APuZ 37–38/2016 Der neue Mensch

9.9.2016 | Von:
Stefanie Duttweiler

Nicht neu, aber bestmöglich. Alltägliche (Selbst)Optimierung in neoliberalen Gesellschaften

Felder aktueller Selbstoptimierung

Gewissermaßen einen "Dauerbrenner" der Selbstoptimierung stellt die "Suche nach Glück" dar, und seit über 30 Jahren lässt sich ein nicht abklingender "Glücksboom" beobachten. Angesichts der Verunsicherung traditioneller Wert- und Sinnorientierungen ist die Orientierung am Glück zu einer der Problematisierungsformeln für gelungene Selbst- und Lebensführung geworden,[15] die für alle attraktiv und akzeptabel ist. Unabhängig davon, ob das Glück als "beglückende" Augenblickserfahrung oder als "geglücktes" Leben, das die selbst gewählten Ziele erreicht, gefasst wird, es wird als etwas ausgewiesen, das ausschließlich subjektiv bestimmbar ist und das zwar nicht selbstverständlich, aber für jeden, zu jeder Zeit, an jedem Ort und in jeder Tätigkeit möglich ist – unabhängig von Ressourcen, Privilegien oder biografischen oder körperlichen Handicaps der Einzelnen. Glück gilt als Frage der Einstellung und des produktiven Umgang mit dem Gegebenen. Die Techniken des Glücks, die beispielsweise im Ratgebergenre zirkulieren, tragen ähnlich wie Techniken des Selbstmanagements vor allem dazu bei, sich wie ein Unternehmer seiner selbst zu führen: Bilanz zu ziehen und notwendige Veränderungsschritte einzuleiten, "Krisen als Chancen" zu nutzen, sich eigene Ziele zu setzen, Pläne zu machen und zu überwachen oder störende Einflüsse zu beseitigen. Doch darüber hinaus zielen sie auf den Umgang mit Gefühlen: Sie lehren, widrige Umstände positiv umzudeuten, "achtsam" zu sein und Glücksmomente aus sich selbst heraus hervorzurufen. Wer an seinem Glück arbeitet, so wird argumentiert, verwirklicht sich selbst, macht sich frei von den Umständen, indem er das Beste aus ihnen macht. Die Arbeit am Glück fördert Freiheit und Selbstverwirklichung, Selbstverantwortung und Selbstverwertung – und arbeitet so den aktuellen Anforderungen der neoliberalen Gesellschaft zu.

Neben der Orientierung am Glück bezieht sich die Optimierung des Selbst heute vor allem auf den Körper. Plakativ wird dies in Fernsehformaten wie der Makeover-Show "The Swan" oder der Abnehm-Show "The Biggest Loser" vorgeführt, in denen ein untrennbarer Zusammenhang zwischen Körper und Selbst hergestellt und gezeigt wird, dass konsequente, disziplinierte Arbeit am Körper profunde Selbsttransformation bewirken kann. Der "neue Mensch", den diese "Programme" hervorbringen wollen, wird dabei als einer figuriert, dessen "wahres" Selbst es hinter zu viel Fett oder einem hässlichen Gesicht freizulegen gilt. Auch Diät- und Fitnessprogramme folgen dieser Stoßrichtung, wenngleich nicht in derselben Radikalität. Explizit ausbuchstabiert wird dies in aktuellen (Online-)Fitnessprogrammen, die umfangreiche body transformation versprechen und in unzähligen Vorher-Nachher-Bildern und videogestützten Konversionserzählungen ("Früher war ich zu dick/schlaksig/faul/verhaltensauffällig, durch Fitness und Ernährungsumstellung habe ich mich zu einem anderen Menschen gemacht") plausibilisieren.[16] Möglich wird die transformation durch harte Arbeit an sich selbst, permanente Selbstüberwindung sowie durch Verzicht und Askese. Gelingt sie, steigert sie das Gefühl der Selbstkontrolle und Selbstwirksamkeit und führt zu Selbstvertrauen und sozialer Anerkennung. Denn der fitte Körper entspricht nicht nur dem gängigen Schönheitsideal für beide Geschlechter, ihm eignet auch ein symbolischer Mehrwert, der Leistungsfähigkeit und -bereitschaft, Zielorientierung und Ehrgeiz, Willensstärke und Disziplin, Flexibilität und Agilität anzeigt. Wer sich fit hält und fit macht, arbeitet (wenn auch nicht zwingend) an der eigenen Gesundheit und/oder der Sicherstellung und Steigerung seiner körperlichen Fähigkeiten. Er oder sie verhält sich mithin für- und vorsorgend und kann so zeigen, dass er oder sie etwas Anerkennungswürdiges zu leisten im Stande ist.

