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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lässt sich am 10.09.2015 nach dem Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Berlin-Spandau für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren.

1.4.2016 | Von:
Sina Arnold
Sebastian Bischoff

Wer sind wir denn wieder? Nationale Identität in Krisenzeiten

Vom Party-Patriotismus zum Nationalismus

Gemein ist diesen drei Vorstellungen, dass sie sich unweigerlich auf die Nation beziehen: ob als eine, die es wiederherzustellen, zu festigen, zu affirmieren gilt, oder als eine, die neu zu gestalten, anders zu denken sei. Während die erste Position zumeist als nationalistisch klassifiziert werden kann, gilt die zweite oft als patriotisch, wobei auch nicht unbedingt in der Selbstwahrnehmung. Mit dieser Bezeichnung hätte die dritte Position unter Umständen Schwierigkeiten – inhaltlich dominiert hier allerdings ein republikanischer Verfassungspatriotismus, der den Bezug auf geteilte Werte und die Möglichkeiten anderer Zugehörigkeiten in den Mittelpunkt stellt. Doch die empirische wie theoretische Nationalismusforschung verweist darauf, dass diese anderen Zugehörigkeiten, diese erweiterten Einschlüsse, oftmals verstellt sind und notwendigerweise mit (neuen) Ausschlüssen einhergehen.

Empirisch zeigt sich, dass ein starker Bezug auf das eigene Land oftmals mit der Abwertung von vermeintlich "Fremden" einhergeht beziehungsweise diese sogar kausal bedingt – und zwar auch im gegenwärtigen Deutschland. In der Studie "Deutschland postmigrantisch" zeigte sich, dass diejenigen Befragten, denen es wichtig ist, als "deutsch" angesehen zu werden, exkludierenden Äußerungen gegenüber Minderheiten – gemessen am Beispiel von Muslimen – öfters zustimmen.[27] Die Langzeitstudie "Deutsche Zustände" stellte einen Zusammenhang zwischen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland fest. Und auch die oftmals als "Party-Patriotismus" verharmloste Stimmung während der Fußballweltmeisterschaft 2006, die die Akzeptanz der öffentlichen Zurschaustellung von Deutschlandfahnen deutlich erhöhte, ließ nationalistische Bindungen anwachsen: "Die Vermutung, daß es sich dabei um eine neue, offene und tolerantere Form der Identifikation mit dem eigenen Land handelt, ließ sich allerdings nicht bestätigen: Der Zusammenhang von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit bleibt relativ stabil", so das Resümee der Autorinnen und Autoren.[28] Während die meisten Studien das ausgrenzende Potenzial von Nationalismus betonen, unterscheiden andere davon einen Patriotismus, der wiederum in einerseits die Identifikation mit der Nation, andererseits den Stolz auf demokratische Werte und soziale Errungenschaften aufgeteilt wird.[29] Nur diese letztgenannten Aspekte gehen mit weniger menschenfeindlichen Einstellungen einher und haben eine toleranzfördernde Wirkung.[30] Doch: "Mit der Bindung an das eigene Land hat das aber nichts zu tun."[31] Nicht nur Nationalismus und Patriotismus abbauen, sondern vor allem demokratische Werte fördern: Dies verringert Ausgrenzung und Vorurteile.

Auch auf theoretischer Ebene ist leicht begründbar, dass aus der Aufwertung der eigenen "imagined community" (Benedict Anderson) eine zumindest partielle Abwertung des "Anderen" resultieren kann. Dies insbesondere eingedenk der Tatsache, dass dieses "Eigene", der jeweilige Nationalstaat, als ökonomischer Standort und politischer Global Player in Konkurrenz mit anderen Nationalstaaten steht. Schlussendlich ist so zu fragen, ob die moderne Nation nicht überhaupt nur als "permanente, vorgegebene Feindschafts- und Verbrüderungsstruktur, auf die ideologisch Bezug genommen wird",[32] zu denken ist. Dem Historiker Hagen Schulze ist zuzustimmen, wenn er es zwar nicht als notwendig, aber naheliegend ansieht, "dem positiven nationalen Selbstbild ein negatives Fremd- und Feindbild entgegenzusetzen und es dadurch abzugrenzen und abzusichern: ‚Selbstdefinition durch Feindmarkierung‘".[33]

Fußnoten

27.
Vgl. N. Foroutan et al. (Anm. 4), S. 33.
28.
Julia Becker/Ulrich Wagner/Oliver Christ, Nationalismus und Patriotismus als Ursache von Fremdenfeindlichkeit, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 5, Frankfurt/M. 2007, S. 131–149, hier: S. 145.
29.
Vgl. J. Christopher Cohrs et al., Ist Patriotischer Nationalstolz wünschenswert? Eine differenzierte Analyse seiner psychologischen Bedeutung, in: Zeitschrift für Sozialpsychologie, 35 (2004) 4, S. 201–215.
30.
Vgl. Ulrich Wagner et al., A Longitudinal Test of the Relation between German Nationalism, Patriotism, and Outgroup Derogation, in European Sociological Review, 25 (2012) 3, S. 1–14, hier: S. 10.
31.
J. Becker/U. Wagner/O. Christ (Anm. 28), S. 144.
32.
Frank Oliver Sobich/Sebastian Bischoff, Feinde werden. Zur nationalen Konstruktion existenzieller Gegnerschaft: Drei Fallstudien, Berlin 2015, S. 11.
33.
Hagen Schulze, Gibt es überhaupt eine deutsche Geschichte? Berlin 1989, S. 28. Kürzlich hierzu Thorsten Mense, Kritik des Nationalismus, Stuttgart 2016.
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