Dunkle Rauchwolken steigen am 03.03.2016 von der gesprengten Förderbrücke F34 im stillgelegten Braunkohletagebau Cottbus-Nord nahe Cottbus (Brandenburg) auf.

18.3.2016 | Von:
Melanie Arndt

Tschernobyl – die bekannte, unbekannte Katastrophe

Wissen und Nichtwissen

Viel ist über Tschernobyl geschrieben worden, vor allem im Stile der sogenannten Dokumentarprosa: Zeitzeugen- und Expertenberichte im Grenzgebiet zwischen Erinnerung und Fiktion. Im Oktober 2015 erhielt Swetlana Alexijewitsch unter anderem für ihre Tschernobyl-Tagebücher den Literaturnobelpreis.[10] Wichtige Erkenntnisse zum Verständnis der unterschiedlichen kulturellen, sozialen und politischen Fallouts der Tschernobyl-Katastrophe haben bisher vor allem Vertreterinnen und Vertreter der Anthropologie,[11] der Politologie[12] und der Geschichtswissenschaften[13] geliefert. Zweifellos sind auch zahlreiche medizinische und biologische Studien entstanden – allerdings verschließen sich diese aufgrund ihrer sehr fachspezifischen Herangehensweise weitestgehend einer über das Fachpublikum hinausgehenden Leserschaft. Außerdem können auch sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass es unangefochtene Studien über den Einfluss radioaktiver Strahlung auf ökologische Systeme nicht gibt, dass wir also immer noch zu wenig darüber wissen – trotz Hiroshima und Nagasaki, trotz zahlreicher Atombombentests, trotz einer langen Liste von Unfällen in Atomanlagen, die weit umfassender ist als die mehr oder weniger bekannten Beispiele Hanford, Majak, Sellafield und Three Mile Island.

Warum wissen wir immer noch so wenig? Warum wird immer noch über die Zahl der "Tschernobyl-Opfer" gestritten, herrscht immer noch so viel Uneinigkeit über die durch die freigesetzte Radioaktivität verursachten Krankheiten? Welches Nichtwissen ist unvermeidbar, zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt? Hier muss noch viel stärker nach den Grenzen gefragt werden zwischen "Nicht-wissen-Können" und institutionellen Barrieren im Wissenschaftssystem einerseits und den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnungen, in denen dieses System eingebettet ist, andererseits. Die von der Wissenssoziologie längst umrissenen "unterschiedlichen sozialen Konstruktions-, Definitions- und Anerkennungsprozesse",[14] denen Nichtwissen unterliegt, sind mit Blick auf die medizinischen und biologischen Folgen Tschernobyls noch immer nicht hinreichend erforscht. Das gleiche trifft auf die am häufigsten mit Strahlenexposition in Verbindung gebrachte Krankheit, Krebs, zu. Die Unsicherheiten, die sich mit einer Strahlenbelastung verbinden, setzen sich in der Diagnose und Behandlung der verschiedenen Krebsarten fort. Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzte müssen dabei Entscheidungen treffen, die auf widersprüchlichen Angaben und Wahrscheinlichkeitsrechnungen beruhen und zu einem "Leben in Prognose" verdammen.[15]

Als die einzigen unbestrittenen Todesopfer Tschernobyls gelten noch immer die drei während des Unfalls ums Leben gekommenen Kraftwerksangestellten sowie die 28 Personen, die noch 1986 an den Folgen akuter Strahlenkrankheit starben. Die unterschiedlichen Schätzungen über die Anzahl der Menschen, die in den darauffolgenden Jahren an den Folgen der Katastrophe starben, reichen von "etwa 50" plus geschätzten 4000 zusätzlichen Krebstoten bis zu fast einer Million.[16] Dieses "Gezerre um die Strahlentoten"[17] beruht vor allem auf unterschiedlichen Prämissen in vier miteinander verbundenen Bereichen. Erstens bestehen unterschiedliche, oft sogar konträre wissenschaftliche und moralisch-ethische Grundannahmen in Bezug auf die Schädlichkeit von radioaktiver Strahlung, insbesondere der Niedrigstrahlung und Langzeitexposition, für den menschlichen Organismus und die dadurch verursachten Krankheiten. Zweitens differieren die den Zählungen zugrunde liegenden Bezugsgruppen und die Vorstellungen davon, wer zu den Opfern zu rechnen sei. Drittens variieren die berücksichtigten Zeitspannen, und viertens werden unterschiedliche geografische Räume in die Analysen einbezogen.

