APuZ 37–38/2016 Der neue Mensch

9.9.2016 | Von:
Sabine A. Haring

Der Neue Mensch im Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus

Der Neue Mensch im Sowjetkommunismus

Die Schaffung eines Neuen Menschen war auch ein Heilsziel der Revolution von 1917, auf die sich nicht nur die Hoffnungen vieler Menschen in der Sowjetunion richteten, sondern auch jene des marxistischen Flügels in der westeuropäischen Arbeiterbewegung und eines Teils der "westeuropäischen Kulturintelligenz".[19] Dabei war die Vorstellung eines Neuen Menschen, der in Russland nach einem soziopolitischen Umbruch aus dem unterdrückten, ungebildeten Volk entstehen werde, bereits eine Leitidee der vorrevolutionären russischen Intelligenz gewesen.[20] In Dostojewskis "Dämonen" (1872) zeigt sich dieses Motiv insbesondere in der Gestalt des jungen Ingenieurs Kirillow, der sich selbst als verkörperter Vorläufer des Neuen Menschen sieht. Durch die "Vernichtung Gottes" werde dem Neuen Menschen der Weg bereitet. Kirillow teilt nun die Geschichte in zwei Abschnitte: vom Gorilla bis zur Vernichtung Gottes und von der Vernichtung Gottes bis zur physischen Umgestaltung der Erde und des Menschen.[21] Daran knüpften die russischen Revolutionäre von 1917 nicht nur inhaltlich an,[22] sondern sie übernahmen von der vorrevolutionären russischen Intelligenzija auch, wie der Historiker Klaus-Georg Riegel ausführt, die "Kombination von ethischem Rigorismus und revolutionärer Praxis".[23]

Der Schriftsteller Andrej Sinjawskij beschreibt die ersten Jahre nach der Revolution als eine Zeit der Entfaltung schöpferischer Energien: Karrieren jenseits der alten Klassenstrukturen wurden möglich, Bildung für alle wurde angeboten. Im Bereich der Kunst zeichneten die Futuristen in phantastischen Metaphern eine neue Zukunft, hier verbanden sich "utilitaristisches Pathos" mit beeindruckender "Phantastik", konkrete Taten mit erhabenen Ideen, Theorie mit Praxis. Kunst als Wert an sich wurde der Idee des Nutzens, der Idee der Revolution, unterworfen: "Und das bis auf die Spitze getriebene utilitaristische Denken wurde zum wichtigsten Zug des psychologischen Typus 'Bolschewik'."[24] Mit dem Begriff "Sowjetmensch" sei unweigerlich das Gefühl der Überlegenheit verknüpft gewesen, wobei es sich allerdings in der Regel nicht um persönliche Qualitäten oder Eigenschaften handelte, sondern um eine Folge der Zugehörigkeit zur realisierten Utopie. Hatte im zaristischen Russland das aristokratische Ethos das öffentliche Leben dominiert, war es nun das bolschewistische. Die Bolschewiki als "politische und moralische Avantgarde" waren die neue Elite, deren Status sich auf ihre Kinder übertrug. Moral war für diese keine abstrakte Größe, sondern das, was dem Proletariat im Klassenkampf hilft.[25]

In seinem Buch "Die Flüsterer" widmet der britische Historiker Orlando Figes den "Kindern von 1917" ein Kapitel. Eines dieser Kinder, die Anfang des Jahrhunderts geborene Jelisaweta Drabkina, war die Tochter eines Revolutionärs der ersten Stunde, der nach der misslungenen Revolution von 1905 zwölf Jahre lang im revolutionären Untergrund gelebt hatte. Sie charakterisiert den Habitus der bolschewistischen Revolutionäre folgendermaßen: "In ihren Kreisen, in denen jeder Bolschewik seine persönlichen Interessen der gemeinsamen Sache unterzuordnen hatte, galt es als 'spießbürgerlich', an sein Privatleben zu denken, solange die Partei in das entscheidende Ringen für die Befreiung der Menschheit verwickelt war." Die Bolschewiki schufen einen Kult des "selbstlosen Revolutionärs", wobei der revolutionäre Aktivist als "Urbild eines neuen Menschentyps", nämlich dem einer "kollektiven Persönlichkeit", figuriert. Die "bürgerliche" Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit sei aufzuheben, denn nichts im sogenannten Privatleben eines Menschen sei unpolitisch.[26]

