Statue von Mao Zsedong in Henan kurz vor der Fertigstellung

3.6.2016 | Von:
Felix Wemheuer

Die westeuropäische Neue Linke und die chinesische Kulturrevolution

Rationalisierung von Gewalt

Auch wenn in westdeutschen Medien über Gewalttaten der Rotgardisten im Sommer 1966 berichtet wurde, so war das gesamte Ausmaß des Terrors der Kulturrevolution, besonders der Jahre 1968 und 1969, damals nicht bekannt. Selbst in China wussten nur wenige, dass zum Beispiel im August und September 1966 in Beijing über 1000 Menschen, darunter viele Lehrer, totgeschlagen wurden.[16] Eine neue Studie, die auf einer systematischen Auswertung aller Kreischroniken basiert, schätzt die Todesopfer der Kulturrevolution auf 1,1 bis 1,6 Millionen Menschen. Wobei der Hauptanteil weder auf das Konto der Roten Garden 1966, noch der bewaffneten Fraktionskämpfe 1967 ging. Die meisten Menschen wurden in der Phase von 1968 und 1969 getötet, als die Armee nach der Wiederherstellung der Ordnung "Säuberungskampagnen" von oben durchführte.[17]

Nun war es allerdings keineswegs so, dass die westlichen Neuen Linken überhaupt keine Meldungen von Gewalt aus China erreichten. Es gab aber ein tiefes Misstrauen gegenüber den etablierten Medien, besonders gegenüber der "Lügenpresse" des Axel-Springer-Konzerns, die im Kalten Krieg die Welt in Gut und Böse einteilte. Negative Meldungen über China konnten daher leicht als "bürgerliche Propaganda" abgetan werden. Das Pamphlet "China: Der deutschen Presse Märchenland" (1968) ist eine Collage von Günter Amendt mit negativen Meldungen über China. Der Autor erklärte die negative Berichterstattung mit rassistischer Angst des Establishments vor dem aufsteigenden Land, das als "gelbe Gefahr" wahrgenommen werde.[18] Erst als die Richtungskämpfe innerhalb der KPCh immer schwieriger zu erklären wurden, begann sich Kritik gegenüber der offiziellen chinesischen Version zu regen. Dennoch bezeichneten KPD/AO und KBW sogar die Meldungen über Gräueltaten der mit China verbündeten Roten Khmer in Kambodscha als antikommunistische Propaganda. Noch 1979 standen beide Organisationen fest auf der Seite Pol Pots gegen die vietnamesische Invasion in Kambodscha.[19]

Auch in der westlichen Neuen Linken war Maos Aussage bekannt, dass Revolution eben kein Deckchensticken sei, sondern ein gewaltsamer Akt zum Sturz einer Klasse durch eine andere. Mit ihrem starken Bezug zu den Befreiungskämpfen der "dritten Welt" hatte die Neue Linke schon früh eine Argumentation zur Legitimation revolutionärer Gewalt entwickelt: Da das System des (Neo-)Kolonialismus offensichtlich auf Gewalt beruhte und die französischen und US-amerikanischen Streitkräfte in Algerien und Vietnam schwere Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung begingen, konnte die Gewalt der Bewegung als legitime Gegengewalt zur Selbstverteidigung erscheinen.[20] Auch Sartre hatte in seiner Sympathieerklärung für die "Maos" konstatiert: "Ein Sozialist muss für die Gewalt sein, denn er steckt sich ein Ziel, das von der herrschenden Klasse schlichtweg abgelehnt wird".[21] Foucault und Benny Lévy diskutierten 1971 darüber, ob Kapitalisten und Reaktionäre besser durch Volksgerichte abgeurteilt werden sollten oder spontane Selbstjustiz der Massen besser sei.[22] Im Falle dieser Intellektuellen blieb es jedoch bei Gedankenspielen.