Wegen ihres militärischen Potenzials ist die Geschichte der Atomenergienutzung von Beginn an von Geheimhaltung und Verschleierung geprägt. Diese Zensur beeinflusste auch den Umgang mit Wissen und Nichtwissen unmittelbar nach der Reaktorexplosion von Tschernobyl. Das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe verschwieg die sowjetische Regierung unter Michail Gorbatschow drei Jahre lang. Sonja Schmid argumentiert in ihrem jüngst erschienenen Buch über die Geschichte der sowjetischen Atomindustrie allerdings zu Recht, dass komplette Geheimhaltung genauso wenig existiere wie komplette Transparenz. Indes, von einem "well-controlled information management" zu sprechen,[18] setzt voraus, dass das Wissen für die Entscheidungsträger tatsächlich verfügbar und anwendbar[19] und seine Verbreitung tatsächlich kontrollierbar gewesen wäre, um die proklamierte Panikvermeidung zu erreichen. In vielerlei Hinsicht hat nichts davon funktioniert: Weder stand komplettes Wissen zur Verfügung, noch konnte es vollständig kontrolliert werden oder durch die Kontrolle von Wissen Panik vermieden werden.

Darauf, dass das Wissen über den Unfall nur teilweise kontrolliert werden konnte, lässt schon die ungewohnt emotionale und deswegen von der Bevölkerung sehr ernst genommene Fernsehansprache Gorbatschows vom 14. Mai 1986 schließen. Viel mehr noch aber konnten die Massenbewegungen im Land nicht unbemerkt bleiben: Hunderttausende Evakuierte sowie sogenannte Liquidatorinnen und Liquidatoren, die die gefährlichen Aufräumarbeiten zu verrichten hatten, waren in der gesamten Sowjetunion unterwegs. Darüber hinaus konnten in Teilen der Sowjetunion auch ausländische Nachrichtensender empfangen werden, die über den Unfall berichteten. Briefe besorgter Leserinnen und Leser an Zeitungsredaktionen und Zeitzeugenberichte belegen, dass sich Gerüchte lange vor Aufhebung der Zensur im Mai 1989 verbreitet hatten und ihren Teil zur tief greifenden Verunsicherung der Bevölkerung beitrugen.[20]

Fußnoten

10.
Vgl. Swetlana Alexijewitsch, Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft, Berlin 2006.
11.
Vgl. etwa Adriana Petryna, Life Exposed, Princeton 2002; Sarah D. Phillips, Chernobyl’s Sixth Sense, in: Anthropology and Humanism, 29 (2004) 2, S. 159–185.
12.
Vgl. etwa David Marples, The Social Impact of the Chernobyl Disaster, London 1988; Astrid Sahm, Transformation im Schatten von Tschernobyl, Münster 1999.
13.
Vgl. etwa Kate Brown, Plutopia, Oxford–New York 2013; Paul R. Josephson, Red Atom, New York 2000; Melanie Arndt, Tschernobyl. Auswirkungen des Reaktorunfalls auf die Bundesrepublik Deutschland und die DDR, Erfurt 2011. Ebenfalls zu nennen ist die Arbeit der Kommunikationswissenschaftlerin Olga Kuchinskaya, The Politics of Invisibility, Cambridge MA 2014.
14.
Peter Wehling, Jenseits des Wissens? Wissenschaftliches Nichtwissen aus soziologischer Perspektive, in: Zeitschrift für Soziologie, 30 (2001) 6, S. 465–484, hier: S. 466.
15.
Vgl. Jain S. Lochlann, Malignant. How Cancer Becomes Us, Berkeley–Los Angeles 2013.
16.
Vgl. etwa Ian Fairlie/David Summer, The Other Report on Chernobyl (TORCH), Berlin–Brüssel–Kiew 2006; Greenpeace, The Chernobyl Catastrophe, Amsterdam 2006; International Atomic Energy Agency (IAEA), The Chernobyl Forum: 2003–2005, Chernobyl’s Legacy: Health, Environmental and Socio-economic Impacts and Recommendations to the Governments of Belarus, the Russian Federation and Ukraine, Wien 2006.
17.
Stefan Schmitt, Tschernobyl-Opfer: Gezerre um die Strahlentoten, 18.4.2006, http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/-a-411839.html« (23.2.2016).
18.
S.D. Schmid (Anm. 8), S. 11.
19.
Zwar gab es hinreichend Expertise auch von sowjetischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, um alternative Entscheidungen zur Katastrophenbewältigung zu fällen. Aber dass die Staatsführung dieses Wissen nicht oder nur teilweise nutzte, ist ein Beispiel für die institutionellen Barrieren, die Wissen zwar vorhanden, aber nicht verfügbar oder anwendbar sein lassen und stattdessen Nichtwissen produzieren.
20.
Für Zeitzeugenberichte vgl. zum Beispiel S. Alexijewitsch (Anm. 10); Melanie Arndt/Margarethe Steinhausen, Wir mussten völlig neu anfangen. Opfer der Tschernobylkatastrophe berichten, Bielefeld 2011.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Melanie Arndt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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