Dunkle Rauchwolken steigen am 03.03.2016 von der gesprengten Förderbrücke F34 im stillgelegten Braunkohletagebau Cottbus-Nord nahe Cottbus (Brandenburg) auf.

18.3.2016 | Von:
Melanie Arndt

Tschernobyl – die bekannte, unbekannte Katastrophe

Ambivalenzen

Dreißig Jahre sind vergangen seit jener verhängnisvollen Frühlingsnacht, die für Millionen von Menschen eine neue Zeitrechnung einläutete: die Zeit vor und nach Tschernobyl. Längst steht Tschernobyl nicht mehr nur für das eingetretene "Restrisiko", den "größten anzunehmenden Unfall" (GAU) im Atomkraftwerk. Vielmehr hat die Explosion im vierten Reaktor eine schier unendliche Fülle von anderen, sich über Zeit und Raum wandelnden, manchmal aber auch konstant bleibenden oder vergessen geglaubten und zurückkehrenden Sinnzuschreibungen erfahren. Diese Deutungen haben nur mehr oder weniger mit der Katastrophe zu tun, sie prägen die Erinnerung an und den Umgang mit ihr aber erheblich. Dabei wäre eine Unterteilung in Atomkraftbefürworter und Atomkraftgegner, in Ost und West, direkt Betroffene und Außenstehende viel zu einfach – zumal es in dem transnationalen Katastrophenprozess Außenstehende nicht wirklich gibt. Einerseits sprechen direkt Betroffene, deren Solidargemeinschaften sowie Atomkraftgegnerinnen und -gegner tendenziell zwar mehr von den potenziellen Gefahren radioaktiver Verstrahlung, von Tod, Krebs und anderen Krankheiten, Behinderungen, von Heimatverlust oder sogar, wie im Falle der Nationalbewegungen in der späten Sowjetunion, von einem Völkermord. Andererseits heben andere aber auch die menschliche Energie nach dem Katastrophenereignis hervor, das Engagement über den Eisernen Vorhang hinweg, den Neuanfang, die Erfahrungen von Auslandsreisen und das dadurch angehäufte soziale Kapital, das ihr Leben positiv beeinflusst habe. Nicht wenige derjenigen, die ihre Heimatorte verlassen mussten, befürworten weiterhin den Ausbau der Atomkraftanlagen – sowohl in ihrem eigenen Land als auch in anderen Ländern.

Gleichzeitig argumentieren Strahlenphysiker, technische Expertinnen, Mediziner, Politikerinnen und Bürokraten, die Atomenergie für eine vertretbare Energiequelle halten, gegen das Katastrophennarrativ und pochen auf naturwissenschaftlich korrekte Beschreibungen. Begriffe wie "Verstrahlung" und "Katastrophe" gelten unter ihnen als tendenziös, da sie die Realität von Kontamination durch einen Industrieunfall nicht adäquat widerspiegeln würden. Allerdings ist auch hier in den meisten Fällen zwischen den Zeilen eine Ambivalenz zu erkennen, am häufigsten, wenn es um die Einschätzung der Folgen von Niedrigstrahlung geht.

Die Tschernobyl-Rezeption hat inzwischen auch populärkulturelle Erscheinungsformen angenommen. Das Computerspiel "Stalker. Shadow of Chernobyl" etwa, das in der Sperrzone um den explodierten Reaktor spielt, ist im Internet Gegenstand angeregter Diskussionen über die Authentizität von Bildern und Beschreibungen. Längst hat es die Katastrophe von 1986 auch ins Hollywoodkino und den "Tatort" am Sonntagabend geschafft. Wer es "authentischer" haben will, geht auf Tour durch die Zone, um dann die immer gleichen Bilder in den sozialen Netzwerken zu posten: das Riesenrad, das niemals dazu kam, seine Runden zu drehen, die hinterlassene Puppe neben den schaurig arrangierten Gasmasken im Kindergarten, bröckelnde kommunistische Wandmalereien, Bäume in und auf Häusern, den in den Kamerafokus gehaltenen Geigerzähler. Auch der Schnappschuss vor dem explodierten Meiler darf nicht fehlen: Statt Eifelturm oder Kolosseum ragt hinter den Anhängern dieses dark tourism der Kühlturm des explodierten Meilers in den Himmel. In den vergangenen Jahren häufen sich auch Schilderungen von paradiesischen Zuständen in der Sperrzone: heulende Wölfe im Mondschein oder friedlich galoppierende Wildpferde in vermeintlich unberührter Natur. Alles in Ordnung also? Ökosysteme können sich radioaktiven Strahlungsbelastungen anpassen, sagen die einen. Sie widersprechen damit den anderen, Laien wie Wissenschaftlern, die in akribischer Kleinarbeit genetische Veränderungen an Pflanzen und Tieren dokumentieren.