Doch es braucht nicht zwingend drastische operative Eingriffe oder rigoroses Training, um ein "neuer Mensch" zu werden. Es geht auch ungleich sanfter. Das Zauberwort heißt Wellness.[17] Der Begriff "Wellness" setzt sich zusammen aus well-being und Fitness und ist vor allem in den USA eng mit Gesundheitsprävention verknüpft.[18] Im deutschsprachigen Raum ist Wellness eher eine Sehnsuchtsformel. Als der große Antagonist von Wellness wird Stress ausgemacht: Stress hat, wer unfähig ist, mit negativen (Umwelt-)Bedingungen zufriedenstellend umzugehen; Wellness soll das Selbst wieder "ins Lot" bringen und zu einem "authentischen", "gereinigten" Zustand zurückführen. Während im Fitnessregime Disziplin und Kontrolle zentral sind, werden sie hier (kurzfristig) suspendiert. Wellness zielt auf eine leibliche Erfahrung, in der die Körpergrenzen "flüssig" werden. Erlaubt und gefordert ist, sich "etwas zu gönnen", die "Seele baumeln", sich "behandeln" und "verwöhnen" zu lassen. Der sich wohlig fühlende und wohlwollend berührte Leib ist vielleicht der Luxus für den ermüdeten und gestressten Arbeiter an sich selbst. Dass Wellness immer auch mit Gesundheit und Prävention gekoppelt ist, fasst diesen "Luxus" dabei als notwendigen Akt der Selbstsorge. Die Techniken von Wellness zielen dabei sowohl auf Abschottung gegenüber störenden Umweltbedingungen ("dem Alltag entfliehen") als auch auf das gezielte Ausnutzen von Umwelteinflüssen wie Farben, Gerüchen, Wärme, Wasser oder "heilenden Händen". Selbstoptimierung qua Wellness ist ähnlich wie die Arbeit am Glück vor allem Management der Umwelteinflüsse. Doch wie das Glück ist auch das Wohlgefühl durch Wellness kein Dauerzustand, vielmehr fragil und störanfällig. Die Arbeit am eigenen Wohlbehagen und der eigenen Balance verlangt mithin umfassende Selbstführungskompetenzen: zu wissen, wann man Wellness braucht, wie man sie bekommt und wie man die Anwendungen für sich produktiv und möglichst nachhaltig nutzen kann.

Ein besonders effektives Mittel, sich umfassend selbst zu führen, wird aktuell in der onlinegestützten Selbstvermessung gesehen: Durch sogenanntes Self-Tracking lassen sich eine Vielzahl persönlicher Körper- und Verhaltensdaten (Kalorienaufnahme, Schlafrhythmus, Glücksmomente, Telefonate) und Körperleistungen (tägliche Schritte, Lauf- und Fahrradrouten, Anzahl der Fitnessübungen) erheben, aufzeichnen, speichern und auswerten und mit anderen vergleichen. Self-Tracking ist eine Technik, die Selbsterkenntnis im Lichte sozialer Standards (wie täglich 10000 Schritte), sozial bedeutsamer Anderer sowie von Durchschnittswerten ermöglicht und so zugleich Anreiz und Anlass zu Verhaltenskontrolle, Verhaltensänderung und Leistungssteigerung bietet. Dementsprechend findet es derzeit vor allem im Hinblick auf Gesundheit und Sport Anwendung; diejenigen, die mittels Self-Tracking das gesamte Leben quantifizieren und rationalisieren, sind (bislang?) eine kleine Avantgarde.[19]

Attraktiv wird Self-Tracking vor allem durch das im Alltag unübliche, permanente unmittelbare Feedback auf das eigene Verhalten, das anschaulich und aussagekräftig sowie als etwas Objektives präsentiert wird. So zeigt sich, dass man "etwas bewegen kann" (und seien es Kurven, Balken oder Zahlen, die die eigenen Schritte dokumentieren) und dass die eigenen Leistungen "registriert" werden.[20] Neben Selbsterkenntnis ist Self-Tracking daher auch ein Instrument der Selbstvergewisserung und der Verantwortungsübernahme für sich selbst, denn nun wird unmittelbar augenfällig, was man tut und dass das eigene Handeln Spuren hinterlässt.

