Statue von Mao Zsedong in Henan kurz vor der Fertigstellung

3.6.2016 | Von:
Felix Wemheuer

Die westeuropäische Neue Linke und die chinesische Kulturrevolution

Deutschland: Von "Spaß-Guerilla" zu K-Gruppen

In Westdeutschland hatte die Neue Linke ganz andere Ausgangsbedingungen als in Frankreich und Italien. Mit dem erneuten Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) 1956 war die revolutionäre Arbeiterbewegung der Zwischenkriegszeit endgültig untergegangen. Im antikommunistischen Klima der Nachkriegszeit und in den ständigen Auseinandersetzungen mit der DDR waren radikale linke Kräfte vor 1967 marginalisiert, auch im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Zwar ließ die Bundesregierung 1968 die Gründung der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) zu, diese wurde aber wegen ihrer Treue zu Ost-Berlin und Moskau von vielen Aktivisten der Neuen Linken abgelehnt. Keiner der bekannten Theoretiker wie Theodor W. Adorno oder Max Horkheimer ließ sich für China begeistern. Der radikalen westdeutschen Linke fehlte es generell an "organischen Intellektuellen" vom Schlage Sartres, de Beauvoirs, Foucaults oder Rossandas.

Die Auseinandersetzung mit dem maoistischen China in Westdeutschland lässt sich in zwei Phasen einteilen: eine antiautoritäre und eine des Parteiaufbaus. Zwischen 1966 und 1968 hatte der Bezug auf die Kulturrevolution innerhalb der Studierendenbewegung oft spaßhaften und provozierenden Charakter wie in Aktionen der "Kommune I" oder im Kurzfilm "Die Worte des Vorsitzenden" von Harun Farocki (1967). In linken und linksliberalen Medien entwickelte sich ein radical chic um Mao.[9] Zu diesem Zeitpunkt entdeckten das "Kursbuch", eine wichtige linke Theorie-Zeitschrift, und Autoren wie Joachim Schickel Mao als großen Philosophen und Dichter-Politiker. Die Kulturrevolution wurde als "konkrete Utopie" und Gegenmodell zur entfremdeten westlichen Konsumgesellschaft gesehen.[10]

1968/69 wurden marxistisch-leninistische Strömungen innerhalb der Studierendenbewegung stärker, die sich an Chinas Außenpolitik orientierten und die Theorien Maos ernst nahmen. Das "Ende der antiautoritären Phase" wurde verkündet. Viele hielten die Studierendenbewegung für gescheitert. Die Marxisten-Leninisten erklärten, dass eine neue revolutionäre Kaderpartei in Westdeutschland aufgebaut werden müsse. Da die Sowjetunion und DDR als "revisionistisch" und bürokratisch verknöchert wahrgenommen wurden, galt das maoistische China als wichtigster Bezugspunkt der Gegenwart. Die "wilden" Septemberstreiks 1969 weckten Hoffnung, dass Arbeiter wieder revolutionäre Subjekte sein könnten. Im maoistischen China wurden nun nicht mehr die antiautoritären Momente einer Studierendenrevolte gesucht, sondern ein Vorbild für eine erfolgreiche Revolution. Die Werke Lenins und Maos wurden als praktische Anleitung für den Parteiaufbau studiert.

Zum Jahreswechsel 1968/69 wurde die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (KPD/ML) gegründet. Weitere Gründungen anderer sogenannter K-Gruppen folgten, die sich entweder als Partei oder als Vorstufe dazu verstanden (das K stand dabei für "kommunistisch").[11] Die K-Gruppen konnten zwar nie bedeutsame Wahlergebnisse erzielen, falls sie überhaupt antraten. Es gelang ihnen aber, sich an Universitäten in Studierendenvertretungen und auch in einigen Großbetrieben in Betriebsräten zu etablieren. Mitte der 1970er Jahre schätzte der Verfassungsschutz den harten Kern der Mitglieder auf 15.000. Die Zahl der Menschen, die sich kurzfristig im Umfeld der K-Gruppen und ihrer zahlreichen Massenorganisationen bewegten, war jedoch um ein Vielfaches größer. Ab 1972 waren auch Mitglieder und Sympathisanten der K-Gruppen von Berufsverboten im öffentlichen Dienst betroffen. Ein Verbot der Organisationen selbst wurde in der Bundesregierung diskutiert, erfolgte aber nicht.

