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Dunkle Rauchwolken steigen am 03.03.2016 von der gesprengten Förderbrücke F34 im stillgelegten Braunkohletagebau Cottbus-Nord nahe Cottbus (Brandenburg) auf.

18.3.2016 | Von:
Melanie Arndt

Tschernobyl – die bekannte, unbekannte Katastrophe

Ökologischer Boom

Das Ende der Tschernobyl-Informationssperre löste einen ökologischen Enthüllungsboom aus, der auch zur "Entdeckung" anderer katastrophaler Folgen der Modernisierung sowjetischen Stils führte. Es war die Sturm-und-Drang-Zeit des ökologischen Interesses und Umweltengagements in der Sowjetunion und gleichzeitig aufgebrachter Abrechnungen mit dem bestehenden System insgesamt. Litauische und ukrainische Umweltgruppen beschuldigten die Sowjetführung des "Genozids" an ihren Nationen, der belarussische Schriftsteller und Aktivist Ales Adamowitsch forderte einen "ökologischen Nürnberger Prozess", und der seinerzeit im Exil lebende russische Dissident Alexander Sinowjew schuf aus "Perestroika" und "Katastrophe" die Zustandsbeschreibung "Katastroika" für die Stimmung in der späten Sowjetunion.[21] Ohne Zweifel: Die Sensibilisierungs- und Mobilisierungsprozesse, die Tschernobyl auslöste, trugen zum Zusammenbruch der Sowjetunion maßgeblich bei.

Es war indes nicht nur die sowjetische Staatsführung, die versuchte, Informationen zu kontrollieren. Auch westliche Regierungen, Interessenverbände und internationale Organisationen wie die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) verfügten über ausreichend Informationen, um die Sowjetunion in ihrem Umgang mit den Unfallfolgen zu mehr Offenheit drängen zu können. Dabei bedurfte es keines komplizierten geheimdienstlichen Einsatzes, um an die Informationen zu gelangen. Zum einen zeichneten Messstationen in ganz Europa die Bewegung und Zusammensetzung der "Wolke" auf. Zum anderen konnten sich ausländische Ärzte, allen voran der kalifornische Knochenmarkspezialist Robert Gale, in Moskau selbst ein Bild von der Situation machen. Der verheerende Zustand der über 200 Angestellten und Rettungskräfte auf der Spezialstation ließ Rückschlüsse auf das Ausmaß der Katastrophe insgesamt zu. Doch darum ging es nicht. Vielmehr sollten die amerikanischen Ärzte dem sowjetischen Vorgehen "Glaubwürdigkeit verleihen".[22] Das war auch erklärtes Ziel der sowjetischen Seite, als sie entschied, Gale und sein Team trotz der offiziellen Ablehnung aller anderen Hilfsangebote – derer es zahlreiche auch aus "feindlichen" Ländern gab – einzuladen. Gale war sich seiner Rolle bewusst: Er ging sehr vorsichtig mit den Informationen aus erster Hand um und bewahrte Stillschweigen gegenüber der internationalen Presse. Gleichzeitig drängte er zusammen mit dem Geschäftsmann Armand Hammer, der die Reise finanziert und die sowjetische Führung darum gebeten hatte, Gale einzuladen, die Sowjetunion dazu, eine gemeinsame Pressekonferenz abzuhalten. Ihr Bemühen war erfolgreich. Bei der ersten sowjetischen Pressekonferenz zur Katastrophe, am 15. Mai 1986, saßen Gale und Hammer neben dem Hämatologen und späteren russischen Gesundheitsminister Andrej Worobjow und bekräftigten die sowjetischen Erklärungen.

Gales neutrale bis positive Darstellung des sowjetischen Katastrophenmanagements, seine Behandlungsmethoden und seine Entscheidung, mit Frau und Kindern nach Kiew zu reisen, um die Unbedenklichkeit der Lage zu demonstrieren, blieben nicht ohne Kritik. So wurde er der "reactor diplomacy" bezichtigt.[23] Gleichzeitig klärte er in kalifornischen Schulklassen über die Gefahren eines Nuklearunfalls auf und animierte sie, Briefe an Gorbatschow zu schreiben, um ihr Mitgefühl zu bekunden und den sowjetischen Staatsführer zu bitten, den betroffenen Menschen zu helfen.