In Westdeutschland befürworteten alle K-Gruppen einen revolutionären Umsturz. "Roter Terror" sei allerdings erst gerechtfertigt, wenn man die Arbeiterklasse vom Sozialismus überzeugt habe, so der allgemeine Tenor. Anfangs präsentierte sich die RAF (Rote Armee Fraktion) als "Marxisten-Leninisten mit Knarren". In der frühen Erklärung "Das Konzept Stadtguerilla" (1971) reihte sich ein Mao-Zitat ans nächste, um den bewaffneten Kampf in der Bundesrepublik zu rechtfertigen. Allerdings blieben die Bezüge oberflächlich und richteten sich als Durchhalteparolen wohl eher an mögliche Sympathisanten aus dem ML-Spektrum.[23] Mao selbst hatte die Möglichkeit einer "Stadtguerilla" in westlichen Metropolen nie in Betracht gezogen. Die meisten K-Gruppen lehnten den "individuellen Terror" der "kleinbürgerlichen" RAF ab. Die KPD/ML sah hingegen den Anschlag der RAF auf das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Heidelberg im Mai 1972 als revolutionäre Aktion, betonte aber, dass der Aufbau revolutionärer Streitkräfte nur unter Führung einer Kaderpartei erfolgen könne. Die Entführung des Passagierflugzeugs "Landshut" im Oktober 1977 verurteilte die KPD/ML dann scharf als "konterrevolutionär".[24] Insgesamt hatte die Eskalation der Gewalt während des deutschen Herbstes 1977 eine Schockwirkung auf die westliche Linke und auch das ML-Spektrum.

Schluss

Die kritische Auseinandersetzung mit den Ereignissen in China führte in den westlichen Bewegungen keineswegs zu einer Abwendung vom Maoismus. Nach Ende des globalen revolutionären Zyklus Ende der 1970er Jahre erschien eine Revolution in den westlichen Metropolen als Illusion. Die Bewegungen, die aus der Neuen Linken um 1968 hervorgegangen waren, zerbrachen an ihrer eigenen Erfolglosigkeit, zumindest gemessen an ihrem ehrgeizigen Ziel einer sozialistischen Revolution in Westeuropa.

1981 bezeichnete die neue chinesische Parteiführung die Kulturrevolution als "große Katastrophe für Partei und Volk". China gab Maos "permanente Revolution" auf und reintegrierte sich als "Werkbank der Welt" in die kapitalistische Weltordnung. Die Abwendung Chinas von der Revolution bewirkte bei vielen westlichen (Ex-)"Maos", sich mit dem Land nie wieder auseinanderzusetzen, anstatt das Scheitern ihrer Übertragung des Maoismus auf nicht-chinesische Verhältnisse kritisch zu reflektieren. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der globalen Auswirkungen der Kulturrevolution hat gerade erst begonnen.

Fußnoten

16.
Vgl. Wang Nianyi, Dadongluan de niandai (Das Jahrzehnt der großen Unruhen), Zhengzhou 2005, S. 57.
17.
Vgl. Andrew G. Walder, Rebellion and Repression in China, 1966–1971, in: Social Science History, 38 (2014) 4, S. 513–539.
18.
Vgl. Günter Amendt, China: Der deutschen Presse Märchenland, Frankfurt/M. 1968, S. 35.
19.
Vgl. Kommunistische Volkszeitung vom 22.1.1979; Jürgen Horlemann, Kampuchea 1979: Befreiung oder Aggression?, Köln 1979.
20.
Vgl. Felix Wemheuer (Hrsg.), Linke und Gewalt: Pazifismus, Tyrannenmord und Befreiungskampf, Wien 2014, S. 22–27.
21.
J.-P. Sartre (Anm. 7), S. 6.
22.
Vgl. Felix Wemheuer (Hrsg.), Maoismus: Ideengeschichte und revolutionärer Geist, Wien 2008, S. 41–58.
23.
Vgl. Sebastian Gehrig, "Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen": Linksterroristische Gruppen und die maoistische Ideologie in der BRD der 1960er und 1970er Jahre, in: ders./B. Mittler/F. Wemheuer (Anm. 9), S. 172ff.
24.
Vgl. Jens Benicke, "Von Heidelberg nach Mogadischu, ein Weg von der revolutionären bis zur konterrevolutionären Aktion": Das Verhältnis der bundesdeutschen K-Gruppen zur RAF am Beispiel der KPD/ML, in: S. Gehrig/B. Mittler/F. Wemheuer (Anm. 9), S. 133–152.
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