Attraktiv wird Self-Tracking aber auch, da es Selbstkontrolle durch Fremdkontrolle ermöglicht. So finden sich in den meisten Apps automatisierte Coaching-Maßnahmen wie Erinnerungen, Ermunterungen und Ermahnungen und die Funktion, Daten mit "Freunden" oder einer (unbekannten) "Community" zu teilen. Diese ermöglichen soziale Unterstützung und Kontrolle "von der Seite". Wenn die Daten (wie es derzeit bei Gesundheits- und Fitness-Apps diskutiert wird) auch von Arbeitgebern, Krankenkassen und Versicherungen ausgewertet werden und eine Grundlage der Geschäftsbeziehung darstellen, etabliert sich darüber hinaus auch Kontrolle "von oben". Die Nutzenden artikulieren diese Verbindung von technischer, sozialer und Selbstkontrolle selten als Problem – insbesondere, wenn mittels Wettbewerben, Gratifikationen, Geschichten oder dem Erklimmen neuer Levels ansonsten eher langweilige Tätigkeiten wie Joggen zu einem Spiel und zur permanenten Herausforderung werden.[21]

Schluss

Die Technologien des Glücks, die Praktiken von Fitness und Wellness oder Self-Tracking-Techniken forcieren Selbstverantwortung, Selbstbestimmung, Freiheit und Entscheidungsfähigkeit und stellen Ressourcen zu ihrem Ausbau bereit – die Einzelnen werden zur Selbstoptimierung ermächtigt. Dabei sind die hier vorgestellten Technologien des Selbst vor allem Anleitungen zu Kompromissbildungen, um mit dem Gegebenen – seien es die eigenen Einstellungen, der eigene Körper oder die Umweltbedingungen – das beste erreichbare Resultat zu erzielen. Selbstoptimierung erweist sich auch und möglicherweise vor allem als Versuch einer permanenten Anpassung an Umstände, die man nicht zu verantworten hat, für deren Wirkung man aber dennoch verantwortlich gemacht wird.[22] Und es ist eine Arbeit an der Paradoxie, dass aktuell Selbstverantwortung und Leistungsbereitschaft zwar gesellschaftlich gefordert werden, die einzige Möglichkeit, wirklich etwas zu bewirken, für Viele aber vor allem darin besteht, den eigenen Körper, die eigenen Emotionen oder die eigene Einstellung zu ändern.

Das bedeutet jedoch gerade nicht, dass die alltäglichen Selbsttechnologien gesellschaftlich bedeutungslos sind: Zum einen etablieren ihre Diskurse und Praktiken eine weitreichende Veränderung des Selbst- und Weltverhältnisses. Wenn alles – Lebensmittel, Farben, Beziehungen, Tätigkeiten, Gefühle – dahingehend klassifiziert und ausgewertet wird, ob es dem Einzelnen nützt oder schadet, wird die Welt zu einem Ort, der ausschließlich auf das Selbst bezogen ist, und finden Tätigkeiten und Menschen nicht mehr um ihrer selbst willen Beachtung. Auch das Selbst erfährt eine Neufiguration. Denn alle Technologien des Selbst etablieren einen Zirkel aus kontinuierlicher Evaluation des eigenen Zustandes und daraus abgeleiteten Anpassungen der Selbstführung. Es erwächst ein kybernetisches Modell des Menschen, das sich durch Rückkopplung, Regulation und Optimierung auszeichnet. Dies ergibt sich schon in der Arbeit an Glück und Wellness, dynamisiert sich jedoch in den Praktiken der Selbstvermessung. Das Subjekt wird nun buchstäblich steuerbar – und nicht zuletzt auch für andere kalkulier-, kontrollier- und verwaltbar.

