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Dunkle Rauchwolken steigen am 03.03.2016 von der gesprengten Förderbrücke F34 im stillgelegten Braunkohletagebau Cottbus-Nord nahe Cottbus (Brandenburg) auf.

18.3.2016 | Von:
Frank Uekötter

Utopie ohne Ökonomie: Aufstieg und Niedergang der Atomkraft in der westlichen Welt

Holpriger Weg zum Reaktor

In der idealen Welt wissenschaftlicher Rationalität hätte man vielleicht für alle Konzepte gleiche Startbedingungen geschaffen und dann nach einer Weile die Ergebnisse verglichen. Die Realität war komplizierter: Da gab es große Egos und Beziehungen, das "Stammesbewusstsein" der wissenschaftlich-technischen Welt und nationale Prestigefragen. Frankreich investierte zum Beispiel viel Geld in grafitmoderierte Reaktoren, und Staatspräsident de Gaulle stand unbeirrt hinter dieser Sonderentwicklung. Ein paar Monate nach seinem Rücktritt verkündete der Chef des Staatskonzerns EDF, Marcel Boiteux, dann den Kurswechsel. Zur Atomnation par excellence wurde Frankreich schließlich mit amerikanischer Leichtwassertechnologie.[7] Boiteux hatte seine Pressekonferenz am 16. Oktober 1969 abgehalten. Einen Tag später explodierte ein Brennstab im Atomkraftwerk Saint-Laurent 1, dem Vorzeigeprojekt französischer Nuklearentwicklung. Es folgten aufwendige Reparaturarbeiten.[8] Ein paar Jahre später hielten solche Ereignisse Medien und Umweltverbände in Atem, aber die Angst vor der radioaktiven Strahlung war nur ein Teil des Problems. Solche Unfälle waren auch eine betriebswirtschaftliche Katastrophe: Die "Kinderkrankheiten", vor denen Münzinger gewarnt hatte, konnten ziemlich teuer werden. Da konnte man als Energiemanager schon ins Grübeln kommen: Wollte man wirklich in eine Technologie investieren, bei der sich kostspielige Investitionen binnen weniger Minuten in ebenso kostspielige Sanierungsfälle verwandeln konnten, wenn das Betriebspersonal die falschen Knöpfe drückte? Zumal sich später herausstellte, dass Atomunfälle auch ohne Knopfdruck passieren können: 1975 kam es in den USA zu einer Havarie im Kraftwerk Browns Ferry, weil ein Arbeiter mit offener Flamme nach einem Lüftungsleck suchte und dabei versehentlich die Verkabelung in Brand setzte.[9]

Damit ist jener Konflikt angesprochen, der die Entwicklung der Atomkraft in den 1960er Jahren prägte: der Gegensatz zwischen Staatsverwaltungen und Technologieunternehmen einerseits, die Reaktoren entwickelten und bauten, und den Energiekonzernen andererseits, die diese Reaktoren bestellen und nutzen sollten. Es war ein zutiefst ungleicher Konflikt. Die Regierungen und Unternehmen wie Siemens und General Electric waren mit riesigen Investitionen in Vorleistung getreten und brauchten Bestellungen. Die Energieversorger hatten keinen zwingenden Bedarf, zudem verfügten sie über etablierte Strukturen rund um Wasserkraft und Kohle; aber natürlich signalisierten sie, dass sie sich ein attraktives Angebot anschauen würden. In den Zentralen der großen Energiekonzerne wusste man, dass sich die Gegenseite ein Scheitern des atomaren Projekts irgendwann nicht mehr leisten konnte. Da konnte man sich bequem zurücklehnen und schauen, wie groß die Morgengabe werden würde.[10]

Es ist im Rückblick schon etwas paradox: Ausgerechnet Firmen wie RWE, die später zum Inbegriff des Atomstaats wurden, waren in den 1960er Jahren die größten Skeptiker. Aber es ging eben nicht um Prinzipien oder Gefahren, sondern um ökonomische Risiken, und alles hing von einer geschickten Verhandlungsstrategie ab. Das physikalische Prinzip interessierte kühle Buchhalter jedenfalls nicht. Mehr noch: Das utopische Ideal der 1950er Jahre entpuppte sich in den 1960er Jahren als Falle. In der Hoffnung auf das "friedliche Atom" hatten Regierungen Milliarden investiert, die klügsten Köpfe in die einschlägige Forschung gelenkt und ganze Bürokratien zur Förderung der Atomkraft geschaffen: Das Atomministerium, das in der Bundesrepublik zunächst Franz Josef Strauß leitete, war die Keimzelle des heutigen Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Damit war klar: Aus der Nummer kam man nicht mehr ohne Gesichtsverlust heraus.