Zur Zeit des Bürgerkrieges kämpften die Bolschewiki an der "inneren Front" gegen die "Bourgeoisie", gegen frühere zaristische Beamte, Grundbesitzer, Kaufleute, "Kulaken", kleine Händler und die alte Intelligenzija. Nach dem Ende des Bürgerkrieges galt der "innere Kampf" nun dem Individualismus. Die "sogenannte Sphäre des Privatlebens dürfen wir nicht unbeachtet lassen", so der erste Volkskommissar für das Bildungswesen Anatoli Lunatscharski 1927, "denn hier liegt das zu erreichende Endziel der Revolution": die Schaffung des neuen Sowjetmenschen. Folgt man Leo Trotzki, führt der Mensch im Zuge seiner "Weiterentwicklung" eine "Säuberung von oben nach unten durch: Zuerst säubert er sich von Gott, dann säubert er die Grundlagen des Staatswesens vom Zaren, dann die Wirtschaft von Chaos und Konkurrenz und schließlich seine Innenwelt von allem Unbewußten und Finsteren."[27]

Der erfolgreichen Sozialisierung der Kinder stehe die Familie im Wege, denn, "wenn die Familie ein Kind liebt", so die sowjetische Erziehungswissenschaftlerin Slata Lilina, "macht sie es zu einem egoistischen Wesen und ermutigt es, sich als Mittelpunkt des Universums zu betrachten". Diese "egoistische Liebe" zu den eigenen Kindern sollte durch eine "rationale Liebe" einer "erweiterten sozialen Familie" ersetzt werden.[28] Schulen und kommunistische Kinder- und Jugendverbände, beispielsweise die 1922 nach dem Vorbild der Pfadfinder gegründeten Pioniere und die als "Reservearmee für junge Aktivisten und enthusiastischen Parteinachwuchs"[29] geltende Jugendorganisation Komsomol, sollten die Normen und Werte der kommunistischen Gesellschaft vermitteln. Sogenannte progressive Schulen waren "Miniaturen des Sowjetsystems": Arbeitspläne und -leistungen dargestellt mithilfe von Diagrammen und Schaubildern an den Wänden dokumentierten den Einsatz der Schüler und Schülerinnen, Räte und Komitees kontrollierten den schulischen Alltag.[30]

"Neu" war in der Regel konnotiert mit "jung": "Der Kult der Jugendlichkeit, der Lobgesang auf die jugendliche Formbarkeit, Rücksichtslosigkeit, Stärke und Vitalität gehörte von Anfang an zur geistig-moralischen Grundausstattung des Bolschewismus."[31] Große Erziehungsexperimente, Arbeitskommunen und "Kinderlaboratorien" prägten die ersten Jahre der Sowjetunion mit,[32] wobei für die Schaffung eines Neuen Menschen der "autoritäre Schulmeister unabdingbar" war.[33] Auf die Masse der Arbeiterschaft und der Bauern richtete sich zunächst die wohlwollende Aufmerksamkeit der Partei: Der Werktätige müsse lesen und schreiben lernen, den Marxismus-Leninismus als einzig "wahre" Theorie und Anleitung zur Praxis kennenlernen sowie praktisch und technisch ausgebildet werden, um als Ingenieur von morgen möglichst bald die alte naturwissenschaftlich-technische Intelligenzija durch neue Kader ablösen zu können.[34]