In den USA gab es auch andere Stimmen, die vom allgemeinen Tenor der "genuin sowjetischen" Katastrophe, die unter den Bedingungen einer liberalen Demokratie so nicht passieren könne, abwichen. Diese kamen unter anderem von Mitgliedern einflussreicher staatlicher Institutionen: So erklärte James Asselstine, Kommissionsmitglied der Atomaufsichtsbehörde NRC (Nuclear Regulatory Commission) noch im selben Jahr der Katastrophe, dass ähnliche Unfälle in den USA nicht nur möglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich seien, zumal die Verbesserungen der Sicherheitsvorkehrungen, die nach dem Unfall in Three Mile Island 1979 beschlossen worden waren, nur unzulänglich umgesetzt worden seien. Unter dem herrschenden Sicherheitsregime, warnte Asselstine, würde es mit einer Wahrscheinlichkeit von 45 Prozent in den nächsten 20 Jahren zu einer Kernschmelze in einem US-Reaktor kommen.[24] Seine Warnungen fanden zwar starken Widerhall in führenden Medien des Landes, stießen auf politischer Ebene aber nicht auf Gehör. Asselstines öffentliches Auftreten wurde von der US-Regierung unter Präsident Ronald Reagan nicht gebilligt und seine Amtszeit schließlich 1987 nicht verlängert. Zumindest in Expertenkreisen wurden seine Befürchtungen jedoch ernst genommen und mündeten schließlich in einer international besetzten Expertenkommission, um die Sicherheit von Reaktoren weltweit zu verbessern, an der auch sowjetische Atomphysiker teilnahmen.

Eines der Hauptthemen im US-amerikanischen öffentlichen Diskurs über das Katastrophenmanagement nach Tschernobyl war die Notfallplanung. Die Einrichtung einer 30-Kilometer-Sperrzone in der Sowjetunion führte in den USA dazu, dass Umweltorganisationen und besorgte Bürgerinnen und Bürger die in den Vereinigten Staaten vorgesehene Evakuierungszone von zehn Meilen (16 Kilometer) als nicht ausreichend kritisierten. Unter starkem Druck aus der Bevölkerung verweigerten die Gouverneure von Massachusetts, Vermont, Ohio und New York Ende der 1980er Jahre ihre Zustimmung zu den Notfallplänen, die für die Lizensierung neuer Reaktoren notwendig waren. Damit verzögerten oder stoppten sie die Inbetriebnahme neuer Anlagen. Zu einer Ausweitung der vorgesehenen Evakuierungszone kam es jedoch nicht. Die zehn Meilen sind bis heute aktuell, was allerdings oft noch die Planungen europäischer Länder, die im Schnitt fünf bis zehn Kilometer zur Evakuierung im Katastrophenfall vorsehen, übertrifft. Auch die durch die Katastrophe von Fukushima 2011 aufgefrischte Kritik an diesen Regelungen führte zu keiner Änderung.

Das soziale Sicherungssystem der Sowjetunion war nicht darauf vorbereitet, Hilfe für mehrere Hunderttausend Katastrophenopfer über einen Zeitraum von vielen Jahren zu gewährleisten. Auch das wohlhabende Japan steht nach Fukushima vor einer – wenn überhaupt – nur schwer zu bewältigenden Aufgabe. Im Vergleich zu Japan waren die Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die das Erbe von Tschernobyl tragen, für eine solche Aufgabe noch viel schlechter ausgerüstet und oft schlichtweg finanziell wie logistisch überfordert. Die ehemaligen Sowjetrepubliken waren in vielerlei Hinsicht auf Hilfe von außen angewiesen – sowohl auf staatlicher als auch auf nichtstaatlicher Ebene. Schon in den späten 1980er Jahren, der späten Perestroika-Phase, begannen verschiedene nichtstaatliche ausländische Initiativen ihre Arbeit in den am meisten betroffenen Regionen. Dabei waren die USA, Italien, Japan und Deutschland Vorreiter in der privaten humanitären Hilfe.[25]