Die Kommunistische Partei/Aufbauorganisation (KPD/AO, KPD ab 1971) sowie der Kommunistische Bund Westdeutschlands (KBW) rekrutierten ihre Führung und Mitglieder vor allem aus der Studierendenbewegung. Sie orientierten sich sehr stark an der chinesischen Außenpolitik und machten bis 1979 fast alle Linienschwenks der KPCh (Kommunistische Partei Chinas) mit. KPD/AO und KBW verteidigten sogar noch den Machtantritt des Reformers Deng Xiaopings sowie den chinesischen Krieg gegen Vietnam 1979. Sie unterstützten die "Drei-Welten-Theorie" und forderten die Wiedervereinigung Deutschlands. Die KPCh erklärte mit dieser Theorie ab Mitte der 1970er Jahre die Sowjetunion zum Hauptfeind und verlangte, die "zweite Welt", Europa und Japan, gegen den "Sozialimperialismus" zu verteidigen.

Der Kommunistische Bund (KB) schätzte die Lage der Bundesrepublik wesentlich skeptischer ein als die anderen Organisationen und warnte vor einer "Faschisierung" von Staat und Gesellschaft. Er war besonders in der Antifa- und Antiatomkraftbewegung aktiv. Die Organisation zeigte sich grundsätzlich mit China solidarisch, kritisierte aber auch einzelne Maßnahmen wie den Empfang des CSU-Politikers Franz Josef Strauß 1975 durch die chinesische Regierung. Der KB lehnte die "Drei Welten-Theorie" der KPCh ab, da er nicht in der Sowjetunion, sondern in der "herrschenden Klasse" der Bundesrepublik ihren Hauptfeind sah. Nach dem Ende der Kulturrevolution erkannte der KB, dass der maoistische Flügel geschlagen war und wandte sich von der neuen KPCh-Führung ab.[12]

Die meisten K-Gruppen blieben in den 1980er Jahren zwar noch aktiv, China spielte aber keine große Rolle mehr. Die Gruppen lösten sich nach und nach auf oder verschwanden in der Bedeutungslosigkeit. Nicht wenige KB-Aktivisten schlossen sich den Grünen an. In der Öffentlichkeit war die Geschichte der K-Gruppen anschließend kaum mehr präsent, bis einige Ex-Aktivisten aus dem ML-Spektrum nach der Bundestagswahl 1998 in der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder in Ministerämter gelangten, etwa Jürgen Trittin und Ulla Schmidt.

Parallelen zur Entwicklung in China

Besonders erklärungsbedürftig scheint, dass sich viele antiautoritäre Aktivisten von 1968 nur einige Jahre später K-Gruppen anschlossen, die sich als straff geführte leninistische Kaderparteien verstanden. Trotz des offensichtlichen Bruches gab es auch Kontinuitäten wie das avantgardistische Politikverständnis, Verankerungen an Universitäten, Antiimperialismus, den starken Bezug auf die Bewegungen der "dritten Welt", ein kritisches Verhältnis zur DDR sowie der Glaube an die Möglichkeit einer Revolution. Oft wird argumentiert, dass China nur als Projektionsfläche diente und westliche Linke wenig über die wirklichen Ereignisse im "Reich der Mitte" wussten.

Die Informationen, die Anfang der 1970er Jahre in westlichen Sprachen zum kulturrevolutionären China zur Verfügung standen, waren in der Tat begrenzt. Nur wenige Freunde des maoistischen Chinas konnten überhaupt Chinesisch. Reisen in China waren nur im Rahmen von staatlich organisierten Delegationen oder unter Aufsicht möglich. Weitgehend unbekannt war zum Beispiel das Ausmaß der Hungersnot (1959 bis 1961) mit 15 bis 40 Millionen Toten.[13] Trotzdem ging der positive Bezug auf den Maoismus nicht nur auf Unkenntnis oder Missverständnisse zurück. Erstaunlich ist die parallele, wenn auch verspätete Entwicklung der chinesischen und westeuropäischen "Kulturrevolutionen".