Nach Ansicht Lenins hatte das sowjetische Russland die traditionelle "Sklavenmoral" und die Trägheit der Russen noch nicht überwunden. Der Neue Mensch sei also erst durch eine umfassende Kulturrevolution, insbesondere durch die industrielle Erneuerung Sowjetrusslands zu schaffen. Eine "scholastische Erziehungsdressur" lässt sich also bereits in der Lenin-Ära beobachten, nachdem alle Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion zu Mitgliedern einer internationalen, a-nationalen Nation, einer "neuen historischen Gemeinschaft" geworden waren: "Dieser neue 'Sowjetmensch' war eine neue Art von Mensch – herausgelöst aus seinen ethnisch-kulturellen oder ethnisch-nationalen Wurzeln und Eigenschaften."[35] Nach Lenin sollte die "gesamte Gesellschaft (…) ein Büro und eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleichem Lohn sein".[36] 1928 bemerkte Lunatscharski in diesem Zusammenhang, dass es eben nicht genüge, die Menschen zu unterrichten, man müsse die Sinne und den Willen verändern, ja den Charakter, die Natur des Menschen umbilden.

Die Generation der zwischen 1905 und 1915 Geborenen, die weder in der Schule nach traditionellen Werthaltungen sozialisiert worden waren noch an den blutigen Kämpfen der Revolution und des Bürgerkrieges aktiv teilgenommen hatten, sollte schließlich für das stalinistische Regime eine zentrale Rolle spielen.[37] Das stalinistische Programm forderte den Aufbau einer neuen Gesellschaft und zugleich auch die Transformation eines jeden Menschen; zentrale Begriffe der Stalinzeit wie "Umbau", "Umgraben", "Umkrempelung" und "Umerziehung" weisen darauf hin, dass es galt, sowohl den Einzelnen als auch die Gesellschaft umfassend zu verändern, wobei jedes Individuum verpflichtet war, sich an diesem Programm zu beteiligen. Der Neue Mensch sollte die Natur nach seinem Bilde schaffen und sich dabei selbst erneuern.

Schluss

"Politische Religionen" wie der Nationalsozialismus und der Sowjetkommunismus mit ihren apokalyptischen, eschatologischen und messianischen Zügen knüpften in ihren Vorstellungen vom Neuen Menschen an christliche Traditionen an und formten diese im Rahmen ihrer jeweiligen Weltanschauungen um.[38] "Erneuerung" nicht nur der Gesellschaft, sondern auch jedes Individuums wurde zur zentralen Kategorie: Die Schaffung einer neuen Welt ging in beiden Regimen mit dem Versuch der Schaffung eines Neuen Menschen einher.

Beide Ideologien knüpften dabei an die um die Jahrhundertwende sowohl in Deutschland als auch in Russland insbesondere in Intellektuellen- und Künstlerkreisen entwickelten Vorstellungen des Neuen Menschen an: "Physisch stark sollte er sein, der Neue Mensch, zugleich ausgestattet mit einem ausgeprägten Willen, intellektuell unverbildet, dafür aber instinktsicher und in Übereinstimmung mit seiner 'Natur' handelnd. Friedrich Nietzsches Vision vom 'Übermenschen', der sich seine eigene Welt in souveräner Verachtung christlicher Wertbezüge selbst schafft, hatte all diese 'menschheitlichen' Wandlungshoffnungen des Europäischen Fin de Siècle mehr oder weniger stark beeinflusst."[39]

Bei der Schaffung dieses Neuen Menschen kam der Erziehung von Kindern und Jugendlichen eine entscheidende Rolle zu. Daher strebten sowohl Nationalsozialismus als auch Sowjetkommunismus im Sinne einer "totalen Erziehung" danach, diese nicht nur in der Schule, sondern auch in zahlreichen außerschulischen Organisationen nach ihren "Dogmen" und mithilfe zahlreicher Rituale und Kulte zu prägen. Beide Weltanschauungen waren gegen den modernen Individualismus mit seinen individuellen Freiheitspostulaten gerichtet und stellten stattdessen – auch in der Erziehung – das jeweilige Kollektiv in den Mittelpunkt. Dem Ziel einer neuen Weltordnung waren die wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen – unter anderem Familie und Schule – untergeordnet.