Sicherheitsfragen

Bei den entscheidenden Verhandlungen ging es nicht nur um das große Geld. Es ging auch um Sicherheit. Zehn Jahre waren vergangen, seit die "Nautilus" unter den Augen der Weltöffentlichkeit in See gestochen war, als die Entwickler eine unangenehme Entdeckung machten: Bei großen Leichtwasserreaktoren war eine Kernschmelze nicht nur ein theoretisches Problem. Man konnte die Kettenreaktion zwar durch eine Schnellabschaltung stoppen, aber die Restwärme, die die Brennelemente produzierten, drohte den Reaktorkern zu zerstören, wenn sie nicht abgeführt wurde. Der Ingenieur David Okrent, der zum Thema eine umfangreiche Studie veröffentlichte, sprach von einer Revolution in der nuklearen Sicherheitsdebatte.[11]

Die Gefahr eines aus dem Ruder laufenden Reaktors hatte die Forscher seit den Anfängen umgetrieben. Als Fermi in Chicago seinen Versuchsreaktor in Betrieb genommen hatte, hatte er drei junge Physiker auf einem Lastenaufzug in Deckennähe postiert, ihnen Kanister mit einer Kaliumsulfatlösung gegeben, die im Notfall Neutronen absorbiert hätte, und ihnen damit einen Sonderplatz in der ungeschriebenen Heldengeschichte der wissenschaftlichen Hilfskräfte verschafft.[12] Für Großkraftwerke brauchte man natürlich eine bessere Lösung, und doch war die Situation der Ingenieure ähnlich unangenehm wie jene der Nachwuchsforscher mit dem Kanister. Es gab zwar andere Reaktortypen, bei denen das Problem nicht auftreten konnte, aber ein solcher Systemwechsel war nach jahrzehntelanger Entwicklungsarbeit undenkbar. Man musste einfach eine Lösung finden, und das nicht bloß zum Schutz der Menschen. Es ging um den Schutz eines Entwicklungspfads.

Am Ende wurden Leichtwasserkraftwerke mit Notkühlsystemen ausgestattet, die bei einer Schnellabschaltung automatisch in Aktion treten. Solche Notsysteme sind allerdings für Ingenieure ein ziemlicher Alptraum. Jeder weiß, dass Geräte, die man über längere Zeit nicht benutzt hat, manchmal nicht gleich funktionieren. Eine Notkühlung musste hingegen sofort und fehlerfrei funktionieren, auch wenn sie zuvor monatelang stillgestanden hatte. Die Brisanz dieses Lösungsansatzes zeigte 1979 die Katastrophe im Atomkraftwerk Three Mile Island im amerikanischen Harrisburg, wo es zu einer partiellen Kernschmelze kam, nachdem das Notkühlsystem acht Minuten lang aufgrund irrtümlich geschlossener Ventile blockiert wurde.[13] Dennoch gelang es über Jahrzehnte, diese Notkühlsysteme mit viel Sorgfalt und Kontrolle so gut in Schuss zu halten, dass sie tatsächlich nie komplett versagten. Das war eine beeindruckende Demonstration der Leistungskraft von Wissenschaft und Politik, die freilich niemand mehr zu feiern vermag, seit am 11. März 2011 im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi der Strom ausfiel. Die Notkühlung versagte, und eine entsetzte Weltöffentlichkeit sah, wie sich Reaktor 1 in eine Rauchsäule verwandelte.

Fußnoten

7.
Vgl. Gabrielle Hecht, The Radiance of France, Cambridge MA 1998.
8.
Vgl. ebd., S. 310f.
9.
Vgl. United States Nuclear Regulatory Commission, IE Bulletin No. 75-04A: Cable Fire at Browns Ferry Nuclear Plant, April 3, 1975.
10.
Dies ist ausführlich dokumentiert in: Joachim Radkau, Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945–1975, Reinbek 1983.
11.
Vgl. David Okrent, Nuclear Reactor Safety, Madison 1981, S. 295f.
12.
Vgl. R. Rhodes (Anm. 2), S. 443.
13.
Vgl. Charles Perrow, Normal Accidents: Living with High-Risk Technologies, New York 1984, S. 19.
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