Die kommunistischen Dissidenten Frankreichs und Italiens bezogen sich mit ein, zwei Jahren Verspätung vor allem auf die Frühphase der Kulturrevolution von Sommer 1966 bis Frühjahr 1967, als es in China ein starkes Element der Revolte von unten gab. Einigen promaoistischen Beobachtern war durchaus klar, dass Mao und seine Führungsgruppe dabei nicht infrage gestellt werden durften und der charismatische Führer die Revolte von unten erst legitimierte.[14] Während in China ab 1969 der Parteiapparat wieder restauriert wurde, verkündeten westdeutsche K-Gruppen das "Ende der antiautoritären Phase" und den Aufbau neuer marxistisch-leninistischer Parteien.

Im Sommer 1968 ließ Mao unter der Parole "Die Arbeiterklasse muss bei allem die Führung haben" die studentischen Rebellengruppen von Arbeiterpropagandatrupps auflösen. Viele westeuropäische Maoisten wandten sich kurze Zeit später ebenfalls den Arbeitern zu und gingen in die Betriebe. Auch wenn die Aktivisten wenig über die genauen Entwicklungen in China wussten, scheinen die K-Gruppen den Maoismus der frühen 1970er Jahre gar nicht so falsch verstanden zu haben, nämlich als autoritäres Projekt des (Wieder-)Aufbaus einer Kaderpartei.

Der Maoismus und die Kulturrevolution funktionierten als Bezugsrahmen für antiautoritäre Linke und stramme Leninisten auch wegen der Ambiguität von Mao selbst. Er war nach eigenen Angaben gleichzeitig Affe, also Rebell gegen die Ordnung, und Tiger, nämlich höchster Repräsentant der Partei.[15] Im Herbst 1966 verkündete er: "Rebellion ist gerechtfertigt". Als die Fraktionskämpfe eskalierten, wurden die leninistischen Aspekte in seinem Weltbild gestärkt, und ab 1968 betonte er wieder Disziplin sowie Unterordnung unter die Führung.

Fußnoten

9.
Vgl. Laura Diehl, Die Konjunktur der Mao-Images in der bundesdeutschen "68er"-Bewegung in: Sebastian Gehrig/Barbara Mittler/Felix Wemheuer (Hrsg.), Kulturrevolution als Vorbild? Maoisten im deutschsprachigen Raum, Frankfurt/M. 2008, S. 179–202.
10.
Vgl. Joachim Schickel, Große Mauer, große Methode. Annäherungen an China, Stuttgart 1968.
11.
Vgl. Michael Steffen, Geschichten vom Trüffelschwein. Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes 1971–1991, Diss., Universität Marburg 2002, http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2002/0060/pdf/dsm.pdf« (5.5.2016); Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt: Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977, Frankfurt/M. 2002; Andreas Kühn, Stalins Enkel, Maos Söhne: Die Lebenswelt der K-Gruppen in der BRD der 70er Jahre, Frankfurt/M. 2005; Jens Benicke, Von Adorno zu Mao: Über die schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung, Freiburg/Br. 2008.
12.
Vgl. M. Steffen (Anm. 11), S. 94–97.
13.
Vgl. Felix Wemheuer/Kimberley Manning, Introduction, in: dies. (Hrsg.), Eating Bitterness: New Perspectives on China’s Great Leap Forward and Famine, Vancouver 2011, S. 21f.
14.
Vgl. Edoarda Masi, Der Maoismus und die Europäische Linke, Berlin 1970, S. 27f.
15.
Vgl. Helmut Martin (Hrsg.), Mao Zedong Texte, Bd. VI, München 1982, S. 175f.
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