Hinterhauses verraten. Zuerst kamen sie in das Durchgangslager Interner Link: Westerbork. Von dort wurden sie nach Auschwitz deportiert. Anne und Margot starben schließlich in Interner Link: Bergen-Belsen an Typhus, vermutlich im Februar 1945. Ihre Mutter starb in Auschwitz. Otto überlebte den Krieg. Seine ehemalige Sekretärin Miep Gies übergab ihm nach seiner Rückkehr nach Amsterdam Annes Tagebuch. Bald danach begann er mit der Abschrift des Tagebuchs und bereitete die Veröffentlichung vor. Im Juni 1947 erschien die Erstausgabe in Amsterdam. 1950 erschien Anne Franks Tagebuch erstmals auf Deutsch, zwei Jahre später auf Englisch. Es folgten Theater- und Filmadaptionen.

Aufgrund von Annes lebendigem Schreibstil und ihrer deutschen Bildung wurde ihr Tagebuch mehr als andere Zeugenberichte gelesen. Es gab viele andere junge Mädchen, die wegen des Holocausts untertauchen mussten und darüber Tagebuch führten, so wie Janina Hescheles aus Lemberg und Renia Knoll aus Krakau. Aber durch ihre geografische Entfernung von Westeuropa und die innere Distanz zu dessen Kultur waren ihre Geschichten für Leser in Deutschland und den Vereinigten Staaten weniger zugänglich. Einfacher war die Identifikation mit Anne Frank, eine "normale Jugendliche", die sich als Jüdin dennoch auf engstem Raum verstecken musste und vom Tod bedroht war. Die Ausgabe des Verlags Lambert Schneider von 1950 konfrontierte die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft mit der Tatsache, dass sie vom Holocaust wussten, davor aber die Augen verschlossen, als die Denunziationen, Deportationen und die tragische Odyssee durch die Lager begannen. Das Marketing machte die Geschichte leichter zu verkraften. Ein Zitat von Anne wurde als Motto im Buch besonders hervorgehoben und scheint Hoffnung auf Versöhnung zu machen: "[...] trotz allem glaube ich noch immer an das Gute im Menschen".

Anne hatte Deutschland als Kind verlassen. Während ihr Vater voller Nostalgie seine Bewunderung für die deutsche Kultur vor dem Krieg zum Ausdruck brachte, beschrieb Anne in ihrem Tagebuch ihre Ablehnung gegenüber den Deutschen. Selbst nach dem Krieg, gebrochen von dem Verlust seiner Familie, sagte sich Otto nicht von seinem vor dem Holocaust geformten Bild Deutschlands als Nation der Kultur und Bildung mit allen diesbezüglichen Hoffnungen nicht los. Als die erste deutsche Übersetzung des Tagebuchs erscheinen sollte, veränderte er einige Formulierungen. So wurde das Wort "Deutsche" oft durch "diese Deutsche" ersetzt, um zwischen den guten und den schlechten Mitgliedern der Gesellschaft zu unterscheiden. Trotz der Gräueltaten des nationalsozialistischen Regimes, der aktiven Beteiligung vieler und der Gleichgültigkeit von großen Teilen der deutschen Gesellschaft wollte Otto Frank weder Deutschland noch die deutsche Kultur verurteilen.

Dieser Beitrag ist Teil des Externer Link: Shared History Projektes vom Externer Link: Leo Baeck Institut New York I Berlin.

Weitere Inhalte

William H. Weitzer, Ph.D. ist der John H. Slade Executive Director des Leo Baeck Institute, New York|Berlin. Dr. Weitzer hat seinen Hintergrund in Umweltpsychologie und als Universitätsverwalter genutzt, um Projekte wie das Shared History Project zu entwickeln, die neue Anwendungen für die Nutzung von Archiven im digitalen Zeitalter veranschaulichen.