Individuelle Lebenswege

Eine in den großen Debatten oft unterbelichtete Dimension der Katastrophe sind die Brüche in den individuellen Biografien. Dabei führte Tschernobyl doch gerade in den Lebensentwürfen von Millionen von Menschen zu einem entscheidenden Wendepunkt. Während für manche die neue Zeiteinteilung in "davor" und "danach" nur eine temporäre Zeitumstellung bedeutete, dauert für Hunderttausende die neue Zeitrechnung an. Das sind in erster Linie die unmittelbar Betroffenen, die sogenannten Tschernobylzy, die selbst oder deren Familien aus kontaminierten Regionen in der ehemaligen Sowjetunion stammen beziehungsweise dort immer noch oder wieder leben, oder die an den Aufräumarbeiten beteiligt waren oder noch sind. Nicht selten wurden und werden sie stigmatisiert – mal als "Verstrahlte", mal als Abstauber, für die allein materielle Wiedergutmachungsleistungen und kostenlose Erholungsreisen zählen. Oft sind die Biografien der Menschen, die ihre Wohnungen und Häuser räumen mussten oder seit dem Unfall mit der Gewissheit oder Angst leben, sie selbst oder ihre Angehörigen könnten gesundheitlichen Schaden erlitten haben, mehrfach gebrochen: Ihre Ängste fielen zudem in eine beginnende Phase des kompletten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Umbruchs, was ihre Situation zusätzlich verschärfen konnte. Die Ängste sowie deren psychische und körperliche Folgen lediglich als unbegründete "Radiophobie" abzutun, ist nicht nur unzulänglich und zynisch, sondern vergibt auch die Chance, das damit verbundene Erfahrungswissen der Laien zu systematisieren und für das Expertenwissens nutzbar zu machen.

Aber auch auf der Seite der nicht unmittelbar Betroffenen konnte Tschernobyl zu einem biografischen Wendepunkt werden. Aktivistinnen und Aktivisten im In- und Ausland beschrieben die Katastrophe als lebensverändernde Erfahrung. Der belarussische Philosoph Gennadi Gruschewoi etwa schilderte zum 20. Jahrestag des Unglücks, wie die Konfrontation mit Tschernobyl sein bisheriges Leben erschütterte und schließlich dazu führte, dass er in Belarus den ersten nichtstaatlichen Hilfsfonds "Für die Kinder von Tschernobyl" gründete.[26] Nach Tschernobyl änderten sich in vielen biografischen Erzählungen die geografischen Bezugspunkte; es bildete sich eine globale Solidaritäts- und "Opfergemeinschaft" heraus. "It made all the difference in the world, it changed his life", erinnert sich Joanna Macy an den Einfluss der Katastrophe auf das Leben ihres Mannes Francis.[27] Der frühere US-Information-Agency-Mitarbeiter in Moskau und später engagierte Organisator von citizens’ exchanges zwischen den USA und der Sowjetunion, fasste die Hilfe für die "Tschernobyl-Kinder" in einem Interview so zusammen: "Das sind nicht nur eure Kinder, sondern auch unsere Kinder, die Kinder der gesamten Welt."[28] Zeitzeugenberichte belegen, dass es insbesondere für Engagierte aus dem Westen nicht nur die Konfrontation mit den Katastrophenfolgen war, die als lebensverändernd wahrgenommen wurde, sondern auch die Konfrontation mit Vorurteilen und dem unbekannten Regime, dem vermeintlichen "evil empire", als das Reagan die Sowjetunion drei Jahre zuvor bezeichnet hatte.

Fußnoten

21.
Vgl. Klaus Gestwa, Katastrojka und Super-GAU. Die Nuklearmoderne in Zeiten von Tschernobyl und Fukushima, in: Katharina Kucher/Gregor Thum/Sören Urbansky (Hrsg.), Stille Revolutionen. Die Neuformierung der Welt seit 1989, Frankfurt/M. 2013, S. 57–72.
22.
Robert Gale im Interview mit der Autorin, 17.5.2014.
23.
Felicity Barringer, Reactor Diplomacy, 31.7.1988, http://www.nytimes.com/1988/07/31/books/reactor-diplomacy.html« (3.3.2016).
24.
James K. Asselstine, Statement before the Subcommittee on Energy Conservation and Power Committee on Energy and Commerce, 22.5.1986, in: Archiv der NRC, 36405.
25.
Vgl. Astrid Sahm, Auf dem Weg in die transnationale Gesellschaft? Belarus und die internationale Tschernobyl-Hilfe, in: Osteuropa, 56 (2006) 4, S. 105–116.
26.
Vgl. Swetlana Alexijewitsch, Stimmen aus Tschernobyl, in: APuZ, (2006) 13, S. 3–11.
27.
Joanna Macy im Interview mit der Autorin, 2.12.2013.
28.
Zit. nach: I. Gajvandova, Ne "radiofobija", a radiostress, in: Vrač, Oktober 1991, S. 58f., hier: S. 59.
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