So konstruieren diese Diskurse, Verfahren und Praktiken zur Selbstoptimierung zum anderen auch Bedingungen, die die neoliberale Transformation des Sozialen sowohl diskursiv plausibilisieren als auch mitproduzieren. Entfaltung, Optimierung und Regeneration sämtlicher psychischer und sozialer Ressourcen sind sowohl ökonomisch verwertbar als auch zu wesentlichen Momenten der Integration in die Gesellschaft geworden. So trägt der Zuwachs an Selbstkontrolle, Selbstbestimmung und Selbstermächtigung nicht zuletzt dazu bei, diese auch für politische und ökonomische Ziele einsetzbar zu machen.

Fußnoten

15.
Vgl. Stefanie Duttweiler, Sein Glück machen. Arbeit am Glück als neoliberale Regierungstechnologie, Konstanz 2007.
16.
Stilbildend wirken große Sportanbieter wie Nike ("Find Your Greatness"), Runtastic ("Bereit für eine Veränderung? Gut. Gib uns 12 Wochen und entdecke dein neues Ich"), McFit ("Mach dich wahr") oder Online-Coaches wie Daniel Aminati ("Mach dich krass").
17.
Vgl. Stefanie Duttweiler, "Körper, Geist und Seele bepuscheln …". Wellness als Technologie der Selbstführung, in: Barbara Orland (Hrsg.), Artifizielle Körper – lebendige Technik. Technische Modellierungen des Körpers in historischer Perspektive, Zürich 2004, S. 261–278.
18.
In den USA betreiben etwas über die Hälfte der Arbeitgeber mit mehr als 50 Mitarbeitenden ein Wellness-Programm am Arbeitsplatz, insgesamt werden etwa sechs Milliarden Dollar für derartige Programme ausgegeben. Im Unterschied zu Deutschland sind diese Programme dabei nicht selten direkt mit der Krankenversicherung verbunden. Vgl. Carl Cederström/André Spicer, Das Wellness-Syndrom. Die Glücksdoktrin und der perfekte Mensch, Berlin 2016, S. 49.
19.
Vgl. Stefanie Duttweiler/Jan-Hendrik Passoth, Self-Tracking als Optimierungsprojekt?, in: dies. et al. (Hrsg.), Self-Tracking. Zur Soziologie digitaler Selbstvermessung, Bielefeld 2016, S. 9–42.
20.
Vgl. Anne-Sylvie Pharabod/Véra Nikolski/Fabien Granjon, La mise en chiffres de soi. Une approche compréhensive des mesures personnelles, in: Réseaux 1/2013, S. 97–129; Minna Ruckenstein, Visualized and Interacted Life: Personal Analytics and Engagements with Data Doubles, in: Societies 1/2014, S. 68–84; Stefanie Duttweiler, Körperbilder und Zahlenkörper. Zur Verschränkung von Medien- und Selbsttechnologien in Fitness-Apps, in: dies. et al. (Anm. 19), S. 221–251.
21.
Dass die Regeln der "Gamification" dabei gerade nicht von den Einzelnen, sondern von Spieleprogrammierern und eventuell Versicherungsmathematikern und Aktivierungsexperten erfunden und ausgehandelt wurden, gerät dabei aus dem Blick – die Kontrolle wird oft als positiv, da selbstermächtigend empfunden. Vgl. Jennifer R. Whitson, Foucaults Fitbit. Governance and Gamification, in: Steffen P. Walz/Sebastian Deterding (Hrsg.), The Gameful World: Approaches, Issues, Applications, Cambridge MA–London 2014, S. 339–358.
22.
Die Schattenseiten dieser neuen Moral – Versagensängste und Schuldgefühle, Überforderung und Erschöpfung – sind inzwischen überdeutlich geworden. Der Soziologe Hartmut Rosa hat zudem darauf hingewiesen, dass unsere Gesellschaft systematisch schuldige Subjekte hervorbringt, ohne dass es eine Instanz gebe, die vergeben könnte. Vgl. ders., Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016, S. 361f.
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