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Wassertropfen in einem Spinnenetz

21.10.2016 | Von:
Christopher Nehring

Spying on enemies – knowing your friends. Zur Geheimdienstkooperation und Aufklärung unter Verbündeten

Aufklärung in der Praxis: Historische Beispiele

Den theoretischen Annahmen über Geheimdienstkooperation ist inhärent, dass Kooperationshindernisse, allen voran Misstrauen und Selbstschutz, zu einem natürlichen Interesse an der Aufklärung von Partnern führen können. Wenn etwa ein Geheimdienst eine neue Zusammenarbeit mit einem anderen eingeht oder aber eine bestehende in weitere Bereiche ausdehnt, wird er in seine Überlegungen einbeziehen, ob der Partner "sicher" ist, das heißt, dass geteilte Informationen nicht durchsickern oder Agenten kompromittiert werden. Ein prominentes Beispiel hierfür war aus US-amerikanischer Sicht die BND-Quelle "Curveball": Dies war der Deckname für den 1999 aus dem Irak geflohenen Ingenieur Rafid Ahmed Alwan, der behauptete, an irakischen Programmen zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen mitgearbeitet zu haben.[6] Diese Erkenntnisse wurden vom BND an die CIA weitergeleitet, ohne dass ein direkter Quellenzugang ermöglicht wurde. Später bauten die USA ihre Argumentation für einen Einmarsch in den Irak unter anderem auf die – unwahren – Aussagen von "Curveball" auf. Der Fall wurde als Paradebeispiel für die in der Theorie beschriebenen Kooperationsschwierigkeiten angeführt: Hätte die CIA direkten Zugang zur Quelle oder aber durch eigene Aufklärung Erkenntnisse aus dem BND selbst gehabt, so hätte dies zu einer anderen Einschätzung führen können.[7]

In der Geschichte der Geheimdienste und ihrer Kooperation gibt es zahlreiche weitere Beispiele dieser Art. So soll gegen Ende des Ersten Weltkrieges eine Priorität des britischen Nachrichtendienstes gewesen sein, angebliche US-amerikanische Vorbereitungen für einen Chemiewaffeneinsatz aufzuklären.[8] Und bereits während des Zweiten Weltkrieges war weitestgehend bekannt, dass die UdSSR ihr Bündnis mit den USA auch für Zwecke der Aufklärung nutzte.[9] Doch erst für die Zeit des Kalten Krieges lassen sich regelmäßig Beispiele systematischer Aufklärung zwischen verbündeten Staaten dokumentieren. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass sich dieses Phänomen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs beobachten ließ.

Zunächst zur östlichen Seite: Spätestens nach dem Untergang des Kommunismus wurde klar, dass das sowjetische KGB nicht nur gegen den Westen und Dissidenten gearbeitet hatte, sondern auch in den "Bruderstaaten" extrem aktiv gewesen war.[10] Wie der Prager Frühling 1968, der sowjetische Einmarsch in Afghanistan 1979 oder die polnische Krise ab 1980 zeigten, unternahm die sowjetische Geheimpolizei zahlreiche Operationen in verbündeten Staaten. Diese liefen zumeist unter dem Decknamen "PROGRESS" und hatten – vereinfacht ausgedrückt – die Stabilisierung des sozialistischen Machtbereichs zum Ziel. Im Bereich der Fernmeldeaufklärung gehörte es darüber hinaus mindestens zum allgemeinen Vorgehen, dass das KGB zwar mit seinen Verbündeten kooperierte, dabei jedoch niemals den neuesten Stand seiner kryptografischen Technik offenbarte.[11] Auch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR betrieb spätestens ab 1980 eine eigenständige Aufklärung der eigentlich verbündeten Volksrepublik Polen, deren innere Unruhen als Gefahr wahrgenommen wurden. Dabei kamen keineswegs nur Mittel der "offenen Informationsgewinnung" zum Einsatz, sondern es wurde gezielt auf alle Mittel der Spionage zurückgegriffen.[12] Ließen sich die Aktivitäten des KGB gegen seine Verbündeten noch mit dem Konzept der Geheimdienstkooperation in asymmetrischen Allianzen erklären, war die DDR-Aufklärung gegen Polen ein Musterbeispiel für eine gegnerische Liaison.

Auch für die westlichen Geheimdienste gehörte die gegenseitige Aufklärung verbündeter Staaten im Kalten Krieg mehr oder weniger zum Alltag, was spätestens seit den 1980er Jahren gut dokumentiert ist. Dabei standen vor allem die Geheimdienste der NATO-Staaten sowie in Überschneidung die Five-Eyes-Staaten im Mittelpunkt. Die dominierende Stellung der US-Geheimdienste brachte es dabei mit sich, dass sie besonders oft im Fokus standen. Ähnlich wie im Zuge der "Snowden-Affäre" ab 2013 betraf dies vor allem die Fernmelde- und Kommunikationsüberwachung der NSA. Durch Überläufer und kritische Mitarbeiter wurde bereits seit Mitte der 1970er Jahre in die Öffentlichkeit getragen, dass die NSA im Zuge ihrer Feindaufklärung auch die Kommunikation ihrer Verbündeten täglich aufklärte.[13] Selbst das eng verbündete Vereinigte Königreich war davon betroffen. Technisch wurden zumeist die eigentlich gegen den Ostblock gerichteten Abhörstationen auf dem Territorium befreundeter Staaten genutzt – etwa im bayerischen Bad Aibling.

Fußnoten

6.
Vgl. Bob Drogin, Curveball: Spies, Lies, and the Con Man Who Caused a War, Washington D.C. 2007.
7.
Vgl. Walsh (Anm. 1), S. 3. Allerdings wurde der Fall "Curveball" von amerikanischer Seite durchaus dazu benutzt, die Schuld für das eigene Versagen im Vorfeld des Irak-Krieges von sich zu schieben. Es erscheint höchst fraglich, dass die US-Regierung sich einzig auf die vom BND übergebenen Informationen stützte.
8.
Vgl. Christopher Andrew, The British Secret Service and Anglo-Soviet Relations in the 1970’s, Part I, in: The Historical Journal 3/1977, S. 673–706.
9.
Vgl. Bradley Smith, Sharing Secrets With Stalin, Lawrence 1996.
10.
Vgl. Richard Popplewell, The KGB and the Control of the Soviet Bloc: The Case of East Germany, in: Alexander (Anm. 3), S. 254–284.
11.
Vgl. Christopher Andrew/Wassily Mitrochin, Schwarzbuch des KGB, Bd. 1, Berlin 1999, S. 346–380, S. 441f.
12.
Vgl. Tytus Jaskulowski, Przyjazn, ktorej nie bylo. Ministerstwo Bezpieczenstwa Panstwowego NRD wobec MSW 1974–1990, Warschau 2014.
13.
Vgl. Richelson/Ball (Anm. 4), S. 265–268.
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