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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lässt sich am 10.09.2015 nach dem Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Berlin-Spandau für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren.

1.4.2016 | Von:
Sina Arnold
Sebastian Bischoff

Wer sind wir denn wieder? Nationale Identität in Krisenzeiten

Vision des Postnationalen

Statt einer Förderung des Patriotismus käme es somit darauf an, die demokratischen Werte, die zu einer Verringerung von "Feindmarkierungen" führen, in den Mittelpunkt zu stellen. Indem darüber hinaus auf dem Narrativ der nationalen Diversität aufgebaut und dieses radikal erweitert wird, zeichnet sich in gegenwärtigen Praktiken und Debatten eine vierte Perspektive ab. Auch sie begrüßt Diversität und möglichst offene Gemeinschaften, geht aber gleichzeitig über das Denken in nationalen Containern hinaus und eröffnet damit eine Vision des Postnationalen.

"No Borders" ist spätestens seit den 1990er Jahren nicht nur eine Forderung migrantischer Zusammenschlüsse – wie beispielsweise der französischen "Sans Papiers" – und antirassistischer Initiativen. Sie stellt auch eine Position dar, in der die britische Migrationssoziologin Bridget Anderson eine Verschiebung sieht: weg von Bürgerinnen und Bürgern, "ihren" Organisationen und "ihrem" Staat, hin zum Standpunkt von Migrierten und Geflüchteten[34] – und auf der Suche nach demokratischen Formen des Zusammenlebens jenseits des Nationalstaats. Eine postnationale Position ist nicht immer theoretisch ausformuliert oder kohärent, sondern zeigt sich teilweise auch in alltäglichen Handlungen und Praktiken der Geflüchteten selbst: In den kollektiven Grenzüberschreitungen des Sommers waren sie es, die das Schengen-Regime herausforderten.

Jürgen Habermas Vision der "postnationalen Konstellation"[35] war vor fast 20 Jahren auf Europa bezogen. Heute, in Zeiten einer Polykrise und ansteigendem Rechtspopulismus in vielen Ländern, erscheint diese europäische Vision in weite Ferne gerückt. Wenn aber – wie etwa im September 2015 – Geflüchtete in Budapest auf dem Weg zur österreichischen Grenze eine europäische Flagge mit sich tragen, so passiert hier zweierlei: die Zugehörigkeit zu einem Staatenverbund wird eingefordert und der formale Ausschluss aus der Bürgerschaft damit nicht akzeptiert, ebenso wie dieser Verbund an seine propagierten normativen Werte erinnert und an diese appelliert wird. Dem Soziologen Ulrich Beck zufolge wird heute der europäische Traum – Freiheit, Demokratie und Weltoffenheit – in den Booten der Geflüchteten im Mittelmeer geträumt, mehr als in der EU selbst.[36] Es sind ihre Vorstellungen von Europa, und ihr Glaube an Europas Werte, die die Flucht und das Ankommen motivieren. Eine "Europäisierung von außen" findet hier statt, die gleichzeitig nationalstaatliche Bürgerschaftskonzepte hinterfragt, auf ihre Fragilität verweist und sie erweitert. Einen "praktizierten Kosmopolitismus" macht die Ethnologin Regina Römhild in solchen grenzüberschreitenden Praktiken aus – weniger utopisch, nüchterner, entzauberter als das "Weltbürgertum" der Ersten Moderne, und doch nicht weniger global verortet.[37] Er verweist auf die Versuche, entlang von Begriffen und Konzepten wie Commons und Allmende, von Kosmopolitik und Konvivialität[38] denkend nicht- und postnationale Visionen von Zugehörigkeit zu skizzieren.

Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot und der Schriftsteller Robert Menasse haben kürzlich gefordert, dass jeder Mensch "in Zukunft das Recht haben (muss), nationale Grenzen zu durchwandern und sich dort niederlassen können, wo er will".[39] Es ginge um nicht weniger als das Imaginieren einer neuen Welt, und "diese neue Welt denken heißt, dass wir eine bestehende Realität der Grenzenlosigkeit adaptieren in ein politisch institutionelles System, das wir uns tatsächlich ausdenken müssen".[40]


Exklusive Vorstellungen von (National-)Kultur leben fort, und nationalstaatliche Politiken und Verfügungsgewalt dominieren weiterhin, doch auch diese Denkversuche existieren. Auch sie stellen eine mögliche Antwort auf Fragen nach Identität und Zugehörigkeit in Krisenzeiten dar.

Fußnoten

34.
Vgl. Bridget Anderson/Nandita Sharma/Cynthia Wright, Editorial: Why No Borders?, in: Refuge, 26 (2009) 2, S. 5–18.
35.
Jürgen Habermas, Die postnationale Konstellation, Frankfurt/M. 1998.
36.
Ulrich Beck, Europa braucht einen neuen Traum, in: APuZ, (2014) 12, S. 9–15, hier: S. 9.
37.
Vgl. Regina Römhild, Aus der Perspektive der Migration: Die Kosmopolitisierung Europas, in: Das Argument, (2010) 285, S. 50–59, hier: S. 52, S. 58.
38.
Konvivialität: das Streben nach einer neuen Kunst, miteinander zu leben (con-vivere). Vgl. http://www.diekonvivialisten.de« (1.3.2016).
39.
Ulrike Guérot/Robert Menasse, Grenzen abschaffen und laufen lassen, 14.2.2016, http://www.taz.de/!5276412« (1.3.2016).
40.
"Lassen wir Flüchtlinge eigene Städte nachbauen". Gespräch mit Ulrike Guérot, 25.2.2016, http://www.deutschlandfunk.de/integration-lassen-wir-fluechtlinge-eigene-staedte-nachbauen.694.de.html?dram:article_id=346590« (1.3.2016).
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