Fernab der Natur bemühen ukrainische und belarussische Akteurinnen und Akteure jedweder Couleur immer wieder ein "politisches Tschernobyl", um Ausnahmesituationen zu umschreiben oder politische Gegner bloßzustellen. Auch hier ist die Ambivalenz offenkundig: Sowohl Opposition als auch Regierung können sich das Verursachen eines "politischen Tschernobyls" gegenseitig vorwerfen. Die Liste der Tschernobyl-Sinnzuschreibungen scheint schier endlos und zeugt davon, dass die Faszination, die das Atom seit seiner Entdeckung umhüllt hat, in gewisser Hinsicht geblieben ist, auch wenn sie, zumindest teilweise, die Richtung geändert hat. Das positiv strahlende Fortschrittsparadigma, das im Kalten Krieg auf beiden Seiten existierte und durch die Systemkonkurrenz noch angefeuert wurde, musste der Ernüchterung und in vielen Fällen auch der Bestätigung von Ängsten weichen. Dabei ist das alles verbindende Element die Unsicherheit beziehungsweise der Umgang mit ihr: das Verleugnen von Unsicherheit, der Ausdruck von Unsicherheit, die Instrumentalisierung von Unsicherheit, die mehr oder weniger erfolgreiche Bewältigung von Unsicherheit und letztlich auch die Lust an der Unsicherheit. Es geht um Unsicherheit, die buchstäblich in der Natur der Sache liegt, der Radioaktivität selbst, ihrer einzigartigen physikalischen Eigenschaften, die der Anthropologe Joseph Masco in Anlehnung an Freud "the nuclear uncanny" nannte.[29] Was bleibt, sind Ambivalenz und bis auf Weiteres unüberbrückbare Gräben zwischen den Anhängern der unterschiedlichen Spielarten.

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek erklärte die eingangs zitierte Identifizierung "We all live in Chernobyl" später damit, dass Tschernobyl als "Symptom" eines transnational gültigen Problems wahrgenommen werde, "as precisely the exception where the repressed truth of the totality emerges".[30] Zwar war der "Wendepunkt Tschernobyl" in Bezug auf die Umwelt- und Energiepolitik nur eine kurze Richtungsänderung, bevor vielerorts der alte Kurs wieder eingeschlagen wurde. In den meisten Fällen bedurfte es erst der wiederholten Katastrophe, um tatsächlich Veränderungen in Gang zu setzen, wie das Beispiel der deutschen "Energiewende" eindrücklich belegt. Aber die Gesamtheit der unterschiedlichen Dimensionen berücksichtigend, verursachte Tschernobyl dennoch eine markante Störung von Zukunftsentwürfen und (Teil-)Ordnungen, und zwar weit über die direkt betroffenen Gesellschaften hinaus. Denn das Ereignis offenbarte nicht nur die enormen Kosten der Nutzung der Atomenergie – mit oder ohne Unfall –, sondern auch die Verletzlichkeit unterschiedlichster Segmente der Gesellschaft.

Die Wahrnehmung und der öffentliche Ausdruck dieser Verletzlichkeit nach Tschernobyl führte schließlich auch dazu, dass das eingangs erwähnte Atomkraftwerk Shoreham nie in Betrieb genommen wurde.

Fußnoten

29.
Joseph Masco, The Nuclear Borderlands, Princeton 2006, S. 27f.
30.
Slavoj Žižek/Renata Salecl, Lacan in Slovacia, in: Peter Osborne (Hrsg.), A Critical Sense, London–New York 1996, S. 21–35, hier: S. 34.
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