Insbesondere die in Russland nach 1917 und in Deutschland nach 1933 sozialisierten Kinder und Jugendlichen kannten weitgehend nur das neue System, außer ihnen waren – in der nur mehr sehr eingeschränkt vorhandenen Privatsphäre – noch divergente Norm- und Wertvorstellungen vermittelt worden.[40] Die Einhaltung der neuen Regeln und Wertmaßstäbe wurde durch ein umfassendes Überwachungssystem formeller und informeller Art abgesichert. Furcht vor Denunziation, Repression und Deportation hatten vielfach soziale Beziehungen, Freundschaften und Paarbeziehungen sowie traditionelle moralische Bindungen der Gesellschaftsmitglieder untereinander zerstört. Gerade im Projekt des Neuen Menschen enthüllt sich der totalitäre Charakter beider Systeme besonders deutlich.[41]

Fußnoten

19.
Vgl. Klaus-Georg Riegel, Der Marxismus-Leninismus als politische Religion, in: Hans Maier/Michael Schäfer (Hrsg.), "Totalitarismus" und "Politische Religionen". Konzepte des Diktaturvergleichs, Bd. 2, Paderborn u.a. 1997, S. 75–128, hier S. 82.
20.
Vgl. zur Ideengeschichte des Neuen Menschen in Russland u.a. Thomas Tetzner, Der kollektive Gott. Zur Ideengeschichte des "Neuen Menschen" in Russland, Göttingen 2013.
21.
Vgl. Andrej Sinjawskij, Der Traum vom Neuen Menschen oder Die Sowjetzivilisation, Frankfurt/M. 1989, S. 19–25.
22.
Vgl. ebd., S. 25.
23.
Vgl. Riegel (Anm. 19), S. 83f.
24.
Sinjawskij (Anm. 21), S. 74.
25.
Vgl. dazu u.a. Orlando Figes, Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland, Berlin 2008, S. 82.
26.
Ebd., S. 39–44.
27.
Leo Trotzki, zit. nach Koenen (Anm. 4), S. 133.
28.
Zit. nach Figes (Anm. 25), S. 48ff.
29.
Ebd., S. 77.
30.
Vgl. ebd., S. 64–67, S. 141–147, S. 211.
31.
Koenen (Anm. 4), S. 128.
32.
Vgl. ebd., S. 128f.; Sinjawskij (Anm. 21), S. 204–244.
33.
Raymond Aron, Demokratie und Totalitarismus, Hamburg 1970, S. 182.
34.
Vgl. Sinjawskij (Anm. 21), S. 177, S. 207f.
35.
Kamaludin Gadshijew, Betrachtungen über den russischen Totalitarismus, in: Hans Maier (Hrsg.), "Totalitarismus" und "Politische Religionen". Konzepte des Diktaturvergleichs, Bd. 1, München u.a. 1996, S. 75–80, hier S. 79.
36.
Wladimir Iljitsch Lenin, Staat und Revolution, in: ders., Werke 25 (Juni bis September 1917), Berlin 19744, S. 393–507, hier S. 488.
37.
Vgl. Figes (Anm. 25), S. 78ff.
38.
Dem Anspruch nach überwindet der Neue Mensch den Habitus, aus dem er hervorgegangen ist. Der Neue Mensch bricht einerseits also mit dem Althergebrachten, ist andererseits jedoch gleichzeitig als Transformation und Amalgamierung traditioneller Ideen interpretierbar. Vgl. Haring (Anm. 1).
39.
Kroll (Anm. 5), S. 142f.
40.
Vgl. Figes (Anm. 25), S. 405. Gerade für die ausschließlich innerhalb der Regime sozialisierten Kinder und Jugendlichen gestaltete sich der Bruch mit diesen besonders schmerzhaft und schwierig.
41.
Vgl. Koenen (Anm. 4), S. 127.
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